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Rudolf Rocker – Seid aktive Nichtwähler! (1924)

SEID AKTIVE NICHTWÄHLER!

Nun soll das Volk abermals „sein Schicksal entscheiden“. So sagt man euch wenigstens. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so wird die politische Wetterfahne der deutschen Republik, die sich bei den vergangenen Reichstagswahlen bedenklich nach rechts gedreht hqtte, nun wieder einige Zoll breit nach links schwirren. Die Helden aus dem nationalistischen Lager, die rassenreinen, siebenmal gesiebten teutschen Männer, die jeden Juden aus Prinzip hassen, haben den Beweis geliefert, dass sie den hoffnungsvollen Sprösslingen in der Berliner Grenadierstrasse im Schachern über sind. Im Orient behauptet man, dass ein Grieche es mit sieben Juden aufnimmt, ein Armenier aber mit sieben Griechen. Unsere Orientalen wissen nichts von deutschnationaler Politik, sie würden sonst begriffen haben, dass ein echter teutscher Mann, der keinen Franzmann leiden mag, es im Schachern getrost mit sieben Armeniern aufnehmen kann. Und schließlich schachern Juden, Griechen und Armenier um materielle Güter.
Unsere Söhne Teuts aber haben mit Prinzipien geschachert wie mit alten Hemden, und die Lockungen des Ministersessels wirkten stärker als der Donner Wotans.
Ein solches Schauspiel wie die letzte Regierungskrise der glorreichen deutschen Republik, das hat die Welt noch nicht gesehen. Eine erbärmlichere, würdelosere Komödie ist nie über die Bretter gegangen. In dieser Beziehung kann man ruhig singen: „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!“ So etwas an schäbiger Gemeinheit und Gesinnungslumperei läßt sich schlechterdings nicht überbieten. Man steht geknickt vor der „Größe“ dieser deutschen Mannen und weiß nicht, was man mehr bewundern soll: die ungeheuerliche Charakterlosigkeit dieser Heiden aus Senf oder die unglaubliche Naivität ihrer Wähler, von denen so mancher, der früher auf links gesetzt und eine Niete gezogen hatte, es deshalb einmal mit rechts probieren wollte, um die nationale Ehre zu retten und dem „zweiten Versailles“ zu entgehen.
Aber der Verrat der Rechten an ihren Wählern war diesmal so offenkundig, so daß ganze Scharen Vertrauensseliger ihnen abspenstig wurden, die sich bei den kommenden Wahlen wohl nach links orientieren dürften. Deshalb ist auch die Stimmung im nationalistischem Lager sehr mau, obgleich man auch jetzt noch den Mund sehr voll nimmt.
Eine Masse Wähler aber dürfte nach all den Erfahrungen der letzten Jahre die Lust verloren haben, überhaupt am politischen Parteigetriebe teilzunehmen und wird zu Hause bleiben, anstatt vor der Wahlurne anzutreten. So haben bei den letzten Wahlen in Hamburg bloß 60 Prozent der Wähler gestimmt, die übrigen 10 Prozent haben sich aus dem einen oder dem anderen Grunde der Stimme enthalten.
Eine solche Abkehr der Wählermassen vom Gaukelspiel des Parlamentarismus wäre an und für sich als Zeichen politischer Gesundung nur zu begrüßen, wenn es gleichzeitig von Anreichen begleitet wäre, aus denen man eine neue geistige Einstellung der Massen und auf eine Entwicklung ihrer sozialistischen und revolutionären Initiative schließen könnte.
Leider aber ist das noch nicht der Fall. Bei der größen Mehrheit ist die Wahlmüdigkeit lediglich als ein Zeichen von Hoffnungslosigkeit und Indifferenz, hinter dem kein neuer Gedanke seine Kreise zieht, keine gewonnene Erkenntnis schlummert. Man hat es eben mit allen versucht, und alle haben versagt. Welchen Zweck hat es also, weiter zu hoffen? Mit einer solchen Einstellung ist uns, die wir prinzipielle Gegner der parlamentarischen Betätigung sind, nicht gedient. Im Gegenteil, wir sind sogar der Meinung, daß ein Mensch, der nicht wählt, ohne einen gewissen Zweck dabei zu verfolgen, lediglich weil er geistig zu abgestumpft und trage ist, seine Stimme abzugeben, in seiner geistigen Einstellung noch tief unter dem Wähler steht. Der Mann, der zur Wahlurne geht, weil er von dem ehrlichen Glauben geleitet wird, daß der Stimmzettel ein Mittel ist, bessere gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen, beweist immerhin, daß er soziales Empfinden besitzt und gewillt ist, in den Lauf der Dinge einzugreifen.
Ein Mensch aber, dem alles gleichgültig ist, dem die persönliche Bequemlichkeit über alles geht und dem das Wohl und Wehe seiner Mitmenschen böhmische Dörfer sind, ist einfach ein Parasit, der zwar von den Errungenschaften der Vergangenheit mitzehrt, selbst aber viel zu träge ist, neue Errungenschaften zu erkämpfen oder die vorhandenen zu verteidigen.
Der Wähler — und wir haben hier stets den Wähler aus den werktätigen Klassen im Auge — mag sich in der Wahl seines Mittels täuschen und den Hebel an der falschen Stelle ansetzen, aber er zeigt wenigstens ein gewisses Interesse für die öffentlichen Angelegenheiten, welches dem ganz Indifferenten abgeht.
Die platonische Unterlassung des rein technischen Wahlaktes hat keine Bedeutung, wenn sie nicht das Ergebnis einer gewissen Erkenntnis, einer bestimmten herangereiften Überzeugung ist. Der Antiparlamentarismus kann sich nicht begnügen mit dem rein negativen Akt der Stimmenthaltung. Er muß auch in derselben Zeit bestrebt sein, neue schöpferische Kräfte in den Massen auszulösen, die seine Methode rechtfertigen und ihm eine positive Grundlage geben.
Wenn wir den Parlamentarismus als Kampfmittel ablehnen und ihm für die Verwirklichung des Sozialismus keinerlei Bedeutung beimessen, so geschieht dies nicht, weil wir in dieser Beziehung irgendeiner Laune folgen oder aus Dogmatismus, wie man vielfach behauptet hat, sondern auf Grund einer jahrzehntelangen Erfahrung, welche uns die parlamentarische Aktion der sozialistischen Arbeiterparteien in den verschiedenen Ländern gegeben hat.
Für die bürgerlichen Parteien ist der Parlamentarismus ein bequemes Mittel, schwebende Differenzen zwischen den verschiedenen Schichten der besitzenden Klasse auszugleichen und zu schlichten, ohne daß sie deshalb zu schwererem Geschütz Ihre Zuflucht nehmen müßten. Sämtliche bürgerlichen Parteien stehen nämlich auf einer gemeinsamen Grundlage, sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht, wenn sie sich auch in den Formen ihrer wirtschaftlichen und politischen Bestrebungen unterscheiden. Alle erblicken in dem Eigentumsmonopol die unantastbare Grundlage jeder Wirtschaft und in dem staatlichen Mechanismus das Fundament jeder gesellschaftlichen Existenz. Aus diesem Grunde können sie miteinander parlamentieren. Denn wo eine gemeinschaftliche Grundlage vorhanden ist, ist ein gegenseitiges Parlamentären nicht bloß möglich, sondern auch in vielen Fällen äußerst nützlich. Solange es sich lediglich um einen Streit um Formen handelt, ist stets ein Ausgleich möglich, besonders wenn hinter den verschiedenen Parteikräften große wirtschaftliche Kräfte stehen, um der Politik im Parlament den richtigen Nachdruck zu geben.
Welchen Wert aber hat der Parlamentarismus für die Arbeiter, die in ihren Befreiungsbestrebungen naturgemäß von ganz anderen Voraussetzungen ausgehen müssen als das Bürgertum?
Für die Arbeiter sind dieselben Institutionen, welche für die bürgerlichen Parteien die Eckpfeiler der gegenwärtigen gesellschaftlichen Ordnung bedeuten, die Ursache ihrer fortgesetzten Versklavung. Für sie handelt es sich nicht lediglich um formelle .Verschiedenheiten, sondern um grundlegende Änderungen des gesellschaftlicher Organismus, wenn sie sich vom Joche der Lohnsklaverei und des staatlichen Zwangsapparates befreien wollen. Ihr Ziel zeigt ihnen ganz von selbst andere Wege, die sie gehen müssen, um ihre wirtschaftliche, politische und soziale Freiheit zu erlangen. Der Parlamentarismus ist für sie nur ein Trugmittel, das viel verspricht und zu nichts nutze ist.
Wir behaupten nicht, daß die politischen Formen der staatlich organisierten Gesellschaft für die Arbeiter keine Bedeutung haben. So lange wir gezwungen sind, in der heutigen Gesellschaft leben zu müssen, so lange haben ihre Formen auch für uns eine Bedeutung, der wir uns nicht entziehen können. Wir wissen auch, daß uns zur Propagierung unserer Ideen und zur Ausführung unserer Bestrebungen die denkbar größten politischen Rechte und Freiheiten nötig sind, die in jahrzehntelangen Kämpfen dem Despotismus durch revolutionäre Mittel entrissen worden sind und immer noch entrissen werden müssen. Wir sind die allerletzten, welche diese Rechte kampflos und gleichgültig preisgeben wollen! Für uns sind diese Freiheiten keine „bürgerlichen Vorurteile“, wie der Diktator Rußlands einst mit einer höhnenden Geste behauptet hat, sondern die Ergebnisse zahlloser Kämpfe der Massen, die mit ungezählten Opfern verbunden waren, und die nur von Menschen mit total reaktionärer Einstellung verkannt werden dürften.
Wir sind der Meinung, daß diese Rechte ebensowenig in den Parlamenten wirksam verteidigt werden können, wie sie durch die Parlamente errungen wurden. Ihre Sicherheit ist abhängig von dem revolutionären Wollen der Arbeiter, und ganz besonders von der Stärke und Wirksamkeit ihrer wirtschaftlichen Kampf Organisationen, in denen sich die Initiative der einzelnen in revolutionäre Aktion umsetzt.
Wie alle wirtschaftlichen Errungenschaften und Verbesserungen, welche die Arbeiter sich im Laufe, der Jahrzehnte erstritten haben, nicht den Parlamenten, sondern ihren gewerkschaftlichen Organisationen und den alltäglichen Kämpfen zwischen Kapital und Arbeit zu danken sind, so können sie ihren erworbenen Rechten und Freiheiten nur durch eigene Kraft und mittels ihrer wirtschaftlichen Organisationen Geltung und Respekt verschaffen.
Die Teilung der Arbeiterbewegung in politische Parteien und gewerkschaftliche Organisationen war bisher nur dazu angetan, die Aktionskraft der Arbeiter zu lähmen und ihre sozialen und wirtschaftlichen Kämpfe zur Erfolglosigkeit zu verdammen, wie die Erfahrung immer und immer wieder bewiesen hat.
Wer auf die Hilfe der Parlamente wartet, hat wenig Lust, sich aus eigener Kraft Rechte zu schaffen.
Das ist auch die Ursache, daß überall, wo starke sozialistische Arbeiterparteien vorhanden sind, die ihren Einfluß auf die gewerkschaftlichen Organisationen der Arbeiter ausüben, die Gewerkschaften ihre ursprüngliche Bedeutung vollständig verloren haben und zu gewöhnlichen Vermittlungsorganen zwischen Kapital und Arbeit degradiert wurden.
Wir werfen auch nicht alle Parteien in einen Topf und wissen Unterschiede zu machen zwischen Rechts und Links.
Aber wir behaupten, daß Parteien sich nur innerhalb des heutigen Staatssystems auswirken können, und folglich nie in der Lage sind, eine neue gesellschaftliche Kultur auf der Basis des Sozialismus anzubahnen und praktisch durchzuführen.
Sie sind stets am besten, wenn sie rein kritisch, d. h. rein negativ wirken können, und das ist immer der Fall, solange sie als hoffnungslose Minderheiten einem despotischen System gegenübertreten und durch ihre Agitation eine zersetzende Wirkung ausüben. Aber in dem Augenblick, wo sie durch die Gunst der Umstände zur Macht gelangen, werden sie die Sklaven desselben Machtapparates, den sie angeblich nur erobern wollten, um „das Volk zu befreien“. Das ist auch die Ursache, weshalb die Revolutionäre von heute bisher stets die Unterdrücker von morgen gewesen sind. In diesem tollen Kreislauf um die Eroberung der Macht, der stets zu denselben Ergebnissen führen muß. Nicht weil der Verrat der Führer daran die Schuld trägt, sondern weil er in dem System selbst begründet ist und naturgemäß zu keinem anderen Ergebnis führen kann.
Parteien können eine Regierung stürzen und eine andere an ihre Stelle setzen, sie können die Macht erobern und ihre Gegner niederhalten, aber sie werden nie imstande sein, die Wirtschaft zu reorganisieren und das soziale Leben von Grund auf neu zu gestalten.
Das Beispiel Rußlands ist der beste Beweis für die Richtigkeit unserer Ansicht. Dort hatte eine angeblich kommunistische Partei, die dazu noch den Marxismus in Reinkultur gepachtet haben wollte, die politische Macht restlos an sich gerissen und die Träger des alten Systems vollständig zu Boden geschmettert. Aber da sie, wie alle Parteien, die zur Regierung gelangen, keinen „Staat im Staate“ dulden wollten, so legten sie die Wirtschaftsorganisationen der Massen in Trümmer, wie man das mit den Genossenschaften getan hat, oder sie formte sie vollständig in Organe des Staates um, wie es mit den russischen Gewerkschaften der Fall war. Dadurch zerstörte man gewaltsam die schöpferischen Kräfte, die im Volke schlummern, und die allein imstande sind, eine Reorganisation der Gesellschaft von unten nach oben durchzuführen. Die Diktatur einer Partei war zwar imstande, das Volk unter ein neues Joch zu beugen, aber sie versagte klüglich, als sie den Versuch unternahm, die wirtschaftlichen Kräfte des Landes zu organisieren und eine neue Wirtschaftsordnung auf der Grundlage des Sozialismus aufzubauen. Bis man zuletzt wieder mit dem Kapitalismus beginnen mußte, eine Tatsache, an der heute keine noch so revolutionäre Phraseologie etwas zu ändern vermag.
Und dieselben Ursachen sind es auch, welche unablässig darauf hinwirken, daß sozialistische Parteien, die sich längere Zeit am parlamentarischen Leben beteiligen, ihre ursprünglichen sozialistischen Ideen Stück für Stück zum Opfer bringen müssen, bis sie sich allmählich gänzlich auf die gegebenen Bedingungen des bestehenden Systems umstellen. Das ist auch der tiefere Grund, weshalb der bürgerliche Liberalismus mehr und mehr heute in die Brüche geht, wie wir es jetzt erst wieder bei den Wahlen in England sehen konnten. Die sogenannten Arbeiterparteien werden eben mit der Zeit so gut bürgerlich, daß ihnen der Sozialismus nur hie und da noch als Dekorationsstück dient, das niemand mehr täuscht, und sie endlich reif sind, um die Erbschaft des liberalen Bürgertums übernehmen zu können.
Noch deutlicher ist das Beispiel der deutschen Sozialdemokratie, die sich in ihrer Wahlpropaganda lediglich als republikanische Partei bekennt und der Idee vom „freien Volksstaat“ das Wort redet, die Marx in seiner bekannten Kritik des alten Gothaer Programms so unbarmherzig zerzaust hatte. Diese Utopie ist heute wieder lustig von den Toten auferstanden und bildet das Aushängeschild der ganzen sozialdemokratischen Politik.
Und das ist ganz natürlich, denn der Sozialismus läßt sich nicht von oben herab dekretieren und durch Gesetze künstlich ins Leben zaubern. Er muß den Tiefen der Massen entspringen als Ergebnis ihres schöpferischen Könnens und Wirkens und sich seine eigene Organisation im Volke schaffen. In den Betrieben, auf den Feldern, in den Gruben, in den Werkstätten der Technik und Chemie, dort wird sich das neue Leben der Zukunft entwickeln.
Hier sind die Kräfte am Werk, die allein imstande sind, eine neue Welt zu schaffen. Wie das Kind im Mutterleibe seine ersten Formen im alten Organismus entwickeln muß, um nachher als selbständiges Wesen ins Leben zu treten, so müssen die Arbeiter schon innerhalb der heutigen Gesellschaft die Organe entwickeln, die dazu berufen sind, als Keimzellen des neuen Lebens zu wirken. Diese Zeller des sozialistischen Werdens sind aber nicht die Parteien, die Organisationsgebilde der bürgerlichen Gesellschaft, sondern die Föderation der sozialistischen und revolutionären Wirtschaftsorganisationen aller werktätigen Kräfte, aus deren Schoße sich das sozialistische Leben der Zukunft entwickeln wird. Sozialismus bedeutet nicht Eroberung der politischen Macht, sondern Eroberung der Betriebe, des Grund und Bodens und Ausschaltung jedes politischen Machtapparates aus dem gesellschaftlichen Leben, der letzten Endes doch nur den Zweck verfolgt, die sozialen Vorrechte der besitzenden Klassen zu schützen, ungeachtet der Männer, die an seiner Spitze stehen.
Und Erziehung zum Sozialismus heißt nicht operieren mit dem Stimmzettel, sondern Entwicklung der Arbeiter zur Verwaltung der Betriebe und des ganzen wirtschaftlichen Lebens. Es ist die große Aufgabe der revolutionären Wirtschaftsorganisationen, den Arbeitern diese Erziehung zu vermitteln und durch die unvermeidlicher. Kampfe des Alltags ihr soziales Empfinden zu stärker, und zu vertiefen. Von unten auf muß uns die Freiheit kommen. Der eigenen Kraft muß sie entspringen, nicht der illusionären Hoffnung auf Hilfe von oben, die niemals kommen wird. Alle Versprechungen in dieser Beziehung, mit denen man jetzt wieder das Volk von allen Seiten beglückt, sind nur Schatzanweisungen auf den Mond, die keinerlei Bedeutung haben.
Es gilt, den Arbeiter als Produzenten zu erlassen, nicht als Wähler und Mitglied politischer Parteien. Denn es ist in erster Linie seine Arbeitskraft, welche er gegen die Monopole der Besitzenden in die Wagschale zu werfen hat. Aus seiner täglichen Arbeit wird die Welt jeden lag neu geboren. Hier liegt die Kraft verborgen, die ihn allein zum Siege führen kann, der Hebel, mit dem er sich das Tor zur Freiheit öffnen kann.
Das ist die positive Seite unserer antiparlamentarischen Einstellung.
Nicht darauf kommt es an, daß einer nicht wählt, sondern darauf, daß er auch bereit ist, als Mann in die Schranken zu treten und selbst seines Schicksals Schmied zu werden.

Rudolf Rocker

(Die Aktion, Jg. 14, H. 13/14, Anfang Dezember 1924, Sp. 633-642).

Rudolf de Jong – Die Internationale Arbeiter-Assoziation (Anarcho-Syndikalisten) und der Faschismus (1974)

Internationale Tagung der Historiker der Arbeiterbewegung – X. Linzer Konferenz (1974)

Rudolf Rocker – « Nationale Staaten sind politische Kirchengebilde » (1937)

Die alte Behauptung, welche die Entstehung des nationalen Staates auf das erwachende Nationalbewußtsein der Völker zurückführt, ist nur ein Märchen, das den Trägern der nationalen Staatsidee gute Dienste leistete, aber darum nicht minder falsch ist. Die Nation ist nicht die Ursache, sondern das Ergebnis des Staates. Es ist der Staat, der die Nation schafft, nicht die Nation den Staat. Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen, besteht zwischen Volk und Nation derselbe Unterschied wie zwischen Gesellschaft und Staat.
Jede gesellschaftliche Bindung ist ein natürliches Gebilde, das sich auf Grund gemeinsamer Bedürfnisse und gegenseitiger Vereinbarung organisch von unten nach oben gestaltet, um die allgemeinen Belange zu schützen und wahrzunehmen. Sogar wenn gesellschaftliche Einrichtungen allmählich erstarren oder rudimentär werden, läßt sich der Zweck ihres Ursprunges in den meisten Fällen deutlich erkennen. – Jede staatliche Organisation aber ist ein künstlicher Mechanismus, der den Menschen von irgendwelchen Machthabern von oben herab aufgezwungen wird und der nie einen anderen Zweck verfolgt, als die Sonderinteressen privilegierter Minderheiten in der Gesellschaft zu verteidigen und sicherzustellen.
Ein Volk ist das natürliche Ergebnis gesellschaftlicher Bindungen, ein Sichzusammenfinden von Menschen, welche durch eine gewisse Gleichartigkeit der äußeren Lebensverhältnisse, durch die Gemeinschaft der Sprache und durch besondere Veranlagungen auf Grund klimatischer und geographischer Lebensbedingungen zustande kommen. Auf diese Art entstehen gewisse gemeinsame Züge, die in jedem Gliede des Volksverbandes lebendig sind und einen wichtigen Bestandteil seiner gesellschaftlichen Existenz bilden. Diese innere Verwandtschaft kann ebensowenig künstlich gezüchtet als willkürlich zerstört werden, es sei denn, daß man alle Glieder einer Volksgruppe gewaltsam von der Erde vertilge. – Eine Nation aber ist stets das künstliche Ergebnis machtpolitischer Bestrebungen, wie ja auch der Nationalismus nie etwas anderes gewesen ist als die politische Religion des modernen Staates. Die Zugehörigkeit einer Nation wird nie, wie beim Volke, durch tiefere natürliche Ursachen bestimmt; sie unterliegt stets den Erwägungen der Politik und den Gründen der Staatsräson, hinter der sich immer die Sonderinteressen privilegierter Minderheiten im Staate verstecken. Ein Häufchen Diplomaten, die lediglich die Geschäftsträger bevorrechteter Kasten und Klassen im Staatsverbande sind, entscheidet oft ganz willkürlich über die nationale Zugehörigkeit bestimmter Menschengruppen, die sich ihrem Machtgebot unterwerfen müssen, weil sie sich nicht anders helfen können, und ohne daß man sie auch nur um ihre Zustimmung gefragt hätte.
Völker und Völkergruppen haben bestanden, lange bevor der Staat in die Erscheinung trat; sie bestehen auch heute noch und entfalten sich ohne das Zutun des Staates und werden nur dann in ihrer natürlichen Entwicklung beeinträchtigt, wenn sich irgendeine äußere Macht in ihr Leben gewaltsam einmischt und dieses in bestimmte Formen zwingt, die ihnen bis dahin we-sensfremd geblieben sind. Die Nation aber ist ohne den Staat undenkbar; sie ist mit ihm zusammengeschmiedet auf Gedeih und Verderb und verdankt ihr Dasein lediglich seiner Existenz. Deshalb wird uns das Wesen der Nation stets unerschlossen bleiben, wenn wir versuchen, sie vom Staate zu trennen und ihr ein Eigenleben zuzusprechen, das sie nie besessen hat.
Ein Volk ist stets eine ziemlich engumgrenzte Gemeinschaft; eine Nation aber umfaßt in der Regel eine ganze Anzahl verschiedener Völker und Völkerschaften, die durch mehr oder weniger gewaltsame Mittel in den Rahmen einer gemeinsamen Staatsform gepreßt wurden. In der Tat gibt es in ganz Europa keinen Staat, der nicht aus einer ganzen Reihe der verschiedensten Völkerschaften besteht, die ursprünglich durch Abstammung und Sprache voneinander getrennt waren und lediglich aus dynastischen, wirtschaftlichen oder machtpolitischen Interessen gewaltsam zu einer Nation zusammengeschweißt wurden.
Sogar dort, wo unter dem Einfluß demokratischer Ideengänge die Bestre-bungen für nationale Einheit von großen Volksbewegungen getragen wurden, wie dies in Deutschland und Italien der Fall gewesen ist, lag diesen Bestrebungen von Anfang an ein reaktionärer Kern zugrunde, der zu keinen guten Ergebnissen führen konnte. Die revolutionäre Betätigung Mazzinis und seiner Anhänger für die Herstellung des nationalen Einheitsstaates mußte sich unvermeidlich als Hindernis für die soziale Befreiung des Volkes auswirken, deren eigentliche Ziele durch die nationale Ideologie verschleiert wurden. Zwischen dem Menschen Mazzini und dem heutigen Diktator Italiens gähnt ein ganzer Abgrund, aber die Entwicklung der nationalistischen Ideenwelt von der «politischen Theologie» Mazzinis bis zum faschistischen Totalitätsstaat Mussolinis bewegt sich in einer geraden Linie.
Ein Blick auf die neugebackenen nationalen Staatswesen, die infolge des ersten Weltkrieges in die Erscheinung traten, gibt uns einen Anschauungsunterricht, der nicht leicht mißverstanden werden kann. Dieselben Nationalitäten, die sich vor dem Kriege nicht genug empören konnten gegen die Gewalt, die ihnen von fremden Bedrückern angetan wurde, erweisen sich heute, wo sie das Ziel ihrer Wünsche erreicht haben, als die schlimmsten Unterdrücker der nationalen Minderheiten in ihren Ländern und wenden gegen diese dieselben brutalen Methoden moralischer und gesetzlicher Unterjochung an, die sie einst, als sie selber noch die Unterdrückten waren, mit Recht bitter bekämpften. Dieses sollte auch den Blindesten darüber aufklären, daß ein harmonisches Zusammenleben der Völker im Rahmen des heutigen Staatensystems überhaupt nicht möglich ist. Aber jene Völker, die im Namen der nationalen Befreiung das Joch einer verhaßten Fremdherrschaft von sich abschüttelten, haben dadurch auch nichts gewonnen; in den meisten Fällen haben sie nur ein neues Joch auf sich genommen, das häufig viel bedrückender ist als das alte. Polen, Ungarn, Jugoslawien und die Randstaaten zwischen Deutschland und Rußland sind klassische Beispiele dafür.
Die Verwandlung menschlicher Gruppierungen in Nationen, das heißt in Staatsvölker, hat der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung Europas keine neuen Ausblicke erschlossen; sie hat sich vielmehr zu einem der festesten Bollwerke der internationalen Reaktion ausgewachsen und ist heute eines der gefährlichsten Hindernisse für die soziale Befreiung. Die europäische Gesellschaft wurde durch diesen Vorgang in feindliche Gruppen zerstückelt, die sich stets mißtrauisch und oft haßerfüllt gegenüberstehen; und der Nationalismus in jedem Lande wacht mit Argusaugen, daß dieser krankhafte Zustand Bestand hat. Wo immer eine gegenseitige Annäherung der Völker angebahnt wird, dort häufen seine Träger immer wieder neuen Zündstoff an, um die nationalen Gegensätze zu erweitern. Denn der nationale Staat lebt von diesen Gegensätzen und müßte in dem Augenblick verschwinden, wo es ihm nicht mehr gelänge, diese künstliche Scheidung weiterbestehen zu lassen.
Der Begriff der Nation beruht daher auf einem rein negativen Prinzip, hinter dem sich allerdings sehr positive Ziele verborgen halten. Denn hinter allem Nationalen steht der Machtwille kleiner Minderheiten und das Sonderinteresse privilegierter Kasten und Klassen im Staate. Sie bestimmen in Wirklichkeit den «Willen der Nation»; denn «die Staaten als solche haben gar keinen Zweck – wie Menger richtig bemerkte –, sondern nur ihre Machthaber». Damit aber der Wille der wenigen der Wille aller werde – denn nur so kann er seine volle Wirksamkeit entfalten –, müssen alle Mittel des geistigen und seelischen Drills herhalten, um ihn im religiösen Bewußtsein der Massen zu verankern und ihn zu einer Sache des Glaubens zu gestalten. Die wahre Stärke jedes Glaubens aber liegt eben darin, daß seine Priester die Trennungslinien, welche den «Rechtgläubigen» von dem Bekennertum anderer Glaubensgemeinschaften scheiden, möglichst scharf herausarbeiten. Ohne die Ruchlosigkeit des Satans wäre es um die Größe Gottes schlecht bestellt. – Nationale Staaten sind politische Kirchengebilde. Das sogenannte Nationalbewußtsein, das dem Menschen nicht angeboren, sondern anerzogen wird, ist eine religiöse Vorstellung; man ist Deutscher, Franzose oder Italiener, wie man Katholik, Protestant oder Jude ist.

(Rudolf Rocker, Nationalismus und Kultur, Münster, Bibliothek Thélème, 1999, S. 193-196. Hervorh. von Rocker)

Rocker Horror Picture Show III

L’Institut für Syndikalismusforschung (Institut de recherche sur le syndicalisme révolutionnaire) fait appel à la solidarité pour réunir les 2247,03 euros qu’il doit verser, à titre de frais de procédure, à Heiner Becker. On sait que ledit Institut – nom légèrement pompeux d’un petit groupe d’historiens non académiques allemands, de tendance anarcho-syndicaliste – avait été traîné en justice pour avoir mis en ligne/publié des textes de Rudolf Rocker (et de Milly Witkop-Rocker), sans l’autorisation de celui qui se dit investi de tous les droits sur l’œuvre des Rocker… jusqu’en 2029.

Folkert Mohrhof
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Kennwort: Soli Syfo

Ça ne nous fait plus rire.

(Milly et Rudolf, dans un parc de Berlin, vers la fin des années 20)

Rudolf Rocker (Free Workers Circle, 1912)

First annual convention of the ‚Free Workers Circle‘ of Great Britain, in 1912. Persons shown: (Front row, RIGHT to LEFT:) M Stone, Jack Neckovitch, B Judelson, B Kinbrum, Reuben Hollander, A Hillman, A Osipinski, S Borovick, D Tankenog, Rudolf Rocker, S Weinberg, Nissenberg. (Second row, RIGHT to LEFT:) Morris Rubinstein, A Stolbofff, W Krasner, P Darsha, B Gelman, A Yuslianer, L Cohen, B Ruderman, I Rose, M Sidarsky. (Third row, RIGHT to LEFT:) S Birenbaum, I Taylor, S Ringal, Nathan Weiner, H Larman, Morris Myer, I Druckerman, I Podolski, I Solomans, H Yasner. (Fourth/Back row RIGHT to LEFT:) Morris Lenolde (First Secretary), S Badanski, A Hollander, A Rosenberg, M Levy, Barnet Weinberg, M Karsha, I Gurovich, R Schiffman. (Link)