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Christian Riechers – Rezension: »Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft« von Tim Mason (1976)

Timothy W. Mason, Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft, Dokumente und Materialien zur deutschen Arbeiterpolitik 1936-1939, Westdeutscher Verlag, Opladen 1975, 1363 Seiten, DM 148,-
Gut Ding will Weile haben – das gilt für die Schwierigkeiten, die die Fertigstellung dieses Buches immer wieder verzögerten, das wird auch für den Prozeß der eingehenden Rezeption dessen gelten, was an vielfältigen Informationen und Fragestellungen in diesem Buche enthalten ist.
Damit das Buch in die Hände vieler gelange, eingehend gelesen, gründlich diskutiert werde, sei zuvor auf den Schrecken des Unmittelbaren verwiesen, der vom Buch, seiner »Rarität«, seinen »nächsten« Benutzern und der von ihnen veranstalteten Benutzung ausgehen könnte. Mit 1300 + LXIII = 1363 Seiten mag das Buch die gewohnheitsmäßigen Leser kleinerer Einheiten bedruckten Papiers eher von der Lektüre abhalten als sie dazu animieren. Der Preis von DM 148,- mag angesichts des Volumens und der typographischen Ausfertigung sehr wohl die untere Grenze des kalkulatorisch von professionellen Büchermachern gerade noch Vertretbaren ausmachen, er überschreitet aber mit Sicherheit die »Toleranzgrenze« vieler kleinerer Bibliotheken (an Hoch-, Fach-, Sekun¬darschulen, gewerkschaftlichen Bildungseinrichtungen, kommunale Büchereien etc.), wo der Anschaffung mit einem »gehört nicht unmittelbar zu unserem Fachgebiet« abgewinkt werden könnte. Seltener noch wird das Buch in privaten Buchsammlungen von Leuten auftauchen, die den Marx/Engels, als Beispiel, sich in allgemein politischer und nicht notwendig spezifisch akademisch staatsableiterischer Absicht zugelegt haben. Träfen die beiden zuvor geäußerten Befürchtungen zu, dann wäre durchaus auch eine dritte nicht ausgeschlossen: als Rarität der Verbreitung wie der Möglichkeit unmittelbarer Zurkenntnisnahme nach, könnte Masons »Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft« auf lange Zeit hinaus im »»Diskussionszusammenhang« der Faschismustheoretiker und Faschismusforscher vom Dienst verbleiben und es könnte durchaus sein, daß Masons Arbeit besten- bzw. schlimmstenfalls in den zahlreichen noch zu erwartenden Publikationen dieser Zunft als weiteres Element unter anderen zur Konstruktion einer umfassenden »Faschismustheorie« erwähnt würde.
Vor dieser vielleicht zu Unrecht befürchteten Vereinnahmung und Zurechtstutzung durch eine Spezialdisziplin, deren makabrer und im Ansatz politisch resignativer Charakter ihren Vertretern wohl nur selten klar wird, sollte von vornherein gewarnt werden. »Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft« hat nichts, aber auch gar nichts zu tun mit einer »Faschismustheorie«. Masons Arbeit, die er als »politische Sozialgeschichte« begreift, reaktiviert einen historischen Materialismus »alten Stils«, der sich methodisch durchaus auf der Höhe der Zeit erweist, der das Diktum von der Geschichte als Geschichte von Klassenkämpfen nicht nur behauptet, sondern auch nachzuweisen imstande ist, »denn es liegt auf der Hand, daß hier mit der bloßen Phrase nichts zu machen ist, daß nur massenhaftes, kritisch gesichtetes, vollständig bewältigtes Material zur Lösung einer solchen Aufgabe befähigen kann« (Engels, MEW 13, 471).
Aus Masons Forschungen, für die Engels’ Forderungen zugleich als erfüllt gelten können, geht hervor, daß selbst in den Zeiten der totalen Entmachtung des Proletariats unter dem Nazismus, die »Arbeiterklasse, . . . definiert durch die verschärfte Ausbeutung und Repression, … in gewissem Sinne bestimmt durch das, was ihr geschah (. . .) als Objekt gleichermaßen der Unterdrückung und der Angst seitens der Machthaber . . . eine entscheidende Rolle in der Geschichte des Dritten Reiches« spielte (Mason, S. XX). Die Beweise dafür liefern die Nazis selbst in den Schriftstücken, die Mason auf den mehr als 1000 Seiten des Quellenteils seines Werks vorführt. Hier enthüllt sich im wahrsten Sinne des Wortes die »Geheim«-Geschichte des Nationalsozialismus, denn die Mehrzahl der Aktenstücke, deren Inhalt einem in demokratischer Öffentlichkeit aufgewachsenen Leser so selbstverständlich und bürokratischbanal dünkt, tragen den Vermerk »Geheim«. Es handelt sich bei diesen Quellen um Verordnungen, die nie in einem Gesetzblatt standen, um Eingaben, Berichte etc., die mit der Nazi-Sozialpolitik im umfassenden und der Verwaltung des Arbeitsmarkts im engeren Sinne zu tun haben. Darunter sind die Monatsberichte der »Reichstreuhänder der Arbeit« von großem Informationswert. Mason zieht auch eine Reihe von Gestapo-Berichten über politische Widerstandsgruppen heran, um die »sachlich-neutralen« Berichte der staatlichen Sozialbürokratien in die richtige Relation zur politischen Realität zu setzen, denn »erst aus den Akten der Gestapo wird klar, wie stark die Aufrechterhaltung der Herrschaft von Bürokratie und Unternehmern vom Terror abhing, denn es gehörte offenbar bei den Beamten der Reichsregierung und den Funktionären der DAF nicht zum guten Ton, allzuoft die Tätigkeit der Gestapo zu erwähnen« (Mason, S. 293). Aus den vorgenannten sozialbürokratischen »Geheim«-Berichten geht eindeutig hervor, daß mit dem Manifestwerden der Arbeitskräfteverknappung und Erreichen der Vollbeschäftigung ab 1936 die Arbeiter nahezu überall einen erbitterten und sehr listigen Kleinkrieg um die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen führen, der oft genug in kleinen Streikaktionen sich niederschlägt. »Hier, in diesem einseitigen und doch so erbitterten Konflikt ist die Arbeiterklasse der dreißiger Jahre zu suchen und nicht in abstrakten Definitionen und theoretischen Labyrinthen« (Mason, S. XX).
Darüber ist nun in der Literatur über Arbeiterbewegung und Widerstand schon des öfteren berichtet worden, wiewohl sich bei der Lektüre solcher Berichte dem für den antifaschistischen Widerstand Partei nehmenden Leser oft der Wunsch einstellte, das Berichtete möge »quellenmäßig« abgesichert und der Interpretationsrahmen im allgemeinen realitätszugewandter sein. Aus dem von Mason zutagegeförderten Quellenmaterial geht nun wissenschaftlich hieb- und stichfest abgesichert hervor, wie breit und tiefgehend neben dem politischen Widerstand diese »spontan« sich herausbildende »ökonomische« Widerstandsfront war, welche Gefahr sie für das Naziregime immer darstellte, jedoch infolge der permanenten Repression des Nazi-Staatsapparats nie den Punkt erreichen konnte, wo die jeweilige oft nur betriebliche Isoliertheit der Aktionen der Arbeiter überwunden und öffentlich bekannt werden konnte. Mit den Worten der »Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation« gesagt, besitzt das deutsche Proletariat unter dem Nazismus durchaus »ein Element des Erfolges« – abstrakt gesehen – nämlich – »die Zahl«. Aber den Proletariern in Deutschland ist allein schon die Möglichkeit genommen, sich überhaupt zu zählen, obwohl sie auf die Aktionen ihrer Klassenbrüder im Ausland zählen und auch mit ihnen rechnen. Im März 1937 berichtet z. B. ein »Reichstreuhänder der Arbeit« in seinem Monatsbericht aus Niedersachsen: »Es erscheint nicht zweckmäßig, daß in den Tageszeitungen laufend und in breiter Ausführlichkeit Berichte über die im Ausland stattfindenden Arbeitskämpfe und die dabei angewandten Kampfmethoden enthalten sind. Diese Berichte finden in der Arbeiterschaft eine unerwünscht starke Beachtung« (Mason, Dok. 30, S. 310). Wenn es in der »Inauguraladresse« weiter heißt: »Aber Zahlen fallen nur in die Waagschale, wenn Kombination sie vereint und Kenntnis sie leitet«, so gilt: die »Kombination« wird nicht von den sozialdemokratischen und stalinistischen Parteileitungen im Exil herbeigeführt, und von »Kenntnis« der Kampfbedingungen ihrerseits ist wohl besser nicht groß reden. Folgen wir Mason in seiner »Einleitung«, so wird von den verschiedensten Instanzen des Naziblocks heftig dagegen gekämpft, daß die »Deutsche Arbeitsfront« das Element »Kombination« mit ersatzgewerkschaftlichen Funktionen bilden könnte.
Das Element »Kenntnis« bleibt ganz auf der Seite des Nazi-Staatsapparats – im Sinne der »erkenntnisdienstlichen Behandlung« einer ganzen Klasse. Für die Nazis ergibt sich aus diesen sehr realistisch aufgenommenen Erkenntnissen, daß den deutschen Proletariern nicht das Maß an Ausbeutung und sklavenhaften Arbeits- und Lebensbedingungen zuzumuten ist, in das sie im Kriege die ausländischen Zwangsarbeiter stießen, da dies eine Wiederholung des Jahres 1918 provozieren könne. Daß diese Befürchtungen unter den Nazis weit verbreitet sind, obwohl sie sie in der Mehrzahl der Fälle nur im privatesten Kreise äußern, ist keine spitzfindige Deduk¬tion Masons. Es lohnt dergleichen m den Quellen nachzulesen (z. B. die dazu ausführlichsten Äußerungen von Robert Lev, vgl. Dok. I / S. 188 f.).
Mason hält es für »wünschenswert, den Nutzwert und die Zugänglichkeit der Materialien für den Leser zu maximieren« (S. XXVII), hat auch aus diesem Grunde »alle Einzelfragen der Editionstechnik als Ermessensfragen behandelt« und dergestalt alle Voraussetzungen geschaffen, daß diese mit informierenden Zwischentexten vor den einzelnen Dokumententeilen versehenen Quellen frei sind von allem abschreckenden fachwissenschaftlichem Gerank und damit auch frei sind und rasch sich dem erschließen, der sie mit wachem historischem Interesse selbst lesen möchte. Die »Einleitung« zu dem Dokumententeil ist eine präzise Darstellung der politischen Sozialgeschichte der deutschen Arbeiterklasse unter dem Nazismus, die erstaunliche Einsichten in die Brüchigkeit des NS-Systems vermittelt.
Der Anblick des bloßen Volumens von »Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft« allem sollte nach diesen Ermunterungen nun niemanden mehr vom Lesen abschrecken. Da der hohe Preis des Buches sich in absehbarer Zeit kaum verringern wird, sollten sich die zum Lesen dieses Buches animierten Leser, die es in absehbarer Zeit nicht selbst erwerben können, ihre Anschaffungswünsche in den von ihnen frequentierten Bibliotheken mit Nachdruck Vorbringen, damit es unter viele Leute komme.
Die politische Nützlichkeit und Wichtigkeit dieser Arbeit Masons liegt darin, durch die Aufdeckung der »Geheim«-Geschichte des Nazismus das Obsoletwerden von Faschismustheorien einsichtig zu machen, denn »alle Mysterien, weiche die Theorie zum Mystizismus veranlassen, finden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und in dem Begreifen dieser Praxis« (8. These über Feu¬erbach). Wenn nämlich Theorien entstehen, die in der Mehrzahl der Fälle besser mit dem Terminus Ideologem zu bezeichnen wären, wie z. B. die Verelendungstheorie, die Zusammenbruchstheorie, die Imperialismustheorie und auch die Faschismustheorie, dann rühren sie nach den klugen Worten eines Zeitgenossen von praktischen Verlegenheiten her, die innerhalb der Klassenkampfbewegung des Proletariats aufgetreten sind, die aber in der Regel nicht mit den in diesem Zusammenhang entstandenen Theorieelementen zureichend benannt werden können. Es findet eine Verschiebung statt. Wenn die Faschismustheorie (recte: das Ensemble disparatester, vom akademischen Fachverstand zusammengefügter Faschismustheorien) so lange eine Verlegenheitslösung hat darstellen können, so nicht zuletzt deswegen, weil die Grundpositionen des historischen Materialismus im »Unterwegs« durch die konterrevolutionärsten Zeiten abhanden kommen konnten. Dies betrifft sowohl die subjektive Seite des kollektiven Memorierens dieser Begriffe wie die »objektive« Seite, wo im Verlauf der Weltwirtschaftskrise im entwickelten Westen durch die tiefgehenden Störungen des Akkumulationsprozesses des Kapitals wie durch den »untypischen« Prozeß der »ursprünglichen sozialistischen Akkumulation« in der SU (massivster Einsatz »außerökonomischer Gewalt«) eine historische Großwetterlage entstand, in der diese Begriffe nicht mehr griffen oder nicht mehr zu greifen schienen.
Dies ist nur einer und wohl keineswegs der letzte Grund, der die nazistische Behauptung, es sei ihnen gelungen, den Klassenkampf abzuschaffen, auch ihren erklärten Gegnern so plausibel erscheinen ließ, daß sie unversehens in ihren Totalitarismus- bzw. Faschismustheorien sich festsetzte. Die »unhaltbare Überschätzung der tatsächlichen Macht der politischen Führung, eine Wirklichkeitsfremde Übertreibung ihrer Fähigkeit, das gesellschaftliche und wirtschaftliche System zu kontrollieren«, wovon Mason bezogen auf die bisherige wissenschaftliche Behandlung eines besonderen Problems der Aufrüstungsgeschichte Deutschlands vor 1939 spricht (S. 158), gilt wohl auch allgemein für die Mehrzahl der über das Nazisystem abgegebenen Urteile. Doch treten derartige «Überschätzungen« nicht auch bezogen auf die »Herrschenden« und ihre Fähigkeiten unter den heute obwaltenden demokratischen Verhältnissen auf? Und profitieren diese »Herrschenden«, deren demokratische Gesinnung nicht so vorschnell als faschistisch oder faschistoid denunziert werden sollte, nicht noch vom realen Terror der Nazis, dessen Nachwirkungen so lange ungebrochen bleiben, als auf theoretischem Gebiet nicht die Lähmungen bedacht werden, die er in die bloße Bewegung der Gedanken brachte? »Mit der Einsicht in den Zusammenhang stürzt, vor dem praktischen Zusammensturz, aller theoretische Glauben in die permanente Notwendigkeit der bestehenden Zustände«, schrieb einst, mit Prinzip Hoffnung im Herzen, Marx an Kugelmann. Masons Buch, eingehend gelesen, diskutiert und auf unsere jetzige politische Situation bezogen, könnte die Freunde übersichtlich zu ordnender gesellschaftlicher Verhältnisse auf den Gedanken bringen, daß der Gegner keineswegs alle entscheidenden Positionen auf dem Kampffeld gesellschaftlicher Auseinandersetzungen besetzt hält.

Christian Riechers

(Kritische Justiz, 1/1976, S. 220-223. Wiederabgedr. in: Ch. Riechers, Die Niederlage in der Niederlage. Texte zur Arbeiterbewegung, Klassenkampf, Faschismus, hrsg. von F. Klopotek, Münster, Unrast, 2009. )

Tim Mason – Nazism, Fascism and the Working Class (1995)

Tim Mason – Der Primat der Politik. Politik und Wirtschaft im Nationalsozialismus (1966)

Tim Mason : „Der primat der Politik“, Das Argument n°41 (1966).
„Der antifaschistische Widerstand der Arbeiterbewegung im Spiegel der SED-Historiographie“ (43/1967)
„Primat der Industrie? – Eine Erwiderung“ (47/1968)

„Die Kontrolle der Arbeit“ (Franz Neumann, Behemoth, 1942)

Der Nationalsozialismus unterscheidet sich am schärfsten durch die Kontrolle des Arbeitsmarktes von einer demokratischen Gesellschaft. Der Arbeiter besitzt keine Rechte. Die potentielle und aktuelle Macht des Staates über den Arbeitsmarkt ist so umfassend, wie sie nur sein kann. Der Staat ist in der Arbeitsmarktkontrolle schon bis zum äußersten gegangen.
Deshalb könnte gesagt werden, dass es in Deutschland keinen Kapitalismus mehr gibt. Denn der Kapitalismus, so kann man sagen, beruht auf freier Arbeit; die freie Arbeit unterscheidet den Kapitalismus von allen vorangegangenen ökonomischen Systemen. Das ist der Auffassung aller Ökonomen, von Karl Marx bis Max Weber. Diese Auffassung ist gewiss richtig. Wir müssen jedoch definieren, was wir unter freier Arbeit und freiem Arbeitsvertrag verstehen. Es gibt drei unterschiedliche Begriffe freier Arbeit, die verschiedene Entwicklungsphasen des Kapitalismus ausdrücken.
Freiheit kann das individuelle Recht des Arbeiters bedeuten, mit seinem „Arbeitsgeber“ auf der Basis gesetzlicher Gleichheit zu verhandeln. Diese Freiheit war für den liberalen Kapitalismus charakteristisch; ihren besten Ausdruck fand sie in der Lex Le Chapelier der Französischen Revolution. Es gibt, sagte Le Chapelier am 14. Juni 1791, nur das Interesse des Individuums und das Interesse der Gesamtheit. Niemand sei deshalb berechtigt, die Bürger zu Verfolgung irgend eines Interesses zu organisieren, welches dazu im Widerspruch steht und die Bürger somit durch das Mittel der Interessenvereinigung vom Dienst am Staat entfremde. Diese Gewerkschaften und Kollektivenverträgen feindlich gegenüberstehende Freiheit war für die europäische Politik in der „Arbeiterfrage“ über Jahrzehnte hinweg kennzeichnen – in Frankreich bis 1864, in Deutschland bis 1869 und in England bis 1871. Sie bedeutete entweder das völlige Verbot von Gewerkschaften oder ihre bloße Tolerierung. Ein solches Recht verleiht dem Arbeiter das Vermögen, formal über den Preis seiner Arbeitskraft zu verfügen, doch stellt nicht in Rechnung, dass der Arbeitgeber im Verhältnis zu ihm stets ein Monopolist ist und folglich die Freiheit zugleich die Ausbeutung verhüllt.
Freiheit des Arbeitsvertrags kann auch das materiale Recht des Arbeiters bedeuten, den Preis seiner Arbeitskraft zu bestimmen – durch das Mittel kollektiver Organisation und Vertragsschließung. Diese materiale Freiheit negiert die formale Freiheit nicht, sondern erfüllt sie nur; formale und materiale Freiheit widersprechen sich nicht, sondern ergänzen sich gegenzeitig. Die materiale Freiheit der Arbeit, mit dem Arbeitgeber auf der Basis faktischer Gleichheit zu verhandeln, wurde durch den Triumph der Gewerkschaften nach dem Ersten Weltkrieg erlangt. Unter dem Nationalsozialismus besteht weder die eine noch die andere dieser beiden Arten von Freiheit weiter.
Doch es gibt noch eine dritte Art der Freiheit, auf der die beiden anderen Arten beruhen: die lediglich in der Abschaffung von Sklaverei und Leibeigenschaft bestehende Freiheit. Dieser Begriff freier Arbeit ist polemisch gegen jede Art von persönlicher Knechtschaft gerichtet. Der Feudalvertrag war ein Vertrag von Treu und Glauben, der die ganze Person des Arbeiters, ohne Unterschied von Arbeit und Freizeit, einschloss. Ein solcher Vertrag lässt keine Berechenbarkeit und Vorhersehbarkeit zu; er beherrscht den Menschen in allen seinen Aspekten und verlangt seine vollständige Unterordnung. In einem solchen Vertrag verkauft der Arbeiter sich selbst nicht für einen bestimmten Dienst und eine bestimmte Zeit, sondern für jeden Dienst, der verlangt werden mag und für seine gesamte Zeit. In Preußen existierten Reste solcher feudalen Arbeitsverhältnisse bis Ende 1918. Die berühmten Gesindeordnungen für landwirtschaftliches und Hauspersonal verliehen der Polizei die Macht, die Arbeiter mit Gewalt zu ihren Arbeitgebern zurückzubringen, wenn sie ihren Dienst unter Bruch vertraglicher Verpflichtungen verlassen haben.
Freiheit des Arbeitsvertrags bedeutet so in erster Linie die klare Unterscheidung von Arbeit und Freizeit, die das Element von Berechenbarkeit und Vorhersehbarkeit in das Arbeitsverhältnis einführt. Sie bedeutet, dass der Arbeiter seine Arbeitskraft nur auf bestimmte Zeit verkauft, die entweder frei vereinbart oder durch gesetzliche Bestimmungen festgelegt wird. Sie bedeutet ebenso, wenn auch nicht in erster Linie, dass Arbeiter ihre Arbeitskraft nur für bestimmte Leistungen verkaufen, die durch Vereinbarung, Gesetz oder Gewohnheit definiert sind, und dass sie nicht verpflichtet sind, jede beliebige, vom Arbeitgeber willkürlich festgelegte Arbeit zu verrichten. Diese Art von Freiheit herrscht in der Periode ursprünglicher Akkumulation vor.
Solche Freiheit des Arbeitsvertrags gibt es auch in Deutschland noch. Der Arbeitsvertrag ist noch die die Arbeitsverhältnisse regelnde Form. Der Unterschied von Arbeit und Freizeit ist so scharf wie in jeder Demokratie, obwohl das Regime versucht, die Freizeit des Arbeiters zu kontrollieren. Im nächsten Kapital bietet sich uns die Gelegenheit, die Entwicklung des Arbeitsrechts zu behandeln und den Nachweis zu führen, dass alle Versuche der nationalsozialistischen Juristen, den Arbeitsvertrag durch ein anderes rechtliches Instrument zu verdrängen (wie das Gemeinschaftsverhältnis) gescheitert und alle Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer noch vertragliche sind.
Sicherlich sagt die Identität des Grundmusters noch nicht viel über das tatsächliche Funktionieren des Arbeitsmarkts aus; und hier liegt auch der größtmögliche Unterschied zwischen Demokratie und Totalitarismus.
Ein freier Arbeitsmarkt besteht natürlich dann nicht, wenn Gewerkschaften Kollektivverträge aushandeln. Der Preis der Arbeitskraft ist so nicht lediglich as Resultat von Angebot und Nachfrage, der von der industriellen Reservenarmee ausgehende Druck teilweise überwunden. Die Löhne werden auch durch die gesellschaftliche Macht der Gewerkschaften bestimmt. Die Arbeiterorganisationen versuchen, den nur rechtlichen Tatbestand der Vertragsfreiheit in wirklich materiale Freiheit zu verwandeln. Wir dürfen jedoch die Macht der Gewerkschaften nicht überschätzen. Wenn ihre ganze Tätigkeit nicht den Interessen kleiner aristokratischer Gruppen in der Arbeiterbewegung untergeordnet ist, und wenn sie wirklich die Löhne und Arbeitsbedingungen der gesamten Arbeiterklasse zu verbessern suchen, dann ist ihre Macht äußerst beschränkt. Ihre Macht besitzt unserer Meinung nach vor allem defensiven Charakter. Diese These kann hier nicht bewiesen werden; ich muss mich mit der bloßen Behauptung, wie ich sie für richtig halte, begnügen, die durch eine Untersuchung zu untermauern ist. Im Konjunkturaufschwung steigen die Löhne normaler Weise an. Doch dieser Anstieg ist im ganzen das natürliche Resultat verbesserter Wirtschaftsbedingungen. Die Macht der Gewerkschaften manifestiert sich, ihr Einfluss macht sich vielmehr in Abschwungsphasen geltend. Eine Stellung zu verteidigen, ist immer leichter als eine neue zu erobern. Die Politik der deutschen Gewerkschaften in der Depression von 1931-1932 belegt meine Behauptung. Obwohl sie Lohnabbau nicht verhindern konnten, verhinderten sie die vollständige Anpassung der Löhne an den Tiefpunk des Konjunkturzyklus sehr wohl; gerade ihre defensive Stärke machte sie Zur Zielscheibe der Industrie. Und diese Seite autonomer Kontrolle des Arbeitsmarkts hat der Nationalsozialismus zerstört. Doch ist das unter Vollbeschäftigungsbedingungen nicht länger nötig. Wenn die effektive Nachfrage nach Arbeit das Angebot übertrifft, sind keine Verteidigungsorganisationen zu Verhinderung von Lohnsenkungen mehr notwendig; notwendig sind vielmehr offensive, um die Anpassung des Lohniveaus an die volle Leistungsfähigkeit kämpfende Gewerkschaften. Die Funktion der nationalsozialistischen Politik besteht darin, eine solche Anpassung zu verhindern.

Franz Neumann, Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933-1944, F/M, Fischer, 1984, S. 395-397.

Tim Mason – Women in Germany, 1925-1940: Family, Welfare and Work (1976)

Timothy W. Mason, « Women in Nazi Germany, Part I », History Workshop 1 (1976), p. 74-113. Link

« Women in Germany, 1925-1940: Family, Welfare and Work. Conclusion », History Workshop 2 (1976), p. 5-32. Link