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Andreas G. Graf – Johann Most – ein unterschätzter Sozialdemokrat? (2005)

Johann Most, geboren am 5. Februar 1846 in Augsburg, gestorben am 17. März 1906 in Cincinnati, war nicht nur sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter, erfolgreicher Redakteur von Arbeiterzeitungen („Chemnitzer Freie Presse“, „Süddeutsche Volkszeitung“, „Berliner Freie Presse“) und Gründer des ersten satirischen Blattes der deutschen Arbeiterbewegung („Der Nußknacker“), sondern auch der erste Popularisierer von Marx‘ „Kapital“ und Liebling der Massen – in Berlin ebenso wie vorher in Wien oder Chemnitz und Mainz. Most war ein unermüdlicher Vorkämpfer gewerkschaftlicher Organisation und Streikorganisator sowie Initiator der ersten großen Kirchenaustrittsbewegung, Protagonist der Zusammenarbeit mit russischen (und jüdischen) Revolutionären (seit 1876) und gilt als Gründer der ersten (mit Hirschs „Laterne“) und zunächst mit Abstand populärsten sozialdemokratischen Zeitung unter dem Sozialistengesetz, der „Freiheit“. Most war mithin keine Randexistenz in der Sozialdemokratie, im Gegenteil, er gehörte zum „inneren Kreis“ – und wurde und ist dennoch merkwürdig vernachlässigt von der einschlägigen Forschung in Ost wie in West.

Erklärt sich diese Vernachlässigung aus seiner späteren Entwicklung zum Sozialrevolutionär (seit 1880) und dann Anarchisten (seit 1883)? Oder findet hier nur eine sich stetig wiederholende, voneinander abschreibende Lektüre statt, die es gewissermaßen darauf anlegt, Mosts Bedeutung herunterzuspielen oder ihn grundsätzlich zu diskreditieren? Diese eigentümliche Tradierung veranlaßte Horst Karasek bereits 1976 zu der sarkastischen Bemerkung: „Erst den offiziellen Geschichtsschreibern sozialdemokratischer und bürgerlicher Provenienz ist es gelungen, ihn mundtot zu machen oder aber sein Porträt so zu entstellen, bis er keine menschlichen Züge mehr trug.“

Selbst Thomas Welskopp – und das steht hier nur pars pro toto – nimmt in seiner glänzend recherchierten und materialreichen, originellen wie innovativen Neuinterpretation der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung bis zum Sozialistengesetz den Ball Eduard Bernsteins auf und bezeichnet Most als jemanden, „der seine Talente als Deklamator und Possenreißer auf der Bühne der Arbeiterbildungsvereine und sozialdemokratischen Parteiversammlungen“ praktizierte und der „zu seiner Chemnitzer und Berliner Zeit als der sozialdemokratische ‚Staragitator‘ schlechthin gelten kann. […] Er inszenierte sich in einer Pose intellektueller Überlegenheit, die er mit drastischem Sprachwitz zu vermitteln verstand.

[…] Most war ein leidenschaftlicher Redner, der die aufgepeitschte Atmosphäre großer Volksversammlungen wie ein Lebenselexier aufsog; von den Emotionen des Publikums lebte er, für sein Ansehen als Demagoge ging er auch ins Gefängnis. Da diese Emotionalität im Zentrum seiner Redeaktivität stand, war für den professionellen Parteiredner Mäßigung ausgeschlossen. Vielmehr war er ein Scharfmacher, ein Einpeitscher. Er redete drastischer als andere, verwegener, er spielte mit revolutionären Vorstellungen und kokettierte mit der Barrikade. Seine Rednerexistenz, die der ‚intensiven‘ Atmosphäre der spektakulären Versammlung so elementar bedurfte, rückte ihn quasi in eine gesellschaftliche Nische zwischen öffentlichen Starauftritten und regelmäßigen Haftaufenthalten. Sein Weg in den Anarchismus war durch diese Nischenexistenz vorgezeichnet, da seine Sprache von Verbalradikalismus lebte und diesem, als sich die Partei zu wandeln begann, nur eine solche Steigerungsmöglichkeit offen stand.

[…] Im Grunde war es die Fixierung auf radikale Propaganda, die diesen Typus des Demagogen im Gegensatz zu anpassungsfähigen Multitalenten wie August Bebel zu einem ‚Auslaufmodell‘ machte.“

Johann Most ein pejorativ markiertes „Auslaufmodell“ also, dem gewissermaßen naturwüchsig „sein erbittertes Abtauchen in die Bürgerkriegsideologie des Anarchismus“ folgte? Nun: „Halbherzigkeit war nicht seine Sache, an Wortgewalt und an Radikalität hat ihn bis heute keiner übertroffen“, notierte zutreffend Karasek.

Unzweifelhaft gibt es eine merkwürdige Konsistenz seiner politischen Entwicklung. Unzweifelhaft ist aber ebenfalls, daß diese bestimmt nicht nur eine Frage des Temperaments war, sondern auch, jedenfalls anfangs, im Einklang mit den Bedürfnissen und Stimmungen großer Teile der Basis geschah. So läßt sich wohl feststellen, daß das, was eigentlich die große politische Tragödie in Mosts Leben war – die Trennung von der deutschen Sozialdemokratie – seinen Ursprung wohl schon vor der Gründung der „Freiheit“ hat. Nicht nur Most mußte zu seinem großen Erstaunen immer wieder feststellen, daß seine Kritiker bei ihrer Kritik an ihm auch einen wesentlichen Teil der vor dem Sozialistengesetz publizierten sozialdemokratischen Presse mit über Bord warfen. Quellenkritische Therapie, eigentlich selbstverständlich, ist mithin dringend vonnöten. Götz Langkaus Hinweis, daß „bei Most wahrscheinlich schon eine genaue ’sozialdemokratische‘ Lektüre der ‚Freiheit‘ dem Verständnis aufhelfen“ könnte, ist bedenkenswert. Auch haben wir es häufig mit einem Fremdbild zu tun, zu dem Most freilich selbst erklecklich beigetragen hat. Nachdrücklich insistiert Langkau: „Ich habe mich mit einem in wichtigen Zügen selbstbestimmten Bild, vielleicht sogar mit einem zur Konsequenz stilisierten Selbstbildnis des ‚reifen‘ Most auseinanderzusetzen, ehe ich den ‚jungen‘ (den sozialdemokratisch-gärenden?) Most in seinen Texten zu fassen bekomme.“ Damit ist schon eine Forschungsperspektive benannt.

Fast auf den Tag 125 Jahre, nachdem am 4. Dezember 1878 Johann Most auf Grund des § 28 des „Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ aus Berlin ausgewiesen worden war, fand am 12. und 13. Dezember 2003 ein gemeinsam von „Helle Panke“ e. V. und der Zeitschrift „Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ veranstalteter Workshop über die Rolle Johann Mosts in der ideologischen wie organisatorischen Entwicklung der deutschsprachigen Arbeiterbewegung in den 1870ern und den Anfangsjahren des Sozialistengesetzes statt. Gewissermaßen als Ergebnis liegt nunmehr ein Themenheft der IWK mit dem Titel „Johann Most – ein unterschätzter Sozialdemokrat?“ vor.

In einem einführenden Aufsatz beschreibt Heiner M. Becker in einer Souveränität, die nur aus stupender Kenntnis der veröffentlichten und unveröffentlichten Quellen und der Literatur zu gewinnen ist, was sonst artig verbrämt wird. Wolfgang Schröder und Götz Langkau fragen nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden der „ungleichen Genossen“ Most und Liebknecht resp. Most und Hasselmann. Ingo Materna geht auf Aktivitäten und Ereignisse ein, die, mit Most verbunden oder ihn direkt betreffend, die Aufmerksamkeit des Berliner Polizeipräsidenten besonders erregten und sich in den einschlägigen Akten niederschlugen. Rolf Hecker bietet eine hintergründige Publikationsgeschichte von Mosts populärer Broschüre, die Marx‘ „Kapital“ in verkürzter und vereinfachter Form einem Arbeiterpublikum begreiflich machen sollte. Sebastian Prüfer setzt sich mit der von Most 1878 initiierten Kirchenaustrittskampagne auseinander, die er im Kontext des Umgangs der deutschen Sozialdemokratie mit der „religiösen Frage“ zwischen 1863 und 1890 problematisiert. Jürgen Schlimper informiert dann detailliert über Most und die sozialistische Presse in Chemnitz 1871/72. Und Matthias John richtet seinen Blick auf die bemerkenswerte Beziehung der Glauchauer Sozialdemokraten zu Johann Most und ediert dessen dort gehaltenes Referat über die Presse. Der Band wird schließlich noch durch diverse Dokumente und eine Bibliographie ergänzt.

aus: IWK, Heft 1-2/2005, S. 1 – 4 (ohne Anmerkungen)

Heft 1-2/2005 – Johann Most – ein unterschätzter Sozialdemokrat?

Herausgegeben von Heiner M. Becker und Andreas G. Graf

Andreas G. Graf: Johann Most – ein unterschätzter Sozialdemokrat? (S. 1)

Heiner M. Becker: Johann Most (S. 5)

Wolfgang Schröder: Wilhelm Liebknecht und Johann Most. Eine Annäherung (S. 67)

Götz Langkau: Johann Most und Wilhelm Hasselmann – ungleiche Genossen (S. 93)

Ingo Materna: Johann Most und der Berliner Polizeipräsident (1874 – 1890). Ein Diskussionsbeitrag (S. 105)

Rolf Hecker: Die Popularisierung des „Kapitals“ durch Johann Most (S. 115)

Sebastian Prüfer: Johann Most und die Berliner Kirchenaustrittskampagne 1878 (S. 126)

Jürgen Schlimper: Vom Volksagitator zum Redakteur einer Tageszeitung. Johann Most und die Chemnitzer sozialistische Presse 1871/72 (S. 137)

Matthias John: Johann Most und Glauchau. Mit einer nach dem stenographischen Protokoll edierten Rede Mosts über die Presse vom 22. April 1872 (S. 150)

Most-Dokumente. Bearbeitet und eingeleitet von Heiner M. Becker und Andreas G. Graf (S. 179)

Heiner M. Becker: Johann Most. Eine kleine Bibliographie (S. 255)

Johann Most – Kommunistischer Anarchismus (1889)

(u. Max Nettlau: „Zwischen Autorität und Freiheit“, S. 25-34)

Johann Most – Die freie Gesellschaft. Eine Abhandlung über Principien und Taktik der kommunistischen Anarchisten (1884)