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Karl Heinz Roth/Marcel van der Linden – Vorwort zu „Gegen die Arbeit. Über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38″ von M. Seidman

Vorwort

Im Jahr 1963 veröffentlichte die Redaktion der Zeitschrift Internationale Situationniste das Foto einer Parole, die sie auf einer Pariser Mauer entdeckt hatte : „Ne travaillez jamais“ – „Arbeitet niemals“ ! Damit illustrierte sie ein in derselben Ausgabe veröffentlichtes Manifest, in dem sie „die Abschaffung der Arbeit in ihrer bekannten Form – verbunden mit der Abschaffung des Proletariats“ als „Zentrum des revolutionären Projekts“ proklamierte [1]. Dieses utopische Schlagwort entfaltete in den folgenden Jahren eine subversive Sprengkraft. Es spielte nicht nur im Pariser Mai des Jahrs 1968 eine wichtige Rolle, sondern durchdrang die gesamte globale Revolte dieser Jahre. Die Vergötzung der Arbeit war unwiderruflich zu Ende. Der Widerstand gegen die entwürdigende, erniedrigende und alle Kreativität abtötende Arbeit erzeugte einen neuen Lebensstil, der die nachwachsende Generation der „roten Siebziger“ prägte – bevor er von den Innovatoren des Kapitalismus entdeckt und in die prekären Arbeitsverhältnisse von heute umgemünzt wurde. (mehr…)

Michael Seidman – « Ouvriers contre le travail ». Barcelone et Paris pendant les fronts populaires (ebook)

Ouvriers contre le travail – Barcelone et Paris pendant les fronts populaires
Michael Seidman. Traduit de l’anglais (États-Unis).
ISBN 978-2-9516460-7-0
Mai 2010
368 p.
15 €

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Michael Seidman – L’étrange histoire de « Ouvriers contre le travail ». Les vicissitudes d’un livre.

Version bilingue (anglaise et française) du Prologue de Michael Seidman à l’édition allemande de son livre Workers against Work, publiée sous forme de brochure par la revue « Échanges » en septembre 2011. (via)

Gegen die Arbeit – Michael Seidman über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris, 1936-38

Mit einem Vorwort von Karl Heinz Roth und Marcel van der Linden ist im Oktober 2011 Michael Seidmans Opus Magnum Workers against Work erstmals in deutscher Sprache unter dem Titel Gegen die Arbeit. Über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38 im Verlag Graswurzelrevolution erschienen. Der US-amerikanische Historiker und Bewegungsforscher lebte Ende der Siebzigerjahre in Paris und promovierte 1982 in Amsterdam über das Thema dieses Buches. Vom 8. bis 14. Oktober 2011 hat der Autor seinen 477-Seiten-Wälzer in Köln, Jena, Nürnberg, Berlin, Bielefeld, Wiesbaden und Frankfurt/M. vorgestellt. Für alle, die dieses wichtige Werk noch nicht gelesen haben, drucken wir hier exklusiv als Appetizer sein Redemanuskript ab. (GWR-Red.)

Der antifaschistische Philosoph Benedetto Croce prägte den berühmten Satz: „Geschichte ist immer Zeitgeschichte.“ Diese Aussage lässt sich durchaus auf mein Buch Gegen die Arbeit übertragen.

Es hat seine Wurzeln in den „langen Sechzigerjahren“, deren radikalste ProtagonistInnen eine Sozial- und Kulturkritik des Konsumkapitalismus entwic kelten.

Die Kulturrevolution der Sech­zigerjahre erneuerte die der Arbeiterbewegung von jeher innewohnende Infragestellung der Lohnarbeit. Die Konzeption von Gegen die Arbeit war von der nach 1968 aufkommenden „Kritik der Arbeit“, die ich mir während meiner Zeit in Paris von 1979 bis 1982 aneignete, zwar beeinflusst, aber nicht vollständig bestimmt.

Zu jener Zeit machte ich die Bekanntschaft einiger Französinnen und Franzosen, deren Neudefinition der künftigen Revolution darin bestand, dass nicht mehr für Lohn gearbeitet würde. Ihre Position erinnerte an die im neunzehnten Jahrhundert sowohl von MarxistInnen als auch von AnarchistInnen artikulierte Forderung nach Ab­schaffung der Lohnarbeit.

Auf der pragmatischen Ebene überlebten die jungen Leute dieses Pariser Zirkels in ihrem teuren städtischen Umfeld, indem sie gelegentlich Aushilfs­jobs übernahmen oder Arbeitslosen- und Sozialhilfe bezogen.

Trinken, Rauchen und die gelegentliche Intensivierung dieser Genüsse durch den Konsum weicher Drogen waren für dieses Milieu charakteristisch.

Für mich, der ich Ende der Sechziger-, Anfang der Siebzigerjah­re in den USA studiert hatte, waren diese hedonistischen Aktivitäten meiner Bekannten weniger schockierend als ihre arbeitsfeindliche Ideologie.

Die PariserInnen machten mich mit wichtigen Texten wie der Anthologie La fin du travail und dem Pamphlet Le refus du travail2 vertraut. Beide Publikationen vertraten die Auffassung, dass Arbeit Unterdrüc­kung sei, und strichen zugleich heraus, dass die Arbeiter Widerstand gegen sie leisteten.

Skeptische Sicht auf Lohnarbeit

Diese Skepsis gegenüber der Lohnarbeit schrieb das neu erwachte Interesse an einer Geschichte der Arbeit fort. Es war in den 60er- und 70er-Jahren in Frankreich und anderen westlichen Staaten aufgekommen, als erstmals Historiker die Geschichte alltäglicher Arbeitsverweigerungen durch die Arbeiter aufzuzeichnen begannen.3

In jenen Jahren verfassten Mi­chelle Perrot und Michel Fou­cault Werke zur Geschichte der Abwehr von Disziplinierungs­techniken durch ArbeiterInnen, Frauen, Gefangene und andere.4 Diese Geschichtsschreibung von unten ließ das Streben der unteren Klassen nach Autonomie wieder aufleben und spiegelte eine allgemeine Krise des militantisme.

So formulierte Foucault Anfang der Siebzigerjahre: „Die Massen brauchen ihn [den Intellektuellen] nicht, um Wissen zu erlangen. Sie wissen vollkommen Be scheid, ohne Illusionen; sie wissen es besser als er und sind durchaus in der Lage, sich auszudrücken.“5

AktivistInnen und Militante, die nicht selbst ArbeiterInnen waren, hatten nur untergeordnete Rollen zu spielen, wenn Autonomie und Selbstbestimmung der ArbeiterInnen das Ziel waren. Die Intellektuellen konnten die Bewegung ganz si­cher nicht im leninistischen Sinne führen oder ihr revolutionäres Bewusstsein verleihen, wenn, wie radikale linke Kritiker des orthodoxen Marxismus postulierten, das Klassenbewusstsein durch den Kampf selbst – und nicht durch wohlmeinende Intellektuelle – gebildet wurde.

Wiederbelebung libertärer Traditionen

Die von Perrot, Foucault und anderen verfassten Werke zur Arbeits- und Sozialgeschichte dokumentierten – und erweckten – den Wunsch, libertäre Traditionen wiederzubeleben.

Viele meiner Freunde und Bekannten im Paris der späten Siebziger- und frühen Achtzigerjahre machten sich Rätekonzepte zu eigen und forderten Arbeiterselbstverwaltung.

Richard Gombins Schlüsseltext lieferte die positive Neubewer­tung eines linken Radikalismus, den Lenin als „Kinderkrankheit“ abgetan hatte.6

Antileninistische Linke ihrerseits lehnten Weisungen „revolutionärer“ politischer Parteien und angeblich repräsentativer Gewerkschaften ab und befürworteten statt dessen wilde Streiks, Fabrikbesetzungen und verschiedene Formen der Ar­beiterkontrolle, die, wie sie sagten, den realen Sozialismus der Zukunft vorwegnahmen – getreu dem Motto der Ersten Internationale: „Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein.“

Gombin argumentierte, dass der junge Georg Lukács, Karl Korsch und Anton Pannekoek sich darin einig gewesen seien, dass eine erfolgreiche Revolution der Arbeiter letztlich auf die Arbeiter selbst bauen müsse.

Aber wie so viele ihrer bolschewistischen GegnerInnen vertraten diese Rätekommunisten des frühen zwanzigsten Jahrhunderts ein produktivisti­sches Revolutionskonzept.

Sie gingen davon aus, dass die Arbeiter die unter ihrer Kontrolle stehenden landwirtschaftlichen Betriebe und Fabriken effizient verwalten würden. Das rätekommunistische Projekt stand im Gegensatz zum Geist der ArbeitsgegnerInnen, deren neu belebter ouvrierisme der 70er-Jahre postulierte: „Die Arbeit ist der Fluch der trinkenden Klasse.“

Die situationistische Parole „Arbeitet niemals!“ übte auf viele dieser jungen Linken eine große Anziehungskraft aus.

Der spielerische Geist der situswandte sich gegen die Verwandlung von Künstlern in Ar­beiter, wie sie in den kommunistischen Staaten stattgefunden hatte, und wollte statt dessen ArbeiterInnen in Künst­lerInnen verwandeln.

Die SituationistInnen waren zweifellos klug und provokativ, aber es blieb fraglich, ob sie oder irgendeine andere linke Gruppe die Spannung zwischen Arbeiterselbstverwaltung und den unvermeidlichen gesellschaftlichen Produktionsanfor­derungen aufheben konnten. Bezeichnenderweise mytholo­gisierten gerade die situs die während des Spanischen Bürgerkriegs von Anarchisten und Marxisten gegründeten Kollektive als den Höhepunkt men­schlicher Errungenschaften.

Sie ignorierten die produktivis­tische Denkweise der Anarcho­syndikalistInnen ebenso wie den Widerstand der ArbeiterIn­nen.

„Diego Abad de Santillán – ein Anführer und Theoretiker der CNT, der sie später, während der Revolution in der katalanischen Regionalregierung, der Genera­litat, repräsentierte – stand beispielhaft für die Verschiebungen in der anarchosyndikalis­tischen Ideologie Spaniens.

Santillán hatte zunächst der ländlichen Gemeinde den Vorzug gegeben und sich gegen die Dominanz des sindicato (Gewerkschaft) in der anarchistischen Bewegung gewandt; wurde dann aber zu einem der energischsten Verfechter des sindicato als Basis für die Revolution.

Auch wandelte er sich vom eifrigen Kritiker kapitalistischer Technologie und Arbeitsorga­nisation zum enthusiastischen Befürworter derselben.

Noch 1931 schrieb er, der „moderne Industrialismus nach dem Muster von Ford ist reiner Faschismus, rechtmäßiger Despotismus. In den großen rationalisierten Fabriken ist das Individuum nichts, die Maschine alles. Diejenigen unter uns, die die Freiheit lieben, sind nicht nur Feinde des staatlichen Faschismus, sondern auch des wirtschaftlichen Faschismus.“

Schon zwei Jahre später, 1933, beschrieb Santillán die moderne Industrie als eine Quelle des Stolzes für die Menschheit, weil sie zur Beherrschung der Natur geführt habe. Er bemerkte anerkennend, dass die Taylorisie­rung die „unproduktiven Bewegungen des Einzelnen“ beseitigt und „seine Produktivität“ gesteigert hätte:

Es ist nicht nötig, die derzeitige technische Organisation der kapitalistischen Gesellschaft zu zerstören, sondern wir müssen sie nutzen.

Die Revolution wird der Fabrik als Privateigentum ein Ende be­reiten. Aber wenn die Fabrik bestehen und, unserer Meinung nach, verbessert werden muss, dann muss man wissen, wie sie funktioniert. Die Tatsache, dass sie gesellschaftliches Eigentum wird, ändert das Wesen der Produktion oder die Produktionsmethode nicht. Die Verteilung der Produktion wird sich ändern und gerechter werden.

Santilláns plötzlicher Sinneswandel wurde möglicherweise durch die Weltwirtschaftskrise ausgelöst, die viele Aktivisten (einschließlich einiger, die eher Anarchisten als Syndikalisten waren) zu dem Schluss führte, das Ende des Kapitalismus sei unvermeidlich, und dass sie in der Lage sein müssten, den wirtschaftlichen Übergang zum libertären Kommunismus zu organisieren.

Wie viele andere libertäre Aktivisten betonte der CNT-Führer die Notwendigkeit, das „Para­sitentum“ zu beseitigen und für Arbeit für alle zu sorgen. Arbeit sei in einer revolutionären Gesellschaft sowohl Recht als auch Pflicht, und er pflichtete dem alten Sprichwort bei: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“:

Wir suchen keine Freundschaften in der Fabrik. […] Was uns vor allem in der Fabrik interessiert, ist, dass unser Arbeitskollege seinen Job versteht und ihn ausführt, ohne dass es Schwierigkeiten gibt, etwa weil er unerfahren ist oder die Funktionsweise des Ganzen nicht kennt.

Das Heil liegt in der Arbeit und der Tag wird kommen, da die Arbeiter es wollen. Die Anarchisten, die einzige Strömung, die nicht versucht auf Kosten anderer zu leben, kämpft für diesen Tag.

Er machte deutlich, dass im libertären Kommunismus der Produzent den Staatsbürger ersetzen werde.“ (S. 81-83)

Die SituationistInnen und andere vernachlässigten vollkommen die Arbeitsverweigerungen der gewöhnlichen Arbei­terInnen während der Spanischen Revolution, die ein zentrales Thema von Gegen die Arbeit waren. Mit anderen Wor­ten: Das nach 1968 gezeichnete Porträt der arbeitenden Klasse als Trägerin des Widerstands gegen die Arbeit war nicht mit der Disziplin und dem Organisationsgrad zu vereinbaren, die für das Funktionieren von Räten, Sowjets und anderen Formen produktivistischer Kollektive erforderlich sind. Um das Ausmaß der Arbeitsverweigerung einzudämmen, griff die Spanische Revolution zu intensiver Propaganda. Ihren deutlichsten Ausdruck fand sie in den Postern der „spanischen Linken – der Kommunisten, So­zialisten und Anarchosyndika­listen. Die großen Organisationen verwandten erstaunlich viel Zeit und Geld auf die Herstellung dieser Propaganda, auch dann noch, als Papier und andere Ressourcen knapp und teuer geworden waren.

Viele der Plakatkünstler waren schon vor der Revolution in der Werbebranche tätig gewesen, und sie arbeiteten nicht nur für eine, sondern für mehrere Organisationen. So entwarf etwa ein Funktionär der Gewerkschaft der Berufsdesigner Poster für die CNT, die UGT, die PSUC und die Generalitat. Seine Gewerkschaft stellte sogar für den POUM, die unabhängige kommunistische Organisation, Plakate her.

Es entstand ein ökumenischer Stil, der (trotz leichter thematischer Unterschiede) sowohl die Arbeiter als auch die Produktivkräfte in nahezu identischer Weise darstellte. Selbst als sich Anarchosyndikalisten und Kommunisten im Mai 1937 in den Straßen von Barcelona gegenseitig umbrachten, blieb die ästhetische Einheit der Volksfront bestehen.

Ideologische Auseinandersetzungen und Machtkämpfe hinderten konkurrierende Organisationen nicht, ähnliche Darstellungen ihrer vorgeblichen Basis zu akzeptieren.

Die Arbeiter auf diesen Plakaten (die im Stil dem sowjetischen Sozialistischen Realismus stark ähneln) arbeiten, kämpfen oder sterben für die Sache. Diese Männer und, gleichbedeutend, Frauen – denn in der spanischen Revolution waren Männer und Frauen im Krieg und bei der Arbeit theoretisch gleichgestellt – kämpften immer heldenhaft und unermüdlich für den Sieg der Revolution oder der Zweiten Republik: auf dem Lande, in den Fabriken und auf dem Schlachtfeld.

Tatsächlich war auf vielen Plakaten das Geschlecht der Person fast unbestimmbar. Wichtig waren weder die Eigenschaften noch der Charakter der dargestellten Individuen, sondern ihre Funktion als Soldat oder Arbeiter.

Der spanische sozialistische Realismus stand für die fortschreitende „Vermännlichung der Ikonografie der Arbeiterbewegung“

Ein Plakat der CNT, das Pessimismus und Mutlosigkeit bekämpfen sollte, zeigte zwei Gestalten, einen Mann und eine Frau, die einander glichen. Bei­de hatten riesige Unter- und Oberarme, breite Schultern und sehr kleine Köpfe. Damit wurde ausgedrückt, dass körperliche, nicht geistige Anstrengungen von ihnen verlangt wurden. Die Gestalten waren fast identisch, abgesehen davon, dass eine längere Haare und einen unscheinbaren Busen hatte – die einzigen Hinweise auf Weiblichkeit in dem Bild.

Ein Detail kennzeichnete die an­dere Gestalt: hochgekrempelte Ärmel, ein leicht erkennbares Symbol für Handarbeit.

Diese Kunst befasste sich einzig und allein mit der konstruktiven oder destruktiven Fähigkeit ihrer Subjekte, die gleichzeitig ihre Objekte waren.

Die Künstler verwischten die Differenzen zwischen Soldaten und Produzenten, zwischen Rüstungs- und ziviler Industrie ebenso sehr wie die zwischen Mann und Frau.

Ein Plakat der PSUC setzte die Industrie in Kriegs- und Friedenszeiten in eins. In dem Bild formen die langen Schornsteine die Silhouette großer Kanonen. Ein berühmtes CNT-Plakat transportierte die gleiche Aussage: Im Vordergrund ein Soldat, der sein Gewehr abfeuert; er ergänzt einen Arbeiter im Hintergrund, der mit einer Sichel Weizen erntet, an sich schon ein Symbol der Arbeit in der sozialistisch-realistischen Ikonografie.

Die Figuren wären ununter­scheidbar, wären da nicht ihre Gerätschaften und ihre Körperhaltung. Lebendiges Rot und Schwarz, die Farben der anarchistischen Bewegung, verstärkten das Profil der mächtigen Arbeiter. Die Titelzeile lautete: Genosse, arbeite und kämpfe für die Revolution.

Niemals bildeten die Künstler die Arbeiter und Soldaten auf den Plakaten müde, hungrig oder krank ab. Die Produktionsmittel – die Fabriken, Höfe und Werkstätten – wurden, ganz gleich wie hässlich sie waren, ebenso idealisiert wie die mutigen, starken und kraftstrotzenden Männer und Frauen, die für die Sache lebten und starben. Diese Darstellung der Produktivkräfte spiegelte den Pro­duktivismus der Linken und ihren Modernisierungswillen. Die Maschinen und die Menschheit waren heldenhaft und überlebensgroß.

In Anbetracht der marxistischen und anarchosyndikalistischen Konzeption des Arbeiters ist es kaum verwunderlich, dass die revolutionäre Kunst dessen produktive Eigenschaften unterstreichen musste. Diese Ideologien, welche die Arbeit und den Arbeiter verherrlichten, stellten die weiblichen und männlichen Lohnarbeiter durchweg als muskulöse und mächtige Wesen dar, die Gegenstände sowohl für den Konsum als auch für den Kampf zu schaffen in der Lage waren. Daher die Bedeutung des Armes und insbesondere der Hand, ein Symbol des homo faber und Mittelpunkt vieler Darstellungen.

Die Interpretation der Plakate hilft uns zu verstehen, wie ei­nerseits Marxisten und Anar­chosyndikalisten sich die Arbeiterklasse im wahrsten Sinne des Wortes vorstellten, und wie die Revolutionäre andererseits auf das reale Verhalten der Arbeiter während des Bürgerkriegs und der Revolution reagierten

Der spanische sozialistische Realismus versuchte die Arbeiter zu überzeugen: vom Kämpfen, vom Arbeiten und dem Sinn größerer Opfer. Es war Propaganda, die keinen Humor kannte und manchmal etwas Bedrohliches hatte.

Die Kunst der Frente Popular zielte darauf ab, den Arbeiterwiderstand gegen die Arbeit zu verringern, der (wie wir sehen werden) eines der drängendsten Probleme für die gesamte Linke war. Barcelonas Arbeiter waren dafür bekannt, an Feiertagen und insbesondere in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr nicht zur Arbeit zu erscheinen. Die PSUC reagierte auf einen solchen Absentis­mus mit einem Plakat, das einen Soldaten zeigte, dessen Bajonett den Samstag auf einem Ka­lender zerschneidet. Der Titel des Plakats rief zum Ende der Festlichkeiten auf und forderte, dass ein neuer „Kriegskalender“ zu gelten habe. Eine andere Darstellung forderte, dass der Erste Mai nicht Feiertag, sondern ein Tag der „Intensivierung der Produktion“ sein solle.

Manchmal setzten spanische Aktivisten exzessives Trinken und Faulheit mit Sabotage und gar Faschismus gleich. Ein Plakat der CNT, das in Barcelona für das Departamento de orden público de Aragon hergestellt wurde, stellte einen dicken Mann dar, der eine Zigarette raucht und sich, scheinbar auf dem Land, gemütlich ausruhte. Die Farben dieses Werkes waren andere als die der meisten Plakate: die Gestalt war nicht rot oder schwarz, sondern gelb und reflektierte die Farbtöne des sonnigen Spanien. Am unteren Rand stand zu lesen: Der faule Mann ist ein Faschist. Ein weiteres CNT-Plakat, wiederum für die Genossen in Aragonien, zeigte ebenfalls einen Mann, der eine Zigarette rauchte – ein Symbol, da mag man spekulieren, für Gleichgültigkeit und Frechheit, denn engagierte Arbeiter und Soldaten wurden nicht rauchend gezeigt. Dieser Mann war von großen Weinflaschen umgeben, und das Plakat führte den Schriftzug: „Ein Betrunkener ist ein Parasit. Schalten wir ihn aus.“

In einer Zeit, in der die Drohung mit Eliminierung nicht immer nur ein Ausspruch blieb und in der Arbeitslager für Feinde und Teilnahmslose durchaus in Betrieb waren, war diese Zeile be­sonders starker Tobak. Sowohl Marxisten als auch Anarchosyndikalisten standen den Unproduktiven feindlich gegenüber.

Eine Vielzahl von Plakaten griff das Problem der Gleichgültigkeit der Arbeiter auf. Eines zeigte eine starke rote Gestalt, die mit einer Schaufel im Boden grub und Arbeiter bat, sich freiwillig den Arbeitsbri­gaden anzuschließen. Viele dieser Brigaden wurden 1937 obligatorisch. Ein anderes Plakat, aus Madrid, forderte versehrte Veteranen auf, den Kampf durch Arbeit in den Fa­briken zu unterstützen und da­mit bisher unverletzte Arbeiter für den Kampf freizusetzen. Ein drittes enthielt den sehr direkten Aufruf: „Arbeiter, Arbeite und Wir werden siegen.“

Es zeigte eine rote Gestalt mit freiem, gut gebauten Oberkörper, Schmied oder Metallarbeiter, zu dessen Füßen eine Reihe von Soldaten ihre Waffen auf den Feind abfeuerte.“ (S.

Als Gegen die Arbeit im Jahr 1991 veröffentlicht wurde, forderten seine ikonoklastischen Thesen alle drei in den Achtzigerjahren maßgeblichen Schulen angloamerikanischer Arbei­tergeschichtsschreibung in die Schranken: Marxismus, Moder­nisierungstheorie und Kultura­lismus. Die Marxisten (E. P. Thompson, Eric Hobsbawm und Herbert Gutman) postulierten die fortschreitende Entwic­klung des Klassenbewusstseins, welche die ArbeiterInnen und ihre VertreterInnen in die Lage versetzen würde, die Produktivkräfte effizient zu verwalten. Die Modernisierungstheo­retiker (Peter Stearns und Char­les Tilly) gingen davon aus, dass sich die ArbeiterInnen an die Industriegesellschaft anpassen und allmählich die von mir als Widerstand gegen die Arbeit oder Arbeitsverweigerung bezeichneten Handlungsweisen ablegen würden -Streiks, Bummelei, Blaumachen, Krankfeiern, Zuspätkommen, Klauen und Sabotage. Die Kul­turalisten (Gareth Stedman Jo­nes und die Postmodernisten) argumentierten, dass die Sprache die Arbeit für die Arbei­terInnen sinnvoll mache.

Gegen die Arbeit versuchte zu zeigen, dass keine dieser Theorien in der Lage war, den andauernden Widerstand der Ar­beiterInnen gegen die Arbeit zu erklären. Ich hatte das Wort Widerstand mit Bedacht gewählt, ich war mir seiner antifaschistischen politischen Bedeutung voll bewusst.

Der Faschismus deutscher, italienischer und anderer Ausprägungen ist dem Kommunismus in seiner Vergöttlichung der Arbeit durchaus ähnlich. Wie der Kommunismus glorifiziert der Faschismus den Arbeiter, um ihn stärker auszubeuten.

Die Arbeitsverweigerungsfor­men der ArbeiterInnen waren größtenteils gewaltfrei im Sinne der „materialistischen Gewaltlosigkeit“. Indem sie die Fa­brik- und Verwaltungshierar­chien in Frage stellten, waren sie zugleich implizit und explizit egalitär.

Selbstredend ist jeder Streik ei­ne Weigerung, Lohnarbeit auszuführen. Andere Formen des Widerstands gegen die Arbeit wiederholen diese Verweigerungen in dem Versuch, Arbeitsplatz und Arbeitszeit zu meiden. Sie negieren tatsächlich auf Graswurzelebene die Bedingungen der Lohnarbeit.

Paradoxerweise wurden diese Verweigerungen Ende der 30er-Jahre unter den Volksfrontre­gierungen in Frankreich und Spanien, genauer gesagt von 1936 bis 1938 in Barcelona und Paris, als die Linke die politische Macht in den Händen hielt, fortgesetzt oder sogar verstärkt.

Gegen die Arbeit setzte sich mit den Gesellschaftstheorien François Guizots und Karl Marx‘ auseinander. Beide untersuchten die Herausbildung sozialer Klassen und die zwischen ihnen bestehenden Beziehungen.

Die Spanische Revolution und der Bürgerkrieg brachen im Juli 1936 in einem Land aus, in dem, ähnlich wie in Russland und China, die Bourgeoisie schwach gewesen war, unfähig, die „bürgerliche Revolution“, d.h. die Schaffung eines geeinten Nationalstaats, die Entwicklung der Produktionsmittel und die Trennung zwischen Staat und Kirche sowie zwischen Militär und Zivilregierung, zu vollenden.

In Barcelona übernahmen revolutionäre Anarchosyndikalis­tInnen, KommunistInnen und Sozialis­tInnen die Leitung der Fabriken, sahen sich jedoch mit Streiks, Bummelei, Blaumachen, Krankfeiern, Gleichgültigkeit und geringer Produktivität seitens der gewöhnlichen Arbei­terInnen konfrontiert.

Die Militanten der Parteien und Gewerkschaften beantworteten den Widerstand der ArbeiterIn­nen mit den gleichen repressiven Mitteln wie zuvor die Kapitalisten: Der Lohn wurde an die Produktivität geknüpft und Fehlzeiten am Arbeitsplatz wurden bestraft. In vielerlei Hinsicht wiederholten die ArbeiterInnen und Führungskräfte während der Spanischen Revolution damit die Erfahrungen ihrer sowjetischen KollegInnen während und nach der Russischen Revolution.7

Die Volksfront in Frankreich – eine Koalition der Sozialisten, Kommunisten und zentristi­schen Radikalen – war, anders als in Spanien, nicht revolutionär, sondern reformistisch.

Die französische Bourgeoisie hatte das Modell der „bürgerlichen Revolution“ geschaffen, indem sie die Nation geeint, ein neues Verhältnis zwischen Religion und Staat eingeführt und die Produktivkräfte stetig entwickelt hatte.

Die Militanten der französischen Arbeiterklasse hatten an­dere Pläne als die Vollendung einer Revolution der Mittelschicht. Nach dem Wahlsieg der Volksfrontkoalition brach Mitte Mai 1936 eine Welle von Fa­brikbesetzungen los, welche insbesondere die Region um Paris betraf:

„Als sie ein günstiges politisches und gesellschaftliches Klima verspürten, verließen viele Arbeiter – manchmal angeführt von Basisaktivisten der CGT oder des PCF, manchmal auf eigene Initiative hin – im Mai und Juni 1936 unerwartet ihre Maschinen oder legten ihre Werkzeuge nieder. Wie ein Historiker der Volksfront anmerkt: ‚Die einzig befriedigende These ist […] die einer weitgehend spontanen Bewegung: Daher [rührte] ihre unerhörte Bedeutung – nahezu zwei Millionen Streikende. Da­her auch das besonnene Verhalten der Arbeitgeber, die mit dem Strom schwammen, ohne einen Versuch ihn aufzuhalten.‘ Die Arbeiter waren glücklich, ja freudig, die Arbeit zu been­den und ergriffen die Gelegenheit, mit ihren Kollegen in den stillen Fabriken zu entspannen und manchmal auch Lie­besaffären zu beginnen (Frauen stellten mehr als 20 Prozent der Arbeitskräfte in der Me­tallverarbeitung). Obwohl viele Besetzungen spontan entstanden, begannen CGT-Aktivisten bald, die Streikenden zu organisieren und Forderungen zu formulieren. Aktive Gewerkschafter sorgten mit Unterstützung der sozialistischen und kommunistischen Rathäuser für die Sicherheit und Verpflegung der Arbeiter.“(S. 326-327)

Im Juni 1936 wurde Léon Blum, der Vorsitzende der Sozialistischen Partei, Premierminister und gewährte den französischen ArbeiterInnen höhere Löhne, die Vierzig-Stunden-Woche und zwei Wochen bezahlten Urlaub.

Die Lohnabhängigen aber wollten mehr. Von 1936 bis 1938 führten sie einen Guerillakrieg gegen die Arbeit. In vielen wichtigen Pariser Fabriken sank die Produktivität, während der Einfluss der Gewerkschaftsaktivis­ten in den Belegschaften zunahm. Die Gewerkschafter setzten niedrige Produktionsquo­ten durch; somit wurde die Akkordarbeit ineffektiv.

Die geringen Produktionsmen­gen schufen für Blums Regierung und die Volksfront gewaltige politische und wirtschaftliche Probleme. Insbesondere die Verzögerungen bei der Fertigstellung zahlreicher Pavillons für die Pariser Weltausstellung 1937, die doch als Frankreichs großer Auftritt auf der globalen Bühne gedacht war, brachten Blums Regierung in größte Verlegenheit.

Offizielle Vertreter der Volks­frontparteien und Gewerkschaften appellierten unentwegt an die ArbeiterInnen, sich mehr anzustrengen, um das Projekt rechtzeitig abzuschließen.

„Doch trotz aller öffentlichen Appelle ging die Produktion wie in Barcelona nur schleppend voran. Am 1. Februar 1937 richteten sich die wichtigsten Anführer der Volksfront gemeinsam an die versammelten Arbeiter der Weltausstellung. Blum erklärte: ‚Die Ausstellung wird ein Triumph der Arbeiterklasse, der Volksfront und der Freiheit sein. Sie wird zeigen, dass ein demokratisches Regi­me der Diktatur überlegen ist. […] Die Reputation der Volksfront steht auf dem Spiel und ich sage euch ganz ehrlich, dass Samstags- und Sonntagsarbeit notwendig ist.‘ Der CGT-Vorsitzende Léon Jouhaux sagte der Menge, dass ‚Opfer gebracht werden‘ müssen. Marcel Gitton, einer der höchsten PCF-Funktionäre, wandte sich an das Publikum: ‚Die Ausstellung wird am 1. Mai eröffnen, dem Tag der Arbeit (fête du travail). Ihr Erfolg wird die Volksfront stärken. Die Ausstellung wird ein Sieg tausender Arbeiter und all der arbeitenden Massen sein. Die Feinde der Volksfront lechzen nach dem Scheitern der Ausstellung. Die Arbeiter wollen, dass sie ein unerhörter Erfolg wird.‘

Ungeachtet der Appelle und Mahnungen der Führer eröffnete die Ausstellung mit großer Verspätung. Die CGT weigerte sich, die 40-Stunden-Woche zu verlängern. So mussten zwei oder drei Schichten pro Tag organisiert werden.

Die Arbeitsleistung dieser Zusatzschichten sank aufgrund verschiedener Faktoren beträchtlich. Erstens führte der Facharbeitermangel zur Einstellung unerfahrener Arbeiter für die zweite und dritte Schicht. Die CGT billigte diese Praxis vorbehaltlos und untersagte den Unternehmern sogar, einige ihrer qualifiziertesten Arbeiter einzusetzen, weil diese nicht zur Gewerkschaft gehörten.

Von den vier Zementarbeitern, die eine Firma einstellen musste, hatte nur einer wirkliche Erfahrung. Viele der Arbeiten der zweiten und dritten Schicht waren schlecht ausgeführt und mussten nochmals gemacht werden. Zweitens hatte die Nachtschicht naturgemäß Probleme mit dem Licht und ihre abweichende Arbeitszeit war typischerweise viel weniger produktiv als die Tagschichten. Drittens widersetzten sich die Gewerkschaften dem Einsatz technisch fortschrittlicher Methoden und bevorzugten handwerkliche Techniken, um Arbeitsplätze zu schaffen. Sie verweigerten zum Beispiel den Einsatz von Farbspritzmaschinen.

Faktisch unterbanden die CGT-Delegierten auf der Ausstellung die Wochenendarbeit weitgehend, obwohl hoch­rangige CGT-Funktionäre versprochen hatten, Samstags- und Sonntagsarbeit im Rahmen der 40-Stunden-Woche zu erlauben. Die Delegierten und Arbeiter ignorierten die Aufrufe sowohl der CGT als auch der Humanité, dass Wochenendar­beit notwendig sei, um die Ausstellung rechtzeitig zu eröffnen. Einige Wochen nach Blums Rede bestand ein Delegierter der Zimmerleute darauf, dass am Samstag und Sonntag nicht gearbeitet wird. Den Malern des Amerikani­schen Pavillons wurde die Erlaubnis für Wochenendarbeit versagt. Kurz darauf wurde ei­ne elektrische Umspannanla­ge beschädigt, vermutlich um das Recht auf ein arbeitsfreies Wochenende zu schützen. Dem offiziellen Bericht der Ausstellung zufolge waren die Gewerkschaftsführer nicht in der Lage, ihre Versprechen der Wo­chenendarbeit „einzulösen“: „Selbst wenn eine Verständigung [über die Wochenendarbeit] erreicht wurde; […] am folgenden Samstag untersagte eine gegenteilige, oft unerklärliche Anweisung den Ar­beitern das Betreten der Baustelle.“ Zudem weigerten sich die Arbeiter die Tage nachzuarbeiten, die aufgrund schlechten Wetters oder durch Feiertage unter der Woche verloren gingen.“ (S. 385-387)

Die zentristische Partei der Radikalen, die Königsmacherin der Regierungskoalition, entfremdete sich der Volksfront – in ihren Augen war sie für die niedrige Produktivität und die in der Folge einsetzende Inflation verantwortlich.

Die Parteien der Mitte und der Rechten waren der Auffassung, die geringe Produktivität im Luftfahrtsektor schade der französischen Verteidigungsfähig­keit, da die deutschen Arbei­terInnen unter der Naziherr­schaft fünfzig bis sechzig Stunden pro Woche arbeiteten, die französischen dagegen nur vierzig.

Krieg und Kriegsgefahr bedeuten grundsätzlich mehr Arbeit – und höheren Produktivitätsdruck für die ArbeiterInnen.

Im Angesicht der wachsenden Macht der Deutschen und der steigenden Inflation übernahm schließlich die Rechte die Regierungsgewalt und besiegelte im November 1938 das Ende der Volksfront, indem sie einen Generalstreik zur Verteidigung der Vierzig-Stunden-Woche niederschlug.

Die Geschichte von Workers against Work

Gegen die Arbeit kam zu dem Schluss, dass es angesichts der während der 30er-Jahre in Barcelona und Paris gemachten Er­fahrungen schwierig, wenn nicht sogar unmöglich sein würde, eine Arbeiterdemokratie am Arbeitsplatz aufzubauen.

Das Buch versuchte auch einen Beitrag zur Staatstheorie zu leisten, indem es die These vertrat, es bedürfe eines mächtigen und potentiell repressiven Staates, um die Arbeiter zum Arbeiten zu bringen. In den 1930er-Jahren lebte der Widerstand gegen die Arbeit in geschwächten oder nachgiebigen Staaten auf; repressive Staaten hingegen – bürgerliche wie proletarische – dämmten die Verweigerungen ein. Obwohl Parteien der Arbeiterklasse und Gewerkschaften an der Regierung waren, widersetzten sich die ArbeiterInnen den Zwängen von Arbeitsraum und Arbeitszeit.

In Frankreich führte der Widerstand gegen die Arbeit sogar zu wachsender Unterstützung des Faschismus und der extremen Rechten durch die Vorarbeiter und Manager, deren Anweisungen die ArbeiterInnen während der Volksfront missachtet hatten.

In diesem Sinne war der Faschismus eine ins Extreme übersteigerte Arbeitsideologie.

Die englische Originalausgabe von Gegen die Arbeit erschien 1991 unter dem Titel Workers against Work und wurde un­einheitlich aufgenommen.

Das akademische Interesse verebbte schon bald nach der Veröffentlichung; im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts jedoch erregte das Buch unter Libertären und Marxis­tInnen erneut Aufmerksamkeit. Inzwischen ist es in fünf Sprachen übersetzt worden.

Die neuerliche Auseinandersetzung mit Gegen die Arbeit entsprang einem in der radikalen Linken vorhandenen Wunsch, ihre Theorien einer­seits zu verteidigen und ande­rerseits zu revidieren.

Anders als frühere Generationen von Linken, die davon ausgingen, dass die ArbeiterInnen für die Revolution arbeiten würden, sind sich viele ihrer heutigen Erben darüber im Klaren, dass das größte Problem vielleicht nicht darin bestehen könnte, die Bourgeoisie zu stürzen, sondern darin, die Lohnabhängigen dazu zu bringen, für die Sache zu arbeiten.

Diese Linken waren in viel höherem Maße als so mancher Wissenschaftler bereit, die These von Gegen die Arbeit zu akzeptieren, dass die Arbei­terInnenbewegung oftmals in dem Bemühen der Basis bestand, sich dem Arbeitsplatz und der Arbeitszeit zu entziehen.

Neue Elemente der radikalen Linken – Gimenologues und Échanges in Frankreich, Wild­cat und Graswurzelrevolution in Deutschland – begrüßten die Infragestellung des Produktivismus, ob er nun der kapitalistischen, der anarchistischen oder marxistischen Tradition entstammte.

Eine neue Generation von Feministinnen – einige ihrer älteren Schwestern waren dem Buch anfangs recht kritisch gegenüber gestanden – wusste die Anerkennung zu schätzen, die Gegen die Arbeit der besonderen Rolle der Frauen als Widerständlerinnen entgegenbrachte, insbesondere ihren hohen Fehlzeiten und ihrer relativ geringen Identifikation mit dem Arbeitsplatz.8

Indem es den Produktivismus kritisch hinterfragt, ist Gegen die Arbeit nicht nur in der Lage, männlichen und weiblichen Lohnabhängigen eine gemeinsame Plattform zu bieten, sondern auch Übereinstimmungen zwischen der ArbeiterInnen- und der Ökologiebewegung zu entdecken, die ja für gewöhnlich als Gegnerinnen gelten.

Man kann die Zurückweisung der Lohnarbeit durch die Arbei­terInnen in den 1930er-Jahren durchaus als Vorläuferin der Ökologiebewegung betrachten.

Während der Fabrikbeset­zun­gen im Frühjahr 1936 unterbrachen die ArbeiterInnen die Fertigung von Automobilen – den zentralen Konsumgütern der Kon­sumgesellschaft – und fanden sich statt dessen in der Fa­brik in kleinen Gruppen zusammen, aßen und plauderten.

„Musik, Gesang und Lachen“ ersetzten „das unbarmherzige Dröhnen der Maschinen“.9

Diese dramatische Veränderung kann als Vorwegnahme einer ökologischen Stadtutopie interpretiert werden.

Die Geschichte von Gegen die Arbeit ist ein Beispiel für die Wechselfälle intellektueller Produktion und Rezeption.

Ein in der akademischen Welt in den USA der frühen 1990er-Jahre mit gemischten Kritiken bedachtes Werk wurde eine Generation später in anderen Ländern mit mehr Begeisterung aufgenommen.

Die Geschichte der Arbeit ist zu ihren im frühen 19. Jahrhundert liegenden, unakademischen Wurzeln zurückgekehrt – sowohl bei den „utopischen“ als auch bei den „wissenschaftlichen“ TheoretikerInnen der Arbeiterklasse.

Michael Seidman

Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Henriette Keller

Anmerkungen:

1 Der Autor dankt dem „Faculty Friday“-Seminar der Historischen Fakultät der UNCW und besonders seinem Veranstalter Mark Spaulding sowie dem von Jim Winders und Don Reid veranstalteten Triangle Area French Cultural Studies Seminar für die dort geäußerten Anmerkungen und Fragen zu früheren Versionen dieses Essays.

2 Alexis Chassagne und Gaston Montracher, La fin du travail (Paris : Stock, 1978); Le refus du travail, Échanges et Mouvement (Paris 1977?); Bruno Astarian, Aux origines de l‘antitravail (Paris : Echanges et Mouvements, 2005) ; Danièle Auffray, Thierry Baudouin, Michèle Collin, Le travail, et après (Paris : J. P. Delarge, 1978). Siehe auch Jacques Guigou und Jacques Wajnsz­tejn, Mai 1968 et le mai rampant italien (Paris : L‘Harmattan, 2008), 150.

3 Antoine Prost, La CGT à l‘époque du front populaire: 1934-1939. Essai de description nu­mérique (Paris : Presses de la Fondation nationale des sciences politiques, 1964); Rolande Trempé, Les mineurs de Carmaux, 1848-1914 (Paris : Les Editions Ouvrières, 1971); Yves Lequin, Les ouvriers de la région lyonnaise (1848-1914), (Lyon : Presses universitaires de Lyon, 1977).

4 Michelle Perrot, Les ouvriers en grève: France 1871-1890, 2 Bde. (Paris: Mouton, 1974); Mi­chel Foucault, Discipline and Punish: The Birth of the Prison, übs. von Alan Sheridan (New York: Pantheon Books, 1977).

5 Foucault, zit. n. Richard Wolin, The Wind from the East: French Intellectuals, the Cultural Revolution, and the Legacy of the 1960s (Princeton: Princeton University Press, 2010), 308; Michel Foucault, Foucault Live (Interviews, 1961-1984), (New York: Semiotext(e), 1996), 75.

6 Richard Gombin, The Origins of Modern Lef­tism, übs. von Michael K. Perl (Harmondsworth: Penguin, 1975).

7 Wendy Z. Goldman, Women at the Gates: Gender and Industry in Stalin’s Russia (New York: Cam­bridge University Press, 2002); Donald Filtzer, „Labor Discipline, the Use of Work Time, and the Decline of the Soviet System, 1928-1991,“ In­ternational Labor and Working Class History, no. 50 (Herbst 1996), 9-28.

8 Zur anfänglichen Kritik vgl. die Rezensionen von Workers against Work von Helen Graham, International Review of Social History, XXXVII, 1992, 279-280, und Pamela Beth Radcliff, Labor History (Frühjahr/Sommer 1993), vol. 34, 2/3, 416-418. Eine spätere Würdigung findet sich in „Women’s Subversive Individualism in Barcelona during the 1930s,“ International Review of Social History, XXXVII, 1992, 161-176. Elektronische Veröffentlichung (Juni 1999) durch Collective Action Notes unter www.geocities.com/CapitolHill/Lobby. Ins Französische übersetzt durch den Cercle Social (2002) www.geocities.com/demainlemonde/individualism.htm. Diese französische Übersetzung ist auf etwa einem Dutzend Webseiten reproduziert worden. Des Weiteren wurde der Autor von einer marxistisch-feministischen Gruppe eingeladen, auf der im Mai 2011 in New York City veranstalteten Historical Materialism Con­ference über Workers against Work zu sprechen.

9 Simone Weil, La condition ouvrière (Paris 1951), 231.

Weitere Informationen zum Buch: http://www.graswurzel.net/verlag/arbeit.shtml
Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 363, 40. Jahrgang, November 2011, www.graswurzel.net
11.11.2011

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„Gegen die Arbeit“ – Buchvorstellung: Michael Seidman – Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38

„Gegen die Arbeit“ – Buchvorstellung

Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38

Samstag, 8. Oktober 2011, 19 Uhr

Allerweltshaus Köln

Körnerstr. 77-79

Veranstalter: TtE-Bücherei Köln, Graswurzelrevolution, Dissidenten der Arbeiterbewegung
Unterstützt von: Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW, Stiftung W.

Soll das Hamsterrad der täglichen Arbeit schon das ganze Leben sein? Und welcher eigenartigen Wachstumslogik dient dieser ständige Arbeitswahn und Arbeitsdruck? Einem sinnlosen Kreislauf der Kapital- und Geldvermehrung, dem alles Lebensglück geopfert wird! Ein Kreislauf, der sich seit der Krise 2007/2008 und mit der anhaltenden Instabilität der Finanzmärkte wieder ein mal gründlich blamiert hat. Auch die Organisationen der traditionellen Arbeiterbewegung waren einer „produktivistischen Utopie“ verpflichtet und sangen das Hohelied auf die Arbeit. In den letzten Jahren ist von Intellektuellen wie Moishe Postone oder Robert Kurz die „Kritik der Arbeit“ als theoretisches Postulat wiederentdeckt worden. Allerdings hatte schon Marx gezeigt, dass Kapital nichts anderes ist als die Herrschaft der toten Arbeit über die lebendige. Die ganze Gestalt und Organisation des Produktionsprozesses dient nur dazu, Arbeit aus denjenigen herauszupumpen, die sich keineswegs hocherfreut tagein tagaus an ihre Arbeitsplätze schleppen.

Jenseits der Ideologie und Politik von selbsternannten Arbeitervertretern wollten die Arbeiterinnen und Arbeiter in ihren alltäglichen Auseinandersetzungen vor allem eins: sich die Arbeit vom Hals schaffen. In seiner jetzt auf Deutsch erschienenen sozialgeschichtlichen Untersuchung „Gegen die Arbeit. Über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38“ („Workers against Work“) spürt Michael Seidman diesen untergründigen und oft unsichtbaren Widerstandsformen nach und zeigt, wie sich nicht nur die Kapitalisten, sondern auch die heroischen Arbeiterorganisationen mit den gegen die Arbeit gerichteten Verhaltensweisen auseinandersetzen mussten. Er wirft damit einen völlig neuen Blick auf diese Zeit zugespitzter Kämpfe und berühmter Auseinandersetzungen. Seit seinem Erscheinen 1990 kursierte das Buch als eine Art Geheimtipp in der linksradikalen und anarchistischen Szene, fand aber keine breitere Resonanz. Gerade heute, mit der fortschreitenden Krise des Kapitalismus, sollte die „Kritik der Arbeit“ nicht mehr nur als theoretisches Postulat, sondern als lebendige Tendenz in den Klassenkämpfen wahrgenommen und verstanden werden, um Auswege aus dem Hamsterrad zu finden. Dazu leistet dieses Buch einen wichtigen Beitrag.

Michael Seidman ist Historiker an der University of North Carolina in Wilmington, USA. Er lebte Ende der siebziger Jahre in Paris und promovierte 1982 in Amsterdam über das Thema dieses Buches. Seine Forschungen hat er fortgeführt mit einer Sozialgeschichte des spanischen Bürgerkriegs „The Republic of Egos“ (2002) und einer Studie über den Pariser Mai 1968, „The Imaginary Revolution“ (2004). Damit korrigiert er eine Geschichtsschreibung, die sich immer noch zu sehr an Organisationen und Stellvertretern orientiert, und lässt wieder das Individuum zu Wort kommen, das doch laut Marx im Kommunismus endlich befreit werden sollte, aber auch in linken Darstellungen nur zu oft aus dem Blick gerät. Nachdem „Workers against Work“ bereits in japanischer und französischer Übersetzung vorliegt, wird es im Oktober endlich auch auf Deutsch erscheinen.

Michael Seidman

Gegen die Arbeit. Über die Arbeiterkämpfe in Barcelona und Paris 1936-38

Mit einem Vorwort von Karl Heinz Roth und Marcel van der Linden

Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2011, 480 S., 24,80 Euro

ISBN 978-3-939045-17-5

Leseprobe: Vorwort von Karl Heinz Roth und Marcel van der Linden

Im Oktober wird Michael Seidman sein Buch in mehreren Städten vorstellen und darüber diskutieren (http://www.graswurzel.net/verlag/seidman.shtml):

Sa, 8. Oktober 2011, Köln

19 h, Allerweltshaus, Körnerstr. 77-79

So, 9. Oktober 2011, Jena

19 h, JG (Junge Gemeinde) Stadtmitte, Johannisstr. 14

Mo, 10. Oktober 2011, Nürnberg

19 h, Nachbarschaftshaus Gostenhof, Adam-Klein-Str. 6

Di, 11. Oktober 2011, Berlin

19 h, FAU-Lokal, Lottumstr. 11 (U8 Rosenthaler Platz)

Mi, 12. Oktober 2011, Bielefeld

20 h, Bürgerwache, Rolandstr. 16

Do, 13. Oktober 2011, Wiesbaden

20.30 h, Café Klatsch, Marcobrunnerstr. 9

Fr, 14. Oktober 2011, Frankfurt/M.

19.30 h, Faites votre jeu!, Klapperfeldstr. 5

Sa, 15. Oktober 2011, Frankfurt/M.

13.30-14 h, live auf der Frankfurter Buchmesse, Literadio, Halle 4, Stand E 207