Das dritte Flugblatt: Die Siedlung

Wir wollen Siedlungen gründen; wir wollen, daß die Arbeiter Landarbeit, auf dem Feld und in den Gärten, und Industriearbeit, in Werkstätten und Fabriken, vereinigen; wir wollen recht viele, nach Möglichkeit alle unsere Bedürfnisse selbst herstellen.

Man fragt, wo wir den Boden hernehmen ? Ja freilich, das muß man fragen, denn der Boden ist den Massen der arbeitenden Menschen genommen worden, und die Proletarier in den furchtbaren Massenanhäufungen der Großstädte und Industriestädte meinen, das müsse so sein und sei immer so gewesen.

Es ist aber nicht immer so gewesen und darf nicht so bleiben.

Es ist noch gar nicht so lange her, daß man die arbeitenden Menschen, daß man Männer, Frauen und Kinder mit Gewalt und List vom Lande vertrieben hat. Zweierlei Interessen, zweierlei Gewalthabern wurde damit gedient: Die Landjunker hatten Landhunger, und die Industrieherren und Schlotbarone hatten Menschenhunger. Auf dem Lande waren zu viel Menschen, die kleine Stücke Boden zu eigen oder zu Gemeindebesitz hatten, und in den Städten waren zu wenig Menschen, die in den Fabriken fronten.

In den revolutionären Bewegungen, die am Ende des achtzehnten Jahrhunderts von Frankreich her begannen, wurde der ländlichen Leibeigenschaft ein Ende gemacht. Aber die Herren und die Art des Frondienstes haben nur gewechselt; noch immer ist es der Großgrundbesitz, ist es der Bodenraub, der die Ungerechtigkeit und das Elend zuwegebringt. Der Boden ist ganz etwas anderes, als was man Kapital nennt.

Kapital ist zweierlei: erstens Arbeitsprodukte in Form von Wohnungen, Fabriken, Werkzeugen, Maschinen, die man zu weiterer Arbeit braucht; zweitens Kredit, gegenseitiges Vertrauen, das die Produktion und den Austausch der Güter ermöglicht. Kapital also ist Kundschaft, ist vereinigter Konsum und sind Arbeitsprodukte, die, immer wieder erneuert, von Arbeitern hergestellt werden. Heute freilich ist das Kapital Zins und Wuchergeld, weil das Zeichen des erwarteten Produkts, das Mittel des Tausches zum König und Erpresser gemacht worden ist; aber das Volk könnte dem Unwesen durch die Vereinigung seines Konsums, durch die Organisation seines gegenseitigeit, unentgeltlichen Kredits sofort ein Ende machen, für seinen eigenen Bedarf arbeiten und aus dem „Kapitalismus“ austreten, wenn es den Boden hätte! Die Gesellschaft kann nur kapitalistisch sein, weil die Massen ohne Boden sind.

Der Boden nämlich ist kein Kapital, ist ganz etwas anderes als Kapital. Der Boden, aus dem alles kommt, was die Industrie dann weiter verarbeitet, und aus dem all unsere Lebensmittel kommen, ist ein Stück Natur, wie die Luft, die wir atmen, wie das Licht und die Wärme, ohne die kein Leben ist.

Wie die Luft und das Licht müssen die Erde und das Wasser frei sein. Das wissen alle Menschen von jeher und werden es in alle Zeiten hinein wissen. Niemals wird es in den Kopf eines Menschen wirklich hineingehen, daß der Boden etwas sei, das einzelnen Menschen gehören und Massen nicht gehören kann. Er gehört allen – er gehört keinem.

Diese Herrenlosigkeit des Bodens, die von Natur aus ist, braucht durchaus nicht die Form des Gemeineigentums anzunehmen, man darf sich das beileibe nicht so vorstellen, als ob nun jeder Besitzer von seinem Erbe vertrieben werden solle, oder als wenn gar niemand mehr ein Hemd am Leibe oder Stiefel an den Füßen haben dürfe, weil das ja auch Bodenprodukte seien!

Die den Sozialismus verwirklichen wollen, dürfen keine Kinder und schwärmerischen Pfuscher sein. Alle Kultur beruht von jeher auf dem Besitz, und gegen den Besitz, sei es nun Gemeindebesitz oder Privatbesitz, ist nichts einzuwenden, sondern gegen die Besitzlosigkeit!

Die Herstellung der Herrenlosigkeit des Bodens oder des allgemeinen Besitzes an Boden und Bodenprodukten kann nur in der Form vor sich gehen, daß in allen Landstrichen von Zeit zu Zeit eine Neuaufteilung des Bodens erfolgt. Das wird die Aufgabe der Gemeinden, der Kreise, der Provinzen sein, und vielfach wird an altes Recht angeschlossen werden und verjährtes Unrecht wieder gut gemacht werden. Das Stück Natur, das allen gehört, den Boden, können wir nur wiedererlangen, wenn das Stück Natur, das wir selber sind, ein anderes wird; wenn ein neuer Geist des Ausgleichs, der Erneuerung aller Lebensbedingungen, über uns kommt.

Dann kommt wieder wirkliche Kultur, und sie wird nicht aussehen wie das Hirngespinst und das Wortgemälde derer, die ins Allgemeine und Nebelhafte drauflos und drumherum schreiben, sondern sie wird eben eine Wirklichkeit, das heißt Vorläufiges, Veränderliches und Bewegliches sein.

Heute machen sich die Menschen, die Freunde ganz ebenso wie die Feinde des Sozialismus, die fabelhaftesten Vorstellungen von dem Aufhören des Privateigentums an Grund und Boden. Das kommt daher, daß sie als Ungläubige und Tatlose immer nur ans Vollendete, ans sogenannte Ganze, ans letzte Ende denken, statt an den allerersten Anfang, das Handanlegen und Durchsetzen. Unter uns Menschen und in der Natur überhaupt gibt es keine fertigen Gebilde, nichts Rundes und Abgeschlossenes. Rund und geschlossen sind nur Wörter, Bilder, Zeichen und Phantasien. Die Wirklichkeit ist in der Bewegung, und der wirkliche Sozialismus ist immer nur beginnender, ist immer nur ein solcher, der unterwegs ist. Die Gemeinden werden sich in ihrer Gemarkung umsehen, und die Ältesten werden begehrlich und mahnend von alten Zeiten erzählen; die Stadtproletarier werden ihr Blut wieder in sich rauschen fühlen und werden spüren, daß es Bauernblut ist, und viele, viele werden wieder mit Sack und Pack in die Dörfer und kleinen Städte ziehen und dort in den Dorffabriken, den Werkstätten und zugleich in den Feldern und den Gärten arbeiten. Die Bauern brauchen Menschen, Geist, Bildung, Regsamkeit, Freiheit; und die heute entwurzelten und haltlosen Proletarier brauchen Land, Charakter, Verantwortlichkeit, Natur und Liebe zur Arbeit und Freiheit. Und auch die Menschen der geistigen Arbeit werden kommen, die Künstler, die Gelehrten, die Stubenhocker, die Tagelöhner und Prostituierten des Geistes. Sie werden wieder solche werden, die ihre Feierstunden und ihren Aufschwung und ihre Einsamkeit für sich haben, die aber in den vielen langen Stunden des Alltags ihr Wissen, ihre Technik, ihre Arbeit mit ihren Menschenbrüdern in der Gemeinde vereinigen werden.

Wir sind längst imstande, in allen Kulturländern von unten auf die Verteilung des Landes und seiner Produkte in Einklang zu bringen mit der Bevölkerungszahl; und dieser große Ausgleich ist die Aufgabe, die vor uns steht. Womit aber beginnen wir? Wie führen wir das durch? Sagen, predigen, anfeuern, fordern, schreien ?

Dagegen soll gar nichts gesagt werden; es wird gut und nötig sein; denn lange genug ist die einfache Wahrheit mit allerlei politischem und angeblich wissenschaftlichem Kram verschleiert worden. Und flüstern und denken und in Gedanken und Erfahrungen und Kenntnissen weiterspinnen wollen wir das alles auch. Aber das ist nicht genug; das ist für die Pioniere, für alle, die mit Herz und Seele am Sozialismus hängen, nicht das einzige, nicht das wichtigste. Was wir Sozialismus nennen, ist freudiges Leben in gerechter Wirtschaft. Die Menschen wissen heute nicht, erleben es nicht mit dem wahrhaften Wissen des Dabeiseins und Erfassens, mit dem Wissen, das Neid und Lust und Nachahmung mit sich führt, was das ist, freudiges, schönes Leben. Wir müssen es ihnen zeigen.

Wir wollen nach Möglichkeit aus dem Kapitalismus austreten; wir wollen sozialistische Gehöfte, sozialistische Dörfer gründen; wir wollen Land- und Industriearbeit vereinigen; wir wollen, soweit es geht, und es wird immer besser gehen, wenn wir nur erst beginnen, alle unsere Bedürfnisse selbst herstellen und bald auf unserem neuen, dem sozialen Markt tauschen und den kapitalistischen vermeiden.

Wir wollen Vorausgehende sein, wir wollen uns in Bewegung setzen, und durch unsere Bewegung wollen wir die Massen bewegen. Da war einmal ein weites, flaches, weißes, leichenhaftes, unbewegliches Schneefeld. In der weiten Fläche standen da und dort Schneemänner, die hielten Reden an das Schneefeld und erschütterten die Luft und hielten auch Reden an die Felsblöcke, die wie kahle Egoisten einsam und unzugänglich sich erhoben. Und es veränderte sich nichts. Da aber fingen ganz hinten ein paar Schneeflöckchen an, sich zu vereinigen und sich zu bewegen. Das breite Feld rührte sich nicht, aber es murrte: „Egoisten, die für sich wirtschaften wollen! Lösen sich von der großen Masse los! Was wollen die paar verlorenen Flocken!“ Aber die Bewegung der wenigen, die wirkliche Bewegung hatte etwas geschaffen, was vorher nur dem Namen nach da war: Bewegung; denn freilich, ihr totes Ruhen und die Reden ihrer Schneemänner hatten sie schon ihre Bewegung genannt. Nun aber war wirkliche Bewegung durch diese Absonderung, dieses Losgehen der wenigen, gekommen, und es wurden mehr und mehr, und bald war wie mit einem Mal das ganze ungeheure Schneefeld in unaufhaltsame Bewegung gebracht und brauste wie ein ungeheurer Strom talabwärts.

Arbeitende Menschen, die ihr in Berufsverbänden, in Gewerkschaften, die ihr vor allem in euren Konsumgenossenschaften vereinigt seid; ihr seid bisher viel zu zaghafte Sozialisten gewesen, und eure revolutionäre Gesinnung, die ganz aufs Wort und auf die Hoffnung gestellt ist, war vielleicht das Zaghafteste an euch. Sozialismus ist neue Wirtschaft; und neue Wirtschaft muß begonnen werden. Vereinigt euren Konsum, damit ihr euch aus Überschüssen und aus Kredit – organisierte Kundschaft schafft Kredit – die Eigenproduktion für eure Bedürfnisse schafft. Vereinigt euren Konsum, damit euch eure Produktion nicht nur Weiterverarbeiten und Formveränderung sei, sondern das Gewinnen der Naturstoffe aus dem Boden selbst. Schafft euch Land an! Besiedelt das Land! Geht zu den Bauern und erweckt sie aus ihrem Schlafe. Sie sind in Zeiten, die noch nicht lange vergangen sind, die noch in unsern sind, ihres besten Blutes, ihrer besten Köpfe beraubt worden. Schaff dir wieder das Wissen, du deutsches Volk, daß ihr zusammengehört: Bauern, arbeitsame Bürger, Stadtproletarier und geistige Arbeiter! Sind solche Siedlungen erst aus der gewaltigen Macht vereinigter Bedürfnisse geschaffen worden, ist das Freudenleben des Wirtschaftens in neu vom Geiste belebten Gemeinden erst da, dann wird es nicht mehr die Hoffnung in die Ferne sein, was die Massen erfüllt, sondern der Neid auf das, was sie greifbar um sich sehen: An allen Enden, in allen Gegenden sozialistische Anfänge, Vorbilder der Kultur. Dann wird die Frage wie eine Brandung emporschwellen: Wo nehmen wir den Boden her? Und dann wird im ganzen Volke durch Beschlüsse der kleinen und großen Gemeinschaften die Neuaufteilung des Bodens, die Zerschlagung des Großgrundbesitzes, die soziale Regulierung, wie sie von Zeit zu Zeit immer vorgenommen werden muß, beginnen. Darum ist unsre Zeit so träge, so unersprießlich, so zerrissen und unglücklich, weil wir zu lange schon in Passivität verharren, weil wir unsre große Aufgabe: den Besitz der Bevölkerungszahl anzupassen, zu lange schon aufgeschoben haben. Der Boden ist Natur und keines Menschen Eigentum; verjährtes Unrecht muß von Zeit zu Zeit immer wieder ins Gleiche gebracht werden. Raffen wir uns zur Aktivität auf; treten wir durch Vereinigung unseres Konsums aus dem Kapitalismus aus; schaffen wir das Volk, das heute nicht da ist; bilden wir die ersten Anfänge der neuen Gemeinden, der neuen Gesellschaft, der neuen Arbeit, des neuen Marktes. Das Stück Natur, das allen gehört, den Boden, können wir nur wiedererlangen, wenn unsere eigene Menschennatur sich gewandelt hat: wenn der Geist der Verwirklichung und des Ausgleichs, der Erneuerung aller Lebensbedingungen über uns kommt und wir endlich wieder wissen: Nur die Gegenwart ist wirklich, und was die Menschen nicht jetzt tun, nicht sofort zu tun beginnen, das tun sie in alle Ewigkeit nicht.

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