Archiv der Kategorie 'Sprachen'

Autour de Fritz Mauthner

Du scepticisme linguistique à la mystique sans Dieu et à l’histoire de l’athéisme : Fritz Mauthner [1849-1923] par Jacques Le Rider au colloque Les religions du XIXe siècle (Fondation Singer-Polignac, 26 novembre 2009).

Qu’est-ce qu’une langue maternelle : réflexions sur Fritz Mauthner, Franz Kafka et Elias Canetti (Conférence de Jacques Le Rider au Collège de France, 10 mai 2012)

J. Le Rider : Crise du langage et position mystique : le moment 1901-1903, autour de Fritz Mauthner (Germanica 43 | 2008 : Modes intellectuelles et capitales mitteleuropéennes autour de 1900 : échanges et transferts, pp. 13-27)

Victor Klemperer, LTI – Notizbuch eines Philologen (1947)

AUFZIEHEN
Ich ziehe eine Uhr auf, ich ziehe die Kette eines Gewebes am Webstuhl auf, ich ziehe ein automatisches Spielzeug auf: überall handelt es sich um mechanische Tätigkeit, die an einem widerstandslosen, leblosen Ding ausgeübt wird.
Vom automatischen Spielzeug, dem drehenden Brummkreisel, dem laufenden und nickenden Tier, führt der Weg zur metaphorischen Anwendung des Ausdrucks: ich ziehe einen Menschen auf. Das heißt: ich necke ihn, ich mache ihn zur komischen Person, zum Hampelmann; Bergsons Erklärung des Komischen, es bestehe in der Automatisierung des Lebendigen, findet sich hier durch den Sprachgebrauch bestätigt.
Gewiß ist „Aufziehen“ in diesem Sinn ein zwar harmloses, aber doch ein Pejorativ. (So nennt der Philologe jede „verschlechterte“ oder verringerte Wortbedeutung; der Kaisername Augustus, der Erhabene, ergibt als Pejorativ den dummen August, den Zirkusclown.)
In der Moderne bekam „aufziehen“ eine zugleich lobende und doch entschieden pejorative Sonderbedeutung. Man sagte von einer Reklame, sie sei gut oder groß aufgezogen. Das bedeutete die Anerkennung geschäftlicher, werbungstechnischer Tüchtigkeit, war aber zugleich ein Hinweis auf das Übertreibende, das Marktschreierische, das nicht ganz dem tatsächlichen Wert der angepriesenen Sache Entsprechende eines Angebots. Vollkommen deutlich und eindeutig als Pejorativ trat das Verbum auf, wenn ein Theaterkritiker urteilte, der Autor habe die und jene Szene groß aufgezogen. Das hieß, der Mann sei mehr skrupelloser Techniker (und Publikumsverführer) als ehrlicher Dichter.
Ganz im Anfang des Dritten Reichs sah es einen Augenblick so aus, als übernähme die LTI diese metaphorische Tadelsbedeutung. Die nazistischen Zeitungen rühmten als patriotische Tat, daß brave Studenten „das wissenschaftlich aufgezogene Institut für Sexualforschung des Professors Magnus Hirschfeld zerstört“ hatten. Hirschfeld war Jude, und also war sein Institut „wissenschaftlich aufgezogen“ und nicht wahrhaft wissenschaftlich.
Aber wenige Tage später zeigte es sich, daß dem Verbum an sich nichts Pejoratives mehr anhaftete. Am 30. Juni 1933 erklärte Goebbels in der Hochschule für Politik, die NSDAP habe eine „Riesenorganisation von mehreren Millionen aufgezogen, in der ist alles zusammengefaßt, Volkstheater, Volksspiele, Sporttouristik, Wandern, Singen, und wird vom Staat mit allen Mitteln unterstützt“. Jetzt ist „aufziehen“ vollkommen ehrlich, und wenn die Regierung triumphierend Rechenschaft ablegt von der Propaganda, die der Saar-Abstimmung voraufgegangen ist, dann spricht sie von der „groß aufgezogenen Aktion“. Keiner Seele fällt es mehr ein, etwas Reklamehaftes in dem Wort zu finden. 1935 erscheint in deutscher Übersetzung aus dem Englischen bei Holle& Co. „Seiji Noma, Autobiographie des japanischen Zeitungskönigs“. Dort heißt es mit voller Anerkennung: „Jetzt entschloß ich mich …, eine vorbildliche Organisation zur Erziehung studentischer Redner aufzuziehen.“
Die gänzliche Unempfindlichkeit gegen den mechanistischen Sinn des Verbums geht daraus hervor, daß es wiederholt von einer Organisation ausgesagt wird. Hier liegt eine der stärksten Spannungen der LTI offen: Während sie überall das Organische, das naturhaft Gewachsene betont, ist sie gleichzeitig von mechanischen Ausdrücken überschwemmt und ohne Gefühl für den Stilbruch und die Würdelosigkeit solcher Zusammenstellungen wie einer „aufgezogenen Organisation“.
„Fragt sich nur, ob man die Nazis für ‚aufziehen’ verantwortlich machen darf“, warf mir F. ein. Wir hatten im Sommer 1943 Nachtschicht an derselben Mischtrommel für deutsche Tees, es war eine sehr anstrengende Arbeit, besonders in der Hitze, da wir des furchtbaren Staubes halber Kopf und Gesicht vermummt halten mußten wie die Chirurgen; in den Pausen nahmen wir Brille, Mundtuch und Mützen ab – F. trug ein altes Richterbarett, er war Landgerichtsrat gewesen –, saßen auf einer Kiste und unterhielten uns über Völkerpsychologie, wenn wir nicht die Kriegslage erörterten. Wie alle, die das Judenhaus in der engen Sporergasse bewohnten, ist er in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 zugrunde gegangen.
Von „aufziehen“ also behauptete er, es schon um 1920 in ganz neutraler Bedeutung gehört und gelesen zu haben. „Gleichzeitig mit, und ähnlich wie plakatieren“, sagte er. Ich erwiderte ihm, daß mir „aufziehen“ im neutralen Sinn von damals her nicht bekannt sei und daß mich die gedächtnismäßige Zusammenstellung mit „plakatieren“ doch auf pejorative Tönung schließen lasse. Vor allem aber, und dies ist nun eine Meinung, der ich prinzipiell in allen einschlägigen Reflexionen folge, vor allem komme es mir nie darauf an, die Erstmaligkeit eines Ausdrucks oder einer bestimmten Wortwertung festzustellen, denn das sei doch in den allermeisten Fällen unmöglich, und wenn man den ersten gefunden zu haben meine, der das betreffende Wort gebrauche, so finde sich immer noch ein Vorgänger hinzu. F. möge nur im Büchmann unter „Übermensch“ nachsehen: bis auf die Antike werde das Wort zurückgeführt.
Und ich selbst habe neulich im alten Fontane, im „Stechlin“, einen „Untermenschen“ entdeckt, wo doch die Nazis so stolz auf ihre jüdischen und kommunistischen Untermenschen und das dazugehörige Untermenschentum sind.
Mögen sie ruhig darauf stolz sein, genauso wie Nietzsche trotz berühmter Vorgänger auf seinen Übermenschen stolz sein darf. Denn ein Wort oder eine bestimmte Wortfärbung oder -wertung gewinnen erst da innerhalb einer Sprache Leben, sind erst da wirklich existent, wo sie in den Sprachgebrauch einer Gruppe oder Allgemeinheit eingehen und sich eine Zeitlang darin behaupten. In diesem Sinn ist der „Übermensch“ fraglos Nietzsches Schöpfung, und der „Untermensch“ und das unspöttisch neutrale „aufziehen“ kommen bestimmt auf das Konto des Dritten Reichs.
Wird ihre Zeit mit der des Nazismus abgelaufen sein? Ich bemühe mich darum, bin aber skeptisch.
Diese Notiz arbeitete ich im Januar 1946 aus. Am Tage nach der Fertigstellung hatten wir eine Sitzung des Dresdner Kulturbundes. Ein Dutzend derer, denen durch ihre Wahl besondere Kultiviertheit bezeugt worden ist und die nun also vorbildlich wirken sollen. Es ging um die Veranstaltung einer der jetzt ringsum üblichen Kulturwochen, u. a. um eine Kunstausstellung. Einer der Herren sagte, etliche der für die „Volkssolidarität“ gestifteten und nun in die Ausstellung einzubeziehenden Bilder seien Schinken. Sofort wurde ihm erwidert: „Unmöglich! Wenn wir hier in Dresden eine Kunstausstellung veranstalten, dann müssen wir sie auch groß und unantastbar aufziehen“.

Victor Klemperer, LTI – Notizbuch eines Philologen, Berlin, Aufbau, 1947

Sprachliche Grenzen

(AdA via Strange Maps)

Faire de la perruque…

(Collection Robert Kosmann)

Perruque: Argot ouvrier. Travail que l’ouvrier fait en fraude pour son propre compte, avec le matériel ou sur le temps de l’employeur. (Trésors de la langue française)

Fr. Faire de la perruque; faire une perruque; travail (fait) en perruque.

Engl. Government job [M. Glaberman]; factory homers [M. Anteby].

Deutsch ?? (das „auf eigene Rechnung arbeiten“ während der offiziellen Arbeitszeit. Wie sagt man das?)

« …die Praktik, während der Arbeit, für die man offiziell bezahlt wird, eigenen Beschäftigungen nachzugehen. Im französischen Argot wird diese Praktik als faire de la perruque bezeichnet. Dieses Phänomen breitet sich überall aus, auch wenn die Vorgesetzten es bestrafen oder „ein Auge zudrücken“ weil sie es nicht gesehen haben wollen. Ein Arbeiter, der während der offiziellen Arbeitszeit für sich selber arbeitet und dem vorgeworfen wird, zu stehlen, Material zu seinem persönlichen Vorteil zu verwenden und die Maschinen für seine eigenen Zwecke zu benutzen, entzieht der Fabrik Zeit (und zwar mehr als Rohstoffe, da er in der Regel nur Reste verwertet), um frei, kreativ und vor allem nicht für den Profit zu arbeiten. Gerade an den Orten, welche von der Maschine, der er dienen muß, beherrscht werden, mauschelt er, um sich das Vergnügen zu verschaffen, zwecklose Produkte zu erfinden, die ausschließlich dazu dienen, durch sein Werk ein eigenes „Know-how“ zum Ausdruck zu bringen und durch eine Verschwendung der Solidarität der Arbeitskollegen und der Familie gerecht zu werden. Mit Hilfe der komplizenhaften Unterstützung durch andere Arbeiter (die auf diese Weise ihre von der Fabrik aufgezwungene Konkurrenzsituation umgehen) landet er seine „Coups“ im Bereich der etablierten Ordnung. Weit davon entfernt, ein Rückfall in kunsthandwerkliche oder individuelle Produktionseinheiten zu sein, führt: das „für sich arbeiten“ wieder die „populären“ Taktiken von früher oder von woanders in den industriellen Raum (das heißt in die gegenwärtige Ordnung) ein. » (M. de Certeau, Kunst des Handelns, Berlin, Merve, 1988, S. 71f.)

« Il n’est pas possible de cantonner dans le passé, dans les campagnes ou chez les primitifs les modèles opératoires d’une culture populaire. Ils existent au coeur des places fortes de l’économie contemporaine. C’est le cas de la perruque. Ce phénomène se généralise partout, même si les cadres le pénalisent ou ‘ferment les yeux’ pour n’en rien savoir. Accusé de voler, de récupérer du matériel à son profit et d’utiliser les machines pour son compte, le travailleur qui ‘fait la perruque’ soustrait à l’usine du temps (plutôt que des biens, car il n’utilise que des restes) en vue d’un travail libre, créatif et précisément sans profit. Sur les lieux mêmes où règne la machine qu’il doit servir, il ruse pour le plaisir d’inventer des produits gratuits destinés seulement à signifier par son œuvre un savoir-faire propre et à répondre par une dépense à des solidarités ouvrières ou familiales. Avec la complicité d’autres travailleurs (qui font ainsi échec à la concurrence fomentée entre eux par l’usine), il réalise des ‘coups’ dans le champ de l’ordre établi. Bien loin d’être une régression vers des unités artisanales ou individuelles de production, la perruque réintroduit dans l’espace industriel (c’est-à-dire dans l’ordre présent) les tactiques ‘populaires’ de jadis ou d’ailleurs. » (M. de Certeau, L’invention du quotidien, Paris, Gallimard, 1990, Nouvelle édition, tome 1 : Arts de faire, pp. 45-46).

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Michel Anteby, « La ‘Perruque’ en usine: Approche d‘une pratique marginale, illégale et fuyante », Sociologie du Travail 45, n°4 (octobre-décembre 2003), pp. 453-471.
Engl.: « Factory ‘Homers’: Understanding a Highly Elusive, Marginal, and Illegal Practice », Sociologie du Travail 48 [Annual English Language Edition], n°S1 (2006), e22-e38.

Robert Kosmann, « La perruque ou le travail masqué », Renault-Histoire, n°11, juin 1999, pp. 20-27.

Robert Kosmann, « Le travail en ‘perruque’ : entre résistance et régulations », Histoire & sociétés, n°17, 1er trimestre 2006, pp. 67-83.

Klaus Heinrich – Gemütlichkeit (1984)

„Gemütlichkeit“ ist kein harmloses Wort. Unübersetzbar und darum ein nationaler deutscher Abdruck in zahlreichen fremden Sprachen, führt es zunächst ein typisch protestantisches Schicksal vor: den Prozeß der Verinnerlichung der Seelenkräfte (von „Mut“ zu „Gemüt“), der dann im Momente ihres neuerlichen, äußeren Niederschlags sich zu einer eifersüchtig gehüteten besonderen Sphäre verdichtet. Scheinbar entleert von allen Allgemeinheiten und öffentliches Interesse beanspruchenden „äußeren“ Inhalten, steht das Wort nun den verschiedensten inneren Empfindungen offen; sein einmal spezifisch pietistischer Gebrauch scheint sich im Prozeß der Säkularisierung des „frommen“ Gemüts in ein durchaus weltlich-wohliges Gefühl verwandelt zu haben; wie denn auch das neue „Große Duden-Wörterbuch der deutschen Sprache“ unter diesem Stichwort vermerkt: „das Gefühl der Behaglicheit auslösenden Atmosphäre“; „Zwanglosigkeit“; „Bedachtsamkeit Ruhe, Gemächlichkeit“; und über derartige Bestimmungen hinaus dem Adjektiv „gemütlich“ noch dazu bescheinigt: den „warm-freundlichen“ Charakter einer solchen Atmosphäre, überhaupt so angenehme Qualitäten wie „umgänglich“, „freundlich“, „gesellig“.
Nicht mitgeteilt wird eine Beobachtung, die Hermann Paul in seinem „Deutschen Wörterbuch“ schon 1897 macht: „Es erscheint in verschiedenen Schattierungen, den verschiedenen Gemütsarten der Menschen entsprechend, nicht selten im Sinne eines bequemen Spießbürgertums.“ Aber das wäre noch harmlos und würde ein aktuelles Stichwort „Gemütlichkeit“ nicht rechtfertigen, hätte dieses Wort nicht in der jüngeren deutschen Geschichte ein ungemütliches Revers bekommen, nämlich „Brutalität“, und wäre es nicht mit diesem Revers zusammen zum Charakteristikum einer spezifisch nationalen Mentalität geworden, die ich vorwegnehmend als die der „Bande“ bezeichnen will; der aus dem pietistischen Gebrauch des Worts verdrängte „Mut“ kehrt in entstellter Form zurück: als ein der Sublimierung unzugängliches, von seiner „gemütlichen“ Kehrseite hinfort nicht mehr wegdenkbares Brutalverhalten.
„Ungemütlich“: die Verwendung dieses Worts, insbesondere in dem charakteristischen Umschlag gebraucht, den das „ungemütlich werden“ benennt, signalisiert eine soziale Drohung. Daß diese essentiell zu der Gemütlichkeits-Struktur hinzugehört, kann ein frühes, unverfängliches Beispiel deutlich machen: Edmund Husserl, in dem Manuskript der „Fünf Vorlesungen zur Idee der Phänomenologie“ von 1907, hat unter dem Stichwort „Der phänomenologischen Betrachtung dritte Stufe“ den erstaunlichsten Wortgebrauch (und wir sollten ihn nicht nur der teils zerbröselnden, teils zwanghaft zusammengehaltenen Sprache eines Lebensphilosophie und Bürokratie auf den gemeinsamen Nenner von Protokollsätzen ringenden Autors zugutehalten, sondern uns lieber fragen, was jenes Zerbröseln und diesen Zwang bewirkt – warum schon Husserl eine repräsentative, allgemein-verbindliche Sprache der Philosophie nicht mehr möglich war; warum die Allgemeinverbindlichkeit jetzt anderswo gesucht werden muß). Nach bedächtigem Lobpreis der „phänomenologischen Sphäre“ als einer „Immanenz im echten Sinn“ folgt der dekuvrierende Satz: „Die Sache wird aber weniger gemütlich, wenn wir uns die Gegebenheiten näher ansehen“ denn – nun mit der xenophoben Wendung einer Philosophie, die „Fremderfahrung“ erst erträgt, wenn sie auf die „Eigenheitssphäre“ reduziert, somit selbst als `“eigenheitlich“ ausgewiesen werden kann (vgl. § 44 der „Cartesianaischen Meditationen“ von 1932) – „die cogitationes, die wir als schlichte Begebenheiten für so gar nichts Mysteriöses halten, bergen allerlei Transzendenzen“ – hier, unter Berührungsangst, erstmals der aus dem philosophischen Text mit allen Anzeichen eines privaten Alarms herausfallende Gebrauch unseres Wortes. Aber die kaputte Sphäre, die er indiziert, ist es nicht weniger dort, wo mit unserem Wort eine völkisch-nationale Schutzgottheit beschworen wird: „Ein Prosit, ein Prosit der Ge-müt-lich-keit!“ – gesellig und mit Lallstimme, in dem Moment, in dem die Vollen entleert und alle wechselseitigen Beziehungen aufgehoben erscheinen; und abermals das Zeichen des Alarms: daß die so Singenden gleich „ungemütlich“ werden.
Fragen wir nach dem Subjekt, das hier und in den anderen Fällen eines solchen Umschlags von Gemütlichkeit in Brutalität, von Brutalität in Gemütlichkeit („Jetzt hört aber die Gemütlichkeit auf“ und „Jetzt machen wir es uns aber erst einmal gemütlich“) kollektiv erscheint; aber muten wir uns vorher noch den Umweg über eine Sphäre zu, für die das Wort Gemütlichkeit die sozusagen dingliche Entsprechung bildet – die des „gemütlichen“ Interieurs –, und werfen wir gleich einen Blick auf es in seiner repräsentativsten Form. – Ein Nachtspaziergang unter den von Albert Speer entworfenen und aufgestellten Kandelabern der ehemaligen Ost-West-Achse der Reichshauptstadt Berlin (also vom Brandenburger Tor bis zum heutigen Theodor-Heuß- Platz – die Mehrzahl von ihnen wurde unter der Berliner Nachkriegs-Stadtregierung pietätvoll restauriert) lehrt das Simultane von Brutalität und Gemütlichkeit – den Moment, in dem der Umschlag erstarrt – optisch kennen: Totenkult-Kandelaber für den Aufmarsch der Kohorten aus dem Lager zur Opferstätte, mit je zwei urnenförmigen Leuchten und dem Pinienzapfen der Gräberstraße, dieser zu einer kleinen schwarzen Flamme stilisiert; und von ihnen ausgehend, ein milchig-heimeliges Schlafzimmerlicht. Sie sind die passenden Außenmöbel zum Interieur der – nach dem Krieg geschleiften – Neuen Reichskanzlei des gleichen Architekten: Grünpflanzen, Ampelleuchten und Tapisserien vor den Marmorwänden des fast 400 Quadratmeter messenden Riesenraums mit kahler Kassettendecke; Ohrensessel und Leselampe auf der Teppichinsel; der Ledersessel für den Chef, der brokatene steife Besuchersessel von der Teppichinsel weg auf den nackten Fußboden gerückt; vor ihm erscheinend, an der Vorderseite des sarkophagartigen Schreibtischs mit Trampelfüßen, die Intarsie des halb aus der Scheide gezogenen Schwerts; konfektschachtelförmige Wappen über den Türen; und über der Zugangstür von der Galerie aus mit den zwanglosen kleinen Sitzgruppen für die dort lümmelnden Ordonnanzen: die Initialen des Chefs. – Welcher Art ist hier die Repräsentation? Wen repräsentiert sie und zwecks Stillung welchen Bedürfnisses?
Banden-Repräsentation – der Begriff, den ich hierfür vorschlagen möchte – stillt ein kollektives Bedürfnis; sie macht, wenn meine Vermutung sich als stichhaltig erweist, die Faszination verständlich, die den Nationalsozialismus als die Volksbewegung, die er war, d.h. mit der Mehrzahl der Bewohner dieses Landes quer durch alle Schichten hinter sich, 12 lange Jahre lang begleitet hat (das ja der eigentliche Skandal: die akklamierte und keineswegs nur zähneknirschend hingenommene „Volksgemeinschaft“); und eine derartige Faszination kann auch anderes verständlicher machen, z.B. die Haltbarkeit dieses für sie in Anspruch zu nehmenden Amalgams von Inbrunst und Zynismus in, wohlgemerkt, einunddenselben Personen.
Bandenfaszination reicht natürlich weit hinter die Geschichte des Nationalsozialismus zurück: die Jugendbanden vom Wartburgfest an, Corps und schlagende Verbindungen, später die Trüppchen der Jugendbewegung zur Zeit des deutschen Vorzeige-Kapitalismus im Kaiserreich und in der Republik, und dahinter natürlich immer die lustvoll betrachteten, weil gefürchteten Räuberbanden, signalisieren das Auseinandertreten des Bedürfnisses nach gesellschaftlich verbindlicher Reflexion und nach einem repräsentativen Vital-Subjekt. Reflexion, ins Spiegelkabinett des einzelnen Subjekts verbannt, sozusagen dessen innere Unendlichkeit, von dieser ebenso wie von den realen Arbeitsvorgängen zunehmend abgeschnitten und durch sie so wenig repräsentiert wie sie durch es, angewiesen daher auf bandenartige Zusammenschlüsse, Entleerung, Toben: ein Problem, aus dem die Philosophien seit dem Ende des vergangenen Jahrhunderts sich in Subjektlosigkeit zu retten suchen, seismographisch zugleich Kunde gebend von den Absatzbewegungen der empirischen Subjekte. – Doch wie die Bewegungslust der Bande, als einer doch zunächst weitgehend jugendlichen Erscheinungsform – und als diese ausgewiesen gerade durch das knäbische Verhalten der sie nachäffenden Altherren-Banden –, hinüberretten in die Erwachsenenwelt, d.h. in eine alle Schichten dieses Volkes eingreifende, ihnen zugleich das mächtige Vitalsubjekt und die Subjektlosigkeit versprechende „Bewegung“?
Das Stammesleben fremder Völker verrät uns eine praktikable Lösung des Problems nach Auflösung der manifesten Jugendbanden: die der in Tierkostüme schlüpfenden, heimlich mordenden, Furcht und Schrecken verbreitenden Geheimgesellschaft. Zwar die Frau weiß, daß es der Panther war, der da zu ihr zurück auf die Matte schlüpft, doch zu wissen ist nicht verboten, nur zu reden. Die mordende Geheimgesellschaft in unserem Volk war öffentlich und für dieses Land im ganzen repräsentativ: jeder konnte teilhaben an der Faszination der Bande und ihrer stammesspezifischen, die immer abstrakter werdenden Arbeitsverhältnisse ebenso wie später Kriegs- und Ausrottungsunternehmungen gemeinsam „in Dienst“ nehmenden Organisation. Schon die Bezeichnungen verraten es: die Horden, Fähnlein, der Stamm, der Bann, die zum Teil von den Jugendorganisationen in die der Erwachsenen-Bande hinüberwandern. Der Chef, dessen Initialen über der Tür an der der Galerie zugewandten Seite angebracht sind, ist Banden-Chef, mit der für den NS-Führerstaat charakteristischen Außerkraftsetzung des Ödipuskomplexes in seiner Person – auch dies charakteristisch für die Struktur einer solchen Bande –: aufbegehrender Sohn, d.h. Anführer im Kampf gegen die etablierten Mächte, und strafender Vater zugleich, vor dem die Bande bis zu ihrem Ende zittern wird. (Der italienische Fascismus, mit seinem alterprobten Modell des ältesten Bruders als Anführers einer Horde von Mutter-Söhnen, der Sowjet-Kommunismus, mit seiner grausamen Vaterfigur nach Niederwerfung der Sohnes-Rebellion, waren zwar nicht weniger anarchisch, doch nicht so perfekt.) Und schließlich die realen Bewegungsformen der Bande selbst: die Märsche durch die Städte und nicht nur über Land, die die Zentren der Macht als die „Lager“ der Bande erscheinen lassen, von denen man ausmarschiert und in die wieder zurück, und die schließlich das Land zum Lager für das Volk als eine einzige, eben die „verschworene“ Bande machen, die sich nicht nur in der Unterwerfung anderer Nationen, sondern am Ende in der Ausrottung des gebrandmarkten Teils der eigenen Nation bewähren muß – eine Schreckensvision mit hohem, nicht nur psychischem, Realitätsgehalt, bis heute nicht ausgestanden und bis heute virulent.
Ich habe nur eine Disposition beschrieben, aber sie hat, wie in einem Vergrößerungsspiegel, das ihr spezifische Verhaltensmuster in diesem Umschlag – Paar der Begriffe beibehalten: Gemütlichkeit und Brutalität sind die psychischen Determinanten des Bandenlebens. Was Elias Canetti entsetzt als die Pogrom-Meute beschrieben hat (sie ist der Ansatzpunkt, die Ausgangserfahrung seines großartigen Werkes), bleibt in der Bande virulent, hat jedoch in ihr seinen durch Zeit und Raum transportierbaren Körper gefunden. Wenn Bandenbewußtsein diese Stabilität verbürgt, dann wird das Stichwort „Gemütlichkeit“ zu einem wichtigen Index für das Fortleben oder das Absterben dieses Bewußtseins. Nicht das „Spießbürgerliche“, das Hermann Paul vor dem Ersten Weltkrieg konstatiert, ist hier die latente Gefahr, sondern das „Spießgesellige“: das Sich-fallen-lassen-auf-Zeit der in gemeinsame Aktionen Verstrickten, das jederzeit wieder in die gemeinsame Aktion umschlagen kann; letztenendes ein unter moralische Kriterien fallender Geselligkeits-Begriff.
Die Reklame setzt durchaus auf eine solche Disposition. Ein Exempel für viele: ein Möbelprospekt aus dem Jahr 1981, der moralisch unverfroren mit „Gemütlichkeit“ wirbt. Die triumphbogenartig angeordnete Überschrift GEMÜTLICHKEIT findet ihre Fortsetzung unten in IST UNSERE MASCHE. Vorgestellt wird eine „urgemütliche Hochlehn-Garnitur, mit schweren Gestellen aus massiver Eiche“ brutale Formen aus den 40er Jahren paraphrasierend, mit brokatartig gestreiftem „apartem Velours-Bezug“; sie steht auf ungehobeltem Bretterboden rechts auf dem Podest die Zimmerpflanze, links hinter der spaltweit geöffneten Tür ein abgestorbener Baum, die Blätter von draußen hereingeweht bis unter das Hochlehn-Sofa; und auf diesem erscheinungs-artig-frontal aufgepflanzt, die zwei Personen, denen die Veranstaltung gilt: ein spießgesellig grimassierendes ältlich-jugendliches Paar – er Sportpullover, sie mit Rock und Weste; sie dümmlich lächelnd und strickend, er (dies das dazugehörige moderne Wort) „schlitzohrig“ grinsend und die Backe der Dummen tätschelnd: er hat soeben von einem erfolgreichen Beutezug erzählt, sie ist in Gedanken dabeigewesen, der nächste Coup steht bevor. – Der Eindruck des ganzen: GEMÜTLICHKEIT IST UNSERE MASCHE, ist ebenso ungemütlich wie erschreckend; und das meine ich mit der Disposition „Gemütlichkeit, die auf den Schrecken setzt“ wenn auch hier zunächst nur als harmlose Werbungsmasche; jedoch ein ganzer Korb Wollknäuel steht noch auf dem kahlen Bretterboden vor der dümmlich-spießgesellig lächelden, weil die gleiche Schicksalsmasche weiterstrickenden Frau.
Was der Artist seit jeher sich zum Ziel gesetzt hat: die repräsentative Verbindung von Vital- und Reflexionssubjekt, und was ihm immer nur als kollektiv-verbindlich vorgestellter Wunsch und die ihm hinzuphantasierte umweglose Wunschbefriedigung gelingt (so Thomas Mann z.B. in der Artisten-Imago des jungen Hochstaplers Felix Krull, in dem Fragment von 1910, das die reflexionslose Darstellung des Artisten als fürstlicher Repräsentationsfigur, des Klaus Heinrich in der „Königlichen Hoheit“, korrigiert), verrät wie jede derartige, den „gewaltigen Umweg über die Veränderung der Außenwelt“ nicht erst einschlagende, artistische Wunscherfüllung „die nämliche Unzufriedenheit“ anderer Menschen, und zwar als „ein Stück der Realität“ selbst – (so Sigmund Freud, ein Jahr nach dem Erscheinen des Krull-Fragments, in seinen „Formulierungen über die zwei Prinzipien des seelischen Geschehens“, Lust- und Realitätsprinzip). – Diesem allgemeinen Wunsch entsprechend – dem „nämlichen“ also aller Menschen-, bieten auch andere gesellschaftliche Instanzen heute ihre Lösungsversuche an: so z.B. die östliche Teilnation das Phantom eines reflektierten, den Arbeitsprozeß kollektiv-verbindlich einbeziehenden Vitalsubjekts in den öffentlich ausgetragenen und kontrollierten Konkurrenzkämpfen der Planerfüllungsbrigaden; so z.B. die westliche Teilnation die Fiktion eines allgegenwärtig reflektierenden, kollektiv verurteilenden und freisprechenden Vitalsubjekts in der analphabetischen Massenpresse; so z.B., wenigstens auf Zeit (nämlich in der „schönsten Zeit des Jahres“) die Freizeitkollektive mit Wunscherfüllung bei fremden Völkern und Menschen. – Wie wenig dies die Banden-Disposition – die eben „Bande“ als die Wunscherfüllung nahm – tangiert, lehrt die ungebrochene Faszination der Bande in unserem Land, nicht zuletzt erfahrbar in einem von einer breiten Öffentlichkeit angestrengten und durchgesetzten Sprachregelungsprozeß: es mußte die „Baader-Meinhof-Bande“ sein, ein anderes Wort tat es nicht; wenigstens die „gemütliche“ Freizeit-Beteiligung an Banden- Jagd blieb so einem faszinationswilligen Teil des Volkes erhalten.
Ob der Begriff „Gemütlichkeit“ zu einer harmlosen Verwendung zurückfinden kann (also ein „Machen wir es uns gemütlich, ohne daß die Schatten auferstehen“), wage ich zu bezweifeln. Der Sache, die er stellvertretend mitvertritt: Bandenfaszination, ist jedenfalls nur beizukommen mit (zunächst) der Reflexion auf das kollektive psychische Bedürfnis, dem sie entspringt. Es abzubauen, d.h.: es in nicht potentiell-mörderische Formen der Befriedigung zu transformieren, wird mit einer Neuformulierung von Arbeitsprozessen, menschlicher Tätigkeit sans phrase, Hand in Hand gehen müssen.

Klaus Heinrich, In: „Deutsche Stichworte“ – Anmerkungen und Essays, Frankfurt 1984.

Klaus Heinrich (wiki)

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