Archiv der Kategorie 'Rosa Luxemburg'

Franz Pfemfert – „Die Aktion“ 1911-1922 (Jg. 1-12)

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Neues aus den Archiven des internationalen Rätekommunismus

Die „Antonie Pannekoek Archives“ haben in letzter Zeit viele historische rätekommunistische Presseorgane und Zeitschriften verschiedener Sprachen aus den wertvollen Beständen des IISG (Amsterdam) digitalisiert und online gestellt, darunter eine große Anzahl von Zeitungen der KAPD/AAU 1920-1933:

Proletarier 1920-1924
Kommunistische Montags-Zeitung 1920-1921
Kommunistische Arbeiter-Zeitung (Berlin) 1920-1932
Kommunistische Arbeiter-Zeitung (Essen) 1922-1929
Kommunistische Arbeiter (Opposition) 1927-1928
Rote Jugend 1921-1930
Die Fackel 1922-1923
Der Kampfruf (AAU) 1920-1933
Spartakus 1926-1932

Materialien:
Vier K.A.P.D. Kongresse 1920-1921 (teilweise von Hans-Manfred Bock bzw. Philippe Bourrinet annotiert)
Die K.P.D. im eigenen Spiegel (1926)

Last but not least werden dort auch alle von Paul Mattick unter großen Opfern herausgegebenen Zeitschriften International Council Correspondence, Living Marxism und New Essays zur Verfügung gestellt.
http://www.aaap.be/Pages/International-Council-Correspondence.html

Michael Löwy – Der Urkommunismus in den ökonomischen Schriften von Rosa Luxemburg – Für eine romantisch-revolutionäre Geschichtsauffassung (1989)

Michael Löwy: Der Urkommunismus in den ökonomischen Schriften von Rosa Luxemburg – Für eine romantisch-revolutionäre Geschichtsauffassung

Es gibt kaum marxistische Autoren, die soviel Interesse für das ursprüngliche Gemeinwesen gezeigt haben wie Rosa Luxemburg. Das zentrale Thema ihrer Einführung in die Nationalökonomie (unvollständiges Manuskript, 1925 von Paul Levi veröffentlicht) ist die Analyse dieser Gesellschaftsformation, die sie als kommunistische Urgesellschaft bezeichnet, und ihr Gegensatz zur kapitalistischen Warenproduktion. Zwar handelt es sich um einen unvollständigen Text, der im Gefängnis (um 1916), ausgehend von Notizen ihrer Vorlesungen in politischer Ökonomie an der Schule der sozialdemokratischen Partei (1907-1914) redigiert wurde; andere Kapitel waren vorgesehen, wurden aber entweder nicht geschrieben oder sind in der Folge verlorengegangen. Aber das erklärt nicht, warum die Behandlung der Urgesellschaft und ihrer Auflösung mehr Platz einnimmt als die der Warenproduktion, der Lohnarbeit und der Tendenzen der kapitalistischen Ökonomie insgesamt. Diese ungewöhnliche Zugangsweise zur politischen Ökonomie ist wahrscheinlich einer der Hauptgründe, warum die Mehrzahl der marxistischen Ökonomen, und selbst ihre Biographen und Interpreten, diese Arbeit vernachlässigt, nicht zur Kenntnis genommen oder schlichtweg ignoriert haben. Paul Frölich ist eine der wenigen Ausnahmen, ebenso wie Emest Mandel, der Autor des Vorworts zur französischen Ausgabe; hingegen findet sich bei Nettl kein Hinweis und nicht die Spur eines Kommentars zum Inhalt des Werks. Das Marx-Engels-Lenin-Stalin Institut in Ost-Berlin, verantwortlich für die Wiederveröffentlichung des Textes 1953, gibt (in seiner Einleitung) vor, daß es sich um eine »populäre Darstellung der Grundzüge der kapitalistischen Produktionsweise« (Rosa Luxemburg, Ausgewählte Reden und Schriften, Berlin/DDR 1955,403-410) handle, geht aber auf die Tatsache, daß beinahe die Hälfte des Buchs dem Urkommunismus gewidmet ist, nicht ein [1]. Die Bedeutung des Werks liegt m.E. aber gerade in seiner Herangehensweise an die vorkapitalistischen Gesellschaften, in seiner kritischen und originellen Auffassung der Entwicklung der Gesellschaftsformationen, in einer Haltung, die darauf abzielt — wie Walter Benjamin sagte —, die Geschichte gegen den Strich zu bürsten.
Wie ist nun das Interesse von Rosa Luxemburg für die Urgesellschaften zu erklären? Zum einen ist es offensichtlich, daß sie in der Existenz dieser frühen kommunistischen Gesellschaften ein Mittel sieht, »die alte Vorstellung von der Ewigkeit des Privateigentums und seinem Bestehen von Anbeginn der Welt« (LGW 5, 604) zu erschüttern oder gar zu zerstören. Aufgrund der Unfähigkeit, das Gemeineigentum wahrzunehmen, und aufgrund des Unverständnisses für alles, was nicht der kapitalistischen Zivilisation gleicht, haben sich die bürgerlichen Ökonomen beharrlich geweigert, diese Gemeinschaften als historische Tatsache anzuerkennen. Für Rosa Luxemburg steht ein — in theoretischer wie politischer Hinsicht — wesentlicher Gesichtspunkt der ökonomischen Wissenschaft auf dem Spiel. Zum anderen ist der Urkommunismus in ihren Augen ein wertvoller historischer Orientierungspunkt, der es ermöglicht, den Kapitalismus zu kritisieren, seinen irrationalen, verdinglichten und anarchischen Charakter zu enthüllen und den radikalen Gegensatz zwischen Gebrauchswert und Tauschwert offenzulegen. Ernest Mandel unterstreicht in seinem Vorwort zu Recht: »Die Erklärung der grundlegenden Unterschiede zwischen einer auf der Produktion von Gebrauchswerten basierenden Ökonomie, in der es um die Befriedigung der Bedürfnisse der Produzenten geht, und einer auf Warenproduktion gegründeten, nimmt den größten Teil des Werkes ein« (Mandel 1970, XVIII). Ihr geht es darum, in der Vergangenheit all das aufzufinden und zu ‘retten’, worin — bis zu einem gewissen Punkt jedenfalls — der moderne Sozialismus bereits Gestalt annehmen läßt. Die Haltung Rosa Luxemburgs hat nicht zufällig eine gewisse Affinität zu romantischen Geschichtsauffassungen, die die bürgerliche Fortschrittsideologie ablehnen und die inhumanen Aspekte der industriell-kapitalistischen Zivilisation kritisieren (daher übrigens ihr Interesse für das Werk eines ökonomischen Romantikers wie Sismondi). Während die traditionalistische Romantik bemüht ist, eine idealisierte Vergangenheit wiederherzustellen, sucht die revolutionäre Romantik, der Rosa Luxemburg nahesteht, in vorkapitalistischen Formen der Vergangenheit Elemente und Aspekte der nachkapitalistischen Zukunft zu antizipieren.

Schon Marx und Engels hatten in ihren Schriften und in ihrer Korrespondenz auf die Arbeiten des (romantischen) Historikers Georg Ludwig Maurer über die germanische Urgemeinde (Mark) aufmerksam gemacht. Wie Marx und Engels studiert auch Rosa Luxemburg begierig die Schriften von Maurer und begeistert sich über die demokratische und egalitäre Funktionsweise der Mark und ihre gesellschaftliche Transparenz: »Man kann sich nichts Einfacheres und Harmonischeres zugleich vorstellen als dieses Wirtschaftssystem der alten germanischen Mark. Wie auf flacher Hand liegt hier der ganze Mechanismus des gesellschaftlichen Lebens. Ein strenger Plan, eine stramme Organisation umfassen hier das Tun und Lassen jedes Einzelnen und fügen ihn dem Ganzen als ein Teilchen ein. Die unmittelbaren Bedürfnisse des täglichen Lebens und ihre gleichmäßige Befriedigung für alle, das ist der Ausgangspunkt und der Endpunkt der ganzen Organisation. Alle arbeiten gemeinsam für alle und bestimmen gemeinsam über alles.« (LGW 5, 656) Was sie schätzt und deutlich hervorhebt, sind jene Züge dieser Urgemeinschaft, die dem Kapitalismus entgegengesetzt sind, und die sie in gewisser Hinsicht der bürgerlich-industriellen Zivilisation menschlich überlegen machen: »Vor zweitausend Jahren also und noch früher, in jener grauen Vorzeit der germanischen Völker … herrschten bei den Germanen Zustände, die von den heutigen grundverschieden waren. Kein Staat mit geschriebenen Zwangsgesetzen, keine Spaltung in Reiche und Arme, Herrschende und Arbeitende waren damals unter den Germanen bekannt.« (Ebd., 594f.)
Sich stützend auf die Arbeiten des russischen Historikers Maxime Kowalewsky (für den schon Marx lebhaftes Interesse gezeigt hatte) besteht Rosa Luxemburg auf der Universalität des Agrarkommunismus als allgemeiner Form der menschlichen Gesellschaft in einem bestimmten Stadium ihrer Entwicklung, einer Form, die man ebensogut bei den amerikanischen Indianern, bei den Inkas, den Azteken, den Kabylen, den afrikanischen Stämmen und den Hindus finde. Das peruanische Beispiel scheint ihr besonders bedeutsam; auch hier kommt sie nicht umhin, einen Vergleich zwischen der Marca der Inkas und der zivilisierten Gesellschaft zu ziehen: »Die moderne Kunst, sich ausschließlich von fremder Arbeit ernähren zu lassen und die eigene Nichtarbeit zum Attribut der Herrschaft zu machen, war dem Wesen dieser Gesellschaftsorganisation, in der Gemeineigentum und allgemeine Arbeitspflicht tiefverwurzelte Volksitte waren, noch fremd.« (Ebd., 659) Ihre Bewunderung gilt der »phantastischen Zähigkeit des Indianervolks und der markgenossenschaftlichen Einrichtungen …, (von denen) sich … trotz dieser Wirtschaft noch bis ins 19. Jahrhundert hinein Reste erhalten haben. « (Ebd., 673) Etwa zwanzig Jahre später wird der bedeutende peruanische marxistische Denker José Carlos Mariategui eine Auffassung entwickeln, die erstaunliche Konvergenzen mit den Ideen Rosa Luxemburgs aufweist (wobei er sehr wahrscheinlich ihre Bemerkungen über Peru nicht kannte): der moderne Sozialismus muß sich auf die einheimischen Traditionen stützen, die auf den Kommunismus der Inka zurückgehen, um die bäuerlichen Massen für seinen Kampf zu gewinnen (vgl. Mariategui 1986).
Aber der in diesem Bereich wichtigste Autor ist für Rosa Luxemburg — wie schon für Engels im Ursprung der Familie — der amerikanische Anthropologe L.H. Morgan. Sie läßt sich von seinem klassischen Werk Ancient Society (1877) anregen, geht dabei über Marx und Engels hinaus und entwickelt eine grandiose Vision der Geschichte, eine bahnbrechende und kühne Konzeption der tausendjährigen Entwicklung der Menschheit, in der die gegenwärtige Zivilisation »… mit ihrem Privateigentum, ihrer Klassenherrschaft, der Herrschaft der Männer, ihrem Staat und ihrer erzwungenen Ehe« wie eine einfache Parenthese erscheint, ein Übergang zwischen dem ursprünglichen Gemeinwesen und der kommunistischen Gesellschaft der Zukunft. Die romantisch-revolutionäre Idee einer Verbindung zwischen der Vergangenheit und der Zukunft wird hier ausdrücklich formuliert: »Den revolutionären Bestrebungen der Zukunft bot somit die adelige Überlieferung der grauen Vergangenheit die Hand, der Kreis der Erkenntnis schloß sich harmonisch zusammen, und aus dieser Perspektive erschien die heutige Welt der Klassenherrschaft und der Ausbeutung, die das all und einzige der Kultur, das höchste Ziel der Weltgeschichte darzustellen vorgab, bloß als eine winzige vorübergehende Etappe auf dem großen Kulturvormarsch der Menschheit.« (Ebd., 612)
In dieser Perspektive zeigt sich ihr die europäische Kolonisierung der Völker der Dritten Welt wesentlich als ein sozial zerstörerisches, barbarisches und unmenschliches Unternehmen; dies gilt vor allem für die englische Okkupation Indiens, die die traditionellen, agrarkommunistischen Strukturen verwüstet und aufgelöst hat, mit all den tragischen Folgen für die Bauernschaft. Rosa Luxemburg teilt mit Marx die Überzeugung, daß der Imperialismus den ökonomischen Fortschritt in die kolonisierten Länder hineinträgt, selbst wenn er es mit »den niederträchtigen Methoden einer Klassengesellschaft« tut (ebd., 697). [2] Während jedoch Marx, ohne seine Entrüstung über diese Methoden zu verbergen, vor allem die progressive ökonomische Rolle der Eisenbahn betont, die durch die Engländer in Indien eingeführt wurde, legt Rosa Luxemburg den Akzent eher auf die unheilvollen sozialen Konsequenzen, die dieser kapitalistische ‘Fortschritt’ mit sich bringt: »Die alten Bande wurden gesprengt, die stille Weltabgeschiedenheit des Dorfkommunismus zerrissen und durch Hader, Zwietracht, Ungleichheit und Ausbeutung ersetzt. Enorme Latifundien einerseits, eine enorme Millionenmasse mittelloser bäuerlicher Pächter andererseits waren das Ergebnis. Das Privateigentum feierte den Einzug in Indien und mit ihm der Hungertyphus und der Skorbut als ständige Gäste in den Niederungen des Ganges.« (Ebd., 601) Dieser Unterschied zu Marx entspricht freilich einer anderen historischen Etappe, die einen neuen Blick auf die kolonisierten Länder erlaubt, aber er ist zugleich der Ausdruck der besonderen Sensibilität Rosa Luxemburgs für die gesellschaftlichen und humanen Qualitäten der ursprünglichen Gemeinwesen.
Diese Problematik wird nicht nur in der Einleitung in die Nationalökonomie, sondern auch in der Akkumulation des Kapitals angesprochen, wo sie die historische Rolle des englischen Kolonialismus erneut kritisiert und sich über die kriminelle Verachtung entrüstet, die die europäischen Eroberer dem alten Bewässerungssystem entgegenbrachten: In seiner blinden Gefräßigkeit ist das Kapital »unfähig, weit genug zu sehen, um den Wert der ökonomischen Monumente einer viel älteren Zivilisation zu erkennen«; die Kolonialpolitik führe zum Niedergang dieses traditionellen Systems und damit zu einer Hungersnot, die von 1867 an Millionen von Opfern in Indien gefordert hat. Die französische Kolonisation Algeriens stellt sich in ihren Augen als ein systematischer und absichtlicher Versuch der Zerstörung und Entwendung von Gemeineigentum dar, der im ökonomischen Ruin der einheimischen Bevölkerung endete. (LGW 5, 327ff.)
Nicht nur einzelne Beispiele, sondern die Gesamtheit des spanischen, portugiesischen, holländischen, englischen oder deutschen Kolonialsystems, praktiziert in Lateinamerika, Afrika oder Asien, wird von Rosa Luxemburg angeklagt. Sie steht entschieden auf der Seite der Opfer des kapitalistischen ‘Fortschritts’: »Für alle primitiven Völker in den Kolonialländern ist also der Übergang von den primitiven kommunistischen Zuständen zu den modernen kapitalistischen tatsächlich als eine plötzliche Katastrophe, als ein unsägliches Unglück voll furchtbarster Leiden eingetreten.« (Ebd., 717) Dieses Interesse an der sozialen Lage der kolonisierten Bevölkerungen zeigt, wie erstaunlich modern ihr Text ist — insbesondere, wenn man ihn mit dem entsprechenden Werk Kautskys von 1886 vergleicht, in dem die nicht-europäischen Völker so gut wie nicht Vorkommen (vgl. Mandel 1970, XVIIf.).
Aus dieser Analyse entspringt ihre Solidarität mit dem Kampf der Einheimischen gegen die imperialistischen Metropolen, einem Kampf, in dem sie den beharrlichen und bewunderungswürdigen Widerstand der alten kommunistischen Traditionen gegen die Profitgier und gegen die kapitalistische ‘Europäisierung’ wahmimmt. Hier scheint die Idee eines Bündnisses zwischen dem antikolonialen Kampf dieser Völker und dem antikapitalistischen Kampf des modernen Proletariats hervor, als eine revolutionäre Konvergenz zwischen altem und neuem Kommunismus… (613)
Gilbert Badia — einer der wenigen, der diese Problematik in seinem bemerkenswerten Werk über Rosa Luxemburg kritisch würdigt — ist der Auffassung, daß in der Einleitung in die Nationalökonomie die alten Strukturen der kolonisierten Gesellschaften oft als zu starr dargestellt »und dem Kapitalismus in der Form eines Schwarz-Weiß-Gegensatzes radikal entgegengesetzt« werden. In anderen Worten: »Diesen mit allen Tugenden begabten Gemeinschaften, die als fast vollständig unbeweglich dargestellt werden, setzt Rosa Luxemburg die destruktive Funktion eines Kapitalismus entgegen, der absolut nichts Fortschrittliches mehr hat. Wir sind weit entfernt von jener erobernden Bourgeoisie, wie sie von Marx im Manifest vorgestellt wird«. (Badia 1975, 498/501) Diese Einwände scheinen uns aus den folgenden Gründen nicht gerechtfertigt: 1. Rosa Luxemburg begreift die Gemeinwesen nicht als unbeweglich oder erstarrt: im Gegenteil, sie zeigt deren Widersprüche und Veränderungen. Sie unterstreicht, daß »die … kommunistische Gesellschaft durch ihre eigene innere Entwicklung zur Ausbildung der Ungleichheit und der Despotie« (LGW 5, 696) führt. 2. Sie verneint nicht die fortschrittliche ökonomische Rolle des Kapitalismus, sondern prangert die unwürdigen und sozial rückschrittlichen Aspekte der kapitalistischen Kolonisation an. 3. Sie hebt zwar die positivsten Aspekte des Urkommunismus im Gegensatz zur bürgerlichen Zivilisation hervor, verdunkelt deshalb aber keineswegs dessen Schranken und Mängel: lokale Beschränktheit; niedriges Niveau der Produktivkraft der Arbeit und der Entwicklung der Zivilisation; Ohnmacht gegenüber der Natur; brutale Gewalt; permanenter Kriegszustand zwischen den Gemeinwesen etc. (Ebd., 659f.) 4. Tatsächlich ist der Ansatz von Rosa Luxemburg sehr weit entfernt von Marx’ Hymne auf die Bourgeoisie aus dem Jahr 1848; dagegen ist sie dem Geist des 24. Kapitels im Kapital (»Genesis des industriellen Kapitalisten«, MEW 23, 777-788), in dem Marx die »Barbareien« und die »Greuel« der europäischen Kolonisation beschreibt, sehr nahe.
Bezüglich der russischen Dorfgemeinde hat Rosa Luxemburg eine weit kritischere Sicht als Marx selbst. Ausgehend von Engels’ Analysen, der am Ende des 19. Jahrhunderts den Niedergang der Obschtschina (Dorfgemeinschaft) feststellte, zeigt sie an diesem Beispiel die historischen Grenzen des traditionellen Gemeinwesens und die Notwendigkeit seiner Überwindung (vgl. LGW 5, 687). Ihr Blick geht unbeirrt in die Zukunft; sie trennt sich hier von der ökonomischen Romantik im allgemeinen und den russischen Volkstümlern im besonderen, um auf dem »fundamentale(n) Unterschied zwischen der sozialistischen Weltwirtschaft der Zukunft und den primitiven kommunistischen Gruppen der Urzeit« (ebd., 652) zu bestehen [3].
Indem wir die Aufmerksamkeit auf diese Texte gelenkt haben, wollten wir nicht nur ein verkanntes Kapitel im Werk von Rosa Luxemburg vor dem Vergessen bewahren. Es scheint uns, daß dieses Kapitel weit mehr enthält als eine gelehrte Beigabe zur Geschichte der Ökonomie: es legt eine andere Auffassung von Vergangenheit und Gegenwart, von gesellschaftlicher Historizität, von Fortschritt und Moderne nahe. Indem Rosa Luxemburg die industriell-kapitalistische Zivilisation mit der kommunistischen Vergangenheit der Menschheit konfrontiert, bricht sie mit dem linearen Evolutionismus, dem positivistischen ‘Fortschrittsglauben’, dem Sozialdarwinismus und all den Interpretationen des Marxismus, die ihn auf eine entwickeltere Variante der Philosophie des Herrn Homais reduzieren. In diesen Texten geht es letztlich um die Bedeutung der marxistischen Geschichtsauffassung selbst.

Aus dem Französischen von Thomas Faust

Anmerkungen

(1) Vgl. auch Fröhlich 1965, 189-192; Nettl 1967; Mandel 1970: Preface. In: Luxemburg, R., 1970: Introduction à l’Economie et Politique. Paris.

(2) Diese Passage scheint eine idyllische Vorstellung von der traditionellen gesellschaftlichen Struktur in Indien nahezulegen; wie auch immer, in einem anderen Kapitel des Buches (LGW 5, 675f.) anerkennt Rosa Luxemburg die Existenz einer despotischen Macht und einer Kaste von privilegierten Priestern über den bäuerlichen Gemeinwesen, die so Ausbeutungsbeziehungen und soziale Ungleichheit errichten.

(3) Im gleichen Kontext anerkennt Rosa Luxemburg (wie Marx), daß »die kapitalistische Gesellschaft zum ersten Mal eine Möglichkeit eröffnet, den Sozialismus zu verwirklichen«, namentlich durch die ökonomische Vereinheitlichung der Welt und durch die Entwicklung der Produktivkräfte (LGW 5, 652).

Argument-Sonderband 159 (1989) , S. 140-147.

Moskau 1919

« (Images de la) manifestation à l’occasion de l’assassinat de Karl Liebknecht et de Rosa Luxemburg, Moscou, 1919. »

Crémation symbolique de Scheidemann comme incarnation de la trahison

Serment de vengeance des gardes rouges allemands et russes

(Der Gegner, H. 4, 1920.)

Mylène Gaulard – Les dangers de la suraccumulation en Chine (2012)

On trouvera ici la thèse de M. Gaulard (2008) : Accumulation du capital et inégalités. Une approche comparée Chine/Brésil [cf. en particulier sa présentation de l’histoire de la théorie des crises et des thèses de Rosa Luxemburg]

Et là, son intervention au Congrès Marx International VI en septembre 2010.