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Faire de la perruque…

(Collection Robert Kosmann)

Perruque: Argot ouvrier. Travail que l’ouvrier fait en fraude pour son propre compte, avec le matériel ou sur le temps de l’employeur. (Trésors de la langue française)

Fr. Faire de la perruque; faire une perruque; travail (fait) en perruque.

Engl. Government job [M. Glaberman]; factory homers [M. Anteby].

Deutsch ?? (das „auf eigene Rechnung arbeiten“ während der offiziellen Arbeitszeit. Wie sagt man das?)

« …die Praktik, während der Arbeit, für die man offiziell bezahlt wird, eigenen Beschäftigungen nachzugehen. Im französischen Argot wird diese Praktik als faire de la perruque bezeichnet. Dieses Phänomen breitet sich überall aus, auch wenn die Vorgesetzten es bestrafen oder „ein Auge zudrücken“ weil sie es nicht gesehen haben wollen. Ein Arbeiter, der während der offiziellen Arbeitszeit für sich selber arbeitet und dem vorgeworfen wird, zu stehlen, Material zu seinem persönlichen Vorteil zu verwenden und die Maschinen für seine eigenen Zwecke zu benutzen, entzieht der Fabrik Zeit (und zwar mehr als Rohstoffe, da er in der Regel nur Reste verwertet), um frei, kreativ und vor allem nicht für den Profit zu arbeiten. Gerade an den Orten, welche von der Maschine, der er dienen muß, beherrscht werden, mauschelt er, um sich das Vergnügen zu verschaffen, zwecklose Produkte zu erfinden, die ausschließlich dazu dienen, durch sein Werk ein eigenes „Know-how“ zum Ausdruck zu bringen und durch eine Verschwendung der Solidarität der Arbeitskollegen und der Familie gerecht zu werden. Mit Hilfe der komplizenhaften Unterstützung durch andere Arbeiter (die auf diese Weise ihre von der Fabrik aufgezwungene Konkurrenzsituation umgehen) landet er seine „Coups“ im Bereich der etablierten Ordnung. Weit davon entfernt, ein Rückfall in kunsthandwerkliche oder individuelle Produktionseinheiten zu sein, führt: das „für sich arbeiten“ wieder die „populären“ Taktiken von früher oder von woanders in den industriellen Raum (das heißt in die gegenwärtige Ordnung) ein. » (M. de Certeau, Kunst des Handelns, Berlin, Merve, 1988, S. 71f.)

« Il n’est pas possible de cantonner dans le passé, dans les campagnes ou chez les primitifs les modèles opératoires d’une culture populaire. Ils existent au coeur des places fortes de l’économie contemporaine. C’est le cas de la perruque. Ce phénomène se généralise partout, même si les cadres le pénalisent ou ‘ferment les yeux’ pour n’en rien savoir. Accusé de voler, de récupérer du matériel à son profit et d’utiliser les machines pour son compte, le travailleur qui ‘fait la perruque’ soustrait à l’usine du temps (plutôt que des biens, car il n’utilise que des restes) en vue d’un travail libre, créatif et précisément sans profit. Sur les lieux mêmes où règne la machine qu’il doit servir, il ruse pour le plaisir d’inventer des produits gratuits destinés seulement à signifier par son œuvre un savoir-faire propre et à répondre par une dépense à des solidarités ouvrières ou familiales. Avec la complicité d’autres travailleurs (qui font ainsi échec à la concurrence fomentée entre eux par l’usine), il réalise des ‘coups’ dans le champ de l’ordre établi. Bien loin d’être une régression vers des unités artisanales ou individuelles de production, la perruque réintroduit dans l’espace industriel (c’est-à-dire dans l’ordre présent) les tactiques ‘populaires’ de jadis ou d’ailleurs. » (M. de Certeau, L’invention du quotidien, Paris, Gallimard, 1990, Nouvelle édition, tome 1 : Arts de faire, pp. 45-46).

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Michel Anteby, « La ‘Perruque’ en usine: Approche d‘une pratique marginale, illégale et fuyante », Sociologie du Travail 45, n°4 (octobre-décembre 2003), pp. 453-471.
Engl.: « Factory ‘Homers’: Understanding a Highly Elusive, Marginal, and Illegal Practice », Sociologie du Travail 48 [Annual English Language Edition], n°S1 (2006), e22-e38.

Robert Kosmann, « La perruque ou le travail masqué », Renault-Histoire, n°11, juin 1999, pp. 20-27.

Robert Kosmann, « Le travail en ‘perruque’ : entre résistance et régulations », Histoire & sociétés, n°17, 1er trimestre 2006, pp. 67-83.

Klaus Heinrich – Gemütlichkeit (1984)

„Gemütlichkeit“ ist kein harmloses Wort. Unübersetzbar und darum ein nationaler deutscher Abdruck in zahlreichen fremden Sprachen, führt es zunächst ein typisch protestantisches Schicksal vor: den Prozeß der Verinnerlichung der Seelenkräfte (von „Mut“ zu „Gemüt“), der dann im Momente ihres neuerlichen, äußeren Niederschlags sich zu einer eifersüchtig gehüteten besonderen Sphäre verdichtet. Scheinbar entleert von allen Allgemeinheiten und öffentliches Interesse beanspruchenden „äußeren“ Inhalten, steht das Wort nun den verschiedensten inneren Empfindungen offen; sein einmal spezifisch pietistischer Gebrauch scheint sich im Prozeß der Säkularisierung des „frommen“ Gemüts in ein durchaus weltlich-wohliges Gefühl verwandelt zu haben; wie denn auch das neue „Große Duden-Wörterbuch der deutschen Sprache“ unter diesem Stichwort vermerkt: „das Gefühl der Behaglicheit auslösenden Atmosphäre“; „Zwanglosigkeit“; „Bedachtsamkeit Ruhe, Gemächlichkeit“; und über derartige Bestimmungen hinaus dem Adjektiv „gemütlich“ noch dazu bescheinigt: den „warm-freundlichen“ Charakter einer solchen Atmosphäre, überhaupt so angenehme Qualitäten wie „umgänglich“, „freundlich“, „gesellig“.
Nicht mitgeteilt wird eine Beobachtung, die Hermann Paul in seinem „Deutschen Wörterbuch“ schon 1897 macht: „Es erscheint in verschiedenen Schattierungen, den verschiedenen Gemütsarten der Menschen entsprechend, nicht selten im Sinne eines bequemen Spießbürgertums.“ Aber das wäre noch harmlos und würde ein aktuelles Stichwort „Gemütlichkeit“ nicht rechtfertigen, hätte dieses Wort nicht in der jüngeren deutschen Geschichte ein ungemütliches Revers bekommen, nämlich „Brutalität“, und wäre es nicht mit diesem Revers zusammen zum Charakteristikum einer spezifisch nationalen Mentalität geworden, die ich vorwegnehmend als die der „Bande“ bezeichnen will; der aus dem pietistischen Gebrauch des Worts verdrängte „Mut“ kehrt in entstellter Form zurück: als ein der Sublimierung unzugängliches, von seiner „gemütlichen“ Kehrseite hinfort nicht mehr wegdenkbares Brutalverhalten.
„Ungemütlich“: die Verwendung dieses Worts, insbesondere in dem charakteristischen Umschlag gebraucht, den das „ungemütlich werden“ benennt, signalisiert eine soziale Drohung. Daß diese essentiell zu der Gemütlichkeits-Struktur hinzugehört, kann ein frühes, unverfängliches Beispiel deutlich machen: Edmund Husserl, in dem Manuskript der „Fünf Vorlesungen zur Idee der Phänomenologie“ von 1907, hat unter dem Stichwort „Der phänomenologischen Betrachtung dritte Stufe“ den erstaunlichsten Wortgebrauch (und wir sollten ihn nicht nur der teils zerbröselnden, teils zwanghaft zusammengehaltenen Sprache eines Lebensphilosophie und Bürokratie auf den gemeinsamen Nenner von Protokollsätzen ringenden Autors zugutehalten, sondern uns lieber fragen, was jenes Zerbröseln und diesen Zwang bewirkt – warum schon Husserl eine repräsentative, allgemein-verbindliche Sprache der Philosophie nicht mehr möglich war; warum die Allgemeinverbindlichkeit jetzt anderswo gesucht werden muß). Nach bedächtigem Lobpreis der „phänomenologischen Sphäre“ als einer „Immanenz im echten Sinn“ folgt der dekuvrierende Satz: „Die Sache wird aber weniger gemütlich, wenn wir uns die Gegebenheiten näher ansehen“ denn – nun mit der xenophoben Wendung einer Philosophie, die „Fremderfahrung“ erst erträgt, wenn sie auf die „Eigenheitssphäre“ reduziert, somit selbst als `“eigenheitlich“ ausgewiesen werden kann (vgl. § 44 der „Cartesianaischen Meditationen“ von 1932) – „die cogitationes, die wir als schlichte Begebenheiten für so gar nichts Mysteriöses halten, bergen allerlei Transzendenzen“ – hier, unter Berührungsangst, erstmals der aus dem philosophischen Text mit allen Anzeichen eines privaten Alarms herausfallende Gebrauch unseres Wortes. Aber die kaputte Sphäre, die er indiziert, ist es nicht weniger dort, wo mit unserem Wort eine völkisch-nationale Schutzgottheit beschworen wird: „Ein Prosit, ein Prosit der Ge-müt-lich-keit!“ – gesellig und mit Lallstimme, in dem Moment, in dem die Vollen entleert und alle wechselseitigen Beziehungen aufgehoben erscheinen; und abermals das Zeichen des Alarms: daß die so Singenden gleich „ungemütlich“ werden.
Fragen wir nach dem Subjekt, das hier und in den anderen Fällen eines solchen Umschlags von Gemütlichkeit in Brutalität, von Brutalität in Gemütlichkeit („Jetzt hört aber die Gemütlichkeit auf“ und „Jetzt machen wir es uns aber erst einmal gemütlich“) kollektiv erscheint; aber muten wir uns vorher noch den Umweg über eine Sphäre zu, für die das Wort Gemütlichkeit die sozusagen dingliche Entsprechung bildet – die des „gemütlichen“ Interieurs –, und werfen wir gleich einen Blick auf es in seiner repräsentativsten Form. – Ein Nachtspaziergang unter den von Albert Speer entworfenen und aufgestellten Kandelabern der ehemaligen Ost-West-Achse der Reichshauptstadt Berlin (also vom Brandenburger Tor bis zum heutigen Theodor-Heuß- Platz – die Mehrzahl von ihnen wurde unter der Berliner Nachkriegs-Stadtregierung pietätvoll restauriert) lehrt das Simultane von Brutalität und Gemütlichkeit – den Moment, in dem der Umschlag erstarrt – optisch kennen: Totenkult-Kandelaber für den Aufmarsch der Kohorten aus dem Lager zur Opferstätte, mit je zwei urnenförmigen Leuchten und dem Pinienzapfen der Gräberstraße, dieser zu einer kleinen schwarzen Flamme stilisiert; und von ihnen ausgehend, ein milchig-heimeliges Schlafzimmerlicht. Sie sind die passenden Außenmöbel zum Interieur der – nach dem Krieg geschleiften – Neuen Reichskanzlei des gleichen Architekten: Grünpflanzen, Ampelleuchten und Tapisserien vor den Marmorwänden des fast 400 Quadratmeter messenden Riesenraums mit kahler Kassettendecke; Ohrensessel und Leselampe auf der Teppichinsel; der Ledersessel für den Chef, der brokatene steife Besuchersessel von der Teppichinsel weg auf den nackten Fußboden gerückt; vor ihm erscheinend, an der Vorderseite des sarkophagartigen Schreibtischs mit Trampelfüßen, die Intarsie des halb aus der Scheide gezogenen Schwerts; konfektschachtelförmige Wappen über den Türen; und über der Zugangstür von der Galerie aus mit den zwanglosen kleinen Sitzgruppen für die dort lümmelnden Ordonnanzen: die Initialen des Chefs. – Welcher Art ist hier die Repräsentation? Wen repräsentiert sie und zwecks Stillung welchen Bedürfnisses?
Banden-Repräsentation – der Begriff, den ich hierfür vorschlagen möchte – stillt ein kollektives Bedürfnis; sie macht, wenn meine Vermutung sich als stichhaltig erweist, die Faszination verständlich, die den Nationalsozialismus als die Volksbewegung, die er war, d.h. mit der Mehrzahl der Bewohner dieses Landes quer durch alle Schichten hinter sich, 12 lange Jahre lang begleitet hat (das ja der eigentliche Skandal: die akklamierte und keineswegs nur zähneknirschend hingenommene „Volksgemeinschaft“); und eine derartige Faszination kann auch anderes verständlicher machen, z.B. die Haltbarkeit dieses für sie in Anspruch zu nehmenden Amalgams von Inbrunst und Zynismus in, wohlgemerkt, einunddenselben Personen.
Bandenfaszination reicht natürlich weit hinter die Geschichte des Nationalsozialismus zurück: die Jugendbanden vom Wartburgfest an, Corps und schlagende Verbindungen, später die Trüppchen der Jugendbewegung zur Zeit des deutschen Vorzeige-Kapitalismus im Kaiserreich und in der Republik, und dahinter natürlich immer die lustvoll betrachteten, weil gefürchteten Räuberbanden, signalisieren das Auseinandertreten des Bedürfnisses nach gesellschaftlich verbindlicher Reflexion und nach einem repräsentativen Vital-Subjekt. Reflexion, ins Spiegelkabinett des einzelnen Subjekts verbannt, sozusagen dessen innere Unendlichkeit, von dieser ebenso wie von den realen Arbeitsvorgängen zunehmend abgeschnitten und durch sie so wenig repräsentiert wie sie durch es, angewiesen daher auf bandenartige Zusammenschlüsse, Entleerung, Toben: ein Problem, aus dem die Philosophien seit dem Ende des vergangenen Jahrhunderts sich in Subjektlosigkeit zu retten suchen, seismographisch zugleich Kunde gebend von den Absatzbewegungen der empirischen Subjekte. – Doch wie die Bewegungslust der Bande, als einer doch zunächst weitgehend jugendlichen Erscheinungsform – und als diese ausgewiesen gerade durch das knäbische Verhalten der sie nachäffenden Altherren-Banden –, hinüberretten in die Erwachsenenwelt, d.h. in eine alle Schichten dieses Volkes eingreifende, ihnen zugleich das mächtige Vitalsubjekt und die Subjektlosigkeit versprechende „Bewegung“?
Das Stammesleben fremder Völker verrät uns eine praktikable Lösung des Problems nach Auflösung der manifesten Jugendbanden: die der in Tierkostüme schlüpfenden, heimlich mordenden, Furcht und Schrecken verbreitenden Geheimgesellschaft. Zwar die Frau weiß, daß es der Panther war, der da zu ihr zurück auf die Matte schlüpft, doch zu wissen ist nicht verboten, nur zu reden. Die mordende Geheimgesellschaft in unserem Volk war öffentlich und für dieses Land im ganzen repräsentativ: jeder konnte teilhaben an der Faszination der Bande und ihrer stammesspezifischen, die immer abstrakter werdenden Arbeitsverhältnisse ebenso wie später Kriegs- und Ausrottungsunternehmungen gemeinsam „in Dienst“ nehmenden Organisation. Schon die Bezeichnungen verraten es: die Horden, Fähnlein, der Stamm, der Bann, die zum Teil von den Jugendorganisationen in die der Erwachsenen-Bande hinüberwandern. Der Chef, dessen Initialen über der Tür an der der Galerie zugewandten Seite angebracht sind, ist Banden-Chef, mit der für den NS-Führerstaat charakteristischen Außerkraftsetzung des Ödipuskomplexes in seiner Person – auch dies charakteristisch für die Struktur einer solchen Bande –: aufbegehrender Sohn, d.h. Anführer im Kampf gegen die etablierten Mächte, und strafender Vater zugleich, vor dem die Bande bis zu ihrem Ende zittern wird. (Der italienische Fascismus, mit seinem alterprobten Modell des ältesten Bruders als Anführers einer Horde von Mutter-Söhnen, der Sowjet-Kommunismus, mit seiner grausamen Vaterfigur nach Niederwerfung der Sohnes-Rebellion, waren zwar nicht weniger anarchisch, doch nicht so perfekt.) Und schließlich die realen Bewegungsformen der Bande selbst: die Märsche durch die Städte und nicht nur über Land, die die Zentren der Macht als die „Lager“ der Bande erscheinen lassen, von denen man ausmarschiert und in die wieder zurück, und die schließlich das Land zum Lager für das Volk als eine einzige, eben die „verschworene“ Bande machen, die sich nicht nur in der Unterwerfung anderer Nationen, sondern am Ende in der Ausrottung des gebrandmarkten Teils der eigenen Nation bewähren muß – eine Schreckensvision mit hohem, nicht nur psychischem, Realitätsgehalt, bis heute nicht ausgestanden und bis heute virulent.
Ich habe nur eine Disposition beschrieben, aber sie hat, wie in einem Vergrößerungsspiegel, das ihr spezifische Verhaltensmuster in diesem Umschlag – Paar der Begriffe beibehalten: Gemütlichkeit und Brutalität sind die psychischen Determinanten des Bandenlebens. Was Elias Canetti entsetzt als die Pogrom-Meute beschrieben hat (sie ist der Ansatzpunkt, die Ausgangserfahrung seines großartigen Werkes), bleibt in der Bande virulent, hat jedoch in ihr seinen durch Zeit und Raum transportierbaren Körper gefunden. Wenn Bandenbewußtsein diese Stabilität verbürgt, dann wird das Stichwort „Gemütlichkeit“ zu einem wichtigen Index für das Fortleben oder das Absterben dieses Bewußtseins. Nicht das „Spießbürgerliche“, das Hermann Paul vor dem Ersten Weltkrieg konstatiert, ist hier die latente Gefahr, sondern das „Spießgesellige“: das Sich-fallen-lassen-auf-Zeit der in gemeinsame Aktionen Verstrickten, das jederzeit wieder in die gemeinsame Aktion umschlagen kann; letztenendes ein unter moralische Kriterien fallender Geselligkeits-Begriff.
Die Reklame setzt durchaus auf eine solche Disposition. Ein Exempel für viele: ein Möbelprospekt aus dem Jahr 1981, der moralisch unverfroren mit „Gemütlichkeit“ wirbt. Die triumphbogenartig angeordnete Überschrift GEMÜTLICHKEIT findet ihre Fortsetzung unten in IST UNSERE MASCHE. Vorgestellt wird eine „urgemütliche Hochlehn-Garnitur, mit schweren Gestellen aus massiver Eiche“ brutale Formen aus den 40er Jahren paraphrasierend, mit brokatartig gestreiftem „apartem Velours-Bezug“; sie steht auf ungehobeltem Bretterboden rechts auf dem Podest die Zimmerpflanze, links hinter der spaltweit geöffneten Tür ein abgestorbener Baum, die Blätter von draußen hereingeweht bis unter das Hochlehn-Sofa; und auf diesem erscheinungs-artig-frontal aufgepflanzt, die zwei Personen, denen die Veranstaltung gilt: ein spießgesellig grimassierendes ältlich-jugendliches Paar – er Sportpullover, sie mit Rock und Weste; sie dümmlich lächelnd und strickend, er (dies das dazugehörige moderne Wort) „schlitzohrig“ grinsend und die Backe der Dummen tätschelnd: er hat soeben von einem erfolgreichen Beutezug erzählt, sie ist in Gedanken dabeigewesen, der nächste Coup steht bevor. – Der Eindruck des ganzen: GEMÜTLICHKEIT IST UNSERE MASCHE, ist ebenso ungemütlich wie erschreckend; und das meine ich mit der Disposition „Gemütlichkeit, die auf den Schrecken setzt“ wenn auch hier zunächst nur als harmlose Werbungsmasche; jedoch ein ganzer Korb Wollknäuel steht noch auf dem kahlen Bretterboden vor der dümmlich-spießgesellig lächelden, weil die gleiche Schicksalsmasche weiterstrickenden Frau.
Was der Artist seit jeher sich zum Ziel gesetzt hat: die repräsentative Verbindung von Vital- und Reflexionssubjekt, und was ihm immer nur als kollektiv-verbindlich vorgestellter Wunsch und die ihm hinzuphantasierte umweglose Wunschbefriedigung gelingt (so Thomas Mann z.B. in der Artisten-Imago des jungen Hochstaplers Felix Krull, in dem Fragment von 1910, das die reflexionslose Darstellung des Artisten als fürstlicher Repräsentationsfigur, des Klaus Heinrich in der „Königlichen Hoheit“, korrigiert), verrät wie jede derartige, den „gewaltigen Umweg über die Veränderung der Außenwelt“ nicht erst einschlagende, artistische Wunscherfüllung „die nämliche Unzufriedenheit“ anderer Menschen, und zwar als „ein Stück der Realität“ selbst – (so Sigmund Freud, ein Jahr nach dem Erscheinen des Krull-Fragments, in seinen „Formulierungen über die zwei Prinzipien des seelischen Geschehens“, Lust- und Realitätsprinzip). – Diesem allgemeinen Wunsch entsprechend – dem „nämlichen“ also aller Menschen-, bieten auch andere gesellschaftliche Instanzen heute ihre Lösungsversuche an: so z.B. die östliche Teilnation das Phantom eines reflektierten, den Arbeitsprozeß kollektiv-verbindlich einbeziehenden Vitalsubjekts in den öffentlich ausgetragenen und kontrollierten Konkurrenzkämpfen der Planerfüllungsbrigaden; so z.B. die westliche Teilnation die Fiktion eines allgegenwärtig reflektierenden, kollektiv verurteilenden und freisprechenden Vitalsubjekts in der analphabetischen Massenpresse; so z.B., wenigstens auf Zeit (nämlich in der „schönsten Zeit des Jahres“) die Freizeitkollektive mit Wunscherfüllung bei fremden Völkern und Menschen. – Wie wenig dies die Banden-Disposition – die eben „Bande“ als die Wunscherfüllung nahm – tangiert, lehrt die ungebrochene Faszination der Bande in unserem Land, nicht zuletzt erfahrbar in einem von einer breiten Öffentlichkeit angestrengten und durchgesetzten Sprachregelungsprozeß: es mußte die „Baader-Meinhof-Bande“ sein, ein anderes Wort tat es nicht; wenigstens die „gemütliche“ Freizeit-Beteiligung an Banden- Jagd blieb so einem faszinationswilligen Teil des Volkes erhalten.
Ob der Begriff „Gemütlichkeit“ zu einer harmlosen Verwendung zurückfinden kann (also ein „Machen wir es uns gemütlich, ohne daß die Schatten auferstehen“), wage ich zu bezweifeln. Der Sache, die er stellvertretend mitvertritt: Bandenfaszination, ist jedenfalls nur beizukommen mit (zunächst) der Reflexion auf das kollektive psychische Bedürfnis, dem sie entspringt. Es abzubauen, d.h.: es in nicht potentiell-mörderische Formen der Befriedigung zu transformieren, wird mit einer Neuformulierung von Arbeitsprozessen, menschlicher Tätigkeit sans phrase, Hand in Hand gehen müssen.

Klaus Heinrich, In: „Deutsche Stichworte“ – Anmerkungen und Essays, Frankfurt 1984.

Klaus Heinrich (wiki)

Kleine Klaus Heinrich Seite

nomen est omen

Sarazenen ist ein Begriff, der ursprünglich einen im Nordwesten der arabischen Halbinsel siedelnden Volksstamm bezeichnete. Im Gefolge der islamischen Expansion wurde der Begriff in lateinischen Quellen und im christlichen Europa als Sammelbezeichnung für die muslimischen Völker, die ab ca. 700 n.Chr. in den Mittelmeerraum eingedrungen waren, verwendet, meist in angstgeprägtem Sinn. Diese Worterklärung, die die Sarazenen als Angehörige eines von Gott heilsgeschichtlich verstoßenen Volkes deutete, wurde bei den christlichen Autoren des Mittelalters seit dem Aufkommen des Islam zu einem anti-islamischen Topos, der in der europäischen Literatur über die Kreuzzüge und den Islam weitere Verbreitung erlangte.

Das Wort saracenus und seine volkssprachlichen Entsprechungen haben im Verlauf ihrer mittelalterlichen Bedeutungsentwicklung neben der primären Bedeutung „islamischen Völkern zugehörig“ zum Teil auch die weitere Bedeutung „fremdartig, alt“ angenommen.

Besonders in Frankreich und der Schweiz ist noch heute der Familienname Sar(r)azin verbreitet, in der deutschsprachigen Schweiz auch Saratz, in Italien Sar(r)aceno. Vorläufer solcher Namen ist im Mittelalter ein in den lateinischen Quellen seit dem 11. Jh. vielfach dokumentierter Name oder Beiname Saracenus, der in vielen Fällen wegen einer „sarazenischen“ Herkunft des Trägers, in anderen Fällen aber auch nur wegen eines zeitweisen Aufenthaltes bei den „Sarazenen“ entstand. Sofern der Name erst im Spätmittelalter in Gebrauch kam, ist auch mit der Möglichkeit zu rechnen, dass er im Hinblick auf die mögliche Bedeutung „Zigeuner“ gewählt wurde.

Gegenwärtig prominentes Beispiel in Deutschland ist Bundesbankvorstandsmitglied und SPD-Politiker Thilo Sarrazin.

Quelle: Wikipedia

(via Guillaume Paoli)

Hans Magnus Enzensberger – Éloge de l’analphabétisme (1985)

Permettez-moi, mesdames et messieurs, d’associer aux remerciements que je vous dois la question suivante, que l’occasion me suggère : ne venez-vous pas, contribuables et représentants élus de la ville de Cologne, d’honorer en ma personne une espèce en voie d’extinction, de distinguer un anachronisme ? Les journaux de ces derniers mois m’ont appris, au petit déjeuner, que ce que l’on appelle la « civilisation du livre » ou « civilisation de l’écrit » est menacée de ruine, non seulement dans ce pays, mais aussi sur toute la surface de la terre. Cette terrible nouvelle ne peut laisser indifférent quelqu’un qui, comme moi, vit de l’écriture et, par conséquent, de la lecture. Mais vous aussi, en tant que citoyens d’une ville qui est non seulement celle où Heinrich Böll vit le jour, mais qui abrite également les locaux de la W.D.R., la plus grande entreprise médiatique du continent européen, vous aussi vous sentirez sans doute concernés par ce pronostic. L’intérêt personnel coïncide donc ici, si je ne m’abuse, avec l’intérêt public et l’intérêt local avec l’intérêt général.

Les mots écrits sont-ils indispensables ? Voilà la question, et la poser conduit nécessairement à parler de l’analphabétisme. Il y a pourtant un petit mais à l’affaire : l’analphabète n’est jamais là quand on parle de lui. Il n’apparaît pas, tout simplement, il ne prend même pas connaissance de nos affirmations et garde le silence. Aussi voudrais-je prendre sa défense, bien qu’il ne m’en ait pas le moins du monde chargé.

Un habitant de notre planète sur trois, se débrouille dans la vie sans posséder l’art de lire ni d’écrire. Huit cent cinquante millions d’hommes, en chiffres ronds, se trouvent dans ce cas et leur nombre va certainement augmenter. Bien qu’impressionnant, il est trompeur, car il n’y a pas que les vivants et ceux qui ne sont pas encore nés qui appartiennent à l’espèce humaine, mais aussi les morts. Qui ne les oublie pas est nécessairement amené à conclure que l’alphabétisme ne constitue pas la règle, mais l’exception.

C’est seulement à nous, c’est-à-dire à. une minuscule minorité de gens qui lisent et écrivent, qu’a pu venir l’idée de tenir ceux qui ne lisent ni n’écrivent pour une minuscule minorité. Elle manifeste une ignorance à laquelle je ne veux pas me résigner.

Au contraire, si j’en tiens compte, l’analphabète m’apparaît comme un personnage honorable, auquel j’envie sa mémoire, sa capacité de concentration, sa ruse, son esprit d’invention, son endurance et la finesse de son ouïe. N’allez cependant pas croire, je vous prie, que je rêve au bon sauvage : je ne parle pas ici de fantômes romantiques, mais d’êtres humains que j’ai rencontrés. Je n’ai pas la moindre intention de les idéaliser, n’étant pas sans voir aussi l’étroitesse de leur horizon, leurs illusions, leur obstination et les bizarreries de leur comportement.

Peut-être vous demanderez-vous comment il se fait que ce soit justement un écrivain qui en vienne à prendre le parti de ceux qui ne savent pas lire… Mais pour la raison bien simple que ce sont les analphabètes qui ont inventé la littérature, dont les formes élémentaires, du mythe aux chansons enfantines, du conte au lied et de la prière à l’énigme, sont toutes plus anciennes que l’écrit ! Sans tradition orale, il n’y aurait pas de poésie, sans analphabètes pas de livres.

Mais les Lumières, m’objecterez-vous… D’ accord ! La stupidité d’une tradition qui a exclu les pauvres de tout progrès… À qui le dites-vous? Le malheur social ne repose pas uniquement sur les privilèges matériels des dominants, mais aussi sur leurs privilèges spirituels. Les grands intellectuels du dix-huitième, auteurs de cette découverte, pensaient que l’état de minorité du peuple ne résultait pas seulement de l’oppression politique, qu’ il subissait ou de son exploitation économique, mais également de son ignorance. Et de ces prémisses, des générations ultérieures ont tiré la conclusion que savoir lire et écrire faisait partie de toute existence humaine digne de ce nom.

Cette idée féconde devait connaître avec le temps une remarquable série d’interprétations différentes : c’est ainsi que le concept de « Lumières » fut remplacé presque en un tournemain par celui d’éducation. « Dans le domaine de l’éducation du peuple, écrit un pédagogue allemand du temps de Napoléon, la deuxième moitié du dix-huitième siècle fait époque. La connaissance de ces réalisations réjouit le cœur de l’ami des hommes, encourage le prêtre de la culture et instruit au plus haut point tous ceux qui ont charge de conduire les affaires de la communauté » [Ignaz Heinrich von Wessenberg]

Ce n’était pas l’avis de tous ses contemporains. Un autre éducateur du peuple écrivait, par exemple, au sujet de la lecture : « Même s’il n’en résulte pas toujours soulèvements et révolutions, elle fait des insatisfaits et des mécontents, qui voient d’un mauvais œil les entreprises des pouvoirs législatif et exécutif et ne sont pas dévoués à la constitution de leur pays » [Johann Rudolph Gottlieb Beyer]

Semblables propos ne nous sont pas inconnus. La peur des Lumières a survécu à celles-ci : elle n’hiberne pas seulement dans les dictatures du XXe siècle, mais aussi dans la démocratie ouest-allemande.

Il s’est en tout cas toujours trouvé chez nous un imbécile quelconque, au sein du législatif ou de l’exécutif, pour souhaiter de préférence l’abrogation de la constitution, afin de la protéger contre les effets pernicieux de certains écrits.

La critique culturelle conservatrice n’a pas fait non plus beaucoup de progrès en ce domaine au cours des deux derniers siècles. Elle s’obstine à avertir, l’index levé : « Pourquoi, pensait-elle déjà à l’époque de Goethe, écrire et imprimer d’ excellentes choses pour une espèce humaine corrompue, qui veut être perpétuellement amusée, perpétuellement flattée et perpétuellement trompée ? » [Johann Georg Heinzmann]

« Une dissipation insensée, une peur insurmontable de tout effort, une propension sans limité au luxe, l’étouffement de la voix de la conscience, le dégoût de la vie et une mort précoce… telles sont les suites d’une lecture sans goût et sans esprit5. » [Johann Adam Bergk]

J’emprunte mes citations à des écrits depuis longtemps disparus, parce que les thèses qu’ils défendaient n’ont pas cessé jusqu’à ce jour de hanter notre culture. Peut-on s’empêcher d’avoir l’impression, en écoutant les discours et les tribunes de discussion de politique culturelle, que nous n’avons guère imaginé d’argument nouveau depuis deux cents ans ? Les considérations précédentes nous ont fait faire un grand pas en avant, du moins en ce qui concerne le projet d’alphabétisation. Il semble bien que les amis des hommes, les prêtres de la culture et ceux qui ont charge de conduire les affaires de la communauté aient obtenu des succès décisifs dans ce domaine.
Qui voudrait contredire Joseph Meyer, l’un des plus valeureux éditeurs du XIXe siècle et l’inventeur du slogan : « L’éducation rend libre! »? La social-démocratie, qui a élevé cette formule à la dignité d’une exigence politique — « Savoir, c’est pouvoir! », « La culture pour tous ! » — lutte aujourd’hui encore sans se lasser contre le privilège de l’éducation et pour l’égalité des chances. Depuis Bebel et Bismarck, les heureuses nouvelles se succèdent : en 1880, le taux d’analphabétisme était déjà tombé en Allemagne au-dessous de 1 %. Si ce résultat s’est fait attendre un peu plus longtemps dans d’autres pays européens, le reste du monde fait également d’énormes progrès, depuis que l’Unesco, en 1951, a inscrit à son ordre du jour la lutte contre l’analphabétisme. En un mot, la lumière a triomphé de l’obscurité.

Notre joie à propos de ce triomphe n’est cependant pas sans limite. La bonne nouvelle est trop belle pour être vraie : ce n’est pas parce qu’ils y étaient disposés que les peuples ont appris à lire et à écrire, mais parce qu’on les y a obligés. Leur émancipation signifia du même coup leur mise sous tutelle et l’on n’a plus appris ensuite que sous le contrôle de l’État et de ses agents, école, armée et justice.

Voyez comme les enfants de Ravensburg, rassemblés pour une cérémonie de remise de prix, en l’an de grâce 1811, connaissaient déjà bien la chanson :

Obéissance et zèle se nomment les devoirs
Dont le bon citoyen honnêtement s’efforce
De toujours s’acquitter;
Mais qui, sinon l’école,
Aux jeunes âmes inculquerait
Le sens d’une vie au devoir consacrée?
À qui, si nous nous vouons à la vertu,
Si nous jouissons demain de connaissance,
À qui le devons-nous, si ce n’est à l’école?
À jamais soyons reconnaissants!
Vive le Roi, vive l’État,
Où de bonnes écoles il y a

Le but que poursuivait l’alphabétisation de la population n’avait rien à voir avec la propagation des Lumières. Ses champions, les amis des hommes et les prêtres de la culture, n’étaient que les hommes de main de l’industrie capitaliste, qui exigeait de l’État qu’il mît à sa disposition une main d’œuvre qualifiée. Jamais il ne s’est agi du Bien, du Vrai et du Beau dont parlaient les éditeurs patriarcaux de l’époque du Biedermeier et qu’aiment toujours à citer leurs successeurs actuels. Il ne s’agissait pas d’ouvrir la voie à la « culture de l’écrit », encore moins d’émanciper les hommes. D’une tout autre nature, le progrès dont il était question consistait à domestiquer les analphabètes, ces « membres de la plus basse classe », à exorciser leur imagination et leur entêtement, pour exploiter désormais non plus seulement leur force musculaire et leur adresse, mais aussi leurs cerveaux.

Pour supprimer l’homme sans écriture, il fallait d’abord le définir, le dépister et le démasquer. La notion d’analphabétisme est récente, on peut dater assez précisément sa découverte : apparu pour la première fois dans un texte anglais en 1876, le mot s’est ensuite très vite répandu sur tout le continent européen.

C’est à la même époque qu’Edison inventait l’ampoule électrique et le phonographe, Siemens la locomotive électrique, Linde la machine frigorifique, Bell le téléphone et Otto le moteur à essence — le rapport est évident.

Le triomphe de l’éducation populaire en Europe coïncide en outre avec le développement maximal du colonialisme, ce qui n’est pas non plus un hasard. On peut lire dans les dictionnaires encyclopédiques de l’époque que le nombre des analphabètes, « comparé à celui de la population globale d’un pays donné, est caractéristique du niveau de civilisation d’un peuple »… « On trouve en bas de l’échelle les pays slaves et les Noirs des États-Unis d’Amérique […] Tout en haut, […] les pays germaniques, les Blancs des État-Unis d’Amérique et la race finnoise. » Suit, bien entendu, l’indication que « le niveau moyen est plus élevé chez les hommes que chez les femmes » [Meyers Großes Konversationslexikon 1905, Brockhaus 1894].

Il ne s’agit plus ici de statistiques, mais de ségrégation et de stigmatisation. Derrière la figure de l’analphabète se profile déjà celle du sous-homme. Une petite minorité radicale a pris la civilisation en gérance pour son propre compte et discrimine tous ceux qui n’obéissent pas à sa baguette. On peut désigner avec précision les éléments de cette minorité : les hommes y dominent les femmes, les Blancs les Noirs, les riches les pauvres et les vivants les morts. Nous, leurs arrière-petits-fils, devrions savoir clairement, pour avoir été échaudés, ce que ceux qui « avaient charge de conduire les affaires de la communauté » wilhelminienne ne soupçonnaient pas, à savoir que les lumières peuvent déboucher sur l’incitation à la haine, la culture se transformer en barbarie.

Vous vous demanderez sans doute pourquoi je vous entretiens de problèmes qui ne présentent plus qu’un intérêt historique. C’est que, voyez-vous, cette préhistoire nous a entre-temps rattrapés, et la vengeance de l’exclu ne manque pas d’une noire ironie. L’analphabétisme, que nous avons enfumé dans ses repaires, est revenu, vous le savez tous, sous une forme qui n’a cette fois plus rien de respectable. J’ai nommé le personnage qui domine depuis longtemps la scène sociale : l’analphabète secondaire.

Celui-ci n’est pas à plaindre : la perte de mémoire dont il est affligé ne le fait point souffrir. Son manque d’obstination lui rend les choses faciles, il apprécie de ne pouvoir jamais se concentrer et tient pour avantages son ignorance et son incompréhension de tout ce qui lui arrive. Disponible et capable de s’adapter, il jouit d’une grande capacité d’arriver à ses fins. Aussi n’avons-nous pas besoin de nous faire du souci pour lui. Ce qui contribue au bien-être de l’analphabète secondaire, c’est qu’il ne soupçonne pas du tout qu’il est un analphabète secondaire : il se considère comme informé, sait déchiffrer modes d’emploi, pictogrammes et chèques, et le milieu dans lequel il se meut le protège, comme une cloison étanche, de tout désaveu de sa conscience. Il est impensable en effet que son entourage le fasse échouer, qui l’a produit et formé afin d’assurer la tranquillité de sa propre continuité.

L’analphabète secondaire est le produit d’une nouvelle phase de l’industrialisation. Une économie, dont le problème n’est plus la production mais la vente, peut ne plus avoir besoin d’une armée de réserve disciplinée ; il lui faut des consommateurs qualifiés. L’entraînement sévère, auquel le travailleur du secteur de la production et l’employé de bureau étaient soumis, devient également superflu et l’alphabétisation une entrave dont il convient de se débarrasser le plus rapidement possible. Notre technologie a développé, en même temps que les données du problème, la solution adéquate : la télévision, média idéal pour l’analphabète secondaire.

La plupart des théories échafaudées à propos de ce phénomène sont vraisemblablement fausses. Je sais de quoi je parle, car il y a vingt ans à peine j’attribuais aux médias électroniques de merveilleuses qualités émancipatrices. Quoique non fondé, cet espoir avait toutefois l’avantage d’être audacieux, ce que l’on ne saurait dire des considérations suivantes d’un sociologue américain qui font actuellement parler d’elles : « Lorsqu’un peuple se laisse distraire par des trivialités, lorsque la vie culturelle est redéfinie comme une suite sans fin de divertissements, comme une gigantesque entreprise d’amusement, lorsque le discours public devient babillage indifférencié, bref lorsque les citoyens se transforment en spectateurs et les affaires publiques en de vulgaires numéros de variétés, la nation est en danger et la culture réellement menacée de dépérissement. » [Neil Postman]

Seule la terminologie a changé ; pour le reste, l’argumentation de 1’Américain de 1985 est identique à celle du brave Suisse qui, en 1795, adressait un « Appel à sa nation » pour la mettre en garde contre la ruine menaçant la culture. Évidemment, l’affirmation principale deM. Postman est juste : la télévision n’est qu’un amas de sottises ; on s’étonne seulement qu’il paraisse y voir matière à reproche. Celle-ci ne doit-elle pas justement son charme irrésistible et son succès à cette imbécillité avérée? Les apologistes de la lecture comme instrument de culture ont un autre tic, encore plus étrange : les moyens de production de l’imbécillité semblent leur importer au plus haut point. Imprimée noir sur blanc, c’est manifestement un bien culturel à leurs yeux, alors que, diffusée par antenne ou par câble, elle « met la nation en danger ». Eh oui, celui-là ne saurait se plaindre qui prend pour argent comptant la critique de la culture !

Pour ma part en tout cas, j’ai peine à croire une Cassandre dont les prédictions pessimistes sont destinées à défendre le chiffre d’affaires et qui, en même temps, cherche aveuglément à s’amurer de nouveaux débouchés. Rappelons-nous : une feuille prophétique, le Bild-Zeitung, ne nous a-t-elle pas prouvé que l’on peut vendre et faire lire un produit représentant l’abolition de la lecture elle-même, et créer un média imprimé pour analphabètes secondaires ? Et naturellement, ce sont des éditeurs que l’on voit aujourd’hui rivaliser entre eux pour réaliser le câblage de la nation, brandir des satellites comme des massues et couvrir le continent de programmes où n’existe plus la moindre trace de programme. Ils peuvent aussi, exactement comme il y a un siècle lorsqu’il était question d’alphabétisation, compter sur le soutien de l’État maintenant qu’il s’agit de l’invalider. Le projet de câblage obligatoire correspond exactement à « école obligatoire » dont parlaient jadis les lois. Et, par une heureuse coïncidence, l’industrie dispose même d’un ministre incarnant avec toute la netteté souhaitable le type de l’ analphabète secondaire !

L’État devra régler aussi sa politique de l’éducation sur les nouvelles priorités. Un premier pas a déjà été fait dans ce sens avec la réduction du budget des bibliothèques et l’on note également certaines innovations dans l’enseignement. On sait par exemple qu’il est possible aujourd’hui de fréquenter l’école pendant huit ans sans apprendre 1’allemand, ce dialecte germanique devenant peu à peu, dans les universités aussi, une langue étrangère imparfaitement maîtrisée.

N’allez, je vous en prie, pas croire que je tienne à polémiquer contre un état de choses dont je vois avec évidence I’ inéluctabilité. Je n’ai pas non plus l’intention de me lamenter à son sujet, désirant seulement le décrire et, dans la mesure où cela me sera accordé, l’expliquer. Il serait insensé de contester la raison d’être de l’analphabète secondaire, et l’idée ne m’effleure pas de lui envier sa place au soleil et ses amusements.

En revanche, il devrait être permis de constater qu’à cet égard le projet historique des Lumières a échoué. Pour ce qui est du slogan de la « culture pour tous », il a pris avec le temps une tournure comique. La culture sans classes est encore moins en vue, cependant que se profile un état entièrement opposé, dans lequel des milieux culturels toujours plus nettement délimités ne connaîtront plus de public commun. Je me risquerais même à dire que la population se divisera de manière toujours plus distincte en castes culturelles (j’emploie bien sûr ce terme dans une intention uniquement descriptive et sans prétention systématique), qu’il n’est plus possible de décrire à l’aide du modèle marxiste traditionnel, selon lequel la culture dominante est celle des membres de la classe dominante. La situation économique de classe et la conscience divergent en effet de plus en plus.

On verra, en règle générale, des analphabètes secondaires occuper les premières places dans la politique et l’économie : il suffit, sur ce point, de renvoyer aux présidents en fonction des États-Unis et de la République, fédérale. Inversement, il est facile de trouver, dans ce pays comme aux États-Unis, des bataillons entiers de chauffeurs de taxi, de manœuvres, de vendeurs de journaux et d’assistés sociaux auxquels leur remarquable conscience des problèmes, leur niveau culturel et l’étendue de leurs connaissances auraient permis d’aller loin dans toute autre société. Néanmoins, cette opposition elle-même ne répond pas au véritable état des choses, qui n’autorise plus de classements clairs ; on peut, en effet, trouver des zombis aussi parmi les professeurs au chômage et des gens qui savent lire et écrire, voire penser de manière productive, à la présidence de la République.

Cela signifie également que le déterminisme social en matière de culture a fait son temps. Le soi-disant privilège de l’éducation ne fait plus peur. Lorsque les parents sont dans les deux cas des analphabètes secondaires, un fils de notables ne jouit d’aucun avantage par rapport à un fils d’ouvriers. L’appartenance à une caste culturelle dépend désormais plus de l’option personnelle que de origine sociale.

De tout ce qui précède, je conclurai que la culture se trouve, dans notre pays, dans une situation entièrement nouvelle. Laissons de côté sa prétention au caractère d’obligation générale, une prétention toujours affichée mais jamais réalisée. Les dirigeants, dans leur majorité des analphabètes secondaires, n’éprouvent plus aucun intérêt pour elle, elle ne doit — ni ne peut — plus être au service d’un intérêt dominant. Elle ne légitime plus rien. Elle est hors la loi, ce qui est après tout aussi une sorte de liberté. Une telle culture ne peut compter que sur ses propres forces ; plus vite elle l’ aura compris, et mieux ce sera.

Ah oui! nous allions oublier la question de savoir si vous n’auriez pas honoré en ma personne un anachronisme ! Eh bien, je crois que la littérature est, pour sa part, moins touchée qu’il ne pourrait sembler par les changements que j’ai évoqués. Elle a toujours été, au fond, l’affaire d’une minorité. Le nombre de ceux qui vivent avec elle est vraisemblablement resté relativement le même au cours des deux siècles derniers. Seule sa structure a changé : s’y consacrer n’est plus depuis longtemps le privilège — non plus d’ailleurs que l’obligation — d’une condition sociale. La victoire de l’analphabétisme secondaire ne peut que la radicaliser, en créant une situation dans laquelle il n’y a plus de lecture que volontaire. Lorsque la littérature aura cessé d’avoir valeur de symbole du statut, de code social et de programme éducatif, seuls s’intéresseront à elle ceux qui ne peuvent se passer d’elle.

Le regrette qui voudra, je n’en ressens personnellement pas l’envie. La mauvaise herbe aussi est, finalement, une minorité et tous les jardiniers municipaux savent combien il est difficile de la détruire. La littérature continuera de foisonner, aussi longtemps qu’elle possédera une certaine endurance et une certaine ruse, la capacité de se concentrer, une certaine obstination et une bonne mémoire. Ce sont, vous vous en souvenez, les qualités du véritable analphabète : peut-être est-ce lui qui aura le dernier mot, car il n’a pas besoin d’autres médias que la bouche et l’oreille.

In : Médiocrité et folie (Paris 1991)
Discours prononcé lors de la remise du prix Heinrich Böll1985

Deutsche Fassung

Hans Magnus Enzensberger – Lob des Analphabeten (1985)

Der klassische Analphabet: Er kann nicht lesen hoch schreiben, also muß er erzählen. Das Erzählen aber ist der Anfang der Literatur. Der moderne Analphabet: Er kann lesen und schreiben, aber erzählen kann er nicht mehr, er ist zum kopflosen Konsumenten geworden. Diese Rede über das Analphabetentum hielt Hans Magnus Enzensberger, als er kürzlich den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln entgegennahm.

Die Zeit, 29.11.1985 – Nr. 49.

Meine Damen und Herren, den Dank, den ich Ihnen schuldig bin, .möchte ich mit einer Frage verbinden, die der festliche Anlaß nahelegt: der Frage, ob Sie, die Steuerzahler und die gewählten Vertreter der Stadt Köln, einer aussterbenden Spezies die Ehre gegeben, ob Sie einen Anachronismus ausgezeichnet haben. Den Frühstückszeitungen dieser Monate entnehme ich, daß die sogenannte „Lesekultur“, auch „Schriftkultur'‘ genannt, nicht nur hierzulande, sondern auf dem ganzen Erdball vom Untergang bedroht ist. Als einen, der vom Schreiben, mithin vom Lesen lebt, kann mich diese Schreckensnachricht nicht gleichgültig lassen. Aber auch Sie als Bürger einer Stadt, die nicht nur Heinrich Bölls Heimat ist, sondern auch den WDR, das größte Medienunternehmen des europäischen Festlandes beherbergt, auch Sie werden sich vielleicht von einer solchen Prognose betroffen fühlen. Wenn ich mich nicht irre, trifft hier also ein persönliches mit einem öffentlichen, ein lokales mit einem allgemeinen Interesse zusammen.
Sind geschriebene Wörter entbehrlich? Das ist die Frage. Wer sie aufwirft, muß über das Analphabetentum sprechen. Die Sache hat nur einen kleinen Haken. Der Analphabet ist nie zur Stelle, wenn von ihm die Rede ist. Er taucht einfach nicht auf, er nimmt unsere Behauptungen überhaupt nicht zur Kenntnis, er schweigt. Ich möchte deshalb seine Verteidigung übernehmen, auch wenn er mich damit keineswegs beauftragt hat.
Jeder dritte Bewohner unseres Planeten kommt ohne die Kunst zu lesen und ohne die Kunst zu schreiben aus. Rund gerechnet 850 Millionen befinden sich in diesem Fall, und ihre Zahl wird mit Sicherheit zunehmen. Sie ist eindrucksvoll, aber irreführend. Denn zum Menschengeschlecht gehören nicht nur die Lebenden und die Ungeborenen, sondern auch die Toten. Wer sie nicht vergißt, muß zu dem Schluß kommen, daß der Alphabetismus nicht die Regel, sondern die Ausnahme ist.
Nur uns, das heißt, einer winzigen Minderheit von Leuten, die lesen und schreiben, konnte es einfallen, Leute, die das nicht zu tun pflegen, für eine winzige Minderheit zu halten. In dieser Vorstellung zeigt sich eine Ignoranz, mit der ich mich nicht abfinden will.
Im Gegenteil: wenn ich sie in Betracht ziehe, so erscheint mir der Analphabet nachgerade als eine ehrwürdige Gestalt. Ich beneide ihn um sein Gedächtnis, um seine Fähigkeit, sich zu konzentrieren, um seine List, seine Erfindungsgabe, seine Zähigkeit, und um sein feines Ohr. Bitte unterstellen Sie mir nicht, daß ich vom guten Wilden träume. Ich spreche nicht von einem romantischen Phantom, sondern von Menschen, denen ich begegnet bin. Es liegt mir fern, sie zu idealisieren. Ich sehe auch die Enge ihres Gesichtskreises, ihren Wahn, ihren Starrsinn, ihre Eigenbrötelei.
Sie werden vielleicht fragen, wie ausgerechnet ein Schriftsteller dazu kommt, die Partei derer zu ergreifen, die nicht lesen können . . . Aber das liegt doch auf der Hand! Weil es die Analphabeten waren, die die Literatur erfunden haben. Ihre elementaren Formen, vom Mythos bis zum Kinderreim, vom Märchen bis zum Lied, vom Gebet bis zum Rätsel, sind allesamt älter als die Schrift. Ohne mündliche Überlieferung gäbe es keine Poesie und ohne die Analphabeten keine Bücher.
Aber die Aufklärung, werden Sie mir entgegenhalten . . . Einverstanden! . . . Die Dumpfheit einer Tradition, welche die Armen von jedem Fortschritt ausschloß! . . . Wem sagen Sie das? Das gesellschaftliche Unglück beruht nicht nur auf den materiellen, sondern auch auf den immateriellen Privilegien der Herrschenden. Es waren die großen Intellektuellen des Dixhuitieme, die diesen Sachverhalt entdeckt haben. Daß das Volk unmündig sei, dachten sie, liege nicht nur an seiner politischen Unterdrückung und an seiner ökonomischen Ausbeutung, sondern auch an seiner Unwissenheit. Spätere Generationen haben aus diesen Prämissen den Schluß gezogen, daß die Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben, zu einem menschenwürdigen Dasein gehört.
Diese folgenreiche Idee erfuhr freilich im Lauf der Zeit eine Reihe von bemerkenswerten Umdeutungen. Fast im Handumdrehen wurde der Begriff der Aufklärung durch den der Bildung ersetzt. „Für die Volksbildung“, so heißt es bei Ignaz Heinrich von Wessenberg, einem deutschen Pädagogen der napoleonischen Zeit, „macht die zweyte Hälfte des Achtzehnten Jahrhunderts Epoche. Die Kenntniß dessen, was dafür geleistet wurde, ist erfreulich dem Menschenfreund, ermunternd dem Priester der Kultur, und für den Geschäftsführer des Gemeinwesens höchst lehrreich.“
Nicht alle Zeitgenossen waren mit ihm einverstanden. Ein anderer Volkserzieher, Johann Rudolph Gottlieb Beyer, schrieb über das Bücherlesen: „Entsteht nun daraus gerade nicht immer Aufstand und Revolution, so machts doch Unzufriedene und Mißvergnügte, die zu den Unternehmungen der gesetzgebenden und exekutiven Gewalt immer scheel sehen, und ihrer Landesverfassung nicht hold sind.“
Das kommt uns bekannt vor. Die Angst vor der Aufklärung hat diese überlebt. Sie überwintert nicht nur in den Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts, sondern auch in der westdeutschen Demokratie. Irgendein gesetzgebender oder exekutiver Trottel hat sich jedenfalls bei uns noch immer gefunden, der die Landesverfassung am liebsten außer Kraft setzen möchte, um sie vor den verderblichen Wirkungen gewisser Druckschriften zu schützen.
Aber auch die konservative Kulturkritik hat in den letzten zwei Jahrhunderten wenig dazugelernt. Sie läßt und läßt ihren warnenden Zeigefinger nicht sinken. „Warum“, so fragte sich Johann Georg Heinzmann schon zu Goethes Zeiten, „warum (soll) gerade für die yerdorbenere Menschengattung vorzüglich geschrieben und gedruckt werden, die ewig belustiget, ewig geschmeichelt, ewig getäuscht sein will?“
„Die Folgen einer solchen geschmackund gedankenlosen Lektüre sind . . . unsinnige Verschwendung, unüberwindliche Scheu vor jeder Anstrengung, grenzenloser Hang zum Luxus, Unterdrückung der Stimme des Gewissens, Lebensüberdruß, und ein früher Tod“, beklagte Johann Adam Bergk.
Ich zitiere aus diesen längst verschollenen Schriften, weil ihre Thesen bis auf den heutigen Tag herumspuken. Wer sich unsere kulturpolitischen Sonntagsreden und Podiumsdiskussionen anhört, muß den Eindruck gewinnen, daß uns im Lauf von zweihundert Jahren kaum ein neues Argument eingefallen ist.
Was allerdings das Projekt der Alphabetisierung betrifft, so sind wir damit kräftig vorangekommen. Hier haben die Menschenfreunde, die Priester der Kultur und die Geschäftsführer des Gemeinwesens, so scheint es, durchschlagende Erfolge erzielt. Wer möchte nicht Joseph Meyer widersprechen, einem der tüchtigsten Verleger des neunzehnten Jahrhunderts, der die Parole erfunden hat: Bildung macht frei! Die Sozialdemokratie erhob diese Losung zur politischen Forderung. Wissen ist Macht! Kultur für alle! Bis auf den heutigen Tag kämpft sie unverdrossen gegen das Bildungsprivileg und für die Chancengleichheit. Seit Bebel und Bismarck folgt eine Freudenbotschaft der andern. Die Analphabetenrate war in Deutschland schon 1880 auf unter ein Prozent gesunken. In manchen anderen europäischen Ländern hat es etwas länger gedauert. Doch auch der Rest der Welt macht enorme Fortschritte, seitdem die Unesco 1951 die Bekämpfung des Analphabetentums auf ihre Fahnen geschrieben hat. Mit einem Wort: Das Licht hat über die Finsternis gesiegt.
Unsere Freude über diesen Triumph hält sich in Grenzen. Die Botschaft ist zu schön, um wahr zu sein. Nicht weil ihnen danach zumute war, haben die Völker lesen und schreiben gelernt, sondern weil sie dazu gezwungen worden sind. Ihre Emanzipation war zugleich eine Entmündigung. Von nun an unterlag das Lernen der Kontrolle des Staates und seiner Agenturen: der Schule, der Armee und der Justiz. Als die Kinder von Ravensburg anno 1811 zu einer Preisverleihung antraten, wußten sie bereits ein Lied davon zu singen:
Fleiß, Gehorsam sind die Pflichten, Welche redlich zu entrichten Gute Bürger sich bestreben: Aber so nach Pflicht zu leben, Prägen Schulen nur allein In das Herz der Jugend ein.Daß wir uns der Tugend weih‘n, Und so mancher Kenntniß freu‘n, Danken wir der Schul‘ allein; Laßt uns ewig dankbar seyn. Heil dem König, Heil dem Staat, Wo man gute Schulen hat!
Der Zweck, den die Alphabetisierung der Bevölkerung verfolgte, hatte nichts mit Aufklärung zu tun. Die Menschenfreunde und die Priester der Kultur, die für sie eintraten, waren nur die Handlanger der kapitalistischen Industrie, die vom Staat verlangte, daß er ihr qualifizierte Arbeitskräfte zur Verfügung stellte. Um das Gute Wahre Schöne, von dem die patriarchalischen Verleger des Biedermeiers sprachen und das ihre heutigen Nachfahren immer noch gern zitieren, ist es nie gegangen. Es handelte sich nicht darum, der „Schriftkultur“ den Weg zu bahnen, geschweige denn, die Menschen aus ihrer Unmündigkeit zu befreien. Von einem ganz anderen Fortschritt war die Rede. Er bestand darin, die Analphabeten, diese „allerniedrigste Menschenklasse“, zu zähmen, ihnen ihre Phantasie und ihren Eigensinn auszutreiben und fortan nicht nur ihre Muskelkraft und ihr handwerkliches Geschick, sondern auch ihre Gehirne auszubeuten.
Um den schriftlosen Menschen abzuschaffen, mußte man ihn jedoch erst einmal definieren, aufspüren und entlarven. Der Begriff des Analphabetentums ist nicht alt. Seine Erfindung läßt sich ziemlich genau datieren. Das Wort erscheint zum erstenmal in einer englischen Schrift aus dem Jahre 1876 und breitet sich dann rasch über ganz Europa aus. Gleichzeitig erfindet Edison die Glühbirne und den Phonographen, Siemens die elektrische Lokomotive, Linde die Kältemaschine, Bell das Telephon und Otto den Benzinmotor. Der Zusammenhang liegt auf der Hand.
Im übrigen fällt der Triumph der Volksbildung in Europa mit der maximalen Entfaltung des Kolonialismus zusammen. Auch das ist kein Zufall. In den Lexika der Zeit ist die Behauptung nachzulesen, die Zahl der Analphabeten sei, „verglichen mit der Gesamtbevölkerung eines Landes, bezeichnend für den Kulturzustand eines Volkes“. „Derselbe (ist) am geringsten in den slaw. Ländern und bei den Schwarzen der Vereinigten Staaten von Amerika . . . Auf der höchsten Stufe stehen die … germ. Länder, die Weißen der Vereinigten Staaten von Amerika und der finn. Stamm.“ Da darf auch der Hinweis nicht fehlen, daß „die Männer. . . durchschnittlich höher als die Frauen“ stehen (Meyers Großes Konversationslexikon 1905, Brockhaus 1894). sich für wohlinformiert, kann Gebrauchsanweisungen, Piktogramme und Schecks entziffern und bewegt sich in einer Umwelt, die ihn hermetisch gegen jede Anfechtung seines Bewußtseins abschottet. Daß er an seiner Umgebung scheitert, ist undenkbar. Sie hat ihn ja hervorgebracht und ausgebildet, um ihren störungsfreien Fortbestand zu garantieren. Der sekundäre Analphabet ist das Produkt einer neuen Phase der Industrialisierung. Eine Wirtschaft, deren Problem nicht mehr die Produktion, sondern der Absatz ist, kann keine disziplinierte Reservearmee mehr brauchen. Sie benötigt qualifizierte Konsumenten. Mit dem klassischen Produktionsarbeiter und Büroangestellten wird auch das rigide Training überflüssig, dem sie unterworfen waren, und das Alphabetentum wird zu einer Fessel, die es möglichst rasch abzustreifen gilt. Gleichzeitig mit dieser Problemstellung hat unsere Technologie auch die adäquate Lösung entwickelt. Das ideale Medium für den sekundären Analphabeten ist das Fernsehen.
Wahrscheinlich sind die meisten Theorien, die über diese Erscheinung aufgestellt worden sind, falsch. Ich weiß wovon ich rede; denn es ist noch keine zwanzig Jahre her, daß ich den elektronischen Medien wunderbare emanzipatorische Möglichkeiten zuschrieb. Immerhin hatte eine solche Hoffnung, auch wenn sie unbegründet war, den Vorzug der Verwegenheit. Von den Betrachtungen des amerikanischen Soziologen Neil Postman, die heute von sich reden machen, kann man das nicht behaupten: „Wenn ein Volk sich von Trivialitäten ablenken läßt, wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endlose Reihe von Unterhaltungsveranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn der öffentliche Diskurs zum unterschiedslosen Geplapper wird, kurz, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Angelegenheiten zur Variete-Nummer herunterkommen, dann ist die Nation in Gefahr – das Absterben der Kultur wird zur realen Bedrohung.“
Nur die Terminologie hat sich verändert; ansonsten ist die Argumentation des Amerikaners von 1985 identisch mit der des braven Schweizers, der im Jahre 1795 einen „Appell an seine Nation“ richtete, um sie vor dem drohenden Zusammenbruch der Kultur zu warnen. Selbstverständlich hat Mr. Postman mit seiner zentralen Behauptung recht, die da lautet: Fernsehen ist Quatsch mit Soße. Merkwürdig ist nur, daß er hierin einen Einwand zu sehen scheint. Der Tatsache, daß es schwachsinnig ist, verdankt das Fernsehen ja gerade seinen Charme, seine Unwiderstehlichkeit, seinen Erfolg. Noch sonderbarer, ist ein anderer Tick, der an den Apologeten der Lesekultur zu beobachten ist. Es scheint ihnen im höchsten Grade darauf anzukommen, mit welchen Mitteln der Schwachsinn produziert wird. Erscheint er nämlich schwarz auf weiß gedruckt, so handelt es sich offensichtlich um ein Kulturgut; wird er dagegen über Antenne oder Kabel verbreitet, so ist die „Nation in Gefahr“. Tja, wer Kulturkritik für bare Münze nimmt, ist selber schuld.
Mir jedenfalls fällt es schwer, einer Kassandra zu glauben, deren Unkenrufe dazu dienen, ihren eigenen Umsatz zu verteidigen, noch dazu, wenn sie zugleich und blindlings nach neuen Absatzmärkten greift. Erinnern wir uns: Es war ein Druckerzeugnis, die Bild-Zeitung, ein prophetisches Produkt, mit dem bewiesen worden ist, daß man Abschaffung der Lektüre als Lektüre verkaufen und ein Print-Medium für sekundäre Analphabeten herstellen kann. Und natürlich sind es Verleger, die sich darum reißen, die Nation zu verkabeln, Satellitenkeulen zu schwingen und den Kontinent mit Programmen zu überziehen, aus denen jede Spur von Programm getilgt ist. Genau wie vor hundert Jahren, als es um die Alphabetisierung der Bevölkerung ging, können sie sich auch heute, wo es sich darum handelt, diese rückgängig zu machen, auf die Unterstützung des Staates verlassen. Dabei entspricht das Projekt der Zwangsverkabelung exakt dem „Schulzwang“, von dem damals die einschlägigen Gesetze sprachen. Es trifft sich gut, daß der Industrie als Gesprächspartner ein Minister zur Verfügung steht, der den Typus des sekundären Analphabeten selbst in wünschenswerter Deutlichkeit verkörpert.
Auch die staatliche Bildungspolitik wird sich auf die neuen Prioritäten einrichten müssen. Mit der Kürzung der Bibliotheksetäts ist bereits ein erster Schritt getan worden. Auch im Schulwesen sind Neuerungen zu verzeichnen. Bekanntlich kann man heute acht Jahre lang in die Schule gehen, ohne Deutsch zu lernen, und auch an den Universitäten wird dieser germanische Dialekt allmählich zu einer nur mangelhaft beherrschten Fremdsprache.
Bitte glauben Sie nicht, daß mir daran gelegen wäre, gegen einen Zustand zu polemisieren, dessen Unvermeidlichkeit mir einleuchtet; ich gedenke ihn auch nicht zu bejammern; ich möchte ihn nur darstellen und, so weit mir das vergönnt ist, zu erklären. Die raison d‘etre des sekundären Analphabeten zu bestreiten, wäre töricht, und es liegt mir fern, ihm seinen Platz an der Sonne und seine Belustigungen zu mißgönnen.
Dagegen ist es wohl erlaubt, festzustellen, daß das historische Projekt der Aufklärung in dieser Hinsicht gescheitert ist. Was die Losung „Kultur für alle“ betrifft, so nimmt sie sich nachgerade komisch aus. Noch weniger ist eine klassenlose Kultur in Sicht. Ganz im Gegenteil ist ein Zustand absehbar, in dem sich immer schärfer voneinander abgegrenzte kulturelle Milieus ausbilden, die keine gemeinsame Öffentlichkeit mehr kennen.
Ich möchte sogar die Behauptung riskieren, daß sich die Bevölkerung immer deutlicher in kulturelle Kasten aufspalten wird. (Natürlich verwende ich diesen Terminus in deskriptiver Absicht, ohne systematischen Anspruch.) Diese Kasten lassen sich nicht mehr mit Hilfe des überlieferten marxistischen Modells beschreiben, demzufolge die herrschende Kultur die Kultur der Herrschenden ist. Ökonomische Klassenlage und Bewußtsein treten immer mehr auseinander.
Dabei wird es in der Regel so sein, daß sekundäre Analphabeten die Spitzenpositionen in Politik und Wirtschaft besetzen. Es genügt in diesem Zusammenhang, auf den amtierenden Präsidenten der Vereinigten Staaten und auf den amtierenden Bundeskanzler zu verweisen. Umgekehrt kann man hierzulande, ebenso wie in den USA, mühelos ganze Scharen von Taxifahrern, Hilfsarbeitern, Zeitungsverkäufern und Sozialhilfeempfängern finden, die es mit ihrem überlegenen Problembewußtsein, ihren kulturellen Standards und ihren weitreichenden Kenntnissen in jeder anderen Gesellschaft weit gebracht hätten. Aber selbst eine solche Gegenüberstellung verfehlt noch den wirklichen Sachverhalt, der keine eindeutigen Zuordnungen mehr erlaubt; denn auch unter arbeitslosen Lehrern kann man Zombies, auch im Bundespräsidialamt Leute treffen, die nicht nur lesen und schreiben, sondern sogar produktiv denken können. Das heißt aber auch, daß der soziale Determinismus in Fragen der Kultur ausgedient hat. Das sogenannte Bildungsprivileg nat seinen Schrecken verloren. Wenn die Eltern in beiden Fällen sekundäre Analphabeten sind, hat das Prominentenkind dem Arbeitersohn nichts mehr voraus. Welcher kulturellen Kaste einer angehört, hängt fortan eher von der eigenen Option als von der Herkunft ab.
Ich schließe aus alledem, daß sich die Kultur in unserem Land in einer völlig neuen Lage befindet. Den Anspruch auf Allgemeinverbindlichkeit, den sie stets erhoben, aber nie eingelöst hat, können wir vergessen. Die Herrschenden, in ihrer Mehrheit sekundäre Analphabeten, haben jedes Interesse an ihr verloren. Das hat zur Folge, daß sie keinem herrschenden Interesse mehr dienen muß und dienen kann. Die Kultur legitimiert nichts mehr. Sie ist vogelfrei; das ist immerhin auch eine Art von Freiheit. Eine solche Kultur ist auf ihre eigenen Kräfte angewiesen, und je eher sie das einsieht, desto besser.
Ach ja, die Frage, ob Sie einen Anachronismus ausgezeichnet haben — fast hätten wir sie vergessen! Nun, was die Literatur angeht, so ist sie, glaube ich, von den Veränderungen, die ich angedeutet habe, weniger betroffen, als es scheinen könnte. Sie war im Grunde immer eine minoritäre Angelegenheit. Wahrscheinlich ist sich die Zahl derjenigen, die mit ihr leben, im Lauf der letzten zwei Jahrhunderte relativ gleichgeblieben. Nur ihre Zusammensetzung hat sich verändert. Es ist längst kein Standesprivileg, aber auch kein Standeszwang mehr, sich mit ihr zu befassen. Der Sieg des sekundären Analphabetismus kann die Literatur nur radikalisieren: Er führt einen Zustand herbei, in dem nur noch freiwillig gelesen wird. Wenn sie aufgehört hat, als Statussymbol, als sozialer Code, als Erziehungsprogramm zu gelten, dann werden nur noch diejenigen die Literatur zur Kenntnis nehmen, die es nicht lassen können.
Das mag beklagen, wer will. Ich habe keine Lust dazu. Auch das Unkraut ist schließlich eine Minderheit, und jeder Stadtgärtner weiß, wie schwer es auszurotten ist. Die Literatur wird weiterwuchern, solange sie über eine gewisse Zähigkeit, eine gewisse List, die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, einen gewissen Eigensinn und ein gutes Gedächtnis verfügt. Sie erinnern sich: Es sincldies die Eigenschaften des wahren Analphabeten. Vielleicht ist er es, der das letzte Wort behalten wird. Denn er braucht kein anderes Medium als eine Stimme und ein Ohr.

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