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Guy Debord – Das Proletariat als Subjekt und als Repräsentation

»Gleiches Recht aller auf die Güter und die Genüsse dieser Welt, die Zerstörung jeder Autorität und die Verneinung aller moralischen Schranken: das ist, wenn man der Sache auf den Grund geht, der wesentliche Zweck des Aufstandes vom 18. März und die Charta der gefürchteten Assoziation, die ihm eine Armee verschaffte.«
Parlamentarische Untersuchung über den Aufstand des 18. März.

73.

Die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt, regiert die Gesellschaft seit dem Sieg der Bourgeoisie in der Wirtschaft, sichtbar aber erst seit der politischen Übertragung dieses Sieges. Die Entwicklung der Produktivkräfte hat die alten Produktionsverhältnisse gesprengt, und jede statistische Ordnung zerfällt zu Staub. Alles, was absolut war, wird geschichtlich.

74.

Indem sie in die Geschichte geworfen sind, indem sie an der Arbeit und an den Kämpfen, aus denen diese Geschichte besteht, teilnehmen müssen, sind die Menschen gezwungen, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen. Diese Geschichte hat kein anderes Objekt als das, was sie an sich selbst verwirklicht, obwohl die letzte, bewußtlose, metaphysische Anschauung von der geschichtlichen Epoche das produktive Fortschreiten, durch das sich die Geschichte entfaltet hat, als eigentliches Objekt der Geschichte betrachten kann. Das Subjekt der Geschichte kann nur das Lebende sein, das sich selbst produziert und zum Herrn und Besitzer seiner Welt wird, – die die Geschichte ist – und als Bewußtsein seines Spiels existiert.

75.

Als ein und dieselbe Strömung entwickeln sich die Klassenkämpfe der langen revolutionären Epoche, die durch den Aufstieg der Bourgeoisie eröffnet wurde, und das Denken der Geschichte, d.h. die Dialektik, das Denken, das nicht mehr bei der Suche nach dem Sinn des Seienden stehen bleibt, sondern sich zur Erkenntnis der Auflösung alles Bestehenden erhebt, und in der Bewegung jede Trennung auflöst.

76.

Hegel hatte nicht mehr die Welt zu interpretieren, sondern die Veränderung der Welt. Indem er die Veränderung nur interpretierte, ist er nur die philosophische Vollendung der Philosophie. Er will eine Welt begreifen, die sich selbst erzeugt. Dieses geschichtliche Denken ist nur erst das Bewußtsein, das immer zu spät kommt und die Rechtfertigung post festum ausspricht. Es hat die Trennung daher nur im Gedanken aufgehoben. Das Paradox, das darin besteht, den Sinn jeder Realität von ihrer geschichtlichen Vollendung abhängen zu lassen und zugleich, sich selbst als die Vollendung der Geschichte hinstellend, diesen Sinn zu enthüllen, ergibt sich aus der einfachen Tatsache, daß der Denker der bürgerlichen Revolutionen des 17. und 18. Jahrhunderts in seiner Philosophie nur die Versöhnung mit deren Ergebnis gesucht hat. »Sie drückt auch als Philosophie der bürgerlichen Revolution nicht den ganzen Prozeß dieser Revolution aus, sondern nur seinen letzten Abschluß. Sie ist insofern eine Philosophie nicht der Revolution, sondern der Restauration.« (Karl Korsch, Thesen über Hegel und die Revolution.) Hegel hat zum letzten Mal die Arbeit des Philosophen geleistet, »die Verklärung des Bestehenden«; aber schon für ihn konnte das Bestehende nur die Totalität der geschichtlichen Bewegung sein. Da die äußere Stellung des Gedankens in der Tat aufrechterhalten wurde, konnte sie nur durch ihre Identifizierung mit einem vorausgehenden Vorhaben des Geistes, des absoluten Helden verhüllt werden, der vollbracht hat, was er wollte, und wollte, was er vollbracht hat, und dessen Erfüllung mit der Gegenwart zusammenfällt. Daher kann die Philosophie, die im Denken der Geschichte stirbt, ihre Welt nur noch dadurch verklären, daß sie sie verleugnet, denn um das Wort zu ergreifen, muß sie bereits das Ende dieser totalen Geschichte, auf die sie alles zurückgeführt hat, und den Schluß der Sitzung des einzigen Gerichts voraussetzen, das das Urteil der Wahrheit fällen kann.

77.

Wenn das Proletariat durch seine eigene Existenz in Taten offenbart, daß sich dieses Denken der Geschichte nicht vergessen hat, ist das Dementi des Schlusses zugleich auch die Bestätigung der Methode.
78.

Das Denken der Geschichte kann nur dadurch gerettet werden, daß es praktisches Denken wird, und die Praxis des Proletariats als revolutionäre Klasse kann nicht weniger sein als das geschichtliche Bewußtsein, das auf die Totalität seiner Welt wirkt. Alle theoretischen Strömungen der revolutionären Arbeiterbewegung sind aus einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Hegelschen Denken hervorgegangen, bei Marx ebenso wie bei Stirner und Bakunin.

79.

Die Untrennbarkeit der Hegelschen Methode von der Marxschen Theorie ist selbst untrennbar von dem revolutionären Charakter dieser Theorie, d.h. von ihrer Wahrheit. Hierin ist diese erste Beziehung allgemein unbekannt geblieben oder mißverstanden oder sogar als die Schwäche dessen angeprangert worden, was trügerisch zu einer marxistischen Lehre wurde. In »Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgabe der Sozialdemokratie« enthüllt Bernstein vollkommen diese Verbindung der dialektischen Methode mit der geschichtlichen Parteinahme, wenn er die unwissenschaftlichen Voraussagen des Manifests von 1847 über das nahe Bevorstehen der proletarischen Revolution in Deutschland beklagt: »Diese geschichtliche Selbsttäuschung, wie sie der erste beste politische Schwärmer kaum überbieten konnte, würde bei einem Marx, der schon damals ernsthaft Ökonomie getrieben hatte, unbegreiflich sein, wenn man in ihr nicht das Produkt eines Restes Hegelscher Widerspruchsdialektik zu erblicken hätte, das Marx – ebenso wie Engels – sein Lebtag nicht völlig losgeworden ist, das aber damals in einer Zeit allgemeiner Gärung, ihm um so verhängnisvoller werden sollte.«

80.

Die Umkehrung, die Marx zwecks einer »Hinüberrettung« des Denkens der bürgerlichen Revolution vornimmt, besteht nicht trivialerweise darin, durch die materialistische Entwicklung der Produktivkräfte das Fortschreiten des Hegelschen Geistes zu ersetzen der sich selbst in der Zeit entgegen geht, dessen Vergegenständlichung mit seiner Entäußerung identisch ist und dessen geschichtliche Wunden keine Narben zurücklassen. Die wirklich gewordene Geschichte hat kein Ende mehr. Marx hat die getrennte Stellung Hegels angesichts dessen, was geschieht, und die Kontemplation jedes äußeren, höchsten Agenten zugrunde gerichtet. Die Theorie hat nur noch zu erkennen, was sie tut. Im Gegenteil ist die Kontemplation der Wirtschaftsbewegung im herrschenden Denken der gegenwärtigen Gesellschaft das nicht umgekehrte Erbe des undialektischen Teils des Hegelschen Versuchs eines kreisförmigen Systems; sie ist eine Billigung, die die Dimension des Begriffs verloren hat und die kein Hegelianertum mehr braucht, um sich zu rechtfertigen, denn die Bewegung, die es zu loben gilt, ist nur mehr ein gedankenloser Bereich der Welt, dessen mechanische Entwicklung tatsächlich das Ganze beherrscht. Das Marxsche Projekt ist das einer bewußten Geschichte. Das Quantitative, das in der blinden Entwicklung der bloß wirtschaftlichen Produktivkräfte entsteht, muß sich in eine qualitative geschichtliche Aneignung verwandeln. Die Kritik der politischen Ökonomie ist der erste Akt dieses Endes der Vorgeschichte. »Von allen Produktionsinstrumenten ist die größte Produktivkraft die revolutionäre Klasse selbst.«

81.

Was die Marxsche Theorie eng mit dem wissenschaftlichen Denken verbindet, ist das rationelle Begreifen der Kräfte, die in der Gesellschaft walten. Aber sie ist grundlegend ein Jenseits des wissenschaftlichen Denkens, in dem dieses nur als aufgehobenes aufbewahrt wird: es geht um ein Begreifen des Kampfes und keineswegs des Gesetzes. »Wir kennen nur eine einzige Wissenschaft, die Wissenschaft der Geschichte« heißt es in der deutschen Ideologie.

82.

Die bürgerliche Epoche, die die Geschichte wissenschaftlich begründen will, übersieht die Tatsache, daß diese verfügbare Wissenschaft vielmehr mit der Ökonomie geschichtlich begründet werden sollte. Umgekehrt hängt die Geschichte radikal von dieser Kenntnis ab, aber nur insofern, als diese Geschichte Wirtschaftsgeschichte bleibt. Wieweit im übrigen der Anteil der Geschichte an der Wirtschaft selbst – der Gesamtprozeß, der seine eigenen wissenschaftlichen Grundvoraussetzungen verändert – von dem Gesichtspunkt der wissenschaftlichen Grundvoraussetzungen verändert – von dem Gesichtspunkt der wissenschaftlichen Beobachtung übersehen werden konnte, wird durch die Nichtigkeit der sozialistischen Berechnungen gezeigt, die die exakte Periodizität der Krisen festgestellt zu haben glaubten, und seitdem es der ständigen Intervention des Staates gelungen ist, die Wirkung der Krisentendenzen zu kompensieren, sieht dieselbe Art von Beweisführung in diesem Gleichgewicht eine endgültige wirtschaftliche Harmonie. Das Projekt, die Wirtschaft zu überwinden, von der Geschichte Besitz zu ergreifen, kann nicht selbst wissenschaftlich sein, auch wenn es die Wissenschaft der Gesellschaft kennen (und zu sich zurückführen) muß. In dieser letzten Bewegung, die die gegenwärtige Geschichte durch eine wissenschaftliche Erkenntnis zu beherrschen glaubt, ist der revolutionäre Standpunkt bürgerlich geblieben.

83.

Obwohl sie selbst in der Kritik der bestehenden gesellschaftlichen Organisation geschichtlich begründet sind, können die utopischen Strömungen des Sozialismus mit Recht als utopisch angesprochen werden, in dem Maße wie sie die Geschichte ablehnen – d.h. den stattfindenden wirklichen Kampf, ebenso wie die Bewegung der Zeit jenseits der unbeweglichen Vollkommenheit ihres Bildes von einer glücklichen Gesellschaft –, nicht jedoch, weil sie die Wissenschaft ablehnen. Die utopischen Denker sind im Gegenteil ganz und gar vom wissenschaftlichen Denken beherrscht, wie es sich in den vorigen Jahrhunderten durchgesetzt hatte. Sie suchen die Vollendung dieses allgemeinen rationellen Systems: sie betrachten sich keineswegs als entwaffnete Propheten, denn Sie glauben an die gesellschaftliche Macht der wissenschaftlichen Beweisführung und sogar, im Fall des Saint-Simonismus an die Machtergreifung durch die Wissenschaft. Wie fragt Sombart, »sollte etwas, das durch Aufklärung, höchstens durch Beispiele in seiner Vollkommenheit bewiesen werden soll, ertrotzt werden können im Kampf?« Die wissenschaftliche Auffassung der Utopisten erstreckt sich jedoch nicht auf die Erkenntnis, daß gesellschaftliche Gruppen in einer bestehenden Situation Interessen haben und Kräfte, um sie aufrechtzuerhalten, sowie Formen falschen Bewußtseins, die solchen Stellungen entsprechen. Sie bleibt daher weit diesseits der geschichtlichen Realität der Wissenschaftsentwicklung selbst, deren Richtung weitgehend von der aus solchen Faktoren hervorgegangenen gesellschaftlichen Nachfrage bestimmt wurde, die nicht nur das auswählt, was zugelassen, sondern auch das, was erforscht werden kann. Die utopischen Sozialisten, die Gefangene der Darstellungsweise der wissenschaftlichen Wahrheit geblieben sind, begreifen diese Wahrheit nach ihrem reinen abstrakten Bild, wie es sich in einem sehr viel früheren Stadium der Gesellschaft durchgesetzt haue. Die Utopisten wollen, wie Sorel bemerkte, die Gesetze der Gesellschaft nach dem Modell der Astronomie entdecken und nachweisen. Die von ihnen erstrebte Harmonie, die der Geschichte feindlich ist, ergibt sich aus einem Versuch, die von der Geschichte am wenigsten abhängige Wissenschaft auf die Gesellschaft anzuwenden. Diese Harmonie sucht ihre Anerkennung mit der gleichen experimentellen Unschuld wie der Newtonismus, und das ständig postulierte glückliche Menschenlos »spielt in ihrer Gesellschaftswissenschaft eine Rolle, die derjenigen der Trägheit in der rationellen Mechanik analog ist« (Matériaux pour une théorie du prolétariat).

84.

Gerade die deterministisch-wissenschaftliche Seite im Marxschen Denken war die Bresche, durch die der Prozeß der »ldeologisierung« noch zu seinen Lebzeiten eindrang, und um so mehr in das der Arbeiterbewegung hinterlassene theoretische Erbe. Die Ankunft des Subjekts der Geschichte wird noch auf später verschoben, und die geschichtliche Wissenschaft par excellende, d.h. die Ökonomie, strebt immer weitgehender darauf hin, die Notwendigkeit ihrer eigenen zukünftigen Negation zu garantieren. Aber dadurch wird die revolutionäre Praxis, die die einzige Wahrheit dieser Negation ist, aus dem Bereich der theoretischen Anschauung verstoßen. Daher gilt es, geduldig die wirtschaftliche Entwicklung zu studieren und noch das daraus erfolgende Leid mit einer Hegelschen Ruhe zu dulden, was im Resultat »Friedhof der guten Absichten« bleibt. Man entdeckt, daß jetzt, der Wissenschaft der Revolutionen zufolge, das Bewußtsein immer zu früh kommt und belehrt werden muß. »Die Geschichte hat uns und allen, die ähnlich dachten, unrecht gegeben. Sie hat klargemacht, daß der Stand der ökonomischen Entwicklung auf dem Kontinent damals noch bei weitem nicht reif war…«, sagt Engels 1895. Sein ganzes Leben lang hat Marx den einheitlichen Gesichtspunkt seiner Theorie aufrechterhalten, aber die Darlegung seiner Theorie hat sich auf den Boden des herrschenden Denkens begeben, indem sie sich in der Form von Kritiken besonderer Disziplinen, hauptsächlich der Kritik der grundlegenden Wissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft, der politischen Ökonomie, präzisiert. Diese Verstümmelung, die später als endgültig akzeptiert wurde, hat den »Marxismus« gebildet.

85.

Der Mangel in der Marxschen Theorie ist natürlich der Mangel des revolutionären Kampfes des Proletariates seiner Epoche. Die Arbeiterklasse im Deutschland von 1848 hat nicht die Revolution in Permanenz dekretiert; die Kommune wurde in der Isolierung besiegt. Die revolutionäre Theorie kann daher noch nicht ihre eigene vollständige Existenz erreichen. Darauf angewiesen zu sein, diese Theorie in der Absonderung der Gelehrtenarbeit im British Museum zu verteidigen und zu präzisieren, implizierte einen Verlust in der Theorie selbst. Gerade die auf die Zukunft der Entwicklung der Arbeiterklasse bezogenen wissenschaftlichen Rechtfertigungen und die mit ihnen verbundene organisatorische Praxis sollten in einem weiter fortgeschrittenen Stadium zu Hindernissen für das proletarische Bewußtsein werden.

86.

Die ganze theoretische Mangelhaftigkeit bei der wissenschaftlichen Verteidigung der proletarischen Revolution kann, sowohl was den Inhalt als was die Form der Darstellung angeht, auf eine Identifizierung des Proletariats mit der Bourgeoisie unter dem Gesichtspunkt der revolutionären Machtergreifung zurückgeführt werden.

87.

Die Tendenz, eine Beweisführung der wissenschaftlichen Gesetzmäßigkeit der proletarischen Gewalt durch den Bezug auf wiederholte Experimente der Vergangenheit zu begründen, verdunkelt schon vom Manifest an das Marxsche Denken der Geschichte, indem sie ihn dazu veranlaßt, ein lineares Bild der Entwicklung der Produktionsweisen aufzustellen, die von Klassenkämpfen mitgerissen wird, welche angeblich jedesmal »mit einer revolutionären Umgestaltung der ganzen Gesellschaft […] oder mit dem gemeinsamen Untergang der kämpfenden Klassen« enden. Aber ebenso wie in der beobachtbaren Realität der Geschichte »die asiatische Produktionsweise«, wie Marx an anderer Stelle betonte, ihre Unbeweglichkeit trotz aller Klassenauseinandersetzungen behalten hat, so wurden auch weder die Barone von den Aufständen der Leibeigenen, noch die Freien von den Sklavenrevolten des Altertums je besiegt. Im linearen Schema ist zunächst die Tatsache aus dem Blickfeld entschwunden, daß die Bourgeoisie die einzige revolutionäre Klasse ist, die jemals gesiegt hat und daß sie zugleich die einzige Klasse ist, für die die Entwicklung der Wirtschaft Grund und Folge ihrer Beschlagnahme der Gesellschaft war. Die gleiche Vereinfachung hat Marx dazu verleitet, die wirtschaftliche Rolle des Staates bei der Verwaltung einer Klassengesellschaft zu vernachlässigen. Wenn die aufsteigende Bourgeoisie die Wirtschaft vom Staat zu befreien schien, dann nur insoweit, als der alte Staat zugleich das Instrument einer Klassenunterdrückung in einer statischen Wirtschaft war. Die Bourgeoisie hat ihre autonome wirtschaftliche Macht in der mittelalterlichen Periode des Schwächerwerdens des Staates, im Moment feudaler Zerstückelung gleichgewichtiger Gewalten entwickelt. Aber der moderne Staat, der durch den Merkantilismus die Entwicklung der Bourgeoisie zu unterstützen begann und der schließlich zur Zeit des »laisse faire, laisser passer« zu ihrem Staat wurde, wird sich später als Inhaber einer zentralen Macht in der kalkulierten Verwaltung des wirtschaftlichen Prozesses zeigen. Marx konnte jedoch im Bonapartismus diesen Entwurf der modernen staatlichen Bürokratie beschreiben, nämlich die Fusion von Kapital und Staat, die Bildung einer »nationalen Macht des Kapitals über die Arbeit, einer öffentlichen Gewalt zur Unterdrückung der Arbeit«, wo die Bourgeoisie auf jedes geschichtliche Leben verzichtet, das nicht seine Reduzierung auf die wirtschaftliche Geschichte der Dinge ist und gerne »neben den anderen Klassen zur gleichen politischen Nichtigkeit verdammt« werden will. Hier sind bereits die sozialpolitischen Grundlagen des modernen Spektakels gelegt, das negativ das Proletariat als einzigen Bewerber um das geschichtliche Leben definiert.

88.

Die zwei einzigen Klassen, die tatsächlich der Marxschen Theorie entsprechen, die zwei reinen Klassen, zu denen die gesamte Analyse in Das Kapital hinführt, die Bourgeoisie und das Proletariat, sind auch die beiden einzigen revolutionären Klassen der Geschichte, aber unter verschiedenen Bedingungen: die bürgerliche Revolution hat stattgefunden, die proletarische Revolution ist ein Projekt, das auf der Grundlage der vorangegangenen Revolutionen entstand, jedoch von ihr qualitativ verschieden. Wenn man die Originalität der geschichtlichen Rolle der Bourgeoisie übersieht, verdeckt man die konkrete Originalität dieses proletarischen Projekts, das nur etwas erreichen kann, insofern es seine eigenen Farben trägt und die »gewaltige Größe seiner Aufgaben« kennt. Die Bourgeoisie ist zur Macht gelangt, weil sie die Klasse der sich entwickelnden Wirtschaft ist. Das Proletariat kann seinerseits die Macht sein, aber nur wenn es zur Klasse des Bewußtseins wird. Das Reifen der Produktivkräfte kann eine solche Macht nicht garantieren, und dies auch nicht auf dem Umweg der gesteigerten Enteignung, die dieses Reifen begleitet. Die jakobinische Eroberung des Staates kann nicht das Instrument des Proletariats sein. Keine Ideologie kann ihm helfen, Teilzwecke in Gesamtzwecke zu verkleiden, denn es kann keine Teilrealität aufbewahren, die ihm tatsächlich gehörte.

89.

Wenn Marx in einer bestimmten Periode seiner Teilnahme am Kampf des Proletariats zu viel von der wissenschaftlichen Vorhersage erwartet hat, so viel, daß er die intellektuelle Basis der Illusionen des Ökonomismus schuf, so wissen wir doch, daß er persönlich ihm nicht verfiel. In einem wohlbekannten Brief vom 7. Dezember 1867, der einen Artikel begleitete, worin er selbst Das Kapital kritisiert und den Engels in die Presse bringen sollte, als ob er von einem Gegner stammte, hat Marx klar die Grenze seiner eigenen Wissenschaft dargelegt: »Die subjektive Tendenz des Verfassers dagegen – er war vielleicht durch seine Parteistellung und Vergangenheit gebunden und verpflichtet dazu –, d.h. die Manier, wie er sich und anderen das Endresultat der jetzigen Bewegung, des jetzigen gesellschaftlichen Prozesses vorstellt, hat mit seiner wirklichen Entwicklung gar nichts zu schaffen.« Also dadurch, daß er selbst die »tendenziellen Schlußfolgerungen« seiner objektiven Analyse denunziert und durch die Ironie des »vielleicht« in Bezug auf die außerwissenschaftlichen Entscheidungen, zu denen er verpflichtet gewesen sei, zeigt Marx gleichzeitig den methodologischen Schlüssel für die Verschmelzung der beiden Aspekte.

90.

Im geschichtlichen Kampf selbst muß die Verschmelzung des Erkennens mit dem Handeln verwirklicht werden, so daß jede dieser Seiten die andere zur Garantie ihrer eigenen Wahrheit macht. Die Herausbildung der proletarischen Klasse als Subjekt ist die Organisation der revolutionären Kämpfe und die Organisation der Gesellschaft im revolutionären Augenblick: hier müssen die praktischen Bedingungen des Bewußtseins vorhanden sein, in denen sich die Theorie der Praxis bestätigt, indem sie zu praktischer Theorie wird. Diese zentrale Frage der Organisation wurde jedoch von der revolutionären Theorie in der Epoche am wenigsten in Betracht gezogen, in der die Arbeiterbewegung entstand, d.h. als diese Theorie noch den aus dem Denken der Geschichte stammenden einheitlichen Charakter besaß (und sie hatte es sich gerade zur Aufgabe gemacht, ihn bis zu einer einheitlichen geschichtlichen Praxis zu entwickeln). Diese Frage ist im Gegenteil der Ort der Inkonsequenz dieser Theorie, die die Wiederbelebung staatlicher und hierarchischer Anwendungsmethoden zuließ, die der bürgerlichen Revolution entlehnt wurden. Die Organisationsformen der Arbeiterbewegung, die auf der Grundlage dieses Verzichtes der Theorie entwickelt wurden, haben ihrerseits dahin tendiert, die Erhaltung einer einheitlichen Theorie zu verhindern, indem sie diese in spezialisierte und parzellierte Kenntnisse auflösten. Diese ideologische Entfremdung der Theorie ist folglich außerstande, die praktische Bewährung des von ihr verratenen einheitlichen geschichtlichen Denkens wiederzuerkennen, wenn eine solche Bewährung im spontanen Kampf der Arbeiter plötzlich hervortritt; sie kann lediglich dazu beitragen, ihre Äußerung und ihre Erinnerung zu unterdrücken. Diese im Kampf aufgetauchten geschichtlichen Formen sind jedoch gerade das praktische Milieu, das der Theorie fehlte, um wahr zu sein. Sie sind eine Forderung der Theorie; die jedoch nicht theoretisch formuliert worden war. Der Sowjet war keine Entdeckung der Theorie. Und schon die höchste theoretische Wahrheit der Internationalen Arbeiter Assoziation war ihr eigenes arbeitendes Dasein.

91.

Die ersten Erfolge des Kampfes der Internationale brachten sie dazu, sich von den konfusen Einflüssen der herrschenden Ideologie zu befreien, die in ihr fortbestanden. Aber die Niederlage und die Unterdrückung, die sie bald erfuhr, stellten einen Konflikt zwischen zwei Auffassungen der proletarischen Revolution in den Vordergrund, die beide eine autoritäre Dimension beinhalten, durch welche die bewußte Selbstbefreiung der Klasse aufgegeben wird. Tatsächlich war der unversöhnlich gewordene Streit zwischen Marxisten und Bakunisten zweifach, indem er zugleich die Macht in der revolutionären Gesellschaft und die gegenwärtige Organisation der Bewegung betraf, und beim Übergang von dem einen dieser Aspekte zu dem anderen kehren sich die Positionen der Gegner um. Bakunin bekämpfte die lllusion einer Abschaffung der Klassen durch den autoritären Gebrauch der Staatsmacht, weil er die Neubildung einer herrschenden bürokratischen Klasse und die Diktatur der Gelehrtesten oder derer, die dafür gehalten werden, voraussah. Marx, der glaubte, daß ein untrennbares Reifen der wirtschaftlichen Widersprüche und der demokratischen Erziehung der Arbeiter die Rolle des proletarischen Staates auf eine einfache Phase der Legalisierung neuer gesellschaftlicher Beziehungen, die sich objektiv durchsetzen, beschränken würde, denunzierte bei Bakunin und seinen Anhängern den Autoritarismus einer konspirativen Elite, die sich absichtlich über die Internationale gestellt hatte, mit der extravaganten Absicht, der Gesellschaft die unverantwortliche Diktatur der Revolutionärsten oder derer, die sich als solche werden bezeichnet haben, aufzuzwingen. Bakunin sammelte tatsächlich seine Anhänger in einer derartigen Perspektive: »Als unsichtbare Piloten müssen wir den Volkssturm aus seiner Mitte heraus lenken, aber nicht durch eine offensichtliche Gewalt, sondern durch die kollektive Diktatur aller Verbündeten. Durch eine Diktatur ohne Schärpe, ohne Titel und ohne offizielles Recht, die aber um so mächtiger ist, als sie nicht den äußeren Schein der Gewalt besitzt«. So haben sich zwei entgegengesetzte Ideologien der Arbeiterrevolution bekämpft, die beide eine zum Teil wahre Kritik enthielten, aber die Einheit des Denkens der Geschichte verloren und sich selbst als ideologische Autorität errichteten. Mächtige Organisationen, wie die deutsche Sozialdemokratie und die Iberische Anarchistische Förderation, haben treu der einen oder der anderen dieser Ideologien gedient; und überall unterschied sich das Ergebnis weit von dem, was gewollt war.

92.

Den Zweck der proletarischen Revolution als unmittelbar gegenwärtig anzusehen, bildet zugleich die Größe und die Schwäche des wirklichen anarchistischen Kampfes (denn in seinen individualistischen Varianten bleiben die Ansprüche des Anarchismus lächerlich). Vom geschichtlichen Denken der modernen Klassenkämpfe behält der kollektivistische Anarchismus einzig die Schlußfolgerung, und seine absolute Forderung nach dieser Schlußfolgerung äußert sich gleichfalls durch seine entschlossene Verachtung der Methode. Seine Kritik des politischen Kampfes ist daher abstrakt geblieben, während seine Wahl des wirtschaftlichen Kampfes selbst nur gemäß der Illusion einer endgültigen Lösung behauptet wird, welche mit einem Schlag am Tag des Generalstreiks oder des Aufstandes auf diesem Boden erkämpft wird. Die Anarchisten haben ein Ideal zu verwirklichen. Der Anarchismus ist die noch ideologische Negation des Staates und der Klassen, d.h. der gesellschaftlichen Bedingungen selbst der abgesonderten Ideologie. Er ist die Ideologie der reinen Freiheit, die alles gleichmacht und jede Idee des geschichtlichen Übels beseitigt. Dieser Gesichtspunkt der Fusion aller Teilforderungen hat dem Anarchismus das Verdienst eingebracht, die Ablehnung aller bestehenden Verhältnisse für die Gesamtheit des Lebens zu repräsentieren und nicht hinsichtlich einer privilegierten kritischen Spezialisierung, aber da diese Fusion im Absoluten, nach der individuellen Laune, vor ihrer tatsächlichen Verwirklichung, betrachtet wird, hat sie den Anarchismus auch zu einer allzu leicht merklichen Zusammenhangslosigkeit verdammt. Der Anarchismus hat nur in jedem Kampf seine gleiche einfache totale Schlußfolgerung zu wiederholen und wieder aufs Spiel zu setzen, denn diese erste Schlußfolgerung war von Anfang an mit der vollständigen Vollendung der Bewegung gleichgesetzt worden. Bakunin konnte daher im Jahre 1873, als er die Föderation des Jura verließ, schreiben: »In den letzten neun Jahren wurden innerhalb der Internationale mehr Ideen entwickelt als nötig sind, um die Welt zu retten, wenn Ideen allein die Welt retten könnten, und ich glaube nicht, daß irgend jemand imstande ist, noch eine neue zu erfinden. Die Zeit der Ideen ist vorbei, die Zeit für Tatsachen und Taten ist gekommen.« Ohne Zweifel behält diese Auffassung vom geschichtlichen Denken des Proletariats diese Gewißheit, daß die Ideen praktisch werden müssen, aber sie verläßt den geschichtlichen Boden, wenn sie voraussetzt, daß die adäquaten Formen für diesen Übergang zur Praxis schon gefunden sind und nicht mehr verändert werden.

93.

Die Anarchisten, die sich ausdrücklich von der Gesamtheit der Arbeiterbewegung durch ihre ideologische Überzeugung unterscheiden, reproduzieren untereinander diese Trennung der Kompetenzen, indem sie einen günstigen Boden für die informelle Herrschaft der Propagandisten und Verteidiger ihrer eigenen Ideologie über jede anarchistische Organisation schaffen, und diese Spezialisten sind im allgemeinen um so mittelmäßiger, als ihre intellektuelle Tätigkeit hauptsächlich darauf ausgeht, einige endgültige Wahrheiten zu wiederholen. Die ideologische Achtung vor der Einstimmigkeit in der Entscheidung hat vielmehr die unkontrollierte Autorität von Spezialisten der Freiheit in der Organisation selbst begünstigt, und der revolutionäre Anarchismus erwartet vom befreiten Volk die gleiche Art von Einstimmigkeit, welche mit den gleichen Mitteln erreicht wird. Im übrigen hat die Weigerung, den Gegensatz zwischen den Bedingungen einer im derzeitigen Kampf gruppierten Minderheit und denen der Gesellschaft freier Individuen in Betracht zu ziehen, eine ständige Trennung der Anarchisten im Moment der gemeinsamen Entscheidung genährt, wie das Beispiel einer Unzahl anarchistischer Aufstände in Spanien zeigt, die örtlich begrenzt waren und örtlich niedergeschlagen wurden.

94.

Die im echten Anarchismus mehr oder weniger ausdrücklich unterhaltene Illusion ist das ständige nahe Bevorstehen einer Revolution, die der Ideologie und der aus ihr abgeleiteten praktischen Organisationsform durch ihre augenblickliche Vollendung Recht geben soll. Der Anarchismus hat 1936 wirklich eine soziale Revolution und den fortgeschrittensten Entwurf einer proletarischen Gewalt geleitet, den es jemals gegeben hat. In diesem Umstande ist noch zu bemerken, daß einerseits das Signal eines allgemeinen Aufstandes durch das Pronunciamento der Armee aufgezwungen worden war. Indem diese Revolution in den ersten Tagen nicht vollendet worden war, nämlich aufgrund der Existenz einer Franquistischen Macht in der Hälfte des Landes, die stark vom Ausland unterstützt wurde, während die restliche internationale proletarische Bewegung bereits besiegt war, und aufgrund des Fortbestandes bürgerlicher Kräfte oder anderer staatssozialistischer Arbeiterparteien im Lager der Republik, zeigte sich andererseits die organisierte Anarchistenbewegung unfähig, die halben Siege der Revolution auszudehnen oder selbst zu verteidigen. Ihre anerkannten Chefs wurden Minister und Geiseln des bürgerlichen Staates, der die Revolution zerschlug, um den Bürgerkrieg zu verlieren.

95.

Der »orthodoxe Marxismus« der II. Internationale ist die wissenschaftliche Ideologie der sozialistischen Revolution, die ihre ganze Wahrheit mit dem objektiven Prozeß in der Wirtschaft und mit dem Fortschritt einer Anerkennung dieser Notwendigkeit in der von der Organisation erzogenen Arbeiterklasse identisch setzt. Diese Ideologie findet das Vertrauen in die pädagogische Beweisführung wieder, das den utopischen Sozialismus charakterisiert hatte, ergänzt es aber durch eine kontemplative Bezugnahme auf den Lauf der Geschichte: eine derartige Haltung hat jedoch ebenso die Hegelsche Dimension einer totalen Geschichte wie auch das unbewegliche Bild der Totalität verloren, das in der utopischen Kritik (am stärksten bei Fourier) vorhanden war. Aus einer solchen wissenschaftlichen Haltung, der natürlich nichts anderes übrig blieb, als zumindest symmetrische sittliche Alternativen wiederzubeleben, stammen die Albernheiten Hilferdings, wenn er präzisiert, daß die Anerkennung der Notwendigkeit des Sozialismus keine »Anweisung zu praktischem Verhalten ist. Denn etwas anderes ist es, eine Notwendigkeit zu erkennen, etwas anderes, sich in den Dienst dieser Notwendigkeit zu stellen« (Das Finanzkapital). Diejenigen, die verkannt haben, daß für Marx und das revolutionäre Proletariat das einheitliche geschichtliche Denken von einer anzunehmenden praktischen Haltung nicht zu unterscheiden war, mußten normalerweise Opfer der Praxis werden, die sie gleichzeitig angenommen hatten.

96.

Die Ideologie der sozialdemokratischen Organisation stellte sie unter die Gewalt der Lehrer, die die Arbeiterklasse erzogen, und die angenommene Organisationsform war die adäquate Form dieser passiven Schulung. Die Teilnahme der Sozialisten der II. Internationale an den politischen und wirtschaftlichen Kämpfen war ohne Zweifel konkret, aber zutiefst unkritisch. Sie wurde im Namen der revolutionären Illusion, gemäß einer offenbar reformistischen Praxis geführt. So sollte die revolutionäre Ideologie gerade durch den Erfolg derer zerschlagen werden, die ihre Träger waren. Die Absonderung der Abgeordneten und der Journalisten in der Bewegung verleitete diejenigen, die ohnehin schon unter den bürgerlichen Intellektuellen abgeworben worden waren, zur bürgerlichen Lebensweise. Die Gewerkschaftsbürokratie machte gerade diejenigen, die aus den Kämpfen der Industriearbeiter heraus abgeworben und aus ihnen herausgezogen worden waren, zu Maklern der als Ware zu ihrem gerechten Preis zu verkaufenden Arbeitskraft. Damit ihrer aller Tätigkeit etwas Revolutionäres behalten hätte, wäre es erforderlich gewesen, daß der Kapitalismus in diesem Moment außerstande gewesen wäre, diesen Reformismus, den er politisch in ihrer legalistischen Agitation tolerierte, wirtschaftlich zu tragen. Eine solche Unverträglichkeit wurde von ihrer Wissenschaft gesichert und von der Geschichte jederzeit widerlegt.

97.

Dieser Widerspruch, dessen Realität Bernstein ehrlich aufzeigen wollte, weil er der Sozialdemokrat war, der von der politischen Ideologie am weitesten entfernt war und sich am offensten der Methodologie der bürgerlichen Wissenschaft angeschlossen hatte, – diese Realität wurde auch von der reformistischen Bewegung der englischen Arbeiter aufgezeigt, indem sie auf eine revolutionäre Ideologie verzichtete –, sollte dennoch erst durch die geschichtliche Entwicklung selbst unwiderlegbar bewiesen werden. Bernstein hatte, obwohl er im übrigen voll von Illusionen war, bestritten, daß eine Krise der kapitalistischen Produktion auf wunderbare Weise die Sozialisten zur Tat zwingen würde, die nur durch eine legitime Salbung die Erbschaft der Revolution antreten wollten. Der Augenblick tiefgreifender gesellschaftlicher Umwälzung, der mit dem ersten Weltkrieg eintrat, bewies zweimal, wenn er auch an Bewußtseinsbildung fruchtbar war, daß die sozialdemokratische Hierarchie die deutschen Arbeiter nicht revolutionär erzogen hatte, sie in keiner Weise zu Theoretikern gemacht hatte: zuerst, als sich die große Mehrheit der Partei dem imperialistischen Krieg anschloß und dann, als sie in der Niederlage die spartakistischen Revolutionäre zermalmte. Der Exarbeiter Ebert glaubte noch an die Sünde, denn er gab zu, die Revolution »wie die Sünde« zu hassen. Und dieser gleiche Arbeiterführer erwies sich später als guter Vorläufer der sozialistischen Repräsentation, die sich wenig später dem Proletariat in Rußland und anderswo als absoluter Feind entgegenstellen sollte, als er das genaue Programm dieser neuen Entfremdung formulierte: »Sozialismus heißt viel arbeiten.«

98.

Lenin war als marxistischer Denker nur der konsequente und treue Kautskyaner, der die revolutionäre Ideologie dieses »orthodoxen Marxismus« unter den russischen Bedingungen anwandte, die die reformistische Praxis nicht zuließen, welche im Gegenteil von der II. Internationale durchgeführt wurde. Die äußere Führung des Proletariats, die vermittels einer den zu »Berufsrevolutionären« gewordenen Intellektuellen unterstellten, disziplinierten, geheimen Partei handelt, besteht hier in einem Beruf, der mit keinem Führungsberuf der kapitalistischen Gesellschaft paktieren will (übrigens war das politische Regime des Zarismus außerstande, eine solche Öffnung zu bieten, deren Basis in einem fortgeschrittenen Stadium der Macht der Bourgeoisie besteht). Sie wird also zum »Beruf der absoluten Führung« der Gesellschaft.

99.

Der autoritäre ideologische Radikalismus der Bolschewisten hat sich mit dem Krieg und dem Zusammenbruch der internationalen Sozialdemokratie angesichts des Krieges weltweit entfaltet. Das blutige Ende der demokratischen Illusionen der Arbeiterbewegung hatte aus der ganzen Welt ein Rußland gemacht, und der Bolschewismus, der den ersten revolutionären Bruch, den diese Krisenepoche mit sich gebracht hatte, beherrschte, bot dem Proletariat aller Länder sein hierarchisches und ideologisches Modell an, um mit der herrschenden Klasse »russisch zu sprechen«. Lenin hat dem Marxismus der II. Internationale nicht vorgeworfen, eine revolutionäre Ideologie zu sein, sondern keine mehr zu sein.

100.

Derselbe geschichtliche Moment, in dem der Bolschewismus in Rußland für sich selbst siegte, und die Sozialdemokratie siegreich für die alte Welt kämpfte, bezeichnet die vollendete Entstehung einer Ordnung der Dinge, welche im Mittelpunkt der Herrschaft des modernen Spektakels steht: die Arbeiterrepräsentation hat sich radikal der Klasse entgegensetzt.

101.

»In allen früheren Revolutionen«, schrieb Rosa Luxemburg in der Roten Fahne vom 21. Dezember 1918, »traten die Kämpfer mit offenem Visier in die Schranken: Klasse gegen Klasse, Programm gegen Programm […] In der heutigen Revolution treten die Schutzgruppen der alten Ordnung nicht unter eigenen Schildern und Wappen der herrschenden Klassen, sondern unter der Fahne einer »sozialdemokratischen Partei« in die Schranken […] Würde die Kardinalfrage der Revolution offen und ehrlich: Kapitalismus oder Sozialismus lauten, ein Zweifeln, ein Schwanken wäre in der großen Masse des Proletariats heute unmöglich«. So entdeckte die radikale Strömung des deutschen Proletariats wenige Tage vor ihrer Zerstörung das Geheimnis der neuen Bedingungen, die der gesamte vorherige Prozeß (zu dem die Arbeiterrepräsentation erheblich beigetragen hatte) geschaffen hatte: die spektakuläre Organisation der Verteidigung der bestehenden Ordnung, das gesellschaftliche Reich des Scheins, wo keine »Kardinalfrage« mehr »offen und ehrlich« gestellt werden kann. Die revolutionäre Repräsentation des Proletariats war in diesem Stadium zugleich der Hauptfaktor und das zentrale Ergebnis der allgemeinen Verfälschung der Gesellschaft geworden.

102.

Die Organisation des Proletariats nach dem bolschewistischen Modell, die aus der russischen Rückständigkeit und dem Verzicht der Arbeiterbewegung der fortgeschrittenen Länder auf den revolutionären Kampf entstanden war, traf auch in der russischen Rückständigkeit alle Bedingungen, durch welche diese Organisationsform zur konterrevolutionären Verkehrung geführt wurde, die sie bewußtlos in ihrem Urkeim enthielt; und der wiederholte Verzicht der Masse der europäischen Arbeiterbewegung auf das Hic Rhodus, hic salta der Periode 1918-1920, dieser Verzicht, der die gewaltsame Zerstörung ihrer radikalen Minderheit einschloß, begünstigte die vollständige Entwicklung des Prozesses und so konnte sich dessen verlogenes Ergebnis vor der Welt als die einzige proletarische Lösung behaupten. Die Ergreifung des staatlichen Monopols der Repräsentation und der Verteidigung der Macht der Arbeiter, die die bolschewistische Partei rechtfertigte, ließ sie zu dem werden, was sie war: die Partei der Eigentümer des Proletariats, die die vorherigen Formen des Eigentums im wesentlichen beseitigte.

103.

Alle die Bedingungen der Liquidierung des Zarismus, die in der stets unbefriedigenden theoretischen Debatte der verschiedenen Tendenzen der russischen Sozialdemokratie seit zwanzig Jahren in Betracht gezogen wurden – Schwäche der Bourgeoisie, Gewicht der Bauernmehrheit, entscheidende Rolle eines konzentrierten und schlagkräftigen, aber im Lande höchst minoritären Proletariats – zeigten endlich ihre Lösung in der Praxis durch eine Gegebenheit, die in den Hypothesen nicht vorhanden war: die revolutionäre Bürokratie, die das Proletariat führte, gab, indem sie den Staat ergriff, der Gesellschaft eine neue Klassenherrschaft. Die rein bürgerliche Revolution war unmöglich, die »demokratische Diktatur der Arbeiter und Bauern« war sinnlos, die proletarische Macht der Sowjets konnte sich nicht gleichzeitig gegen die Klasse der besitzenden Bauern, gegen die nationale und internationale weiße Reaktion und gegen ihre eigene Repräsentation behaupten, welche als Arbeiterpartei der absoluten Herren des Staates, der Wirtschaft, der Rede und bald auch des Denkens entäußert und entfremdet war. Die Theorie der permanenten Revolution von Trotzki und Parvus, der sich Lenin tatsächlich im April 1917 anschloß, war die einzige, die für die im Verhältnis zur gesellschaftlichen Entwicklung der Bourgeoisie zurückgebliebenen Länder wahr wurde, aber dies erst nach der Einführung dieses unbekannten Faktors: der Klassengewalt der Bürokratie. Die Konzentration der Diktatur in den Händen der obersten Repräsentation der Ideologie wurde in den zahlreichen Auseinandersetzungen innerhalb der bolschewistischen Führung am konsequentesten von Lenin verteidigt. Lenin hatte gegenüber seinen Gegnern jedesmal insofern Recht, als er die Lösung unterstützte, die die vorangegangenen Entscheidungen der minoritären absoluten Macht implizierten: die den Bauern staatlich verweigerte Demokratie mußte auch den Arbeitern verweigert werden, was darauf hinauslief, sie auch den kommunistischen Gewerkschaftsführern und in der ganzen Partei und schließlich bis hoch in die Spitze der hierarchischen Partei zu verweigern. Auf dem X. Kongreß, im Moment, in dem der Sowjet von Kronstadt mit Waffen niedergeschlagen und unter Verleumdungen begraben worden war, kam Lenin in der Auseinandersetzung mit den linksradikalen Bürokraten, die in der »Arbeiteropposition« organisiert waren, zu dem Schluß, dessen Logik Stalin bis hin zu einer vollkommenen Teilung der Welt fortführte: »Hier oder dort mit einem Gewehr, aber nicht mit der Opposition […] Wir haben genug von der Opposition.«

104.

Die Bürokratie, die als einzige Eigentümerin eines Staatskapitalismus übriggeblieben war, sicherte nach Kronstadt, zur Zeit der »neuen Wirtschaftspolitik«, zuerst ihre Macht im Inneren durch eine zeitweilige Allianz mit der Bauernschaft, so wie sie sie nach außen verteidigte, indem sie die in den bürokratischen Parteien der III. Internationale eingereihten Arbeiter als Hilfskraft der russischen Diplomatie benutzte, um jede revolutionäre Bewegung zu sabotieren und bürgerliche Regierungen zu unterstützen, von denen sie einen Beistand in der Weltpolitik erwartete (die Macht der Kuomintang im China 1925-1927, die Volksfront in Spanien und Frankreich usw.). Aber die bürokratische Gesellschaft mußte ihre eigene Vollendung mit Hilfe des Terrors über die Bauernschaft fortführen, um die brutalste ursprünglichste kapitalistische Akkumulation der Geschichte durchzuführen. Diese Industrialisierung der stalinistischen Epoche enthüllt die letzte Realität der Bürokratie: Sie ist die Fortsetzung der Macht, der Wirtschaft, die Rettung des Wesentlichen der Warengesellschaft durch die Aufrechterhaltung der Arbeit als Ware. Sie ist der Beweis der unabhängigen Wirtschaft, die die Gesellschaft so weit beherrscht, daß sie für ihre eigenen Ziele die Klassenherrschaft wiederherstellt, die sie notwendig braucht, was mit anderen Worten heißt, daß die Bourgeoisie eine autonome Macht geschaffen hat, die, solange diese Autonomie besteht, so weit gehen kann, daß sie ohne Bourgeoisie auskommt. Die totalitäre Bürokratie ist nicht »die letzte Klasse, die Eigentümer der Geschichte« wäre, wie Bruno Rizzi meinte, sondern lediglich eine herrschende Ersatzklasse für die Warenwirtschaft. Das geschwächte kapitalistische Privateigentum wird durch ein vereinfachtes, nicht so verschiedenartiges, als kollektives Eigentum der bürokratischen Klasse konzentriertes Nebenprodukt ersetzt. Diese unterentwickelte Form einer herrschenden Klasse ist auch der Ausdruck der wirtschaftlichen Unterentwicklung und kennt nur die Perspektive, diesen Entwicklungsrückstand in bestimmten Gegenden der Welt einzuholen. Die nach dem bürgerlichen Modell der Absonderung organisierte Arbeiterpartei hat für diese Ergänzungsaufgabe der herrschenden Klasse den hierarchisch-staatlichen Rahmen geschaffen. Anton Ciliga notierte in einem Gefängnis Stalins, daß »die technischen Organisationsprobleme sich als gesellschaftliche Probleme erwiesen« (Lenin und die Revolution).
105.

Die revolutionäre Ideologie, d.h. die Kohärenz des Getrennten – dessen größte voluntaristische Anstrengung der Leninismus bildet –, die die Verwaltung einer Realität innehat, die sie abweist, wird mit dem Stalinismus wieder zu ihrer Wahrheit in der Inkohärenz gelangen. In diesem Augenblick ist die Ideologie keine Waffe mehr, sondern ein Ziel. Die Lüge, die nicht mehr widerlegt wird, wird zum Wahnsinn. In der totalitären ideologischen Proklamation ist die Realität ebenso wie der Zweck aufgelöst: alles, was sie sagt, ist alles, was ist. Sie ist ein lokaler Primitivismus des Spektakels, dessen Rolle jedoch in der Entwicklung des Weltspektakels wesentlich ist. Die Ideologie, die sich hier materialisiert, hat nicht die Welt wirtschaftlich verändert, wie der zum Stadium des Überflusses gelangte Kapitalismus: sie hat lediglich die Wahrnehmung polizeilich verändert.

106.

Die machthabende totalitär-ideologische Klasse ist die Macht einer verkehrten Welt: je stärker sie ist, um so mehr behauptet sie, daß sie nicht existiert, und ihre Stärke dient ihr zunächst dazu, ihre Nichtexistenz zu behaupten. Nur in diesem Punkt ist sie bescheiden, denn ihre offizielle Nichtexistenz muß auch mit dem nec plus ultra der geschichtlichen Entwicklung zusammenfallen, das man gleichzeitig angeblich ihrer unfehlbaren Führung verdanken soll. Die überall zur Schau gestellte Bürokratie muß für das Bewußtsein die unsichtbare Klasse sein, so daß das ganze gesellschaftliche Leben verrückt wird. Die gesellschaftliche Organisation der absoluten Lüge folgt aus diesem grundlegenden Widerspruch.

107.

Der Stalinismus war die Schreckensherrschaft innerhalb der bürokratischen Klasse selbst. Der Terrorismus, der die Macht dieser Klasse begründet, muß auch diese Klasse treffen, denn sie hat als besitzende Klasse keine juristische Garantie, keine anerkannte Existenz, die sie auf jedes ihrer Mitglieder ausdehnen könnte. Ihr wirkliches Eigentum ist versteckt, und sie ist nur mit Hilfe des falschen Bewußtseins zur Eigentümerin geworden. Das falsche Bewußtsein behauptet seine absolute Macht nur durch den absoluten Terror, in dem jede wahre Begründung endlich verloren geht. Die Mitglieder der machthabenden bürokratischen Klasse haben nur insofern kollektiv das Besitzungsrecht über die Gesellschaft, als sie bei einer grundlegenden Lüge mitwirken: Sie müssen die Rolle des eine sozialistische Gesellschaft führenden Proletariats spielen; sie müssen die dem Text der ideologischen Untreue treuen Schauspieler sein. Aber die wirkliche Mitwirkung bei diesem Verlogensein muß selbst als eine wahrhaftige Mitwirkung anerkannt werden. Kein Bürokrat kann individuell sein Recht auf die Macht behaupten, denn sich als einen sozialistischen Proletarier zu erweisen, würde heißen, sich als das Gegenteil eines Bürokraten zu zeigen; und sich als einen Bürokraten zu erweisen, ist ihm unmöglich, denn die offizielle Wahrheit der Bürokratie ist ihr Nichtsein. So befindet sich jeder Bürokrat in der absoluten Abhängigkeit einer zentralen Garantie der Ideologie, die eine kollektive Mitwirkung aller der Bürokraten an ihrer »sozialistischen Macht« anerkennt, welche sie nicht vernichtet. Wenn die Bürokraten insgesamt über alles entscheiden, kann der Zusammenhalt ihrer eigenen Klasse nur durch die Konzentration ihrer terroristischen Macht in einer einzigen Person gesichert werden. In dieser Person liegt die einzige praktische Wahrheit der machthabenden Lüge: die unbestreitbare Festsetzung ihrer stets berichtigten Grenze. In letzter Instanz bestimmt Stalin, wer schließlich besitzender Bürokrat ist; d.h. wer als »machthabender Proletarier« oder als »vom Mikado und Wallstreet gekaufter Verräter« bezeichnet werden muß. Die bürokratischen Atome finden nur in der Person Stalins das gemeinsame Wesen ihres Rechts. Stalin ist dieser Herr der Welt, der sich auf diese Weise die absolute Person ist, für deren Bewußtsein kein höherer Geist existiert. »Der Herr der Welt hat das wirkliche Bewußtsein dessen, was er ist, der allgemeinen Macht der Wirklichkeit, in der zerstörenden Gewalt, die er gegen das ihm gegenüber stehende Selbst seiner Untertanen ausübt«. Während er die Macht ist, die den Boden der Herrschaft bestimmt, ist er ebenso »das zerstörende Wühlen in diesem Boden«.

108.

Wenn sich die durch den Besitz der absoluten Macht absolut gewordene Theologie von einer parzellierten Kenntnis zu einer totalitären Lüge verwandelt hat, ist das Denken der Geschichte so vollkommen vernichtet worden, daß die Geschichte selbst auf der Ebene der empirischen Kenntnis nicht mehr existieren kann. Die totalitäre bürokratische Gesellschaft lebt in einer immerwährenden Gegenwart, in welcher für sie alles, was geschehen ist, nur als für ihre Polizei zugänglicher Raum existiert. Der schon von Napoleon formulierte Vorsatz, »die Energie der Erinnerungen monarchisch zu leiten«, hat in einer ständigen Manipulation der Vergangenheit nicht nur in ihren Bedeutungen, sondern auch in ihren Tatsachen seine volle Konkretisierung gefunden. Aber der Preis dieser Befreiung von jeder geschichtlichen Realität ist der Verlust des für die geschichtliche Gesellschaft des Kapitalismus unentbehrlichen, rationellen Bezuges. Es ist bekannt, wieviel die wissenschaftliche Anwendung der zum Wahnsinn gewordenen Ideologie die russische Wirtschaft gekostet hat und sei es auch nur durch den Betrug Lyssenkos. Dieser Widerspruch der eine industrialisierte Gesellschaft verwaltenden totalitären Bürokratie, die zwischen ihrem Bedarf an Rationellem und ihrer Ablehnung des Rationellen gefangen ist, bildet auch einen der Hauptmängel dieser Bürokratie gegenüber der normalen kapitalistischen Entwicklung. So wie die Bürokratie die Landwirtschaftsfrage schlechter lösen kann, als es die kapitalistische Entwicklung vermag, so steht sie ihr schließlich ebenfalls in der Industrieproduktion nach, welche autoritär auf der Basis des Irrealismus und der verallgemeinerten Lüge geplant wird.

109.

Die revolutionäre Arbeiterbewegung zwischen den beiden Kriegen wurde durch das vereinte Wirken der stalinistischen Bürokratie und des faschistischen Totalitarismus, der seine Organisationsform der in Rußland probierten totalitären Partei entlehnt hatte, vernichtet. Der Faschismus war eine extremistische Verteidigung der von der Krise und der proletarischen Subversion bedrohten bürgerlichen Wirtschaft, d.h. er war der Belagerungszustand in der kapitalistischen Gesellschaft, durch den sich diese Gesellschaft rettet und sich eine erste Notrationalisierung gibt, indem sie den Staat in ihre Verwaltung massiv eingreifen läßt. Aber eine solche Rationalisierung ist selbst mit der ungeheuren Irrationalität ihres Mittels belastet. Wenn auch der Faschismus die Verteidigung der Hauptpunkte der konservativ gewordenen bürgerlichen Ideologie (die Familie, das Eigentum, die Sittenordnung, die Nation) übernimmt, indem er das Kleinbürgertum mit den Arbeitslosen vereinigt, die aufgrund der Krise verwirrt oder durch die Ohnmacht der sozialistischen Revolution enttäuscht sind, so ist er selbst keineswegs durch und durch ideologisch. Er gibt sich als das, was er ist: eine gewaltsame Auferstehung des Mythos, der die Teilnahme an einer Gemeinschaft verlangt, die durch archaische Pseudowerte definiert wird: die Rasse, das Blut, den Führer. Der Faschismus ist der technisch ausgerüstete Archaismus. Sein verfaulter Ersatz des Mythos wird im spektakulären Zusammenhang der modernsten Mittel des Dressierens und der Täuschung wieder aufgenommen. So ist er einer der Faktoren bei der Herausbildung des modernen Spektakelwesens, so wie ihn sein Anteil an der Zerstörung der alten Arbeiterbewegung zu einer der Gründermächte der gegenwärtigen Gesellschaft macht; aber da der Faschismus auch die kostspieligste Form der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ordnung ist, mußte er normalerweise, als er durch rationellere und stärkere Formen dieser Ordnung beseitigt wurde, vom Vordergrund der Bühne abtreten, auf der die kapitalistischen Staaten die großen Rollen spielen.

110.

Als es der russischen Bürokratie endlich gelungen war, sich der Reste des bürgerlichen Eigentums zu entledigen, die ihre Herrschaft über die Wirtschaft behinderten, diese für ihren eigenen Gebrauch zu entwickeln und im Ausland unter den Großmächten anerkannt zu werden, will sie in Ruhe ihre eigene Welt genießen, und deren Teil von Willkür abschaffen, der auf sie selbst wirkte: sie denunziert den Stalinismus ihres Ursprungs. Aber eine derartige Denunziation bleibt stalinistisch, willkürlich, unerklärt und ständig berichtigt, denn die ideologische Lüge ihres Ursprungs kann niemals offenbart werden. So kann sich die Bürokratie weder kulturell noch politisch liberalisieren, denn ihr Bestehen als Klasse hängt von ihrem ideologischen Monopol ab, das in seiner ganzen Schwere ihren einzigen Eigentumstitel bildet. Die Ideologie hat zwar die Leidenschaft ihrer positiven Behauptung verloren, aber was davon als gleichgültige Trivialität übrigbleibt, hat noch die repressive Funktion, die geringste Konkurrenz zu verbieten, und die Ganzheit des Denkens gefangenzuhalten. Die Bürokratie ist daher mit einer Ideologie verknüpft, an die niemand mehr glaubt. Was terroristisch war, ist lächerlich geworden, aber diese Lächerlichkeit selbst kann sich nur dadurch aufrechterhalten, daß sie im Hintergrund den Terrorismus aufbewahrt, von dem sie sich freimachen möchte. So bekennt sich die Bürokratie gerade in dem Moment, in dem sie auf dem Boden des Kapitalismus ihre Überlegenheit beweisen will, als arme Verwandte des Kapitalismus. So wie ihre tatsächliche Geschichte ihrem Recht widerspricht, und ihre auf plumpe Weise aufrechterhaltene Unwissenheit ihren wissenschaftlichen Ansprüchen zuwiderläuft, so wird ihr Plan, in der Produktion eines Warenüberflusses mit der Bourgeoisie zu rivalisieren, dadurch behindert, daß ein derartiger Überfluß in sich seine implizierte Ideologie trägt und normalerweise von einer unendlich ausgedehnten Freiheit falscher spektakulärer Wahlmöglichkeiten begleitet wird, von einer Pseudofreiheit, die mit der bürokratischen Ideologie unvereinbar bleibt.

111.

In diesem Moment der Entwicklung bricht der ideologische Eigentumstitel der Bürokratie bereits im Weltmaßstabe zusammen. Die Macht, die sich national als grundlegend internationalistisches Modell etabliert hatte, muß zugeben, daß sie nicht mehr behaupten kann, ihre lügenhafte Kohäsion jenseits jeder nationalen Grenze aufrechtzuerhalten. Die ungleiche Wirtschaftsentwicklung, die Bürokratien mit konkurrierenden Interessen erfahren, denen es gelungen ist, ihren »Sozialismus« außerhalb eines einzigen Landes zu besitzen, hat zur öffentlichen und vollständigen Auseinandersetzung zwischen der russischen und der chinesischen Lüge geführt. Von diesem Punkt an muß jede Bürokratie, die an der Macht ist, oder jede totalitäre Partei, die sich um die von der stalinistischen Periode in einigen nationalen Arbeiterklassen hinterlassene Macht bewirbt, ihren eigenen Weg gehen. Der weltweite Zerfall der Allianz der bürokratischen Mystifizierung, der zu den Äußerungen der inneren Negation hinzutritt, die sich vor der Welt mit dem Arbeiteraufstand in Ostberlin, der den Bürokraten ihre Forderung nach einer »Metallarbeiterregierung« entgegensetzte, zu behaupten begannen, und die sogar einmal bis zur Macht der Arbeiterräte in Ungarn führten, erwies sich in letzter Analyse als der ungünstigste Faktor für die heutige Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft. Die Bourgeoisie ist auf dem Wege, den Gegner zu verlieren, der sie objektiv stützte, indem er jede Negation der bestehenden Ordnung illusorisch vereinte. Eine solche Teilung der spektakulären Arbeit sieht ihrem Ende entgegen, wenn sich die pseudorevolutionäre Rolle ihrerseits teilt. Das spektakuläre Element der Auflösung der Arbeiterbewegung wird selbst aufgelöst.

112.

Die leninistische Illusion hat heute nur noch in den verschiedenen trotzkistischen Richtungen eine Basis, in denen die Identifizierung des proletarischen Projektes mit einer hierarchischen Organisation der Ideologie unerschütterlich die Erfahrungen all ihrer Ergebnisse überlebt. Die Distanz, die den Trotzkismus von der revolutionären Kritik der gegenwärtigen Gesellschaft trennt, erlaubt ihm auch seine respektvolle Distanz gegenüber Positionen, die bereits falsch waren, als sie sich in einem wirklichen Kampf abnutzten. Trotzki blieb bis 1927 mit der hohen Bürokratie von Grund aus solidarisch und versuchte gleichzeitig, sich ihrer zu bemächtigen, um sie zur Wiederaufnahme einer wirklichen bolschewistischen Aktion im Ausland zu bewegen (es ist bekannt, daß er damals sogar verleumderisch seinen Kampfgefährten Max Eastman verleugnete, um mitzuhelfen, das berühmte »Testament Lenins« zu verheimlichen, das dieser bekannt gemacht hatte). Trotzki wurde durch seine grundlegende Perspektive verurteilt, denn im Moment, in dem die Bürokratie sich selbst in ihrem Ergebnis als konterrevolutionäre Klasse im Inland erkennt, muß sie sich auch dazu entscheiden, im Ausland im Namen der Revolution tatsächlich konterrevolutionär zu sein, so wie im Inland. Der spätere Kampf Trotzkis für eine IV. Internationale enthält die gleiche Inkonsequenz. Er hat sich sein ganzes Leben lang geweigert, in der Bürokratie die Macht einer getrennten Klasse anzuerkennen, weil er während der zweiten russischen Revolution ein bedingungsloser Anhänger der bolschewistischen Organisationsform geworden war. Als Lukacs 1923 in dieser Form die endlich gefundene Vermittlung zwischen Theorie und Praxis zeigte, bei der die Proletarier nicht mehr »Zuschauer« der Ereignisse sind, die in ihrer Organisation geschehen, sondern sie bewußt gewählt und erlebt haben, beschrieb er als tatsächliche Verdienste der bolschewistischen Partei all das, was die bolschewistische Partei nicht war. Lukacs war noch, neben seiner tiefen theoretischen Arbeit, ein Ideologe, der im Namen einer Macht sprach, die auf die vulgärste Weise außerhalb der proletarischen Bewegung stand, und der glaubte und glauben ließ, daß er sich selbst, mit seiner ganzen Persönlichkeit, in dieser Macht befand, als ob er sich in seiner eigenen Macht befände. Während in der Folge offen zu Tage trat, auf welche Weise diese Macht ihre Knechte verleugnet und beseitigt, zeigte Lukacs, der sich ständig selbst verleugnete, mit karikaturaler Deutlichkeit, womit genau er sich identifiziert hatte: mit dem Gegenteil seiner selbst und all dessen, was er in Geschichte und Klassenbewußtsein verteidigt hatte. Lukacs bewahrheitet am besten die Grundregel, an der alle Intellektuellen dieses Jahrhunderts zu beurteilen sind: an dem, was sie achten, läßt sich ganz genau ihre eigene verachtenswerte Realität ermessen. Lenin hatte diese Art von Illusionen über seine Tätigkeit nicht gefördert, denn er gab zu, daß »eine politische Partei nicht ihre Mitglieder überprüfen kann, um festzustellen, ob Widersprüche zwischen deren Philosophie und dem Programm der Partei bestehen«. Die wirkliche Partei, deren Traumporträt Lukacs zur Unzeit dargestellt hatte, war nur für die Ausführung einer präzisen Teilaufgabe kohärent: d.h. für die Ergreifung der Macht im Staat.

113.

Weil die neoleninistische Illusion des heutigen Trotzkismus von der Realität der modernen kapitalistischen Gesellschaft, der bürgerlichen wie der bürokratischen, alle Augenblicke widerlegt wird, findet sie natürlich in den formal unabhängigen »unterentwickelten« Ländern einen bevorzugten Geltungsbereich, in denen die Illusionen irgendeiner Variante des bürokratischen Staatssozialismus als einfache Ideologie der Herrschaftsentwicklung von den lokalen herrschenden Klassen bewußt manipuliert wird. Die zwitterhafte Zusammensetzung dieser Klassen hängt mehr oder weniger deutlich einer Abstufung auf dem Spektrum Bourgeoisie-Bürokratie an. Ihr Spiel im internationalen Maßstab zwischen diesen beiden Polen der bestehenden kapitalistischen Gewalt und – ebenso ihre ideologischen Kompromisse – insbesondere mit dem Islam – die die zwitterhafte Realität ihrer gesellschaftlichen Basis ausdrücken, nehmen vollends diesem letzten Nebenprodukt des ideologischen Sozialismus jeden Ernst außer dem polizeilichen. Eine Bürokratie konnte sich aus den Stammtruppen des nationalen Kampfes und des Agraraufstandes der Bauern herausbilden: dann ist sie bestrebt, wie in China, das stalinistische Industrialisierungsmodell in einer Gesellschaft anzuwenden, die weniger entwickelt ist als das Rußland von 1917. Eine Bürokratie, die dazu fähig ist, die Nation zu industrialisieren, kann sich aus dem Kleinbürgertum bilden, als Kader der Armee die Macht ergreifen, wie das Beispiel Ägyptens zeigt. An einigen Punkten, wie im Algerien am Ende seines Krieges um die Unabhängigkeit, sucht die Bürokratie, die sich während des Kampfes als parastaatliche Führung gebildet hat, den Gleichgewichtspunkt eines Kompromisses, um mit einer schwachen nationalen Bourgeoisie zu fusionieren. Schließlich bildet sich in den ehemaligen Kolonien des schwarzen Afrikas, die offen mit der westlichen, d.h. amerikanischen und europäischen Bourgeoisie verknüpft bleiben, eine Bourgeoisie – zumeist aus der Macht der traditionellen Stammeshäuptlinge – durch den Besitz des Staates: in diesen Ländern, in denen der ausländische Imperialismus der wahre Herr der Wirtschaft bleibt, wird ein Stadium erreicht, in dem die Compradores als Vergütung für ihren Verkauf der Eingeborenenprodukte den Eingeborenenstaat als Eigentum bekommen haben, welcher zwar gegenüber den lokalen Massen, nicht aber gegenüber dem Imperialismus unabhängig ist. In diesem Fall handelt es sich um eine künstliche Bourgeoisie, die nicht fähig ist zu akkumulieren, sondern die bloß verschwendet und zwar den ihr zukommenden Teil des Mehrwerts aus der lokalen Arbeit ebenso wie die ausländischen Subsidien der Staaten oder der Monopole, die sie schützen. Die Offensichtlichkeit der Unfähigkeit dieser bürgerlichen Klassen, die normale wirtschaftliche Funktion der Bourgeoisie zu erfüllen, führt dazu, daß sich gegenüber jeder dieser Klassen eine Subversion nach dem mehr oder weniger den örtlichen Besonderheiten angepaßten bürokratischen Modell bildet, die die Erbschaft der Bourgeoisie übernehmen will. Aber der Erfolg selbst einer Bürokratie bei ihrem Hauptprojekt der Industrialisierung enthielt notwendig die Perspektive ihres geschichtlichen Scheiterns: wenn sie das Kapital akkumuliert, akkumuliert sie auch das Proletariat, und erzeugt ihre eigene Widerlegung in einem Land, in dem es noch nicht vorhanden war.

114.

In dieser komplexen und furchtbaren Entwicklung, die die Epoche der Klassenkämpfe zu neuen Bedingungen geführt hat, hat das Proletariat der industriellen Länder völlig die Behauptung seiner selbständigen Perspektive und schließlich seine Illusionen, doch nicht sein Sein verloren. Es ist nicht aufgehoben. Seine Existenz in der gesteigerten Entfremdung des modernen Kapitalismus dauert unerbittlich fort: dieses Proletariat besteht aus der ungeheuren Mehrzahl der Arbeiter, die jede Macht über die Bestimmung ihres Lebens verloren haben und sich, sobald sie das wissen, wieder als Proletariat definieren, als das in dieser Gesellschaft wirkende Negative. Dieses Proletariat wird objektiv durch den Prozeß des Verschwindens der Bauernschaft und durch die Ausweitung der Logik in der Fabrikarbeit, die sich auf einen großen Teil der »Dienstleistungen« und der intellektuellen Berufe erstreckt, verstärkt. Subjektiv ist dieses Proletariat noch von seinem praktischen Klassenbewußtsein entfernt, nicht nur bei den Angestellten, sondern auch bei den Arbeitern, die erst die Machtlosigkeit und die Mystifizierung der alten Politik entdeckt haben. Wenn das Proletariat jedoch entdeckt, daß seine geäußerte eigene Kraft zur fortwährenden Verstärkung der kapitalistischen Gesellschaft beiträgt, nicht mehr nur in der Form seiner Arbeit, sondern auch in der Form der Gewerkschaften, der Parteien oder der staatlichen Macht, die es zu seiner Emanzipierung gebildet hatte, entdeckt es auch durch die konkrete geschichtliche Erfahrung, daß es die Klasse ist, die jeder erstarrten Äußerung und jeder Spezialisierung der Macht vollständig Feind ist. Es trägt die Revolution, die nichts außerhalb ihrer lassen kann, die Forderung nach der fortwährenden Herrschaft der Gegenwart über die Vergangenheit und die totale Kritik der Trennung; dazu muß es die adäquate Form in der Aktion finden. Keine quantitative Verbesserung seines Elends, keine Illusion hierarchischer Integration ist ein dauerhaftes Heilmittel für seine Unzufriedenheit, denn das Proletariat kann sich nicht wahrhaftig in einem besonderen Unrecht anerkennen, das an ihm verübt worden wäre und folglich ebensowenig in der Wiedergutmachung eines besonderen Unrechts oder vieler dieser Unrechte, sondern nur in dem Unrecht schlechthin, an den Rand des Lebens gedrängt zu sein.

115.

Aus den neuen unbegriffenen und von der spektakulären Anordnung verfälschten Zeichen der Negation, die sich in den wirtschaftlich fortgeschrittensten Ländern mehren, läßt sich bereits diese Schlußfolgerung ziehen, daß eine neue Epoche begonnen hat. Nach dem ersten Versuch der Arbeitersubversion ist es jetzt der kapitalistische Überfluß, der gescheitert ist. Wenn die antigewerkschaftlichen Kämpfe der westlichen Arbeiter zunächst von den Gewerkschaften unterdrückt werden und wenn die aufständischen Strömungen der Jugend einen ersten formlosen Protest erheben, in dem jedoch die Verweigerung der alten spezialisierten Politik, der Kunst und des Alltagslebens unmittelbar eingeschlossen ist, sind das schon die beiden Gesichter eines neuen spontanen Kampfes, der unter verbrecherischer Erscheinungsform beginnt. Es sind die ersten Vorzeichen des zweiten proletarischen Ansturms gegen die Klassengesellschaft. Wenn die verlorenen Posten dieser noch bewegungslosen Armee wieder auf diesem andersgewordenen und gleichgebliebenen Gelände stehen, folgen sie einem neuen »General Ludd«, der sie diesmal zur Zerstörung der Maschinen des erlaubten Konsums losläßt.

116.

»Die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte«, hat in diesem Jahrhundert in den revolutionären Arbeiterräten eine deutliche Gestalt angenommen, die in sich alle Funktionen der Entscheidung und der Ausführung konzentrieren und sich vermittels von Vertretern föderieren, die gegenüber der Basis verantwortlich und jederzeit abrufbar sind. Ihre tatsächliche Existenz ist bisher erst ein kurzer Versuch gewesen, der zugleich von den verschiedenen Kräften zur Verteidigung der Klassengesellschaft, zu denen häufig auch ihr eigenes falsches Bewußtsein zu zählen ist, bekämpft und besiegt wurde. Pannekoek betonte gerade die Tatsache, daß die Wahl einer Macht der Arbeiterräte eher »Probleme stellt« als eine Lösung bringt. Aber diese Macht ist gerade der Ort, wo die Probleme der Revolution des Proletariats ihre wahre Lösung finden können. Sie ist der Ort, wo die objektiven Bedingungen des geschichtlichen Bewußtseins vereinigt sind; die Verwirklichung der aktiven, direkten Mitteilung, wo die Spezialisierung, die Hierarchie und die Trennung aufhören, wo die bestehenden Bedingungen in »Bedingungen der Einheit« verwandelt worden sind. Hier kann das proletarische Subjekt aus seinem Kampf gegen die Kontemplation hervortreten: sein Bewußtsein ist der praktischen Organisation gleich, die es sich gegeben hat, denn dieses Bewußtsein selbst ist untrennbar von dem kohärenten Eingriff in die Geschichte.

117.

In der Macht der Räte, die jede andere Macht international ersetzen muß, ist die proletarische Bewegung ihr eigenes Produkt und dieses Produkt ist der Produzent selbst. Sie ist sich selbst ihr eigener Zweck. Nur hier wird die spektakuläre Verneinung des Lebens ihrerseits verneint.

118.

Das Auftauchen der Räte war die höchste Realität der proletarischen Bewegung im ersten Viertel dieses Jahrhunderts, eine Realität, die unbemerkt blieb oder entstellt wurde, weil sie mit dem Rest einer Bewegung verschwand, die durch die Gesamtheit der damaligen geschichtlichen Erfahrung verleugnet und beseitigt wurde. In dem neuen Moment der proletarischen Kritik kehrt dieses Ergebnis als der einzige unbesiegte Punkt der besiegten Bewegung wieder. Das geschichtliche Bewußtsein, das weiß, daß es in ihm seinen einzigen Existenzraum hat, kann es jetzt wiedererkennen, aber nicht mehr an der Peripherie dessen, was zurückströmt, sondern im Zentrum dessen, was steigt.

119.

Eine vor der Macht der Räte bestehende revolutionäre Organisation – die im Kampf ihre eigene Form wird finden müssen – weiß bereits aus all diesen geschichtlichen Gründen, daß sie die Klasse nicht repräsentiert. Sie muß sich selbst nur als eine radikale Trennung von der Welt der Trennung erkennen.

120.

Die revolutionäre Organisation ist der kohärente Ausdruck der Theorie der Praxis, die in nicht-einseitige Kommunikation mit den praktischen Kämpfen tritt und zur praktischen Theorie wird. Ihre eigene Praxis ist die Verallgemeinerung der Kommunikation und der Kohärenz in diesen Kämpfen. In dem revolutionären Augenblick der Auflösung der gesellschaftlichen Trennung muß diese Organisation ihre eigene Auflösung als getrennte Organisation anerkennen.

121.

Die revolutionäre Organisation kann nur die einheitliche Kritik der Gesellschaft sein, d.h. eine Kritik, die an keinem Punkt der Welt mit irgendeiner Form von getrennter Macht paktiert, und eine Kritik, die global gegen alle Aspekte des entfremdeten gesellschaftlichen Lebens ausgesprochen wird. In dem Kampf der revolutionären Organisation gegen die Klassengesellschaft sind die Waffen nichts anderes als das Wesen der Kämpfer selbst: die revolutionäre Organisation kann in sich nicht die Bedingungen der Entzweiung und der Hierarchie wieder erzeugen, die die Bedingungen der herrschenden Gesellschaft sind. Sie muß fortwährend gegen ihre Entstellung im herrschenden Spektakel kämpfen. Die einzige Grenze der Teilnahme an der totalen Demokratie der revolutionären Organisation ist die Anerkennung und die tatsächliche Selbstaneignung der Kohärenz ihrer Kritik durch alle ihre Mitglieder, einer Kohärenz, die sich in der eigentlichen kritischen Theorie und in deren Beziehung zur praktischen Tätigkeit bewähren muß.

122.

Da die auf allen Ebenen immer weitergetriebene Verwirklichung der kapitalistischen Entfremdung es den Arbeitern immer schwieriger macht, ihr eigenes Elend zu erkennen und zu benennen und sie dadurch vor die Alternative stellt, entweder ihr ganzes Elend oder nichts abzulehnen, hat die revolutionäre Organisation lernen müssen, daß sie die Entfremdung nicht mehr in entfremdeten Formen bekämpfen kann.

123.

Die proletarische Revolution hängt ganz und gar von dieser Notwendigkeit ab, daß die Massen zum ersten Mal die Theorie als Verständnis der menschlichen Praxis anerkennen und erleben müssen. Sie fordert, daß die Arbeiter zu Dialektikern werden, und daß sie der Praxis ihr Denken aufprägen; sie verlangt daher von den Männern ohne Eigenschaften sehr viel mehr als die bürgerliche Revolution von den qualifizierten Männern verlangte die sie zu ihrer Durchführung beauftragte: denn das von einem Teil der bürgerlichen Klassen erzeugte, parzellierte und ideologische Bewußtsein hatte jenen zentralen Teil des gesellschaftlichen Lebens, die Wirtschaft, zur Grundlage, in der diese Klasse bereits an der Macht war. Die eigene Entwicklung der Klassengesellschaft zur spektakulären Organisation des Nicht-Lebens führt folglich das revolutionäre Projekt dazu, sichtbar zu dem zu werden, was es schon wesentlich war.

124.

Die revolutionäre Theorie ist jetzt jeder revolutionären Ideologie Feind und sie weiß, daß sie es ist.

(Aus: Die Gesellschaft des Spektakels)

Guy Debord – Attestations (1993)

Attestations

Les rares œuvres de ma jeunesse ont été spéciales. Il faut admettre qu’un goût de la négation généralisée les aura unifiées. C’était en grande harmonie avec la vie réelle que nous menions alors.

L’art moderne avait été, voilà peu de temps encore, critique et révolutionnaire. «Dans le monde de la décomposition nous pouvons faire l’essai mais non l’emploi de nos forces.» Beaucoup de mauvaises intentions trouvaient là des couvertures presque honorables.

J’ai commencé par un film sans images, le long-métrage Hurlements en faveur de Sade, en 1952. L’écran était blanc sur les paroles, noir avec le silence, qui allait grandissant ; l’ultime plan-séquence noir durait à lui seul vingt-quatre minutes. «Les conditions spécifiques du cinéma permettaient d’interrompre l’anecdote par des masses de silence vide.» Les ciné-clubs, soulevés d’horreur, criaient trop fort pour entendre le peu qui aurait pu encore les choquer dans le dialogue.

Asger Jorn m’a apporté, en 1958, une occasion d’aller plus loin. J’ai publié des Mémoires qui n’étaient franchement composés que de citations très variées, sans compter une seule phrase, même brève, qui soit de moi. J’ai offert cet anti-livre à mes amis, sans plus. Personne d’autre n’a été avisé de son existence. «Je voulais parler la belle langue de mon siècle.» Je ne tenais pas tellement à être écouté.

Entre-temps, en 1953, j’avais écrit moi-même, mais à la craie, sur un mur de la rue de Seine que noircissait la patine des ans, le redoutable slogan Ne travaillez jamais. On a cru tout d’abord que je plaisantais (le passant qui aura sauvé le document pour l’histoire avait pensé à photographier l’inscription parce qu’il la destinait à une série de cartes postales humoristiques).

Je n’ai en tout cas pas dit le moindre bien de ces Mémoires, en leur temps. Et je ne crois pas qu’il y aurait plus à en dire maintenant. J’avais prouvé d’emblée ma sobre indifférence envers le jugement du public, puisque celui-ci n’était même plus admis à voir l’ouvrage. Le temps de telles conventions n’était-il pas dépassé ? Ainsi mes Mémoires, depuis trente-cinq ans, n’ont jamais été mis en vente. Leur célébrité est venue de n’avoir été répandus que sur le mode du potlatch : c’est-à-dire du cadeau somptuaire, qui met l’autre au défi de donner en retour quelque chose de plus extrême. Des gens si hautains montrent par là qu’ils sont capables de tout, mais dans leur sens.

Ces quelques précisions feront mieux voir combien j’étais fondé à résumer ainsi ce moment, dans mon Panégyrique de 1989 : «Nos seules manifestations, restant rares et brèves dans les premières années, voulaient être complètement inacceptables ; d’abord surtout par leur forme et plus tard, s’approfondissant, surtout par leur contenu. Elles n’ont pas été acceptées.»

Guy Debord – octobre 1993.

(via Jura Libertaire)

Einspruch gegen die Kapitulationen von 1937, vor den Libertären der Gegenwart und der Zukunft – Von einem „Unkontrollierten“ der Eisenkolonne (1937)


Dieser Aufruf eines unbekannten anarchistischen Milizionärs, der zu der berühmten « Eisenkolonne » gehörte, ist vielleicht eine der wahrhaftigsten und schönsten Schriften, die die proletarische Revolution Spaniens uns hinterlassen hat.
(Guy Debord)

Sie haben uns nicht verstanden. Oder, was noch tragischer ist im Innern der Tragödie, die wir leben, wir haben uns vielleicht nicht verständlich gemacht, denn wir wollten selbst im Krieg ein libertäres Leben führen – wir trugen auf unseren Schultern das Gewicht aller Verachtung und aller Härten durch die, die im Leben auf der Seite der Hierarchie standen –, während die anderen zu ihrem und zu unserem Unglück weiter vor den Karren des Staates gespannt geblieben sind. […]

Wir in unseren Schützengräben lebten glücklich. Sicher, wir sahen neben uns die Genossen fallen, die mit uns diesen Krieg begonnen hatten. Mehr noch, wir wussten, dass jeden Moment uns eine Kugel hingestreckt mitten im Feld lassen konnte – das ist die Gegengabe, die den Revolutionär erwartet –, aber wir lebten glücklich. Wir assen, wenn was da war. Wenn Lebensmittel fehlten, fasteten wir. Und wir waren alle zufrieden. Weshalb? Weil keiner über dem anderen stand. Wir waren alle Freunde, alle Genossen, alle Guerilleros der Revolution. […]
Wir glaubten, dass wir dabei waren, uns zu befreien, uns zu retten und nun werden wir in das verfallen, was wir gerade bekämpfen: in den Despotismus, in die Kastenherrschaft, in den brutalsten und entfremdetsten Autoritarismus. […]

Die Militaristen, alle Militaristen – und es gibt davon ganz Grimmige auf unserer Seite – haben uns umzingelt. Gestern waren wir Herren von allem, heute sind sie es. Die Volksarmee, die vom Volk nichts anderes hat als die Tatsache, dass sie aus dem Volk rekrutiert wurde – und das ist etwas, was schon immer geschah –, gehört nicht dem Volk, sie gehört der Regierung und die Regierung befiehlt und die Regierung bestimmt. Dem Volk erlaubt man lediglich, zu gehorchen, und gehorchen ist das, was man immer schon vom Volk verlangte. […] Die Kolonne, unsere Kolonne, darf sich nicht auflösen.[…] Vom ersten Tag an sind wir Freunde gewesen, mehr als Freunde, wir waren Genossen, Brüder. Es ist unmöglich, uns zu trennen, wegzugehen, uns nicht mehr zu sehen, nicht mehr wie bisher unser Verlangen, zu siegen und zu kämpfen, zu fühlen. Die Kolonne, diese Columna de Hierro, die von Valencia bis nach Teruel die Bourgeois und die Faschisten zittern liess, darf sich nicht auflösen, sondern muss weitermachen bis zum Ende.

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Guy Debord – August von Cieszkowski – Prolegomena zur Historiosophie

La publication en 1838 des Prolégomènes à l’Historiosophie d’August von Cieszkowski, alors âgé de vingt-quatre ans, marque l’effondrement instantané du système hégélien. À partir de cet effondrement, la méthode dialectique, «la pensée de l’histoire», va rechercher la réalité qui la recherche. C’est sur ce mouvement que se constitue, à travers Marx et Bakounine notamment, la première base du projet moderne de la révolution sociale.

Cieszkowski dépasse Hegel en des termes purement hégéliens : il anéantit l’aporie centrale du système, simplement en rappelant que le temps n’est pas fini. Hegel avait conclu l’histoire, dans la forme de la pensée, parce qu’il acceptait finalement d’en glorifier le résultat présent. Cieszkowski renverse d’un seul coup le système, en portant à son contact le «moment» de l’avenir, parce qu’il reconnaît à la pensée de l’histoire, dépassement de la philosophie, le pouvoir de transformer le monde.

«Réaliser les idées […] dans la vie pratique […] telle doit être la grande tâche de l’histoire.» Dans cette «praxis post-théorique qui sera l’apanage de l’avenir», les héros historiques «doivent être non plus des instruments aveugles du hasard ou de la nécessité ; mais les artisans lucides de leur propre liberté». «L’être et la pensée doivent donc disparaître dans l’action, l’art et la philosophie dans la vie sociale.» «De même que la poésie de l’art est passée dans la prose de la pensée, la philosophie doit descendre des hauteurs de la théorie dans le champ de la praxis. Être la philosophie pratique ou, plus exactement, la philosophie de la praxis.» Le théoricien qui parle ainsi, cinq ans avant le jeune Marx, cent vingt ans avant les situationnistes, devra être tôt ou tard reconnu comme le point obscur autour duquel toute la pensée historique, depuis un siècle et demi, a pris son tournant décisif.

Cieszkowski restait dans l’idéalisme objectif, mais à son extrême pointe, là où il se renverse dans la plus totale revendication du concret, de sa construction historique consciente. Le mérite de Marx est d’avoir ultérieurement montré qu’une société de classes ne pourrait être capable de réaliser un programme si grandiose ; et celle-ci a effectivement donné à voir, depuis, la grandeur et le prix de sa carence sur cette question. Le mérite du prolétariat révolutionnaire est d’avoir montré, dans toutes ses luttes, qu’il ne pouvait se définir que par l’acceptation d’une telle tâche ; ce qui suffit à démasquer comme étant du parti de ses exploiteurs tous ceux qui ont prétendu le contenter ou le dissoudre à moins.

Ce livre, jamais traduit en français depuis 1838, ni jamais réédité en Allemagne durant toute cette période, a été publié par Champ libre en 1973 ; il est aussi le seul des livres de ces Éditions auquel aucun article de critique n’a jamais été consacré.

On sait que la société actuelle est partout lourdement armée pour son combat de retardement, en fin de compte assez vain, contre la pensée historique. (C’est aussi l’intérêt subjectif des spécialistes intellectuels qui y font carrière, et qui tentent de cacher leur honte en négligeant ce qui les révèle d’emblée comme tout à fait négligeables.) Rien peut-être comme le sort d’un tel livre n’est à ce point révélateur des conditions faites à la théorie fondamentale par une époque qui finit en ce moment sous nos yeux, au bout du plus riche accomplissement de toutes ses virtualités d’irrationalité et de misère. Il est normal que reparaisse, avec la faillite de notre société, le verdict de Cieszkowski qui la condamne pour avoir vécu au-dessous de ses moyens.

[Cette nouvelle présentation pour une éventuelle réédition des Prolégomènes à l’Historiosophie, parus en juin 1973 aux Éditions Champ libre dans une traduction de Michel Jacob, fut envoyée le 3 mai 1983 par Guy Debord à Gérard Lebovici, avec cette précision manuscrite : «Peut-être remplacer enfin la présentation inepte de M. Jacob (dix ans après ?)» Elle est restée inédite jusqu’à sa parution dans les Œuvres de Guy Debord (Quarto, 2006).

August von Cieszkowski (1814-1894) participe à l’insurrection polonaise de 1830, puis en 1838 est reçu docteur à Heidelberg avec une thèse sur la philosophie ionienne. La même année, il publie en allemand Prolégomènes à l’Historiosophie et, l’année suivante, en français, un ouvrage d’économie, Du crédit et de la circulation. En 1848, il fait paraître anonymement Notre Père, livre qui analyse la crise du monde moderne et celle de la religion chrétienne.]

G. Debord

Jura libertaire

Tony Gatlif

Tony Gatlif wurde am 10. September 1948 in Algier geboren. Wie viele verließ er Algerien Anfang der 60er Jahre. In der Grundschule entdeckte er das Kino: Ein Lehrer kaufte einen 16mm-Projektor und zeigte jede Woche einen Film, der als Grundlage für den Unterricht diente. „Wir haben die Filme von Vigo, von Renoir, von John Ford und von Chaplin gesehen… Die Cinemathek kam zu uns aufs brache Land. Das ist meine Kinobildung.“
Als er ohne alles in Frankreich ankommt, geht er den chaotischen Weg der Straßenkinder, der Jugendkriminalität und der Erziehungsanstalten. Tagsüber schleicht er sich in die Kinosäle an den Grands Boulevards, um an warmen Orten schlafen zu können. Eines Abends im Jahr 1966 ist er mutig genug, sein Idol Michel Simon nach einer Theatervorstellung in seiner Garderobe aufzusuchen. Der Schauspieler schrieb ihm eine Empfehlung, die ihm half, einen Schauspielkurs in Saint-Germain-en-Laye besuchen zu können.
Fünf Jahre später steht er in einem Stück von Edward Bond auf der Bühne, in einer Inszenierung von Claude Régy neben einem weiteren Anfänger: Gérard Depardieu. Parallel dazu schreibt Tony Gatlif sein erstes Drehbuch La Rage au poing, das von seinen Erfahrungen in Erziehungsanstalten inspiriert ist. Eric Le Hung übernimmt die Regie. Im Laufe der Dreharbeiten entscheidet sich Gatlif, vom Drehbuch zur Regie zu wechseln. 1975 macht er seinen ersten Film La tête en ruine. 1978 drehte er La Terre au ventre.
1981 entsteht in Spanien der Film Corre Gitano, in dem Sinti und Roma aus Grenada und Sevilla zu sehen sind. „Es ist der erste Film, in dem ich meinen Rom-Status beanspruche. Es ist ein Film, der sagt: Ich bin Rom. Trotz allem, trotz der Verfolgungen, der Verachtung. Ich existiere, wir existieren…“
Mit dem Film Les Princes wird Tony Gatlif entdeckt. Les Princes ist ein Film ohne Pathos und ohne Kompromisse über die Sinti und Roma, die in den Pariser Vororten sesshaft geworden sind. Ein Film, den Gatlif als „Schlagring“ bezeichnet, der den Filmemacher und seinen Stil durchscheinen lässt. Durch Les Princes trifft Gatlif mit Gérard Lebovici zusammen, der für ihn große Bedeutung haben wird. „Am Ende einer Vorführung sagte er zu mir, er wäre sehr unglücklich, wenn er sich nicht um den Film kümmern könnte. Er zeigte den Film Guy Debord, der einen Spruch schrieb so etwa wie „Les princes ne trahissent pas – die Prinzen verraten nicht“, mit dem wir die Pariser Wände mit Plakaten beklebten.“ Daraufhin schlug der Produzent Lebovici vor, einen Langfilm über Jacques Mesrine zu drehen. Doch dieses Projekt interessiert Gatlif nicht: „Für mich war er einzig und allein ein Mörder.“ Lebovici gab ihm aber freie Hand. Er schrieb und drehte Rue du Départ, die Geschichte von Clara (Christine Boisson), einer Jugendlichen, die im Umherirren das Bild ihres Vaters sucht. Pleure pas my Love ist eine Antwort an alle, die ihm vorwarfen, ausschließlich von Außenseitern zu erzählen. Es ist ein Märchen, in dem Tony Gatlif sich als gefühlvoller Maler entpuppt. Es folgt Gaspard und Robinson, eine Sozialkomödie und eine Freundschaftsgeschichte vor dem Hintergrund der Arbeitslosigkeit.
1992 stürzt sich Tony Gatlif in das verrückte Abenteuer von Latcho Drom, eine Hymne an die Musik der Sinti und Roma. Mit einem kleinen Team begibt er sich auf die Spuren der Sinti und Roma, auf eine musikalische Reise, die ihn während eines ganzen Jahres von Rajasthan nach Andalusien, über Ägypten, Rumänien, Ungarn und Frankreich führt. Der Film ist ein unerwarteter Erfolg in Cannes im Rahmen der Reihe Un certain regard. Wieder bestimmt eine Begegnung seinen nächsten Film: die Begegnung mit dem Werk Mondo, die Geschichte eines zehnjährigen Kindes, das ohne Familie in Nizza ankommt, und seinem Autor, Jean-Marie G. Le Clézio. „Mondo ist zugleich eine Perle und ein Messer, ein Schmuckstück inmitten eines Dolchhaufens.“
1997 beschreibt Gadjo Dilo die Ankunft eines jungen „Gadjos“ (also Nicht-Rom) in einem Roma-Dorf in Rumänien, der auf der Suche nach einer verschollenen Sängerin ist. Rührend und erfrischend zugleich, war der Film in Frankreich sowie im Ausland ein großer Publikums- und Kritikererfolg. Im Jahr darauf trifft Tony Gatlif das mittlerweile bekannte Paar von Gadjo Dilo, Romain Duris und Rona Hartner wieder, diesmal für den freiheitskämpferischen Film Je suis né d‘une cigogne. Vengo (2000) beschreibt die Rivalität zwischen zwei andalusischen Familien. Er ermöglichte Gatlif zum ersten Mal mit einen der größten Flamencotänzer Antonio Canales zusammenzuarbeiten. Vengo ist wild und sprüht Funken, es ist eine brennende Ode an den Flamenco und an das andalusische Volk. Swing (2002) wurde im Osten Frankreichs gedreht und beschreibt die Begegnung von Max, einem kleinen Jungen, der gerne Django Reinhardts Gitarrenspiel lernen möchte.
http://www.arsenalfilm.de/exil/regie.htm

Guy Debord à Tony Gatlif

Aux bons soins des Films Plain Chant.

4 février 87

Cher confrère,

J’étais un ami de Gérard Lebovici, qui m’a parlé de toi. Je m’appelle Guy Debord. J’ai admiré Rue du Départ [Film réalisé par Tony Gatlif en 1986, dédié à Gérard Lebovici.].

Pourrait-on se voir un jour prochain, avec discrétion ? Je veux dire comme par hasard, et sans que trop de gens soient au courant d’avance du rendez-vous ? Personne ne devrait s’étonner que des cinéastes se rencontrent : il n’y a que les montagnes qui ne se rencontrent pas [Dicton gitan.].

Amicalement.

Guy Debord

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Guy Debord à Tony Gatlif

Au dos d’une carte postale représentant l’acteur George Raft.

Jeudi 5 mars

Cher Tony Gatlif,

Je serai jeudi prochain, à 16 heures, dans un bistrot qui s’appelle «Mâchon d’Henri», 8 rue Guisarde. J’espère que le moment te conviendra. Comme on dit : jamais plus nous ne boirons si jeunes.

Amicalement,

Guy Debord

source : Jura libertaire

L’art libertaire de T. Gatlif