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Heinrich Heine – Die Emeute der Lumpensammler von Paris (1832)

Die folgende Mitteilung hat vielleicht das Verdienst, daß sie gleichsam ein Bulletin ist, welches auf dem Schlachtfelde selbst, und zwar während der Schlacht geschrieben worden und daher unverfälscht die Farbe des Augenblicks trägt. Thukydides, der Historienschreiber, und Boccaccio, der Novellist, haben uns freilich bessere Darstellungen dieser Art hinterlassen; aber ich zweifle, ob sie genug Gemütsruhe besessen hätten, während die Cholera ihrer Zeit am entsetzlichsten um sie her wütete, sie gleich, als schleunigen Artikel für die Allgemeine Zeitung von Korinth oder Pisa, so schön und meisterhaft zu beschreiben.
Ich werde bei den folgenden Blättern einem Grundsatz treu bleiben, den ich auch bei dem ganzen Buche ausübe, nämlich: daß ich nichts an diesen Artikeln ändere, daß ich sie ganz so abdrucken lasse, wie ich sie ursprünglich geschrieben, daß ich nur hie und da irgendein Wort einschalte oder ausmerze, wenn dergleichen in meiner Erinnerung dem ursprünglichen Manuskript entspricht. Solche kleine Reminiszenzen kann ich nicht abweisen, aber sie sind sehr selten, sehr geringfügig und betreffen nie eigentliche Irrtümer, falsche Prophezeiungen und schiefe Ansichten, die hier nicht fehlen dürfen, da sie zur Geschichte der Zeit gehören. Die Ereignisse selbst bilden immer die beste Berichtigung.)

Ich rede von der Cholera, die seitdem hier herrscht, und zwar unumschränkt, und die, ohne Rücksicht auf Stand und Gesinnung, tausendweise ihre Opfer niederwirft.

Man hatte jener Pestilenz um so sorgloser entgegengesehn, da aus London die Nachricht angelangt war, daß sie verhältnismäßig nur wenige hingerafft. Es schien anfänglich sogar darauf abgesehen zu sein, sie zu verhöhnen, und man meinte, die Cholera werde, ebensowenig wie jede andere große Reputation, sich hier in Ansehn erhalten können. Da war es nun der guten Cholera nicht zu verdenken, daß sie, aus Furcht vor dem Ridikül, zu einem Mittel griff, welches schon Robespierre und Napoleon als probat befunden, daß sie nämlich, um sich in Respekt zu setzen, das Volk dezimiert. Bei dem großen Elende, das hier herrscht, bei der kolossalen Unsauberkeit, die nicht bloß bei den ärmern Klassen zu finden ist, bei der Reizbarkeit des Volks überhaupt, bei seinem grenzenlosen Leichtsinne, bei dem gänzlichen Mangel an Vorkehrungen und Vorsichtsmaßregeln mußte die Cholera hier rascher und furchtbarer als anderswo um sich greifen. Ihre Ankunft war den 29. März offiziell bekanntgemacht worden, und da dieses der Tag des Demi-carême und das Wetter sonnig und lieblich war, so tummelten sich die Pariser um so lustiger auf den Boulevards, wo man sogar Masken erblickte, die, in karikierter Mißfarbigkeit und Ungestalt, die Furcht vor der Cholera und die Krankheit selbst verspotteten. Desselben Abends waren die Redouten besuchter als jemals; übermütiges Gelächter überjauchzte fast die lauteste Musik, man erhitzte sich beim Chahut, einem nicht sehr zweideutigen Tanze, man schluckte dabei allerlei Eis und sonstig kaltes Getrinke: als plötzlich der lustigste der Arlequine eine allzu große Kühle in den Beinen verspürte und die Maske abnahm und zu aller Welt Verwunderung ein veilchenblaues Gesicht zum Vorschein kam. Man merkte bald, daß solches kein Spaß sei, und das Gelächter verstummte, und mehrere Wagen voll Menschen fuhr man von der Redoute gleich nach dem Hôtel-Dieu, dem Zentralhospitale, wo sie, in ihren abenteuerlichen Maskenkleidern anlangend, gleich verschieden. Da man in der ersten Bestürzung an Ansteckung glaubte und die ältern Gäste des Hôtel-Dieu ein gräßliches Angstgeschrei erhoben, so sind jene Toten, wie man sagt, so schnell beerdigt worden, daß man ihnen nicht einmal die buntscheckigen Narrenkleider auszog, und lustig, wie sie gelebt haben, liegen sie auch lustig im Grabe.

Nichts gleicht der Verwirrung, womit jetzt plötzlich Sicherungsanstalten getroffen wurden. Es bildete sich eine Commission sanitaire, es wurden überall Bureaux de secours eingerichtet, und die Verordnung in betreff der Salubrité publique sollte schleunigst in Wirksamkeit treten. Da kollidierte man zuerst mit den Interessen einiger tausend Menschen, die den öffentlichen Schmutz als ihre Domäne betrachten. Dieses sind die sogenannten Chiffonniers, die von dem Kehricht, der sich des Tags über vor den Häusern in den Kotwinkeln aufhäuft, ihren Lebensunterhalt ziehen. Mit großen Spitzkörben auf dem Rücken und einem Hakenstock in der Hand, schlendern diese Menschen, bleiche Schmutzgestalten, durch die Straßen und wissen mancherlei, was noch brauchbar ist, aus dem Kehricht aufzugabeln und zu verkaufen. Als nun die Polizei, damit der Kot nicht lange auf den Straßen liegenbleibe, die Säuberung derselben in Entreprise gab und der Kehricht, auf Karren verladen, unmittelbar zur Stadt hinausgebracht ward aufs freie Feld, wo es den Chiffonniers freistehen sollte, nach Herzenslust darin herumzufischen: da klagten diese Menschen, daß sie, wo nicht ganz brotlos, doch wenigstens in ihrem Erwerbe geschmälert worden, daß dieser Erwerb ein verjährtes Recht sei, gleichsam ein Eigentum, dessen man sie nicht nach Willkür berauben könne. Es ist sonderbar, daß die Beweistümer, die sie in dieser Hinsicht vorbrachten, ganz dieselben sind, die auch unsere Krautjunker, Zunftherren, Gildemeister, Zehntenprediger, Fakultätsgenossen und sonstige Vorrechtsbeflissene vorzubringen pflegen, wenn die alten Mißbräuche, wovon sie Nutzen ziehen, der Kehricht des Mittelalters, endlich fortgeräumt werden sollen, damit durch den verjährten Moder und Dunst unser jetziges Leben nicht verpestet werde. Als ihre Protestationen nichts halfen, suchten die Chiffonniers gewalttätig die Reinigungsreform zu hintertreiben; sie versuchten eine kleine Konterrevolution, und zwar in Verbindung mit alten Weibern, den Revendeuses, denen man verboten hatte, das übelriechende Zeug, daß sie größtenteils von den Chiffonniers erhandeln, längs den Kais zum Wiederverkaufe auszukramen. Da sahen wir nun die widerwärtigste Emeute: Die neuen Reinigungskarren wurden zerschlagen und in die Seine geschmissen; die Chiffonniers barrikadierten sich bei der Porte St. Denis; mit ihren groben Regenschirmen fochten die alten Trödelweiber auf dem Châtelet; der Generalmarsch erscholl; Casimir Périer ließ seine Myrmidonen aus ihren Butiken heraustrommeln; der Bürgerthron zitterte; die Rente fiel; die Karlisten jauchzten. Letztere hatten endlich ihre natürlichsten Alliierten gefunden, Lumpensammler und alte Trödelweiber, die sich jetzt mit denselben Prinzipien geltend machten, als Verfechter des Herkömmlichen, der überlieferten Erbkehrichtsinteressen, der Verfaultheiten aller Art.

Heinrich Heine, Sämtliche Werke, Leipzig, Insel-Verlg, 1910, S. 178-182 (Artikel VI – Paris, 19. April 1832)

Ludwig Bamberger – Les balayeurs hessois de Paris (1867)

Pour savoir quelle part les inventions modernes ont eue dans l’envahis-sement de Paris, il n’y a qu’à se rendre à l’endroit où les chemins de fer de l’Est et du Nord sont venus s’asseoir avec leurs vastes gares et tout ce qui en dépend. Là où la vague arrive la première, vous verrez à l’œil nu le dépôt massif qu’elle y a formé en peu de temps, vrai terrain d’alluvion allemand superposé au sol français. La rue même qui se prolonge dans l’axe de la rue Lafayette s’annonce sous le nom de route d’Allemagne, et dans le quartier, tout autour, vous voyez les maisons couvertes de noms allemands; des garnis, des hôtels, des estaminets, des boutiques, des ateliers occupés par les individus de cette nation. Ce quartier est notamment le siège d’un vrai prolétariat allemand, dont peu de Parisiens et même peu d’Allemands demeurant à Paris ont une notion quelconque. […]
A l’heure où, sortant d’une représentation de L’Africaine ou de la Belle Hélène, vous vous attablez dans un cabinet particulier du café Anglais, des milliers d’Allemands se lèvent aux extrémités de la ville pour venir faire la toilette du Paris du lendemain. Peut-être vous est-il arrivé une fois dans votre vie de voir se prolonger le susdit souper, et vous avez été frappé en rentrant chez vous après le lever du soleil, par l’aspect de brigades de balayeurs d’une tournure étrange. Les hommes, en hiver, portent une pelisse en fourrure de chien; les femmes et les enfants, car il y a des uns et des autres dans la brigade, portent des guenilles de vieux calicot avec des fichus de laine rouge ou verte noués autour des oreilles. Sans même entendre leur langage, par leur physionomie seule, vous verrez que ce ne sont pas des compatriotes, et si vous avez le sentiment plus national que cosmopolite, cette idée vous sera consolante, car ces pauvres gens ont une mine bien piteuse, bien malheureuse. Voulez-vous savoir ce qu’ils sont, d’où ils viennent, où ils vont ? […]
Les gens qui, le matin, entre trois et huit heures balayent les rues sont presque tous exclusivement originaires de cette même province. Toujours, depuis la dernière guerre, vous n’êtes pas sans savoir qu’il y a en Allemagne deux pays de Hesse. Un électorat et un grand-duché. L’électorat, à cette heure, appartient à l’histoire ; il est rayé de l’almanach de Gotha ; le grand-duché y est encore, mais il est déjà gravement entamé. Ces deux pays ne sont pas précisément les plus heureux de l’Allemagne. Un sol ingrat par-ci par-là, des princes plus ingrats encore. L’électeur de Hesse fut ce fameux marchand de chair humaine du temps de la guerre d’Indépendance américaine. Ses sujets, pour bien des raisons salutaires, ont depuis ce temps pris l’habitude d’émigrer au delà des mers. Les sujets de son cousin le grand-duc, au contraire, s’en vont de certains districts pour se diriger vers la capitale de la France. Le phénomène remonte d’environ vingt ans en arrière. C’est la misère, et une misère bien profonde, qui pousse ces malheureux à s’aventurer ainsi en un pays où tout leur est absolument inconnu. Heureux encore si, dans leur pays, la niaiserie officielle ne se mêlait pas de leurs affaires pour aggraver le mal ! La sagesse et la morale de l’administration supérieure ne permettent pas le mariage aux déshérités de la fortune. Et comme la nature n’est pas aussi prévoyante et vertueuse que les autorités de l’endroit, elle interviennent très souvent d’une façon assez perverse pour faire naître .des enfants sans la permission de M. le maire. Alors, les pauvres parents, tant pour se soustraire à la disgrâce de leur union irrégulière que pour nourrir la famille, et même .assez souvent pour régulariser à l’étranger ce que la patrie refuse de sanctionner, arrivent ici avec une petite smala sauvage, comptant parfois jusqu’à cinq et .six enfants. Notez qu’ils ne quittent pas le pays sans esprit de retour. Leur unique intention .est d’amasser un petit pécule et de s’en retourner chez eux, munis du nécessaire pour acheter une .maisonnette et un lopin de terre, dans un de ces villages qui ont nom Beuren ou Deinhardstein ou Elpenrode ou Butzbach, etc. Quelquefois il arrive aussi que ce n’est pas précisément la misère, mais plutôt le désir d’arrondir un commencement .de très modique fortune qui engage ces braves gens à prendre le balai. Ils possèdent bien une petite maisonnette, mais grevée d’une hypothèque, et alors ils s’en vont racler le chocolat du macadam parisien, jusqu’à ce qu’ils aient ramassé assez de gros sous pour récupérer la liberté de leur vieux toit. Très rarement ils prennent racine à Paris. Ceux qui n’y meurent pas au bout de quelques mois, et la mortalité est grande dans leurs rangs, s’en retournent chez eux avec leur petit magot. Peu à peu ce va-et-vient ne peut manquer de changer aussi la physionomie du pays d’origine, et ce devrait être chose curieuse que d’aller explorer sur place les villages .remplis par les balayeurs émérites de la plus intelligente boue du monde.
Du temps où je faisais mes études à l’Université de Giessen (c’est ainsi que s’appelle le chef-lieu de cette même province de la liesse), une des anecdotes stéréotypées de l’endroit prétendait qu’au fond du pays un homme avait construit une baraque dans laquelle il montrait, moyennant entrée, une pièce d’argent, quelque chose comme un écu de six livres. Arrivant d’un tel Eldorado, ces bonnes gens, on le comprend, ne sont pas gâtés ; aussi le secret de leur métier consiste-t-il bien plus dans l’art de ne pas mourir de faim que dans l’art de gagner de l’argent. Très probablement, il n’y a pas de travailleurs à Paris qui poussent à cette extrême limite les ressources de la privation. Car thésauriser, dans un métier où l’homme valide gagne un maximum de deux francs et demi par jour, n’est pas précisément chose facile; les femmes et les enfants gagnent de vingt-cinq à trente sous. Debout le matin à trois heures dans toutes les saisons, les pieds dans l’eau, ils travaillent jusque vers onze heures, s’en vont dormir ensuite, et se livrent rarement à quelque occupation le reste du jour, pendant les heures perdues. Sur cette recette, ils trouvent moyen de mettre de côté, en deux ans ou trois ans, de quoi arriver à leur petite économie. S’ils ont une nombreuse famille, le gain monte à cinq ou .six francs par jours, et alors c’est un enrichissement .à la vapeur. Seuls de leurs .compatriotes, ces balayeurs n’apprennent absolument rien de la langue française à l’exception cependant des .enfants, qui progressent même assez rapidement. Les Hessois vivent tout à fait entre eux. .Les premiers arrivés, venus avant la création:du chemin de fer de l’Est, s’étaient établis dans le quartier Saint-Marcel, principalement entre le Panthéon et le Val-de-Grâce. Dans la suite, et surtout lorsque le bélier de la préfecture vint faire des trouées dans .ces vieux réduits, ils émigrèrent vers le nord, dans la direction du chemin de fer qui les ramène au pays. Ici se place un incident qui nous ouvre en même .temps une autre page de la vie allemande à Paris. […]
Il y a cinq ou six ans, le pasteur Bodelschwing vint se vouer à ‘organisation religieuse du prolétariat allemand à Paris, et surtout des pauvres Hessois. De Saint-Marcel, il conduisit une seconde colonie vers le quartier de la Villette. Là, il fit l’acquisition d’un terrain situé à droite, sur la route d’Allemagne, entre la Villette et Belle-ville, et comme le sol y formait une petite hauteur, il donna à l’établissement nouveau le nom biblique de « la.Colline ». La Colline est devenue l’établissement central des balayeurs. Les quatre écoles de garçons et de filles et les quatre crèches qui y existent actuellement, reçurent, en 1865, trois cent cinquante enfants. Parmi les adultes, bon nombre commencent à quitter le ‘métier de balayeur et prennent du travail dans les fabriques de sucre du voisinage. Peu d’années après la fondation de la « Colline », une troisième colonie fut établie aux Batignolles, aux alentours de l’ancienne rue d’Orléans. […]
En dehors des trois colonies ci-dessus mentionnées, il y en a bon nombre, plus ou moins partagées entre les balayeurs hessois et d’autres ouvriers allemands mêlés par-ci par-là aux Alsaciens protestants. La plus ancienne de ces colonies, dont les origines remontent même au delà de celle de Saint-Marcel, est située à la barrière de Fontainebleau, à l’endroit même où le général Bréa a été tué. La population de ce centre est presque exclusivement composée d’immigrants originaires de la Bavière rhénane, qui travaillent dans les carrières avoisinantes. Ils ne sont guère moins misérables que les balayeurs. Le quartier Saint-Antoine, enfin, abrite une population allemande plus nombreuse que tout le reste, mais en grande partie beaucoup plus aisée : ce sont les ouvriers de tous les différents métiers. […]
Les ravages que la misère fait, dans les rangs des balayeurs surtout, sont effroyables : le dénuement, les privations, le travail malsain, la nostalgie, tout cela réuni, les décime, et toutes les épidémies se jettent sur eux. Certaines maladies particulières, imputables à leurs occupations, viennent les affliger par surcroît. Telles sont les hernies, beaucoup plus rares chez les balayeurs de nationalité française, qui, au dire des médecins, entendent bien mieux le maniement de leur instrument de travail. Pour le mettre en mouvement, ils n’agitent que les bras, là où l’Allemand plie tout son corps en deux. Le nombre total des Hessois est estimé à un minimum de trois mille. Ils se tiennent entre eux au point de ne frayer guère, même avec leurs compatriotes, vivant entassés beaucoup de familles ensemble dans de grandes maisons qu’ils appellent cours allemandes (deutsche hoefe), tout comme les colonies allemandes du temps de la hanse s’appelaient à Anvers et à Londres.

(Paris Guide par les principaux écrivains et artistes de la France, Paris, Librairie internationale, 1867, pp. 1019-1025)

Rudolf Rocker – Die Hinrichtung Auguste Vaillants

Als ich am 4. Februar [1894] abends mit einigen Freunden zusammen in Vaters Meyers Werkstätte saß, kam plötzlich Alexander Beer und teilte uns mit, dass Vaillant am nächsten Morgen sterben müsse. Er hatte die Nachricht von einem französischen Freund, der im Kriegsministerium beschäftigt war und über gute Verbindungen verfügte. Obgleich die Hinrichtung jeden Tag erwartet werden musste, fühlte ich doch, wie sich mir das Herz zusammenkrampfte. Es wurde an jenem Abend nicht viel gesprochen in unsrem Kreise.
Nach französischen Gesetz mussten die Hinrichtungen öffentlich vollzogen werden; allerdings darf man dies nicht allzu wörtlich nehmen. Das Schafott wurde fast unmittelbar vor dem Eingang des Gefängnisses von la Roquette aufgeschlagen, so dass die Verurteilten nur wenige Schritte zu gehen hatten. Die Richtstätte wurde bei solchen Gelegenheiten im weiten Umkreise von der Munizipalgarde abgesperrt, so dass diejenigen, die über keine besonderen Karten verfügten, nicht viel zu sehen bekamen. Die Hinrichtungen wurden in den frühsten Morgenstunden ausgeführt, und da der Tag nie öffentlich bekannt gegeben wurde, war die Zahl der Zuschauer wohl nie sehr groß. Da es schon ziemlich spät war, hatte Beer vorgeschlagen, die Zeit, die uns noch blieb, in einer der unterirdischen Gaststuben in der Nähe der Hallen, im Bauch von Paris, zu verbringen, die nie geschlossen wurden. Es war ungefähr halb fünf Uhr morgens, als wir uns auf den Weg nach La Roquette machten. Die Nacht war nasskalt und unfreundlich. Als wir an unserem Ziel anlangten, war bereits alles abgesperrt bis auf den schmalen Hintergrund des Platzes. Dieser war schlecht beleuchtet und machte auf mich einen gespensterhaften Eindruck. Vom Eingang des Gefängnisses, dessen dunkle Umrisse nur undeutlich zu erkennen waren, hörte man Hammerschläge. Offenbar traf man dort die letzten Vorbereitungen. Unheimlich und drohend ragte die Guillotine in die Nacht. Wir hätten sie wahrscheinlich kaum sehen können, aber ein kleines Licht, von einer unsichtbaren Hand geführt, bewegte sich zwischen den beiden Pfosten auf und ab. Wahrscheinlich prüfte der Henker dort die Sicherheit seiner Maschine. Langsam füllte sich der Hintergrund des Platzes mit Menschen, die wie Schatten aus der Nacht auftauchten. Ein drückendes Schweigen, das nur hie und da von gedämpften Stimmen oder durch ein schrilles Geräusch in der Ferne unterbrochen wurde, lastete wie ein Alpdruck über der nächtlichen Szene. Wie eine Erlösung machte sich endlich in der Ferne eine unbestimmte Bewegung bemerkbar. Kurze Kommandorufe hallten durch die Finsternis. Dann hörten wir, wie das schwere Tor sich öffnete. Ein dumpfes Geräusch drang von der anderen Seite des Platzes zu uns. Es klang wie gemurmelte Worte, die wir nicht verstehen konnten. Plötzlich sahen wir eine weiße Gestalt in undeutlichen Umrissen auf der Balustrade auftauchen. Dann ein Schrei, der mir durch alle Glieder ging: „Mort à la société bourgeoise et vive l’anarchie!“ Zuletzt der dumpfe Fall des Beiles. Vaillant hatte ausgelitten. Dem Gesetz war Genüge geschehen.
Wie Blei lag es mir in allen Gliedern. Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn. Wir alle gingen wortlos nach Hause im Dämmerlicht des grauenden Tages. Die furchtbaren Eindrücke jenes düsteren Morgens machten sich noch lange bei mir bemerkbar. Wenn ich mich heute frage, weshalb ich überhaupt dieser grausigen Szene beiwohnte, die meinem ganzen Wesen zuwider war, so habe ich nur eine Erklärung dafür: Wir jungen Leute fühlten uns damals alle von einer Art Märtyrerkult ergriffen, wie er in solchen Zeiten gewöhnlich austritt. Es ist vielleicht gut, auch solche Stimmungen kennenzulernen, doch glaube ich, dass die freudige Bejahung des Lebens der Entwicklung des menschlichen Geistes heilsamer ist als der Glorienschein, der über Gräbern schwebt. Soziale Bewegungen werden immer ihre Märtyrer haben; aber man soll das Märtyrertum nicht zu einem Kultus machen.

Auszug aus: R. Rocker, Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 1974, S. 124-126.

Rudolf Rocker – Pariser Straßensänger

Les quatre barbus – Heureux Temps

Les quatre barbus – La dynamite [Variante]

Les quatre barbus – La Ravachole

Les quatre barbus – Le Père Lapurge

Als ich in Paris lebte, waren die sogenannten Straßensänger noch eine bekannte Erscheinung. Man begegnete ihnen überall. Der gesteigerte Verkehr der Großstadt hat dies Gestalten allmählich von der Straße verdrängt. Diese Barden der Straße erschienen gewöhnlich zu zweit oder zu dritt an irgendeiner Ecke und sangen dem Volke ihre Lieder vor, die in der Regel auf einer Geige begleitet und für ein oder zwei Sous das Stück verkauft wurden. In den Arbeitervorstädten, besonders im Faubourg Saint-Antoine, in Belleville oder Saint-Denis, hörte man damals häufig revolutionäre und anarchistische Lieder, die von solchen fahrenden Sängern vorgetragen, und von den Zuhörern mitgesungen wurden. Unter den Dichtern der Anarchie gab es vornehmlich zwei, deren Lieder damals häufig gesungen wurden: Paul Paillette und le Père Lapurge. Man hörte sie auf allen revolutionären Versammlungen und bei den festlichen Veranstaltungen der französischen Genossen. Nicht selten erschienen die Verfasser selbst bei solchen Unternehmungen und trugen ihre neuesten Sachen vor. Von paillette, der die Kinder seiner Muse in den Tablettes d’un lézard gesammelt hatte, stammt das Lied Heureux Temps, das mit den Worten beginnt:

Quand nous en serons au temps d’anarchie,
Les humains joyeux auront un gros cœur
Et légère panse.
Heureux on saura – sainte récompense -
Dans l’amour d’autrui doubler son bonheur;
Quand nous en serons au temps d’anarchie,
Les humains joyeux auront un gros cœur.

Von massiver Art waren die Dichtungen des „Père Lapurge“. Sie waren in Form und Inhalt den revolutionären Volksgesängen der Großen Revolution abgelauscht und auf den Rythmus der Carmagnole und des Ça ira zugeschnitten, z.B. sein Gare à la bombe ! und La dynamite, das, wie die Carmagnole, nicht nur gesungen, sondern auch getanzt wurde, und bei dem jede Strophe mit dem Kehrreim endet:

Auszug aus: R. Rocker, Aus den Memoiren eines deutschen Anarchisten, Frankfurt/Main, Suhrkamp, 1974, S. 116-117.

A contretemps – Rudolf Rocker (2007)

II EN EST de Rudolf Rocker comme d’autres grandes figures de l’anarchie. Ses disciples voudraient ne garder d’elles que ce qui colle à l’idée héroïque qu’ils se font du rêve émancipateur, entre insoumissions et barricades. C’est sans doute l’époque qui veut cela, cette basse époque où, pour ne pas sombrer, l’imaginaire se doit de puiser aux sources d’une histoire suffisamment légendée pour maintenir la flamme d’un autre possible. De là, ce goût immodéré des libertaires pour les héros morts au combat, et jeunes de préférence. L’épitaphe s’écrit alors d’elle-même, en lettres rouge sang, avec un peu de noir, pour l’esthétique.

Rocker, lui, est mort vieux, et de sa belle mort. Pour certains, c’est un tort. Et ce d’autant que la durée modifie souvent le regard porté sur les choses du monde et, ce faisant, sur la meilleure façon de le transformer. Ce fut son cas. Avec le temps, Rocker finit par douter de l’anarcho-syndicalisme, même s’il en garda l’idée de la liberté par en bas et le goût de la culture de soi-même – si chère à Pelloutier. Pour le reste, au sortir d’une guerre dévastatrice, il se mit en tête de penser l’émancipation selon d’autres prismes et sous d’autres angles.

Lire la suite en ligne :

Rudolf Rocker – Mémoires d’anarchie (juillet 2007)

Rudolf Rocker – Penser l’émancipation (octobre 2007)