Das erste Flugblatt: Was will der Sozialistische Bund?

Der Sozialistische Bund will all die Menschen zusammenfassen, die mit dem Sozialismus Ernst machen wollen.

Man hat euch gesagt, die sozialistische Gesellschaft könne erst in einem unbestimmten, fernliegenden Zeitpunkt an die Stelle der Ausbeutung, der Proletarisierung, des Kapitalismus treten. Man hat euch auf die Entwicklung verwiesen. Wir sagen: Der Sozialismus kommt gar nicht, wenn ihr ihn nicht schafft. Es leben welche unter euch, die sagen: Erst muß die Revolution kommen, dann kann der Sozialismus beginnen.

Aber wie? Von oben her eingeführt? Staatssozialismus? Wo sind die Organisationen, die Anfänge, die Keime zu sozialistischer Arbeit und gerechtem Austausch unter sozialistischen Arbeitsgemeinden ? Nirgends sind auch nur Spuren, auch nur Gedanken daran, auch nur Erwägungen der Notwendigkeit zu sehen.

Sollen wir in jenem Zeitpunkt auf die Advokaten, die Politikanten, die Vormünder des Volkes angewiesen sein ? Die Völker haben von jeher üble Erfahrungen mit ihnen gemacht. Wir sagen: Umgekehrt wird ein Schuh daraus! Wir warten nicht auf die Revolution, damit dann Sozialismus beginne, sondern wir fangen an, den Sozialismus zur Wirklichkeit zu machen, damit dadurch der große Umschwung komme!

Alle Organisationen, die sich das arbeitende Volk bisher geschaffen hat, sind Organisationen zum Kampf ums Leben innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft. Sie sind notwendig, damit die einzelnen Individuen und Branchen weiter existieren können und kleine Vorteile erringen; aber aus dem Kreis des Kapitalismus führen*sie nicht heraus; in den Sozialismus führen sie nicht hinein.

Der Marxismus, der eine so große und verhängnisvolle Rolle in der Arbeiterbewegung spielt, hat vorausgesagt: Die Proletarisierung wird immer mehr um sich greifen, die wirtschaftlichen Krisen werden immer stärker werden, der Konkurrenzkampf der Unternehmer wird immer strenger, die Zahl der Unternehmungen immer kleiner: Der Zusammenbruch des Kapitalismus müsse so kommen. Wie ist es in Wahrheit gekommen ? Wie kommt es immer mehr? Was tut der Staat? Er schleift dem Elend, wenn es gar zu groß wird, die Ecken ab; er sorgt durch Versicherungs-, Schutz- und Gewerbegesetze aller Art, daß der Kapitalismus nicht an seinen schlimmsten Konsequenzen zu Grunde gehe; daß es mit unserem System der Ungerechtigkeit und der sinnlosen Produktion und Verteilung der Güter weitergehen kann. Es geht weiter mit dem Kapitalismus, das ist der Erfolg dieser gesetzgeberischen Arbeit. Es geht weiter mit dem Kapitalismus – das ist der Erfolg auch der gesetzgeberischen Arbeit der Arbeiterklasse und ihrer Vertreter.

Was tun die Unternehmer?

Sie sorgen durch Truste, Syndikate, gegenseitige Versicherungen und Verträge aller Art dafür, daß die Prophezeiung der marxistischen Stubengelehrten zu Schanden wird; sie machen sich keine unnötige Konkurrenz, sie helfen einander, sie machen sich nicht durchweg einander tot, sie halten sich vielfach einander am Leben, und sie schränken die Krisen ein, wie sie die Produktion einschränken. Das alles vielfach auf Kosten der Arbeiter; ganz gewiß aber auf Kosten des Sozialismus. Es geht weiter mit dem Kapitalismus.

Was tun die Arbeiter in ihren wirtschaftlichen Organisationen und Kämpfen ? In ihren Gewerkschaften ? In ihren Gewerkschaften sind sie innerhalb des Kapitalismus organisiert; je nach den Branchen und Proletariergruppen, die der Kapitalismus braucht. Durch ihre Versicherungen und Kassen, durch die Verbesserung ihrer Verhältnisse, ihrer Lebenslage sorgt bald da, bald dort eine Branche, daß die schlimmsten Schrecken gemildert werden, daß es weitergeht – womit? Mit dem Kapitalismus!

Denn was die einzelnen in ihrer Rolle als Produzenten gewinnen, das verliert die Gesamtheit des Volkes, und vor allem des arbeitenden Volkes als Konsumenten. Wer zahlt alles, was der Unternehmer seinen Arbeitern zahlt? Der, der die Waren braucht: der Arbeiter als Konsument.

Das alles ist nötig, solange wir im Kapitalismus tief drinnen sind. Aber es führt uns nicht heraus; es hält uns nur immer fester und fester darin. Was führt uns zum Sozialismus?

Der Generalstreik!

Aber ein Generalstreik ganz anderer Art, als er gewöhnlich im Mund der Agitatoren und im Herzen der schnell hingerissenen Masse wohnt – die abends Beifall klatscht und morgens wieder zur Fabrik trottet. Generalstreik, der gewöhnlich gepredigt wird, heißt: Mit verschränkten Armen abwarten, wer stärker ist und es länger aushaken kann: die Arbeiter oder die Kapitalisten.

Wir aber sagen offen: Mehr und mehr kommt es durch die Organisationen der Unternehmer dahin, daß die Kapitalisten es aushalten können, die Arbeiter aber nicht. In den kleinen Streiks geht es so, in den großen geht es erst recht so, und im passiven Generalstreik würde es nicht anders gehen. Überlege sich’s jeder, mit offenen Augen! Es tut weh, die Augen weit aufzumachen und die Wahrheit zu sehen, wenn man sich an die Dämmerung und die schlechte Beleuchtung gewöhnt hat – aber es tut verdammt not!

Wir künden euch, ihr Arbeiter, den aktiven Generalstreik! Nicht von der Aktion ist hier die Rede, die wohl viele als notwendige Konsequenz des Generalstreiks gleich hinter oder neben ihm sehen. Wir fangen nicht mit dem Ende an, sondern mit dem Anfang. Es ist ja noch gar nichts für den Sozialismus geschehen, es ist noch gar nicht das geringste von ihm getan worden: wofür wollt ihr denn kämpfen und euch umbringen lassen ? Für die Herrschaft irgendwelcher Führer, die dann wohl wissen werden, was sie wollen ? was sie tun ? wie sie eure Arbeit und die Verteilung der Güter, die ihr braucht, anordnen ? Wäre es nicht besser, das alles wüßtet und tätet ihr selber? Die Aktion der arbeitenden Menschen heißt Arbeit! Im aktiven Generalstreik sind die Arbeiter so weit, daß sie die Kapitalisten aushungern, weil sie nicht mehr für den Kapitalisten arbeiten, sondern für die eigenen Bedürfnisse.

Ihr Kapitalisten, ihr habt Geld? ihr habt Papiere? ihr habt Maschinen, die leer stehen? Eßt sie auf, tauscht sie untereinander, verkauft sie euch gegenseitig -macht was ihr wollt! Oder – arbeitet! Arbeitet wie wir. Denn Arbeit könnt ihr von uns nicht mehr bekommen. Die brauchen wir für uns selbst. Wir haben sie nicht mehr im Rahmen eurer unsinnigen Wirtschaft, wir verwenden sie für die Organisationen und Gemeinden des Sozialismus.

So wird es einmal heißen. Dies und nichts anderes kann der Anfang des Sozialismus sein. “ O weh! das ist ein weiter Weg. Jetzt sollen wir erst anfangen ? Und wir dachten, wir seien schon nahe am Ziel!“ Wie könnt ihr nahe am Ziel sein, da ihr noch keinen einzigen Schritt getan habt?

Begebt euch nur auf den Weg: Und gleich seht ihr das Ziel leibhaft vor euch. Der allererste Schritt ist: Daß ihr die Wahrheit hört. Sie schmeckt bitter, wie manche Wurzel, aber wenn sie wächst, wird sie süße Früchte tragen. Dies ist unser erstes Wort an euch, aber ihr sollt mehr hören. Ganz genau soll euch gesagt werden, wie man aus dem Kapitalismus austritt, wie man ihm den Dienst verweigert, wie man den Sozialismus beginnt, wie man ihn fortführt, bis der Kapitalismus – aus innerer Einsicht oder aber aus äußerer Notwendigkeit – zur Kapitulation gezwungen ist.