Archiv der Kategorie 'Siegfried Nacht'

Siegfried Nacht – Der Soziale Generalstreik – Auszug (1905/1907)

[…] Der Generalstreik macht keine dialektischen Umwege, keine Hin- und Hersprünge, er führt organisch direkt und ohne Umwege und Vermittler zum Ziel. Deshalb heißt auch diese Kampfart, im Gegensatz zur politischen, die über den Umweg der „Eroberung der politischen Macht“ gelangen will, die direkte Aktion des Proletariats. Was wir gesehen haben, ist der Generalstreik die notwendige Folge der vielen kleinen Streiks. Er wird das Resultat sein des immer stärker erwachsenden Solidaritätsgefühls des Proletariats und folglich dessen stärkster Ausdruck. Die Organisation der Gewerkschaften und die Vorbereitung des Generalstreiks trägt in sich selber schon die inneren Elemente der zukünftigen Neuorganisation ohne die Umwege der Eroberung der politischen Macht.
So enthält der Generalstreik in sich auch die Forderung der direkten Besitzergreifung der Produktionsmittel durch die Gewerkschaften, eine volkstümliche Lehre, die vom Volke geschaffen, vom Volke ausging, während die Lehre von der „Eroberung der Macht“ eben von denen ausging, die selbst die Macht erobern wollten, die persönlich nach der Diktatur strebten, die sich ja allerdings in der alten Internationale schrankenlos ausübten. Wir sehen, wie sich von unten auf, aus dem täglichen Kampf der Gewerkschaften, aus den schon vorhandenen Organisationen, also ebenfalls auf induktivem Wege auch das ganze System der Neuorganisation der Gesellschaft entwickelte. So spricht für die Theorie des Generalstreiks die modernste und einzig wissenschaftliche Methode der Forschung und Untersuchung: die induktive Logik.
Jeder neue politische Zustand entsprach einer neuen ökonomischen Phase. So entspricht die absolute Monarchie dem ökonomischen Feudalismus und der Leibeigenschaft, und der Parlamentarismus dem Kapitalismus und der Lohnsklaverei.
Einer freien Gesellschaft ohne Klassenherrschaft und Ausbeutung, einer Gesellschaft der freien Vereinigung und freier Korporation entspricht die Herrschaftslosigkeit – die Anarchie.
Bekannt ist die Stelle aus dem Buche Friedrich Engel’s: „Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“, in der er sagt: „Sie (die Klassen) werden fallen, ebenso unvermeidlich der Staat. Die Gesellschaft, die die Produktion auf Grundlage freier und gleicher Assoziation der Produzenten organisiert, versetzt die ganze Staatsmaschine dahin, wohin sie dann gehören wird: ins Museum der Altertümer, neben das Spinnrad und die bronzene Axt“. – Dieser Zustand, der Sozialismus ohne Staat, ist der kommunistische Anarchismus.
Ebenso ergibt sich auch die Form einer jeden Revolution aus den bestehenden ökonomischen Bedingungen.
Es bestehen nicht mehr diese ökonomischen Verhältnisse, die die Jakobinische Form der Revolution bedingten; auch ist durchaus nicht zu erkennen, dass, als Resultat der ökonomischen Gegensätze, der Parlamentarismus es sein kann, das dem Kapitalismus den Todesstoss versetzen wird. Dagegen ist diese Form der Revolution, dis ganz den ökonomischen Verhältnissen der Gegenwart entspricht, die das logische Resultat der ökonomischen Gegensätze und sozialen Entwicklung ist, nichts Anderes als der Generalstreik.
Die Idee des Generalstreiks ist der beste Reflex der Zuspitzung der ökonomischen Gegensätze und nur der modernste, klarste, endlich unverschleierte Ausdruck der Empörung des Proletariats.
Der Generalstreik wird die Spitze, das Resultat werden der fortwährend häufigeren und umfangreicheren Streiks, und so ist er nur das Produkt der großen Industrie selbst; er ist die Waffe, die der Kapitalismus gegen sich selbst geschmiedet hat und die ihm einen sicheren Tod bringen wird.
Selbst nach dem schönsten Siege im Lohnstreik bleibt der Arbeiter immer ein Lohnsklave. Der moderne Arbeiter ist war nicht mehr der Sklave eines Kapitalisten, aber er bleibt sein Leben lang der Sklave der ganzen Kapitalistenklasse, aus deren Händen er sich in der gegenwärtigen Gesellschaft niemals befreien kann.
Ein viel weiteres Ziel stellen sich nun die Gewerkschaften, wenn sie sich nicht mehr damit begnügen, den Druck des Kapitalismus zu mildern, sondern ihre Organisation u. Kampfesmittel zur Beseitigung jeden Druckes verwenden wollen, wenn sie auf ihre Fahne die vollständige Emanzipation des Proletariats aus der Lohnsklaverei schreiben. Die Gewerkschaften haben aber auch die Aufgabe, in der Zukunft die Produktion zu übernehmen, und so sind sie dazu bestimmt, nicht nur das Erziehungs- und Kampfelement der sozialen Zukunft zu werden, sondern auch das Embryo der Produktion und Neuorganisation nach Beseitigung des Kapitalismus.
Dieses stolze, kühne Ziel müsste zweifellos Tausende neuer und begeisterter Kampferden Gewerkschaften zufuhren.
Die Idee des Generalstreiks, von den Proletariermassen aufgenommen, ist – wie Jaurès selbst zugeben musste – allein schon an und für sich, eine Macht, weil sie eine beständige furchtbare Drohung ist. Schon das bloße Gespenst des drohenden Generalstreiks könnte die zur Zeit herrschenden Klassen vor dem allzu straffen Spannen der Zügel zurückschrecken
lassen. Jetzt aber existiert diese Drohung nicht, bis jetzt hat das deutsche Proletariat außer dem Stimmzettel keinerlei Waffen, und deshalb können die herrschenden Klassen tun, wie sie wollen, ohne irgend einen Widerstand zu befurchten.
Der Mangel eines Ziels, eine bestimmte Erklärung auf die ewig dunkle Frage: wie ? – wie kann in absehbarer Zeit die Herrschaft der Junker, Barone unk Kapitalmagnaten gestürzt werden? Diese ewig unbeantwortete Frage ist es, die in dem Glauben und der Überzeugung der Genossen zehrt wie tödliche Schwindsucht.
Durch die Idee des Generalstreiks setzt man aber endlich an Stelle der schwärmenden Sehnsüchtelei nach der „Mutter der Freiheit, Revolution“ an Stelle furchtloser Deklamationen über eine Umwälzung in ferner Zukunft, an die man selbst kaum zu glauben wagt, die uns schon wie ein verschwommenes Ideal erscheint und erst dereinst nach langer Zeit „über die Berge wiederkehren soll“ – ein wirksames und sicheres Mittel, die kapitalistische Gesellschaft zu beseitigen und Wohlstand und Freiheit für Alle einzuführen.
Außerdem macht aber der Generalstreik auch all die schurkischen Pläne der Verräter und der nach der Diktatur strebenden Politiker unmöglich, zerstört ein für alle Mal jede Macht, statt sie wieder neuen Tyrannen glaubensselig anzuvertrauen, führt von unten auf die Expropriation und Vergesellschaftlichung der Produktionsmittel durch und macht so jede Reaktion, Gegenrevolution oder Staatsstreich ein für alle Mal unmöglich.
Der soziale Generalstreik ist somit die endgültige Emanzipation des Proletariats.

Der Soziale Generalstreik

Rudolf Rocker – Siegfried Nacht

Eine sehr gute Kraft für die deutsche Bewegung in London war Siegfried Nacht, ein geborener Wiener. Nacht war damals ein junger Mann von sechsundzwanzig Jahren mit guten Fähigkeiten und Sprachkenntnissen, die ihn befähigten, der Entwicklung der Bewegung in verschiedenen Ländern zu folgen. Er kam bereits 1902 nach London, damals aber nur für eine kurze Zeit und reiste dann nach Paris zurück. Erst als er 1906 aus Frankreich ausgewiesen wurde, wandte er sich wieder nach England, wo der dieses Mal vier Jahre lang blieb und in verschiedenen Sprachgruppen für die Bewegung ununterbrochen tätig war.

Siegfried Nacht war von Beruf Elektrotechniker und geriet bereits als junger Student in Wien in die sozialdemokratische Bewegung. Im Jahre 1900 besuchte er als Delegierter der Polnischen Sozialistischen Partei den Internationalen Sozialistenkongress in Paris, und da sich ihm gerade eine Arbeitsgelegenheit bot, so liess er sich dort nieder und wurde nun mit der anarchistischen und syndikalistischen Bewegung bekannt, wodurch seine früheren Anschauungen einen vollständigen Wandel erlitten.

Als Nacht diesmal wieder nach London kam, war er bereits zu einer unfreiwilligen Berühmtheit gelangt, die seinen Namen in der Presse aller Länder bekannt machte. Er hatte im Sommer 1902 eine sehr günstige Stellung in Saint Malo als Chefelektriker angenommen, die ihn aber nur drei bis vier Monate im Jahr beschäftigte, so dass er in der Zwischenzeit grössere Reisen unternehmen konnte. Angeregt durch die grosse Generalstreikbewegung in Barcelona 1902, beschloss er in folgenden Jahre eine Fusstour durch Spanien zu unternehmen, um die revolutionäre Bewegung dort aus eigner Anschauung kennen zu lernen. Er wanderte dann zu Fuss von Toulouse über die Pyrenäen und durch die kleine Republik Andorra bis nach Barcelona. Dort blieb er einige Zeit, wurde mit den spanischen Genossen sehr gut bekannt und wanderte dann, immer zu Fuss, im Zickzack nach Valencia, Zaragoza, Madrid, Alicante, Granada, Sevilla, Malaga, Cordoba, Jerez bis nach Cadíz, wo er Fermín Salvochea kennen lernte.

Als er endlich im Mai 1903 nichtsahnend in Gibraltar angelangte, wurde er plötzlich verhaftet und ohne Angabe der Gründe ins Gefängnis gesteckt. Zu seinem masslosen Erstaunen erfuhr er endlich, dass man ihn beschuldigte, Edward VII., der damals auf Besuch nach Gibraltar kam, ermorden zu wollen. Der Fall erregte damals internationales Aufsehen und wurde in allen Zeitungen breitgetreten, wobei es nicht an recht bissigen und ironischen Bemerkungen über den Spürsinn der englischen Polizei abging. In Frankreich erhob sich bald eine Protestbewegung und auch in England bildete sich ein Komitee, dem unter anderen auch Kropotkin, Herbert Spencer, Charles Dilke und die Gräfin Carlisle angehörten, das sich lebhaft für Nacht einsetzte. Das Ende vom Liede war, dass man den angeblichen Königsmörder nach sechs Wochen wieder auf freien Fuss setzte, da die Polizei, trotz aller Bemühungen, nicht imstande war, auch nur den Schatten eines Beweises für ihre groteske Beschuldigung aufzubringen. Der Polizeichef von Gibraltar aber erhielt trotzdem seinen Orden, was augenscheinlich der Zweck der ganzen Übung gewesen war. So konnte der Wüterich endlich seine unterbrochene Reise fortsetzen. Er setzte von Gibraltar nach Marokko über und wanderte zu Fuss von Tanger über Oran, Alger, Constantine, Bizerte bis nach Tunis. Von dort kehrte er mit dem Schiff wieder nach Frankreich zurück. Nacht hat später jene abenteuerliche Reise mit Hindernissen sehr anschaulich dargestellt, deren Beschreibung uns lebhaft beeindruckte und besonders unserem gemeinschaftlichen Freund Max Nettlau viel Vergnügen verschaffte. Spätere Wanderungen führten ihn durch die Schweiz und Norditalien, wo er aber in Mailand bald verhaftet, ausgewiesen und von drei Carabinieri gefesselt an die Schweizer Grenze gebracht wurde.

Nacht war zu jener Zeit Mitarbeiter einer ganzen Anzahl anarchistischer Blätter. 1903 gab er zusammen mit Pedro Vallina in Paris die Zeitung L‘Espagne Inquisitoriale heraus. 1905 leitete er in Brück neun Monate lang die Zeitschrift Der Generalstreik, die für die deutschen Bergarbeiter in Böhmen bestimmt war. Im selben Jahre gründete er zusammen mit seinem Bruder Max in Zürich die Monatsschrift Der Weckruf, wurde aber später auch aus der Schweiz ausgewiesen und landete nach mancherlei Irrfahrten und Verhaftungen endlich wieder, in Paris. Dort wurde er kurz vor dem 1. Mai 1906 zusammen mit vielen anderen Ausländern verhaftet und aus Frankreich ausgewiesen. Er kam dann wieder nach London, wo er die ganze Zeit in der Bewegung tätig war und von dort aus auch die Monatsschrift Direkte Aktion, einer Beilage zum Freien Arbeiter in Berlin, leitete. 1910 reiste er nach Italien, wo er sich unter einem anderen Namen aufhielt, da er ausgewiesen war. Durch die Vermittlung von Olivia Rossetti-Agresti erhielt er eine Stelle im Internationalen Wirtschaftsinstitut in Rom. Dort arbeitete er bis 1912, als er durch einen eigenartigen Zwischenfall, von dessem Nachspiel in London später noch die Rede sein wird, von neuem aus Italien ausgewiesen wurde. Er wanderte dann nach Amerika aus, wo er heute noch lebt und der freiheitlichen Bewegung manche gute Dienste geleistet hat.

Siegfried Nacht war auch der Verfasser einer ganzen Anzahl bekannter Propagandaschriften, von denen die meisten unter den Pseudonym Arnold Roller erschienen sind. Seine Schrift, Der soziale Generalstreik. die zuerst 1902 in London herauskam, wurde in siebzehn verschiedene Sprachen übertragen und gehörte mit zu den weitverbreitetsten Erzeugnissen der freiheitlichen Propagandaliteratur jener Jahre. 1903 schrieb er die Broschüre Direkte Aktion, die im selben Jahre von Johann Most in New York verlegt wurde. 1907 erschien in Berlin seine Schrift Blätter aus der Geschichte des spanischen Proletariats, eine vortreffliche, kurzgefasste historische Darstellung der freiheitlichen Arbeiterbewegung in Spanien, durch welche deutsche Leser, die keiner fremden Sprache mächtig waren, zum erstenmal mit der Geschichte jener opferreichen Bewegung bekannt wurden. Auch eine antimilitaristische Broschüre, Soldaten-Brevier betitelt, schrieb Nacht in London, die in Deutschland geheim verbreitet wurde und in ihrer Aufmachung mit den schwarz-weiss-roten Farben und dem deutschen Reichsadler auf dem Umschlag eigens für diesen Zweck berechnet war. In Amerika schrieb Nacht für eine ganze Reihe bekannter Zeitschriften in englischer Sprache. Besondere Erwähnung verdient seine gediegene Abhandlung Fascism and Communism in South America, wobei ihm seine persönlichen Erfahrungen, die er auf seinen Reisen über ganz Südamerika, Mexico und Westindien gesammelt hatte, sehr zustatten kamen. Auch seine Schrift 100 Questions to Communists, die der New Leader herausbrachte, soll hier nicht unerwähnt bleiben.

Rudolf Rocker, Im Sturm der Zeiten, IISG Nachlass Rocker, S. 456-459.

Arnold Roller [Siegfried Nacht] – Der Sociale Generalstreik (1907)

(New York, Freiheit, 2. Aufl., o.J. [1907])

Link

Arnold Roller [Siegfried Nacht] & Max Nacht – Rebellen-Lieder (1906)


Ein revolutionäres Liederbuch in allen Sprachen!
Wie viele Philister und „revolutionäre“ Stubenhocker werden darüber skeptisch spotten und haarscharf nachweisen, dass durch Singen keine Revolution herbeigeführt werden kann, sondern nur durch Wissenschaft und Aufklärung…
Ach nein, weder durch Philosophie noch durch Poesie und Musik wird die bestehende Mord- und Blutherrschaft vernichtet werden. Nur durch die Philosophie der Vernichtung, durch die Logik der Tat, nur mit der Poesie des Kampfgetümmels und der Musik krachender Bomben werden wir uns von unseren Henkern befreien können. Aber für diesen Kampf ist Begeisterung nötig, das Einsetzen seiner ganzen Seele, die Summe aller dieser Regungen des Hasses gegen das Unrecht, der Sehnsucht nach Glück, der Hoffnung auf Kampf und Rache. Ja Rache! Denn Rache ist die einzige Gerechtigkeit der Rechtlosen und Entrechteten.
Und diese Empfindungen, für die menschliche Sprache oft keine Worte findet, die so verworren und unlogisch in unsren Herzen kochen und uns die Brust oft zum Sprengen anschwellen, die sind es die uns zum Kampf, zur mutigen Tat treiben und keine Philosophie oder Wissenschaft.
Doch nicht immer ist die Zeit und die Gelegenheit zur Tat und wir müssen auf den geeigneten Moment oft lange, lange warten und doch können wir nicht stumm abwarten und unsere Sehnsucht, unsere Begeisterung, unsere Hoffnung in unseren Herzen begraben. Sie wollen hinaus, sie ringen nach einem Ausdruck, und da, da bricht das revolutionäre Lied hervor aus unserer Kehle, heraus aus voller Seele. Das revolutionäre Lied, seine Worte und Töne sind dann der Ausdruck alles dessen was wir fühlen und hoffen, wofür wir selbst keine Worte gefunden hätten.
So manches Lied klingt traurig und sehnsuchtsvoll, es gilt gefallenen Kämpfern, es singt von unseren Leiden und Verfolgungen; sie lassen den Hass in unserer Seele nicht einschlummern, sie schüren das glimmernde Feuer, doch die andern, das sind die echten Kampfeslieder, die uns mit ihrer wilden Energie zur Fache aufpeitschen, die uns Mut und Entschlossenheit einflössen, die uns zum Kampf stossen, wie Posaunentöne zur Schlacht.
Waren es nicht die mächtig aufrüttelnden Töne der „Marseillaise“ unter deren Klängen das französische revolutionäre Aufgebot die Söldner ganz Europas vertrieb? Das Lied vergrösserte deren Begeisterung und Kampfesstimmung und da war kein Platz für Zagen und Feigheit. Wieder leben wir in einer ähnlichen Periode am Vorabend des Kampfes; die Geister sind genügend vorbereitet, – was nur noch fehlt, ist Mut und Begeisterung und da soll nun das revolutionäre Lied seine aufrüttelnde Wirkung ausüben auf die Schlafenden und Träumenden.
Und die gegenwärtige Kampfperiode hat herrliche Lieder der Begeisterung und der Sehnsucht hervorgebracht. In den romanischen und slavischen Ländern sind schon Tausende mit diesen Liedern auf den Lippen in den Kampf und in den Tod gegangen. Und diese Toten sind nicht zu bedauern, denn es ist besser in einem glücklichen Moment – und während der Begeisterung ist man glücklich – rasch und schön im Kampfe zu fallen, als in Sorgen und Entbehrungen ein elendes Leben freudlos lange fortzuschleppen und langsam dahinzuziehen.
Die Garrottierten von Xerez, die Erschossenen von Montjuich, Pallas, sie alle sangen auf ihrem Todesgang die herrliche anarchistische Hymne „Hijo del Pueblo“. Wie Reinsdorf auf dem Weg zum Schaffot ein spöttisches „Kunden“-Lied – „Stiefel, du must sterben“ — sang, so sang Ravachol auf dem Weg zur Guillotine den „Père Duchène“, um seine spöttische Todesverachtung zu zeigen. Unübertroffen an Schönheit und Kraft sind die italienischen Lieder des genialen anarchistischen Agitators Pietro Gori. Wie keck und lebensfrisch und kampfesfreudig sind die Lieder der Tschechen, wie voll ergreifender Sehnsucht die jüdischen und die russischen Hymnen. Einfach unerschöpflich an Zahl und Mannigfaltigkeit sind die französischen Freiheitslieder. Die Deutschen allein sind arm an revolutionären Liedern. Die paar Lieder aus der vergangenen Kampfperiode sind vergessen und die Gegenwart hat keine neuen hervorgebracht. Deshalb haben wir hier die bekanntesten revolutionären Lieder früherer, kampfesfreudigerer Jahre aufgenommen und noch einige freie Uebersetzungen vielgesungener Lieder anderer Sprachen hinzugefügt.
So mancher wird aber die Frage stellen: ,,Wozu ein Liederbuch in allen Sprachen, es kümmert sich ja jeder doch nur um die Lieder seiner Sprache.“
Nun, wer diesen Einwand macht gehört entweder zu diesen Unglücklichen, die niemals freiwillig hinaus über die Grenzen ihres Landes wanderten, oder zu diesen Glücklichen, die niemals durch die Not oder durch die Polizei von Land zu Land gehetzt unfreiwillig reisen mussten. Denn, sobald man in ein neues Land kommt, unter Genossen anderer Sprachen, will man ihre Begeisterung teilen, noch bevor man mit ihnen sprechen kann, man will mit ihnen ihre Lieder singen, man lernt recht oft an dem revolutionären Lied die Sprache, und trägt dieses Lied nachher zurück in die Heimat als warme Erinnerung an die freudigen Stunden, die man im Kreise der Genossen anderer Länder zugebracht hat.
Viele kennen schon durch die politische und ethnographische Lage ihres Landes mehrere Sprachen. So würde also den meisten von ihnen ein Liederbuch in einer Sprache nicht genügen, weil sie doch oft das Leben zu Polyglotten, zu wirklichen Internationalen gemacht hat.
Vor allem wird aber dieses Büchlein von Wert sein für den wandernden Rebellen, den anarchistischen „Trimardeur“, den fahrenden Ritter der Freiheit, der von Land zu Land wandert um die Freiheit zu suchen – und die Gefängnisse zu finden.
An der Tischrunde mit den fremden Genossen wird das revolutionäre Lied angestimmt, alle gemeinsamen Schmerzen und Ideale sagt man sich gleichzeitig gegenseitig mit diesen Liedern – viel besser als mit unzähligen Worten. Auf der Landstrasse, unter freiem Himmel, ist das revolutionäre Lied der Begleiter des wandernden Rebellen, – in der einsamen Gefängniszelle, seine einzige Freundin und Trösterin, die in ihm die Hoffnung auf Freiheit und Rache aufrecht erhält.
Auch dieses Liederbuch ist durch wandernde Rebellen auf der Wanderschaft und im Exil entstanden. Bei Wanderungen durch ganz Europa sind die Lieder notiert und gesammelt, auf einer echten Rebellen-Setzerei gesetzt werden, die durch Schmuggel erworben wurde und an der manche bekannte deutsche und russische Anarchisten setzen lernten.
Auch das arme Liederbuch musste mitsammt den Setzern auf Reisen gehen und wanderte heimatlos durch ganz Europa hin und her, bis endlich wieder im Ausland Genossen aller Nationen seine Verwirklichung ermöglichten. Dieses Liederbuch ist also wahrhaftig ein Liederbuch der internationalen, wandernden Rebellen, so seinem Inhalt nach, wie in seinem Zweck – wie auch in seiner Entstehung und Geschichte.
Und nun Liederbüchlein, gehe hinaus in die Welt, begleite im Kampf und auf der Wanderschaft die heimatlosen, wandernden, ausgewiesenen, verbannten Kameraden, und beim Klange deiner Lieder wird zur Heimat der Heimatlosen, zum Vaterland der Antipatrioten – die ganze Erde, die ganze Menschheit werden. A. R. — M. N.

Vorwort zu: „Internationales Rebellen-Liederbuch“

Arnold Roller [Siegfried Nacht] & Max Nacht – Les Chants du Révolté (1906)


Nous croyons pouvoir nous passer d’une longue préface pour ce Chansonnier révolutionnaire et international.
La signification et la portée de la chanson révolutionnaire – expression de nos luttes, de nos souffrances, de nos espoirs – n’échappent point aux camarades des pays de langue latine, qui savent merveilleusement s’en servir au cours des manifestations de propagande ainsi que pendant les heures intimes entre compagnons et amis.
Ce recueil des chansons révolutionnaires les plus en vogue dans les différents idiomes sera accueilli avec joie par le trimardeur anarchiste qui, traqué de pays en pays et se retrouvant parmi les camarades d’autres langues, pourra ainsi en quelque sorte en partager l’enthousiasme, en chantant avec eux les hymnes de liberté et de révolte. Dans certaines villes de refuge – bien inhospitalières, du reste – telles que Paris, Londres, Genève, Zurich, etc., nombre de révoltés cosmopolites se rencontrent dans les réunions ou dans les manifestations ; aux accords enthousiastes, aux chants de combat des camarades dont, à travers l’existence bohémienne de bannis, de pourchassés, ils ont appris la langue, ils joignent leurs accents et leurs cœurs se sentent engaillardis, enflammés de passion combative, de haine pour les oppresseurs, d’espérance dans l’action libératrice de l’imminente Révolution sociale. Italiens et Espagnols, Russes, Polonais, Juifs, Allemands ne les entend-on pas souvent, pendant les manifestations socialistes et libertaires de Paris, entonner d’un commun accord avec les camarades français l’entraînante « Internationale » ?
Chacun aura donc les chansons révolutionnaires de sa langue et celles des camarades des autres pays. Ainsi nous croyons, en même temps, avoir contribué un peu, par cette édition, au développement de l’esprit internationaliste.
Aux chansons françaises les plus connues et les plus chantées, nous en avons ajouté quelques-unes parmi les anciennes et presqu’oubliées, mais qui, comme celles du Père Lapurge, se distinguent par leur allure hardie et crâne. Des autres langues nous avons choisi les plus belles et les plus populaires.
Ce chansonnier sera donc le camarade de route du trimardeur, du « chevalier errant » de la Révolution, l’ami, le consolateur du prisonnier libertaire, qui y aura appris par cœur les chansons préférées. Le son et les paroles de ces chants empêcheront nos haines de s’apaiser et maintiendront en éveil nos désirs de juste vengeance, de lutte pour l’Emancipation. LES EDITEURS.

Préface au Chansonnier international du Révolté