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Georges Navel – Erdarbeiter (1945)

Auf der Baustelle des Invalidenplatzes hoben die Erdarbeiter der Ausstellung von 1937 ein Grabennetz für Abflussrohre aus, die an die städtische Kanalanlage angeschlossen werden sollten.
Ich war in eine starke Arbeitskolonne von Kumpels aus dem Anjou, aus der Bretagne und der Pikardie eingetreten. Es war die charakteristische Zusammensetzung einer Gruppe Pariser Erdarbeiter, die in ihrer großen Mehrheit bäuerlicher Abstammung sind.
Sie tragen ihre Heimat mit sich. Ihr Schnabel bleibt bäuerlich. Sie sprechen langsam. Die Namen der Dinge erhalten in ihrem Munde eine unmittelbare, anschauliche Kraft. Was sie auch sagen mögen: Straße, Wein, Brot, Flasche, alles, was sie nennen, wird greifbar. Selbst wenn sie der Mundart ihrer Heimat nicht treu bleiben, tönt aus ihren Worten noch ein Widerhall ihrer Heimat. Mit ihnen steht man auf bezwungenem, gepflegtem, aufgeteiltem Boden, der zu bäuerlichem Land, zu Feldern, zu Wiesen wurde, in einer Welt, wo der Mensch wie ein Gärtner in seinem Gehege leben kann. Mag ihr Klang auch verschieden sein: die Stimmen dieser Männer, die auf einem Weizen-, einem Kartoffel- oder einem Rübenacker sprechen gelernt haben, wirken doch immer beruhigend.
Die Pariser Erdarbeiter verbinden die bäuerliche Gesundheit mit der Großherzigkeit des Arbeiters. Sie sind herzlich und sogar brüderlich. Mitten im Frieden sind ihre Umgangsformen die von Männern im Kriege, von Männern des gleichen Schützengrabens: von Kameraden. Auf allen Baustellen findet man rasch kameradschaftlichen Anschluss.
Nicht durch Zufall wird man Erdarbeiter, das Handwerk lockt unabhängige Naturen. Ein Erdarbeiter wird eingestellt, ohne vor einem Portal demütig Schlange zu stehen. Er braucht keine Zeugnisse zu sammeln, um sie im Büro eines Personalchefs vorzulegen. Er wird eingestellt, ohne die Mütze abzunehmen. Wenn er sich vorstellt, sagt er nicht: „Verzeihung, bitte, würden Sie …“ Der Meister ist auch Kumpel wie er, nur meistens älter, dicker, röter im Gesicht. Gewöhnlich hat er selbst früher den Spaten in der Hand gehabt. Er hat breite Schultern und trägt auch Bluse und Joppe. Die beiden Männer betrachten einander prüfend. Rasch haben sie sich gegenseitig durchschaut.
„Ich wollte mal fragen, ob du Leute einstellst“, sagt der Erdarbeiter mit trockenster Stimme.
Er bittet nicht um Arbeit wie ein Bettler um Almosen.
Er bückt sich nur bei der Arbeit, nicht vor dem Menschen. Je aufrechter er sich hält, um so besser arbeitet er. Wenn der Meister Leute braucht, und wenn sein Urteil günstig ausfällt, antwortet er:
„Wenn du willst, mein Junge, kannst du morgen kommen. Bring deine Gewerkschaftskarte mit, damit die Kumpels dich arbeiten lassen.“
So ungefähr ist es, wenn es Arbeit gibt. Der Beruf lockt stolze und derbe Naturen. In vielen anderen Berufen verdient man mehr, selbst wenn man nicht so stark und auch nicht schlauer ist. Aber in jenen Berufen ist man weniger stolz als ein Erdarbeiter.
Diese Bauernsöhne haben ein Bedürfnis nach Kraftentfaltung, nach Freiheit und frischer Luft, das sie von der Arbeit im Büro oder in der Fabrik zurückhält. In der heutigen Zeit sind sie eine Rasse für sich. Eine Rasse, die nicht eingesperrt leben kann. Wie die Kolonialarmee oder die Marine zieht die Erdarbeit jene Abenteuerlustigen an, die das Bedürfnis nach ständig neuen Horizonten haben. Fast in jedem Erdarbeiter steckt ein Mensch, der nicht von der Natur getrennt leben kann, nicht leben kann, ohne herumzuziehen. Früher waren die Erdarbeiter noch mehr unterwegs, zu Fuß auf der Landstraße, mit Schaufel und Spitzhacke über der Schulter und ihrem Bündel an einem Stiel — einen Tag hier, acht Tage dort. Sie lernten Frankreich, die Niederlande und das Elend besser kennen. Sie waren Habenichtse. Wollte man in der Welt der Arbeit nach einer echt proletarischen Geisteshaltung suchen, würde man sie nirgendwo reiner als bei den Erdarbeitern finden. Sie können nicht die gleiche Lebensauffassung haben wie Beamte, wie kleine Besitzer, seien es Bauern oder Handwerksmeister. Sie entstammen dem verarmten Bauernstande, den kinderreichen Familien von Häuslern und kleinen Pächtern. Sie haben nichts, sie besitzen nichts, sie werden nie etwas haben. Sie sind nicht so töricht, ans Sparen zu denken. Ein Missgeschick, Unfall oder kurze Arbeitslosigkeit, können sie aushalten. Die Zukunft scheint ihnen vorgezeichnet wie Notenpapier. Sie werden bis zur Erschöpfung ihrer Kräfte arbeiten, ohne wie der Krämer vom Geldmachen für den Bau eines Häuschens auf dem Land zu träumen.
Beinahe alle müssen Vorschuss nehmen auf den vierzehntägig ausgezahlten Lohn. Manche holen sich Tag für Tag ihr Geld. Der Lohn eines Bauarbeiters ist nicht gleichmäßig, besonders im Winter. Sie verdienen nicht genug, um das Geld zu lieben und es beiseite zu legen. Viele von ihnen sind freigebig. Sie versagen sich nie der Solidarität. Es sind gute Kerle. Das erklärt sich aus ihrer Herkunft, aus der Unsicherheit ihrer Lebensbedingungen, aus der Arbeit im Freien und der brüderlich geteilten Mühsal. Wie aber könnte man den Geist kennzeichnen, der ihnen eigen ist, der sie von den Notaren, den Krämern und sogar von den Fabrikarbeitern unterscheidet? In ihrem Herzen finden sie, was sie nicht aus den Büchern gelernt haben. Die Welt hat sich verändert, sie aber gehören noch dem Mittelalter an, Söhne von Leibeigenen, echte Bauernrebellen.
Sie waren die ersten, die sich gewerkschaftlich zusammengeschlossen haben, die dem Ruf der ersten Arbeiterinternationale gefolgt sind. Sie brauchten keinen Geistesballast abzuwerfen, um den revolutionären Gedanken zu begreifen. Sie trugen ihn in sich. Für sie war er kein System, keine Theorie. Er entsprach ihrem Streben. Sie sind immer sprungbereit. Man kann nicht den Stolz eines einzigen antasten, ohne dass die ganze Gruppe wie eine Feder losschnellt. Sie trinken gern Wein, doch während der Streiks halten sie bis zum Ende durch und trinken Wasser. Was für ein Opfer!
Ich bewunderte die Kumpels meiner Kolonne, ihre Geschicklichkeit im Verschalen der tiefen Gräben. Sie verstanden es, sie mit Brettern und Balken so zu festigen, dass sie nicht einstürzten. Die Wände fielen lotrecht ab. Sie gruben kleine Nischen hinein, um darin ein Feuerzeug, ein Päckchen Zigaretten abzulegen, die ihre Taschen beschwerten.
In ihrem Benehmen fiel mir oft wohlbedachte Lebensart auf. Ein sturer Kerl — in jeder Menschengruppe gibt es Kroppzeug — nahm seine Schaufel, um sie als Deckung zu benutzen, während er in den Graben pinkelte. Das war unerwartetes Feingefühl.
In Paris ist die Schaufel breit, die Spitzhacke ist lang, schwerer als im Süden. Ich fragte mich ein wenig besorgt, ob meine Kräfte ausreichen würden. Die Erdarbeiter sind hier stattlichere Kerle als die in der Provinz. Sie richten sich nicht oft auf, um sich zu verpusten. Ich hielt mich nicht für stark genug, um es ihnen gleichzutun. Ich rechnete mit kritischen Bemerkungen, mit mürrischen Anrempeleien, mit Grobheiten von Seiten der Kräftigsten. Doch ganz im Gegenteil, sie waren die gutmütigsten, zartesten und jungenhaftesten Kerle, die vor ihrer Mutter Angst hatten wie Schulkinder — gute Söhne, die noch nicht geheiratet hatten, um die Ernährer ihrer „Alten“ zu bleiben.
Alle stecken sie voller Geschichten, die sie nicht erzählen. Einer aus der Bretagne, ein ehemaliger Seemann, der neben mir die Spitzhacke schwang, sagte zu
mir:
„Ich habe alles erlebt, mir fehlen nur noch zehn Jahre Zuchthaus, um das Leben von Grund auf zu kennen.“
Auf der Baustelle kennt man seinesgleichen besser als in der Fabrik. Die einzelnen Charaktere treten stärker hervor, sind vielfältiger. Die Erdarbeiter haben ein erlebnisreiches Leben. Viele sind weitgereist. Es sind auch genug solche darunter, die aus Militärstrafanstalten kommen, Aufsässige aus Prinzip oder aus Starrsinn. Ihre Zunft ist ein wenig das Freikorps der Arbeiterbataillone. Sie haben kein Talent zum Kuschen.
Wenn ich nach Verlassen der Baustelle nicht mehr unter Erdarbeitern, Maurern und Zimmerleuten war, fühlte ich mich entwurzelt in einer unbeteiligten, steifen, abweisenden, verschlossenen und farblosen Menge. Mir waren zufällige Bekanntschaften auf der Baustelle lieber, Bekanntschaften mit Kumpels in klobigen Stiefeln und Holzschuhen, in Joppe, in Kittel, in schwarzer oder weißer Leinenjacke, Bekanntschaften mit Erdarbeitern, Anstreichern und Mauerleuten. Man tauscht einen Gruß aus, drückt einander die Hand und spricht einander an, ohne sich jemals gesehen zu haben. Ich fühlte mich wie in einer Familie, in einer Gemeinschaft tätiger Hände und lockerer, spaßiger, gutmütiger Zungen. Ich war in meiner wahren Welt, einer Welt, die vielleicht die zukünftigen Formen der menschlichen Beziehungen in sich trug und bereits sichtbar werden ließ. Die Straße, die steifen Menschen, die Sakkoanzüge und die starren Gesichter — das alles war nicht so lustig wie die Baustelle.
Auch mein Vorarbeiter war aus der Bretagne. Er sprach ein gewähltes Französisch. Er war Priesterschüler gewesen. Von Beruf Dreher, war er seit der Krise Erdarbeiter und fühlte sich jetzt auf der Baustelle wohler als in der Fabrik. Wenn er seinen blauen Monteuranzug ausgezogen hatte und den Umkleideraum des Betriebes in Mantel, Kragen und Hut verließ, war er der saubere Arbeiter, der sich vom Angestellten nicht unterscheidet. Die Erdarbeiter sind stolz auf ihren Beruf. Sie tragen gern zur Schau, dass sie vom Bau sind. Im Umkleideraum wechselten sie ihre Pluderhosen, die so bequem für ihre Art von Arbeit sind: weit über den Knien und eng am Knöchel anliegend, mit kleinen Taschen für den Zollstock und den flachgepreßten Löffel zum Abkratzen der Schaufel. Den blauen Arbeitsanzug oder den schwarzen Kittel vertauschten sie mit einem schönen Manchester von gleichem Schnitt, darum wickelten sie den breiten, wollenen Zuavengürtel, den schönen roten oder blauen Gürtel, der Bauch und Kreuz bei der Arbeit schützt. Sie wechselten die schweren Stiefel gegen Halbschuhe. Das kleine schwarze Wams über den Pullover gezogen, gingen sie davon, und ihre schönen Gestalten schmückten Omnibus, Bürgersteig und U-Bahn, wenn sie mit tönender, voller, unbefangener Stimme in Gruppen auftraten. Urwüchsige Burschen. Pierrot, mein Vorarbeiter, der sich in Kleidung und Sprache dem bürgerlichen Typ näherte, verlor bestimmt dadurch, dass er sich von den Erdarbeitern abhob, um dem amerikanischen Arbeiter oder dem gesichtslosen Angestellten in einer gesichtslosen Menge zu ähneln. Ich bewunderte die Erdarbeiter, die so stolz auf ihren Beruf waren, dass sie ihre Tracht auf der Straße trugen. Aus der Tasche ihres Wamses schaute eine Zeitung hervor, meistens die „Humanite“, der „Populaire“ oder der „Libertaire“.
Die meisten von ihnen wohnten in den Vororten, weil man dort billiger lebt als in Paris und weil sie dort ein Stück Garten haben konnten, drei Kohlköpfe, zwei Hühner, einen Kaninchenstall. Sie kamen aus dem Roten Gürtel, der Paris umgibt. Sie wählen kommunistische Bürgermeister und Abgeordnete, die sie beim Vornamen nennen. Ihre Vertreter sind für sie nicht Vorgesetzte, sondern Genossen. Ihre Neigung, bewundernd aufzublicken, verbindet sich mit ihrem Hang zur Gleichheit. Ich wüsste nicht, vor wem unser Vertrauensmann, ein ehemaliger Matrose, die Augen niedergeschlagen hätte. Den Papst hätte er geduzt, wenn er ihm begegnet wäre. Sie sind zutiefst davon durchdrungen, dass der Mensch immer nur ein Mensch ist, gleich in welchem Kleid. Schöne Sätze und Reden blenden sie, sie sind nicht unempfindlich für die Musik der Worte. Wenn sich aber einer zuviel darauf einbildet und sich für mehr hält als sie, dann finden sie sich zu ihrer Grundhaltung zurück. Sie wissen, dass auch sie mit höherer Schulbildung eine vorteilhaftere Figur in der Welt hätten abgeben können. Sie fühlen sich nicht gedemütigt. Wer ihnen mit Verachtung begegnet, dem können sie mit gleicher Münze heimzahlen. Zu ihrem Arbeitstag kommen die ermüdenden Untergrund- und Stadtbahnfahrten hinzu. Viele aßen aus Sparsamkeit nicht im Restaurant, sondern brachten sich ihre Mahlzeiten in einem Brotbeutel mit. Andere aßen zwar im Restaurant, mäßigten aber, gleichfalls um zu sparen, ihren Appetit. Der Liter Wein glich die Spärlichkeit der Fleischration aus.
Der Lärm der Stadt in den verkehrsreichen Vierteln, das Getöse der Maschinen auf den großen Baustellen, die langen Fahrten, das Fehlen einer etwas ausgedehnteren Mittagspause, des Mittagsschläfchens, das sich alle im Freien arbeitenden Menschen gönnen, machen das Dasein des Erdarbeiters in Paris härter als in der Provinz. Es hat schon seinen guten Grund, dass die Erdarbeiter den Wein lieben und ihn vertragen, damit sie sich in der Kneipe an der Ecke etwas aufmuntern können.
Das Handwerk ist ermüdend, aber weder blöde noch stumpfsinnig. Man muss geschmeidig arbeiten, seine Bewegungen überwachen. Nur wenn man die Spitzhacke gut kennt, handhabt man sie richtig. Die Erdarbeiter bedienen sich ihrer mit sparsamem Kraftaufwand. Ihre Bewegungen sind überlegt und wohlbemessen. Es verlangt Geschicklichkeit, die Schaufel ohne übermäßige Anstrengung zu handhaben und täglich das gleiche Arbeitspensum zu schaffen. Wenn aus einem sehr tiefen Graben Erde herausgeschleudert wird, dann gibt es keinen Erdarbeiter, der sich nicht am Schwung seiner Schaufel freut. Aus der Wiederholung der gleichen kraftvollen Bewegung entsteht ein Rhythmus, ein Takt, der dem Körper sein Vollgefühl verleiht. Es ist nicht leichter, seine Schaufel richtig zu schwingen, als einen Diskus zu werfen. Wenn die Erde gut ist, schön rutscht und auf der Schaufel singt, gibt es, bevor die Ermüdung einsetzt, wenigstens eine Stunde am Tag, in der sich der Körper glücklich fühlt.
Das Handwerk ist hart, härter als das der Bauern. Es ist härter, in einem Graben zu schaffen, als hinter einem Pferde den Pflug zu führen. Trotzdem haben die Erdarbeiter ein inneres Leben. Sie leben wie die Bauern, sind wie diese jedem Wechsel der Witterung ausgesetzt. Ihr Wesen ändert sich mit der Jahreszeit, der Stunde, dem Licht, dem Wetter. Aber ihr Denken ist nicht von den praktischen Sorgen erfüllt, mit denen sich die Bauern herumplagen. Es ist philosophischer. Ihre Lebensweisheit ist großzügiger. „Wenn sie hacken, bewegen sie Ewiges. Wie die Bauern sprechen sie schwerfällig, können sie nur ihre einfachsten Gedanken, das Unwesentlichste ihres Wesens ausdrücken. Das Handwerk packt seinen Mann an der Kehle und lässt nur den Gliedern Bewegungsfreiheit. Viele dieser wortkargen Träumer, die man auf der Baustelle trifft, haben nicht mehr Worte für ihre Träumereien als für die Begebenheiten ihres Lebens. Nur ihr Schweigen und bei einigen eine gewisse herbe Schönheit des Gesichts sprechen für sie.
Und doch haben sie erstaunlicherweise einige feurige Redner, die ihren großen Versammlungen Schwung geben. Bei allen hochherzigen Protestbewegungen sind sie vorne an. Sie verteidigen nicht nur ihre Löhne. Das Herz des arbeitenden Paris schlägt stark in ihnen, stärker als irgendwo sonst.

Aus: Georges Navel,Werktage, Übersetzt von Hans Joachim Lange, Aufbau Verlag, Berlin 1950, S. 161-170.

Andreas Kleinlein (1864-1925)

Andreas Kleinlein ┼

Am 28. Aug. ist nach schwerem Leiden Andreas Kleinlein aus dem Leben geschieden. Mit ihm ist ein aufrechter unermüdlicher Streiter aus unseren Reihen gegangen, der seit frühester Jugend in der Arbeiterbewegung seine Schuldigkeit getan hat. Im Jahre 1864 in Nürnberg geboren, verließ er die Heimat, nachdem er ausgelernt, im Alter von 17 Jahren, um auf Wanderschaft zu gehen. Hier wurde er mit den Ideen der Arbeiterbewegung vertraut. Er war noch unter dem fluchwürdigen Sozialistengesetz. Überall, wo er sich betätigen konnte, tat er es unter vollem Einsatz seiner Persönlichkeit. Andreas Kleinlein war ein geborener Klassenkämpfer. Die großen Fragen der Arbeiterbewegung nahm er nicht nur verstandes, sondern mehr gefühlsmüßig. Es war bei ihm, als ob er das ganze Leid seiner Klasse in sich trug, und so wurde er überall, wo er in Versammlungen und Zusammenkünften als Referent oder Diskussionsredner auftrat, ein Rufer im Kampf seiner Klassengenossen. Im Jahre 1890 nach Berlin verschlagen, fand er hier schnell den Anschluß an seine Berufsorganisation, den „Verein zur Wahrung der Interessen der Klavierarbeiter“. Diese Organisation steht heute noch, vereint mit anderen Berufsgenossen, als „Vereinigung der Holzarbeiter Berlins“ in unseren Reihen, und hier war bis an sein Lebensende sein engeres Betätigungsfeld. Aber darüber hinaus wurde er als Vertreter der Holzarbeiter auf vielen Kongressen den Genossen im Reich bekannt. 1905 an die verantwortliche Stelle des Kassierers der Geschäftskommission gestellt, versah er diesen Posten mit großer Gewissenhaftigkeit über 10 Jahre lang. In den schwierigen Situationen, die unsere Bewegung um die Mitte des ersten Jahrzehntes dieses Jahrhunderts durchmachte, stand Andreas Kleinlein fest und unentwegt zur anarcho-syndikalistischen Ideenwelt. Die Entbehrungen der Kriegszeit, die Aufregungen der revolutionären Nachkriegsepoche sowie ein schwerer familiärer Verlust, den er nicht überwinden konnte, setzte seinen körperlichen Kräften im Alter von 61 Jahren ein Ziel.
Mit Andreas Kleinlein ist ein braver Mitkämpfer und gewissenhafter Mitarbeiter aus unseren Reihen geschieden, der nach bestem Können Jahrzehnte hindurch seine volle Pflicht und Schuldigkeit getan hat.
Am Mittwoch, den 2. September, wurde, was sterblich an Andreas Kleinlein war, im Krematorium Berlin-Baumschulenweg den Flammen übergeben. Seine Opferfreudigkeit soll weiter in unseren Reihen fortleben!

Ehre seinem Andenken!

Die Geschäftskommission

Der Syndikalist, VII. Jahrgang, Nr. 37, 12.09.1925.

(Materialien zu einem biographischen Wörterbuch der deutschen Arbeiterbewegung I)

Georges Sorel – Le système historique de Renan (1905)

Skandinavisk IWW Sång Bok (1920)


Fred Alpi – Sangen om joe hill

Rudolf Rocker – Seid aktive Nichtwähler! (1924)

SEID AKTIVE NICHTWÄHLER!

Nun soll das Volk abermals „sein Schicksal entscheiden“. So sagt man euch wenigstens. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so wird die politische Wetterfahne der deutschen Republik, die sich bei den vergangenen Reichstagswahlen bedenklich nach rechts gedreht hqtte, nun wieder einige Zoll breit nach links schwirren. Die Helden aus dem nationalistischen Lager, die rassenreinen, siebenmal gesiebten teutschen Männer, die jeden Juden aus Prinzip hassen, haben den Beweis geliefert, dass sie den hoffnungsvollen Sprösslingen in der Berliner Grenadierstrasse im Schachern über sind. Im Orient behauptet man, dass ein Grieche es mit sieben Juden aufnimmt, ein Armenier aber mit sieben Griechen. Unsere Orientalen wissen nichts von deutschnationaler Politik, sie würden sonst begriffen haben, dass ein echter teutscher Mann, der keinen Franzmann leiden mag, es im Schachern getrost mit sieben Armeniern aufnehmen kann. Und schließlich schachern Juden, Griechen und Armenier um materielle Güter.
Unsere Söhne Teuts aber haben mit Prinzipien geschachert wie mit alten Hemden, und die Lockungen des Ministersessels wirkten stärker als der Donner Wotans.
Ein solches Schauspiel wie die letzte Regierungskrise der glorreichen deutschen Republik, das hat die Welt noch nicht gesehen. Eine erbärmlichere, würdelosere Komödie ist nie über die Bretter gegangen. In dieser Beziehung kann man ruhig singen: „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!“ So etwas an schäbiger Gemeinheit und Gesinnungslumperei läßt sich schlechterdings nicht überbieten. Man steht geknickt vor der „Größe“ dieser deutschen Mannen und weiß nicht, was man mehr bewundern soll: die ungeheuerliche Charakterlosigkeit dieser Heiden aus Senf oder die unglaubliche Naivität ihrer Wähler, von denen so mancher, der früher auf links gesetzt und eine Niete gezogen hatte, es deshalb einmal mit rechts probieren wollte, um die nationale Ehre zu retten und dem „zweiten Versailles“ zu entgehen.
Aber der Verrat der Rechten an ihren Wählern war diesmal so offenkundig, so daß ganze Scharen Vertrauensseliger ihnen abspenstig wurden, die sich bei den kommenden Wahlen wohl nach links orientieren dürften. Deshalb ist auch die Stimmung im nationalistischem Lager sehr mau, obgleich man auch jetzt noch den Mund sehr voll nimmt.
Eine Masse Wähler aber dürfte nach all den Erfahrungen der letzten Jahre die Lust verloren haben, überhaupt am politischen Parteigetriebe teilzunehmen und wird zu Hause bleiben, anstatt vor der Wahlurne anzutreten. So haben bei den letzten Wahlen in Hamburg bloß 60 Prozent der Wähler gestimmt, die übrigen 10 Prozent haben sich aus dem einen oder dem anderen Grunde der Stimme enthalten.
Eine solche Abkehr der Wählermassen vom Gaukelspiel des Parlamentarismus wäre an und für sich als Zeichen politischer Gesundung nur zu begrüßen, wenn es gleichzeitig von Anreichen begleitet wäre, aus denen man eine neue geistige Einstellung der Massen und auf eine Entwicklung ihrer sozialistischen und revolutionären Initiative schließen könnte.
Leider aber ist das noch nicht der Fall. Bei der größen Mehrheit ist die Wahlmüdigkeit lediglich als ein Zeichen von Hoffnungslosigkeit und Indifferenz, hinter dem kein neuer Gedanke seine Kreise zieht, keine gewonnene Erkenntnis schlummert. Man hat es eben mit allen versucht, und alle haben versagt. Welchen Zweck hat es also, weiter zu hoffen? Mit einer solchen Einstellung ist uns, die wir prinzipielle Gegner der parlamentarischen Betätigung sind, nicht gedient. Im Gegenteil, wir sind sogar der Meinung, daß ein Mensch, der nicht wählt, ohne einen gewissen Zweck dabei zu verfolgen, lediglich weil er geistig zu abgestumpft und trage ist, seine Stimme abzugeben, in seiner geistigen Einstellung noch tief unter dem Wähler steht. Der Mann, der zur Wahlurne geht, weil er von dem ehrlichen Glauben geleitet wird, daß der Stimmzettel ein Mittel ist, bessere gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen, beweist immerhin, daß er soziales Empfinden besitzt und gewillt ist, in den Lauf der Dinge einzugreifen.
Ein Mensch aber, dem alles gleichgültig ist, dem die persönliche Bequemlichkeit über alles geht und dem das Wohl und Wehe seiner Mitmenschen böhmische Dörfer sind, ist einfach ein Parasit, der zwar von den Errungenschaften der Vergangenheit mitzehrt, selbst aber viel zu träge ist, neue Errungenschaften zu erkämpfen oder die vorhandenen zu verteidigen.
Der Wähler — und wir haben hier stets den Wähler aus den werktätigen Klassen im Auge — mag sich in der Wahl seines Mittels täuschen und den Hebel an der falschen Stelle ansetzen, aber er zeigt wenigstens ein gewisses Interesse für die öffentlichen Angelegenheiten, welches dem ganz Indifferenten abgeht.
Die platonische Unterlassung des rein technischen Wahlaktes hat keine Bedeutung, wenn sie nicht das Ergebnis einer gewissen Erkenntnis, einer bestimmten herangereiften Überzeugung ist. Der Antiparlamentarismus kann sich nicht begnügen mit dem rein negativen Akt der Stimmenthaltung. Er muß auch in derselben Zeit bestrebt sein, neue schöpferische Kräfte in den Massen auszulösen, die seine Methode rechtfertigen und ihm eine positive Grundlage geben.
Wenn wir den Parlamentarismus als Kampfmittel ablehnen und ihm für die Verwirklichung des Sozialismus keinerlei Bedeutung beimessen, so geschieht dies nicht, weil wir in dieser Beziehung irgendeiner Laune folgen oder aus Dogmatismus, wie man vielfach behauptet hat, sondern auf Grund einer jahrzehntelangen Erfahrung, welche uns die parlamentarische Aktion der sozialistischen Arbeiterparteien in den verschiedenen Ländern gegeben hat.
Für die bürgerlichen Parteien ist der Parlamentarismus ein bequemes Mittel, schwebende Differenzen zwischen den verschiedenen Schichten der besitzenden Klasse auszugleichen und zu schlichten, ohne daß sie deshalb zu schwererem Geschütz Ihre Zuflucht nehmen müßten. Sämtliche bürgerlichen Parteien stehen nämlich auf einer gemeinsamen Grundlage, sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht, wenn sie sich auch in den Formen ihrer wirtschaftlichen und politischen Bestrebungen unterscheiden. Alle erblicken in dem Eigentumsmonopol die unantastbare Grundlage jeder Wirtschaft und in dem staatlichen Mechanismus das Fundament jeder gesellschaftlichen Existenz. Aus diesem Grunde können sie miteinander parlamentieren. Denn wo eine gemeinschaftliche Grundlage vorhanden ist, ist ein gegenseitiges Parlamentären nicht bloß möglich, sondern auch in vielen Fällen äußerst nützlich. Solange es sich lediglich um einen Streit um Formen handelt, ist stets ein Ausgleich möglich, besonders wenn hinter den verschiedenen Parteikräften große wirtschaftliche Kräfte stehen, um der Politik im Parlament den richtigen Nachdruck zu geben.
Welchen Wert aber hat der Parlamentarismus für die Arbeiter, die in ihren Befreiungsbestrebungen naturgemäß von ganz anderen Voraussetzungen ausgehen müssen als das Bürgertum?
Für die Arbeiter sind dieselben Institutionen, welche für die bürgerlichen Parteien die Eckpfeiler der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung bedeuten, die Ursache ihrer fortgesetzten Versklavung. Für sie handelt es sich nicht lediglich um formelle .Verschiedenheiten, sondern um grundlegende Änderungen des gesellschaftlicher Organismus, wenn sie sich vom Joche der Lohnsklaverei und des staatlichen Zwangsapparates befreien wollen. Ihr Ziel zeigt ihnen ganz von selbst andere Wege, die sie gehen müssen, um ihre wirtschaftliche, politische und soziale Freiheit zu erlangen. Der Parlamentarismus ist für sie nur ein Trugmittel, das viel verspricht und zu nichts nutze ist.
Wir behaupten nicht, daß die politischen Formen der staatlich organisierten Gesellschaft für die Arbeiter keine Bedeutung haben. So lange wir gezwungen sind, in der heutigen Gesellschaft leben zu müssen, so lange haben ihre Formen auch für uns eine Bedeutung, der wir uns nicht entziehen können. Wir wissen auch, daß uns zur Propagierung unserer Ideen und zur Ausführung unserer Bestrebungen die denkbar größten politischen Rechte und Freiheiten nötig sind, die in jahrzehntelangen Kämpfen dem Despotismus durch revolutionäre Mittel entrissen worden sind und immer noch entrissen werden müssen. Wir sind die allerletzten, welche diese Rechte kampflos und gleichgültig preisgeben wollen! Für uns sind diese Freiheiten keine „bürgerlichen Vorurteile“, wie der Diktator Rußlands einst mit einer höhnenden Geste behauptet hat, sondern die Ergebnisse zahlloser Kämpfe der Massen, die mit ungezählten Opfern verbunden waren, und die nur von Menschen mit total reaktionärer Einstellung verkannt werden dürften.
Wir sind der Meinung, daß diese Rechte ebensowenig in den Parlamenten wirksam verteidigt werden können, wie sie durch die Parlamente errungen wurden. Ihre Sicherheit ist abhängig von dem revolutionären Wollen der Arbeiter, und ganz besonders von der Stärke und Wirksamkeit ihrer wirtschaftlichen Kampf Organisationen, in denen sich die Initiative der einzelnen in revolutionäre Aktion umsetzt.
Wie alle wirtschaftlichen Errungenschaften und Verbesserungen, welche die Arbeiter sich im Laufe, der Jahrzehnte erstritten haben, nicht den Parlamenten, sondern ihren gewerkschaftlichen Organisationen und den alltäglichen Kämpfen zwischen Kapital und Arbeit zu danken sind, so können sie ihren erworbenen Rechten und Freiheiten nur durch eigene Kraft und mittels ihrer wirtschaftlichen Organisationen Geltung und Respekt verschaffen.
Die Teilung der Arbeiterbewegung in politische Parteien und gewerkschaftliche Organisationen war bisher nur dazu angetan, die Aktionskraft der Arbeiter zu lähmen und ihre sozialen und wirtschaftlichen Kämpfe zur Erfolglosigkeit zu verdammen, wie die Erfahrung immer und immer wieder bewiesen hat.
Wer auf die Hilfe der Parlamente wartet, hat wenig Lust, sich aus eigener Kraft Rechte zu schaffen.
Das ist auch die Ursache, daß überall, wo starke sozialistische Arbeiterparteien vorhanden sind, die ihren Einfluß auf die gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiter ausüben, die Gewerkschaften ihre ursprüngliche Bedeutung vollständig verloren haben und zu gewöhnlichen Vermittlungsorganen zwischen Kapital und Arbeit degradiert wurden.
Wir werfen auch nicht alle Parteien in einen Topf und wissen Unterschiede zu machen zwischen Rechts und Links.
Aber wir behaupten, daß Parteien sich nur innerhalb des heutigen Staatssystems auswirken können, und folglich nie in der Lage sind, eine neue gesellschaftliche Kultur auf der Basis des Sozialismus anzubahnen und praktisch durchzuführen.
Sie sind stets am besten, wenn sie rein kritisch, d. h. rein negativ wirken können, und das ist immer der Fall, solange sie als hoffnungslose Minderheiten einem despotischen System gegenübertreten und durch ihre Agitation eine zersetzende Wirkung ausüben. Aber in dem Augenblick, wo sie durch die Gunst der Umstände zur Macht gelangen, werden sie die Sklaven desselben Machtapparates, den sie angeblich nur erobern wollten, um „das Volk zu befreien“. Das ist auch die Ursache, weshalb die Revolutionäre von heute bisher stets die Unterdrücker von morgen gewesen sind. In diesem tollen Kreislauf um die Eroberung der Macht, der stets zu denselben Ergebnissen führen muß. Nicht weil der Verrat der Führer daran die Schuld trägt, sondern weil er in dem System selbst begründet ist und naturgemäß zu keinem anderen Ergebnis führen kann.
Parteien können eine Regierung stürzen und eine andere an ihre Stelle setzen, sie können die Macht erobern und ihre Gegner niederhalten, aber sie werden nie imstande sein, die Wirtschaft zu reorganisieren und das soziale Leben von Grund auf neu zu gestalten.
Das Beispiel Rußlands ist der beste Beweis für die Richtigkeit unserer Ansicht. Dort hatte eine angeblich kommunistische Partei, die dazu noch den Marxismus in Reinkultur gepachtet haben wollte, die politische Macht restlos an sich gerissen und die Träger des alten Systems vollständig zu Boden geschmettert. Aber da sie, wie alle Parteien, die zur Regierung gelangen, keinen „Staat im Staate“ dulden wollten, so legten sie die Wirtschaftsorganisationen der Massen in Trümmer, wie man das mit den Genossenschaften getan hat, oder sie formte sie vollständig in Organe des Staates um, wie es mit den russischen Gewerkschaften der Fall war. Dadurch zerstörte man gewaltsam die schöpferischen Kräfte, die im Volke schlummern, und die allein imstande sind, eine Reorganisation der Gesellschaft von unten nach oben durchzuführen. Die Diktatur einer Partei war zwar imstande, das Volk unter ein neues Joch zu beugen, aber sie versagte klüglich, als sie den Versuch unternahm, die wirtschaftlichen Kräfte des Landes zu organisieren und eine neue Wirtschaftsordnung auf der Grundlage des Sozialismus aufzubauen. Bis man zuletzt wieder mit dem Kapitalismus beginnen mußte, eine Tatsache, an der heute keine noch so revolutionäre Phraseologie etwas zu ändern vermag.
Und dieselben Ursachen sind es auch, welche unablässig darauf hinwirken, daß sozialistische Parteien, die sich längere Zeit am parlamentarischen Leben beteiligen, ihre ursprünglichen sozialistischen Ideen Stück für Stück zum Opfer bringen müssen, bis sie sich allmählich gänzlich auf die gegebenen Bedingungen des bestehenden Systems umstellen. Das ist auch der tiefere Grund, weshalb der bürgerliche Liberalismus mehr und mehr heute in die Brüche geht, wie wir es jetzt erst wieder bei den Wahlen in England sehen konnten. Die sogenannten Arbeiterparteien werden eben mit der Zeit so gut bürgerlich, daß ihnen der Sozialismus nur hie und da noch als Dekorationsstück dient, das niemand mehr täuscht, und sie endlich reif sind, um die Erbschaft des liberalen Bürgertums übernehmen zu können.
Noch deutlicher ist das Beispiel der deutschen Sozialdemokratie, die sich in ihrer Wahlpropaganda lediglich als republikanische Partei bekennt und der Idee vom „freien Volksstaat“ das Wort redet, die Marx in seiner bekannten Kritik des alten Gothaer Programms so unbarmherzig zerzaust hatte. Diese Utopie ist heute wieder lustig von den Toten auferstanden und bildet das Aushängeschild der ganzen sozialdemokratischen Politik.
Und das ist ganz natürlich, denn der Sozialismus läßt sich nicht von oben herab dekretieren und durch Gesetze künstlich ins Leben zaubern. Er muß den Tiefen der Massen entspringen als Ergebnis ihres schöpferischen Könnens und Wirkens und sich seine eigene Organisation im Volke schaffen. In den Betrieben, auf den Feldern, in den Gruben, in den Werkstätten der Technik und Chemie, dort wird sich das neue Leben der Zukunft entwickeln.
Hier sind die Kräfte am Werk, die allein imstande sind, eine neue Welt zu schaffen. Wie das Kind im Mutterleibe seine ersten Formen im alten Organismus entwickeln muß, um nachher als selbständiges Wesen ins Leben zu treten, so müssen die Arbeiter schon innerhalb der heutigen Gesellschaft die Organe entwickeln, die dazu berufen sind, als Keimzellen des neuen Lebens zu wirken. Diese Zeller des sozialistischen Werdens sind aber nicht die Parteien, die Organisationsgebilde der bürgerlichen Gesellschaft, sondern die Föderation der sozialistischen und revolutionären Wirtschaftsorganisationen aller werktätigen Kräfte, aus deren Schoße sich das sozialistische Leben der Zukunft entwickeln wird. Sozialismus bedeutet nicht Eroberung der politischen Macht, sondern Eroberung der Betriebe, des Grund und Bodens und Ausschaltung jedes politischen Machtapparates aus dem gesellschaftlichen Leben, der letzten Endes doch nur den Zweck verfolgt, die sozialen Vorrechte der besitzenden Klassen zu schützen, ungeachtet der Männer, die an seiner Spitze stehen.
Und Erziehung zum Sozialismus heißt nicht operieren mit dem Stimmzettel, sondern Entwicklung der Arbeiter zur Verwaltung der Betriebe und des ganzen wirtschaftlichen Lebens. Es ist die große Aufgabe der revolutionären Wirtschaftsorganisationen, den Arbeitern diese Erziehung zu vermitteln und durch die unvermeidlicher. Kampfe des Alltags ihr soziales Empfinden zu stärker, und zu vertiefen. Von unten auf muß uns die Freiheit kommen. Der eigenen Kraft muß sie entspringen, nicht der illusionären Hoffnung auf Hilfe von oben, die niemals kommen wird. Alle Versprechungen in dieser Beziehung, mit denen man jetzt wieder das Volk von allen Seiten beglückt, sind nur Schatzanweisungen auf den Mond, die keinerlei Bedeutung haben.
Es gilt, den Arbeiter als Produzenten zu erlassen, nicht als Wähler und Mitglied politischer Parteien. Denn es ist in erster Linie seine Arbeitskraft, welche er gegen die Monopole der Besitzenden in die Wagschale zu werfen hat. Aus seiner täglichen Arbeit wird die Welt jeden lag neu geboren. Hier liegt die Kraft verborgen, die ihn allein zum Siege führen kann, der Hebel, mit dem er sich das Tor zur Freiheit öffnen kann.
Das ist die positive Seite unserer antiparlamentarischen Einstellung.
Nicht darauf kommt es an, daß einer nicht wählt, sondern darauf, daß er auch bereit ist, als Mann in die Schranken zu treten und selbst seines Schicksals Schmied zu werden.

Rudolf Rocker

(Die Aktion, Jg. 14, H. 13/14, Anfang Dezember 1924, Sp. 633-642).