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A Contretemps – L’aventure s’achève…

… en feu d’artifice, sur un numéro consacré à GUSTAV LANDAUER.

(Illustration: Florent Martin)

Narzissmus-Entziehungskur I

Das leben, das uns geliehen ist, an dessen Grenzen nicht bloß nach der Zukunft hin, sondern auch nach der Vergangenheit hin, für die Zeit vor der Geburt, ein Leben der Welt steht, bei dem wir als dieses Einzelwesen, das wir sind, nicht dabei sind, dieses Leben müssen wir ausfüllen mit unserem besten Wesen. Es liegt alles in dem wunderbaren Spruch, der aus dem deutschen Mittelalter überliefert ist:

Ich komme, ich weiß nicht, woher,
Ich fahre, ich weiß nicht, wohin,
Weiß nicht, warum ich so fröhlich bin.

Nur dadurch, daß wir dieses dritte Weiß-nicht in ein Wissen verwandeln; indem wir unser Leben zur Aufgabe wandeln, die wir uns selbst setzen, finden wir auch Beruhigung und Wissen über das Woher und Wohin. Diese Aufgabe hat aber gar nichts mit Ehrgeiz oder äußeren Erfolgen zu tun; wie könnte jedes Menschenkind berufen sein, ein Ausnahmemensch zu sein? Darauf kommt gar nichts an. Unsere Aufgabe ist, gut zu sein; anzuerkennen, durch die Tat und den stillen Umgang im Kleinen und Täglichen, daß die Menschen und alles, was Leben hat, uns nicht als Gegenstände für unseren Genuß gegeben sind, sondern als solche, die in allem Wesentlichen gerade so beseelt sind wie wir.

(Brief von G. Landauer an Gudula Landauer, 30. September 1918 – Gustav Landauer – Sein Lebensgang in Briefen, II, S. 263ff.)

Gustav Landauer – Das glückhafte Schiff (1912)

DAS GLÜCKHAFTE SCHIFF

Ich muß wieder bitten, daß Sie den Atlas zur Hand nehmen. Politik = Geographie + Geschichte; anders kann ich nichts Vernünftiges darunter verstehen. Schlagen Sie also die Karte Europas auf und ziehen Sie eine Linie, die zunächst annähernd gerade verläuft, von Nizza über Genf—Belfort—Nancy nach Luxemburg; da biegen Sie etwas nach Westen ab und gehen ungefähr über Jemappes und Mons nach Brügge und landen westlich von Ostende und Nieuport an der Nordsee. Diese Linie sei die Achse eines bald breiteren, bald schmäleren Streifens Land, der vom Mittelmeer bis zur Nordsee reicht. Da haben wir also Savoyen, die Schweiz, Elsaß, Lothringen, Luxemburg, Belgien und Holland. Savoyen gehört zurzeit zu Frankreich, ist aber seit Jahrhunderten ein strittiges Gebiet; bewohnt ist das Land von dem nämlichen Menschenschlag wie die italienische und französische Schweiz; diese Stämme sind nur durch gewalttätige Zufälle der Geschichte auseinandergerissen worden. Die Schweiz! Gleichviel was für Abenteuer und Gewalten diese Menschen italienischer, französischer, rhätoromanischer und deutscher Zunge in einer Geschichte von Jahrhunderten zusammengeschweißt haben, daß heute die Schweiz eine zur Natur gewordene Einheit, einen italienisch-französisch-deutschen Dreibund zu bilden bestimmt ist, der noch ganz anders ein von Natur und Geschichte geschaffenes mächtiges Bollwerk der Freiheit wäre, wenn diese Eidgenossenschaft nicht fortwährend politisch und wirtschaftlich von den Militärmächten bedroht wäre und um ihrer Freiheit willen ihre Freiheit selber beschränkte, das kann keiner leugnen. Elsaß und Lothringen ist ein aus Deutschen und Franzosen gemischtes Gebiet, seit über einem Jahrtausend strittig, Grund zu wilden Kriegen, hin und her geschoben und nie zur Ruhe gekommen. Der französisch-deutsche einheitliche Menschenschlag des Elsaß gehört seiner Volksbeschaffenheit nach durchaus zu den Schweizern. Diese Einheit, die gefühlt wurde, gleichviel ob französische oder Reichsherrschaft im Lande war, kommt zum schönsten Ausdruck in dem Wahrzeichen des glückhaften Schiffs, das an einem Tag von Zürich nach Straßburg ruderte und einen Hirsebrei, der in Zürich gekocht und dann aufs Schiff gebracht war, noch warm den Straßburgern übergab. Der Meister Johann Fischart hat diese Fahrt zum ewigen Gedächtnis in ein Gedicht gebracht, in dem aufs trefflichste zum Ausdruck kommt, daß Volksgemeinschaft nicht zustande kommt durch Kriegsgewalt und Tyrannenlaune, so wenig wie diese die Natur bezwingen können, sondern daß es Arbeit und freundwillig hilfs¬bereite Nachbarschaft sind, die über feindliche Naturmächte siegen und Völker und Gemeinden zu eins schmieden.

Man liest von Xerxes dem Beherrscher
Des Aufgangs und der edeln Perser,
Welcher neunhunderttausend Mann
Führet wider die Griechen an,
Daß, als er hätt’ zu Meer gestritten
Und sehr großen Verlust erlitten,
Da ward er so ergrimmet sehr,
Daß er ließ geißelen das Meer
Und warf Ketten drein, es zu stillen
Und es zu fesseln nach seim Willen.
Aber was half ihm dieser Hohn?
Soviel als nichts, er floh davon.

So hebt Fischart an, um gleich zu zeigen, wie die Wut des Gewalttätigen ohnmächtig ist gegen die Natur.
Aber Arbeit und gegenseitige Hilfe der Menschengemeinden schafft eine zweite Natur, die es mit der ersten aufnehmen kann.

Denn nichts ist also schwer und scharf,
Das nicht die Arbeit unterwarf,
Nichts kann kaum sein so ungelegen,
Welches nicht die Arbeit bring zuwegen.

So sind für diesen kernhaften Dichtersmann und ehrenfesten Bürger Zürich und Straßburg, die Schweiz und der Elsaß von altersher in Treuen durch Arbeit und Freundschaft miteinander verbunden; und wie das Schiff, das aus der Limmat in die Aare gefahren war, nun in den Rhein einbog, da brauste der Fluß in starker Freude auf, und der Vater Rhein rief aus den Wellen:

Frisch dran, ihr liebe Eidgenossen,
Sprach er, frisch dran, seid unverdrossen,
Also folgt eueren Vorfahren,
Die dies taten vor hundert Jahren!

Vor hundert Jahren, — in der Schlacht von Murten nämlich im Jahre 1476, wo die Gewaltherrschaft Karls des Kühnen, des Herzogs von Burgund, unter dem Ansturm der vereinigten Elsässer und Schweizer den ersten Stoß erhielt, bis sie ein Jahr darauf bei Nancy auch in Lothringen und den Niederlanden zusammenbrach und der Tyrann, der gewalttätig durchsetzen wollte, was nur die geeinigte Volksnatur schaffen kann, den Tod fand.

Ihr sucht die alt Gerechtigkeit,
Die eure Alten han bereit,
Dieselbig will ich euch gern gönnen,
Wie es die Alten han gewonnen,
Ich weiß, ich werd noch oftmals sehn
Solches von euern Nachkommen gschehn.
Die Arbeit trägt davon den Sieg
Und macht, daß man hoch daherflieg
Mit Fama, der Ruhmgöttin herrlich,
Denn was gschieht schwerlich, das wird ehrlich.

Herrliche Worte läßt Fischart den Vater Rhein sagen zum Ruhm der Arbeit, die Völkerbünde schafft und Natur und Gewalttat überwindet; und wie die Philologen nicht verstanden haben, daß Fischart an die revolutionäre Kampfgenossenschaft der Schweizer und Elsässer „vor hundert Jahren“ erinnert (sie haben gemeint, er denke an eine frühere Fahrt zu einem Schützenfest; ja freilich, ein Schützenfest sonderlicher Art war sie, die Freiheitsschlacht bei Murten!), so werden wir wohl besser als philologische Deuter die Allegorie der gleich folgenden Verse verstehen:

Mit solchen Leuten soll man schiffen
Durch die Meerwirbel und Meerriffen,
Mit solchen fürcht man kein Meerwunder
Und kein Wetter, wie sehr es tunder,
Mit solchen darf man sich vermessen,
Daß einen fremde Fisch nicht fressen,
Denn diese alles überstreiten
Durch ihr unverdrossen Arbeiten.

Wir können wissen, wer die Meerwunder und die fremden Raubfische sind, gegen die die Arbeit obsiegt, wenn wir daran denken, daß diese Dichtung entstand in der Zeit, wo das revolutionär-republikanische Bürgertum sich der absoluten Fürstenmacht erwehrte, wo die Freiheitskämpfe in England, Frankreich und den Niederlanden ausgefochten wurden.
Haltet zusammen in Arbeit, ihr Schweizer und Elsässer, ruft Fischart ihnen zu, wie es die Wassergeusen in den Niederlanden getan haben!
Da haben wir wieder, wie von selbst stellt sie sich ein, die Linie, die vom Mittelmeer zur Nordsee führt, das Band zwischen der Schweiz und dem Elsaß und den Niederlanden. Lothringens und Luxemburgs Bewohner verbinden in langsamem und allmählichem Übergang die oberdeutsch-französischen Schweizer und Elsässer mit den niederdeutsch-französischen Belgiern und Holländern.

Man muß mindestens bis zur Zeit Karls des Großen und seiner Nachfolger, also um mehr als tausend Jahre zurückgehen, um erstmals die Zusammengehörigkeit der Völker dieses langen Landstreifens zu finden. Damals sollte dieser Staat vom Mittelmeer zur Nordsee als eine politische Selbständigkeit zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich bestehen. Und immer wieder wurden die Länder zerrissen, die französischen Könige, die deutschen Kaiser, die Habsburger zerrten herüber und hinüber, und der großartig gewalttätige Versuch Karls des Kühnen, Großburgund neu zu schaffen, scheiterte zumeist an der Freiheitskraft der Völker selbst.
Und doch — was haben, zwar freilich nicht die Herrscher, was haben jedoch trotz alledem die Völker, was hat die Geschichte zustande gebracht?
Die Schweizer Eidgenossenschaft hat sich Freiheit und Selbständigkeit erkämpft und bis heute behauptet; die Niederlande haben sich der habsburgisch-spanischen Gewaltmacht entrissen und die erste Republik des modernen Europa gegründet. In all den Wechselfällen der Geschichte sind sie doch immer selbständig und relativ frei geblieben, wenn sie auch zurzeit konstitutionelle Monarchien sind. Die Schweiz, Belgien, Holland sind neutrale Staaten und wären alle drei dem Schlag ihrer Völker nach weitaus freiere und sozialere Volksverbände, wenn sie nicht sich aus Furcht vor den Militärmächten, vor allem dem Deutschen Reich, selbst den Militarismus und vielfache Knechtschaft aufgelegt hätten.
Wie seltsam aber! Elsaß und Lothringen, die das natürliche Bindeglied, im Süden nach der Schweiz, im Norden nach den beiden Niederlanden hin sind, diese beiden Länder sind zwar durch den Reunionskrieg vom Herbst 1870 wieder einmal Glieder des Deutschen Reiches, der am meisten auf Gewalt und Disziplin beruhenden Militärmacht Mitteleuropas geworden, aber sie sind trotzdem heute der freieste Staat Deutschlands mit der demokratischsten Verfassung und dem entschiedensten Parlament und vor allem mit dem Volk, das am ehesten darauf aus ist, Selbstbestimmung zu üben.
Man nehme noch einmal die Karte, diesmal die Deutschlands zur Hand und lasse sich von der Geographie handgreiflich zeigen, wie die Freiheit im Deutschen Reich vom Westen her kommt und nach Osten zu immer mehr abnimmt. Elsaß-Lothringen, Baden, Hessen, Rheinland, Württemberg, das sind die Länder, die entschiedene Einflüsse von Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz empfangen, wie man eben darum Einflüsse nimmt und gibt, weil man von Haus aus ähnlich ist. Die alte Regel: Similia similibus oder Gleich und Gleich gesellt sich gern. Man nimmt stets voneinander, weil man zusammenpaßt; und man paßt immer enger zusammen, weil man immer mehr voneinander nimmt. Und so entsteht immer, was man eine Wechselwirkung, besser eine Gemeinschaft nennt. Völker und Völkerverbände entstehen, weil die Passenden einander geben und nehmen, weil Geber und Nehmer zueinander passen. Nach Friesland und der Waterkant hinüber merkt man deutlich die Mischung der Einwirkung und Verwandtschaft zu den Niederlanden und England einerseits, Altpreußen andrerseits, ebenso wie Bayern in seinem seltsamen Gemenge aus Freiheit und Gefangenschaft in den echt bayrischen Landesteilen anmutet wie eine Verbindung der freien hellen Schweiz und des dunklen versklavten Tirol, in seinen fränkischen aber zusammengesetzt scheint aus rheinländisch-freien Bestandteilen, die den Main heraufzogen, und preußischen, die über Thüringen eindrangen.
Wunderschön und innig wahr ist das Bild, das Fischart für die Gegenseitigkeit geographischer Nachbarn gibt, die zueinander passen und voneinander nehmen:

Hier sieht man, warum Gott die Flüss‘
Geschaffen hat, nur darum gwiß,
Damit man durch ihr Mittelweg
Nachbarschaft besuch, halt und pfleg:
Wie man denn liest, daß ob den Bronnen
Und den Bächlein sich hab angesponnen
Der Menschen erstlich Nachbarschaft,
Daraus kam Sippschaft, Schwägerschaft
Und folgends Dörfer, Flecken, Städt’,
Wie es noch gibt die täglich Red’,
Daß man spricht: Wir sind Nachbarn nach *),
Wir schöpfen Wasser aus einem Bach.
Und Gott geb, daß die Nachbarschaft
So lang in Freundschaft bleib verhaft,
Solang die Ström’ zusammenfließen
Und untereinander sich begrüßen!

Wie sanft und freundlich gehen uns diese liebreichen Menschenworte, die ein deutscher Mann vor mehr als dreihundert Jahren in Straßburg gesprochen hat, in das Ohr, in dem noch die rauhe, unwirsche Rede klingt, die in derselben Stadt der deutsche Kaiser geführt hat. Gleichviel, wie der Wortlaut war, da ist etwas in Scherben geschlagen worden, noch dazu etwas, was noch lange nicht ganz war!
Was man Nationen oder auch Rassen nennt, beruht wohl von Hause aus am wenigsten auf Unterschieden in der Blutmischung, dem körperlichen Bau und den physiologischen Funktionen. Viel beträchtlicher ist die gemeinsame Geschichte in Sprach-, Sitten- und Geistesgemeinschaft. Völkervermischungen und Abstammungen kommen auch dazu; aber wie man nicht recht sagen kann, ob die Völker voneinander nehmen, weil sie verwandt sind, oder ob sie verwandt werden, weil sie lange voneinander genommen haben, so läßt sich meist nicht entscheiden, ob die nationale Zusammengehörigkeit von der leiblich-seelischen Ähnlichkeit kommt oder sie schafft. Das Wesentliche ist: diese Ähnlichkeit, diese Gleichheit im Ungleichen, diese verbindende Eigenschaft zwischen den Volksgenossen, dieser Gemeingeist ist eine Tatsächlichkeit. Überseht sie nicht, ihr Freien und Sozialisten; der Sozialismus, Freiheit und Gerechtigkeit ist nur zu schaffen zwischen den von alters Zusammengehörigen, und nicht abstrakt wird ein Sozialismus hergestellt werden, sondern in konkreter Mannigfaltigkeit je nach den Völkerharmonien. Und auch die Völkerverbrüderung ist nicht etwas, was auf einmal und verschwommen für die ganze Menschheit kommt, sondern was in der Bestimmtheit, die sich aus den Tatsachen im Raum und dem Geschehen in der Zeit, aus Geographie und Geschichte ergibt, bunt und vielfältig zu schaffen ist.
Damit aber diese neuen, in der Geschichte seit Jahrhunderten angelegten Völkerverbände zum Segen der ganzen Menschheit, zur Vorbereitung der wirklichen Menschheit kommen können, gilt es allerdings, entschieden und unverblümt allen Menschen, die es angeht, von den Wirklichkeiten zu reden, die sich langsam angebahnt haben. Alle Völker Europas gehen die Tatsachen und Zusammenhänge an, die heute kaum von einem beachtet werden und darum in dieser Betrachtung an ihre Stelle gerückt werden sollen. Die Völker Europas sollen bedenken, was für ein unnennbarer Schaden ihnen allen, zumal in ihrem innern Leben durch den Krieg geschieht, der seit zweiundvierzig Jahren zwischen Deutschland und Frankreich um Elsaß-Lothringen tobt und den man bewaffneten Frieden nennt. Nenne man die Dinge nur beim rechten Namen und gestehe man sich die Wahrheit ein: seit über tausend Jahren geht zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich der kriegerische Zank um die Länder zwischen der Schweiz und den Niederlanden, wie er Jahrhunderte hindurch auch um die Schweiz und die Niederlande getobt hat und wie er heute noch die Freiheit eben dieser Länder bedrückt und bedroht. Wer da glaubt, der Frankfurter Frieden habe diesem Streit ein Ende gemacht und könne mehr als eine flüchtige Episode sein, leidet bedauerlich an durch Chauvinismus erzeugter geschichtlicher Kurzsichtigkeit.
Man wird einwenden wollen, wenn erst die Staatsorganisation gefallen sei, hörten damit auch diese sinnlosen Eroberungs- und Wiedergewinnungskriege auf. Ja freilich, wenn! Eben zu diesem Wenn suche ich einen Weg. Ich suche den Weg zu den Vereinigten Ländern Europas, den Vereinigten Völkern der Menschheit. Dazu scheint mir nötig, daß die Völker sich erst über die geschichtlich-natürlichen Neugruppierungen einigen, die dem unmöglichen Zustand der Gegenwart ein Ende machen. Gewalt geht immer gegen Gewalt, und der Gewalt und des Kriegs wird kein Ende sein, solange nicht eine entscheidende Verständigung zu großem Frieden geschieht.
Der Vorschlag, der hier gemacht wird, die Völker Europas sollten dafür sorgen, daß ihre Beauftragten und Verantwortlichen zusammentreten, um in Europa diesen neuen Völkerbund vom Mittelmeer bis zur Nordsee, dieses neutrale Land Schweiz-Elsaß-Lothringen-Belgien-Niederlande zu schaffen, hat den außerordentlichen Vorzug, daß zu seiner Durchführung keinerlei rohe Gewalt den geringsten Sinn haben könnte. Solange die Politiker in Frankreich und dem Deutschen Reich ihre Ziele durch militärische Machtmittel durchzusetzen meinen, denken sie gewiß immer nur an ihren jeweiligen Staat und nie an ein neu zu schaffendes Gebilde. Die Schweiz, Holland und Belgien aber sind nicht im entferntesten in der Lage, auf so etwas wie Eroberungspläne zu sinnen. Nein, das gewaltige Unternehmen Karls des Kühnen war der letzte Versuch, durch Gewalt zusammenzustehlen, was allerdings von Natur und Geschichte wegen zusammenpaßt. Er mußte scheitern und von den Völkern selbst überwunden werden, gerade so, wie es bei ähnlichen Versuchen Napoleon I. ging. Sinnender Kopf und schwertbewaffnete Hand können nicht zusammenlisten und zusammenhauen, was nur durch den Einklang der Völker zusammenwachsen kann.
Warum soll Elsaß-Lothringen nicht eine preußische Provinz werden? Es sind schon mehr Unmöglichkeiten, mehr unorganische Fügungen von unorganischen Köpfen versucht worden. Es fragt sich nur: für wie viele — Tage kann dann Elsaß-Lothringen eine preußische Provinz bleiben! Über vierzig Jahre konnte es ein Zubehör des Deutschen Reichs sein und gewiß kann es noch länger gehen; aber im Frieden, in wirklichem Frieden — nicht eine Stunde!
Und glaubt denn einer, es sei ein Zufall, daß Elsaß-Lothringen endlich die freieste Verfassung deutscher Staaten erhalten mußte, und daß die Regierung sie durchsetzen mußte gegen den empörten Widerstand der preußischen Konservativen und mit Hilfe der Sozialdemokraten, einer Hilfe, die sich nicht auf die Abstimmung beschränkte, die einem Bündnis gleichkam? Das war so wenig ein Zufall, wie es von ungefähr ist, daß die Elsässer Alemannen sind wie die Schweizer, und die Lothringer mehr Franzosen als Deutsche. Diese Verfassung ist jüngsten Datums, aber sie stammt aus einer jahrtausendjährigen Entwicklung, und so leicht die Worte der Drohung aus dem Mund kommen mögen, sie in Scherben zu schlagen, so sicher ist, daß die Elsässer und Lothringer durch jeden Versuch zu solchem Unternehmen nur immer fester an die Stämme gekittet würden, zu denen sie durch ihre Stammesart gehören.
Als die Bürger von Zürich den Straßburgern ihre Solidarität bekundeten und den warmen Hirsebrei auf ihrem Schiff den Rhein hinunter führten, da haben sie in rüstigem Eifer eine Reise von vier Tagen in einem einzigen Tag hinter sich gebracht. Damals gab es noch keine Eisenbahnen und Dampfschiffe, die Wackeren sind gerudert. Wie schnell könnten die neuen, die echten Völkerbünde zu Freiheit und Gegenseitigkeit und Wohlstand heutigentages geschaffen werden, wenn der Schnelligkeit des äußerlichen Verkehrs die Bereitschaft der Herzen entspräche! Was für ein glückhaftes Schiff wäre das, das den Völkern die volle Fracht der Gutwilligkeit, der Verständigung, der Brüderschaft zutrüge! Es ist heute wie einst, heute wie immer: die Arbeit muß obsiegen über die fremden Fische, die gefräßig in unsern Wassern schwimmen, die Arbeit muß die entscheidende Macht in unserm öffentlichen Leben werden, dann fährt unser Schiff glückhaft stromauf und stromab den Küsten entlang und über die weiten Meere, und bringt Herz zu Herz und Treue zu Treue und Freiheit zu Freiheit und Menschen zu Menschen und Männer zu Männern!

*) nach = nahe (nahe Nachbarn).

Der Sozialist, 15. Mai 1912.

„Was dem Mittelalter das Kloster, das kann uns Modernen das Gefängnis sein“

Joachim Willems, „Was dem Mittelalter das Kloster, das kann uns Modernen das Gefängnis sein“ – Gustav Landauers mystisch geprägter Anarchismus (2013)

Im Februar 2012 stürmen ein paar als Punk-Band getarnte junge Frauen die Christ-Erlöser-Kathedrale in Russlands Hauptstadt Moskau. Kurz darauf stellen sie ein Video ihrer Aktion ins Internet, unterlegt mit einem Song, der die Führung des Staates und der Russischen Orthodoxen Kirche scharf kritisiert. Für das Gericht, das zwei der Frauen für zwei Jahre ins Straflager schickt, ist die Sache klar: Rowdytum, motiviert durch religiösen Hass. Da scheint es ins Bild zu passen, wie Pussy Riot bereits in den Wochen zuvor auffällig geworden war: Mit ihrem Song „Kropotkin Wodka“ hatten sie ein Getränk gepriesen, das gut für die Protestierenden auf der Straße sei, den Herrschenden aber ein Treffen mit Präsident Kennedy ermögliche – vielleicht ein versteckter Gruß an die „Dead Kennedys“, deren ehemaliger Sänger Jello Biafra zu dieser Zeit die Occupy-Bewegung unterstützt.

Typisch, könnte man meinen: antireligiöser Anarchismus, Kritik an religiöser und staatlicher Autorität, ni Dieu ni maître. Aber warum beriefen sich dann die angeklagten Mitglieder von Pussy Riot so beharrlich auf die Bibel und die klassische russische Religionsphilosophie?

Religion kann ein Herrschaftsinstrument sein. Religion kann aber auch helfen, Herrschaft zu kritisieren. Historisch lässt sich beides an zahlreichen Beispielen zeigen. Dabei scheint es eine Art von Wahlverwandtschaft zu geben zwischen bestimmten Formen von Religion und bestimmten politischen Richtungen: Der Marxismus wäre dann einem apokalyptischen Typ von Religion zuzuordnen: Das Heil erscheint am Ende und als Ziel der Geschichte nach dem Endkampf zwischen Gut und Böse. Der anarchische Gegenentwurf kann dabei mystische Formen annehmen. Besonders deutlich wird das am Beispiel von Gustav Landauer.

Jude, Atheist, Mystiker

Gustav Landauer wird 1870 als Sohn jüdischer Eltern in Karlsruhe geboren. Die geistige Enge, die er in seiner Schulzeit erlebt, führt ihn zum Anarchismus und zu seinem Wunsch, Schriftsteller zu werden. 1891 zieht Landauer nach Berlin-Friedrichshagen, damals Künstler- und Intellektuellenzentrum. Er schließt sich einer marxistischen Studentengruppe an und befreundet sich mit den Initiatoren der sozialistischen „Freien Volksbühne“. Wie bei zahlreichen anderen Intellektuellen seiner Zeit geht mit der Politisierung eine Abgrenzung von der Religion einher. 1892 verlässt Landauer die jüdische Religionsgemeinschaft, der er bis dahin anscheinend ohnehin nie stark verbunden gewesen war.

In Berlin stürzt sich Landauer in Politik und Literatur. Er wird Mitherausgeber und Chefredakteur der Zeitschrift Sozialist. Weil Landauer im Jahre 1893 als anarchistischer Delegierter am Züricher Kongress der Zweiten Internationale teilnimmt und darüber im Sozialist berichtet, wird er wegen „Aufforderung zum Ungehorsam gegen die Staatsgewalt“ zu seiner ersten Gefängnisstrafe verurteilt.

Ein weiterer Gefängnisaufenthalt 1899 / 1900 bringt eine Wende in seinem Denken. In der Haft übersetzt Landauer mehrere Predigten Meister Eckharts aus dem Mittelhochdeutschen und beschäftigt sich intensiv mit der Gedankenwelt der mittelalterlichen Mystik. In einem Brief an seine spätere zweite Ehefrau, die Dichterin Hedwig Lachmann, schreibt er: „Was dem Mittelalter das Kloster, das kann uns Modernen das Gefängnis sein. Die Esel, die uns diese Kur vorschreiben, wissen gar nicht, welche Wohltat sie manchem schon erwiesen haben. Ich habe da innen früher einsame Wonnestunden ohnegleichen erlebt, und die Kraft des Leids hat sich mir erprobt.“ Landauers mystisches Denken, das er im Anschluss an Meister Eckhart entwickelt, kommt ohne Gott aus. Landauer – ein atheistischer Mystiker.

Den Ersten Weltkrieg lehnt Landauer von Beginn an ab. Mit Beginn der Revolution im November 1918 kommt Landauer auf Bitte des neuen bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner hin nach München. Nach der Ermordung Eisners wird Landauer in der ersten Münchener Räterepublik für wenige Tage Minister für Volksaufklärung, Unterricht, Wissenschaft und Künste. Von der zweiten, kommunistisch dominierten Räterepublik distanziert er sich bald. Im Zuge der militärischen Niederschlagung der Revolution 1919 wird Landauer verhaftet und ermordet.

In einem Nachruf schreibt Landauers Freund Martin Buber: Landauer „fühlte in sich den urjüdischen Geist, der zur Verwirklichung drängt, leibhaft gegenwärtig; er fühlte sich seinen Ahnen, den jüdischen Propheten und den jüdischen Blutzeugen, verbunden. Gustav Landauer hat als ein Prophet der kommenden Menschengemeinschaft gelebt und ist als ihr Blutzeuge gefallen.“

Atheistische Mystik

Landauer entfaltet seinen mystisch-philosophischen Ansatz vor allem in seiner 1903 erschienenen Schrift Skepsis und Mystik. Anders als in der mittelalterlichen Theologie des Meister Eckhart ist das Ziel für Landauer nicht eine Vereinigung des Menschen mit Gott, vielmehr führe der mystische Weg dazu, dass der Einzelne „Welt“ werde und so seine Isolation überwinde, in der er als von der Umgebung abgegrenztes Individuum gefangen sei: „Um nicht welteneinsam und gottverlassen ein Einziger zu sein, erkenne ich die Welt an und gebe damit mein Ich preis; aber nur, um mich selbst als Welt zu fühlen, in der ich aufgegangen bin.“

Die Vereinigung mit der „Welt“ geschehe, so Landauer, wenn das Individuum in sein tiefstes Inneres vorstoße. An dieser Stelle wird der Einfluss der Theologie des Meister Eckhart auf Landauer deutlich. Eckhart war der Überzeugung, dass jeder Mensch einen göttlichen „Seelengrund“ in sich trage. Deshalb sei die Einung mit Gott durch die Konzentration auf diesen „Gott in mir“ zu erreichen, also durch die Abkehr von der Welt und durch „Abgeschiedenheit“, als Preisgabe des eigenen Habens, Wollens und Seins. Nur wenn der Mensch wahrhaft „arm im Geiste“ sei, könne er der Gottheit Raum geben, die in ihm zum Durchbruch gelangen wolle. Die extremste Selbstpreisgabe des Menschen wird so zur vollkommenen Form seiner Gottwerdung.

Landauer geht analog dazu davon aus, dass jeder Mensch die „Welt“ (als Äquivalent zur Gottheit) in sich trage, zu der er durch Abgeschiedenheit, durch „Absonderung“ vorstoße:

„Je fester ein Individuum auf sich selbst steht, je tiefer es sich in sich selbst zurückzieht, je mehr es sich von den Einwirkungen der Mitwelt absondert, um so mehr findet es sich als zusammenfallend mit der Welt der Vergangenheit, mit dem, was es von Hause aus ist. Was der Mensch von Hause aus ist, was sein Innigstes und Verborgenstes, sein unantastbarstes Eigentum ist, das ist die große Gemeinschaft der Lebendigen in ihm […]: die Gemeinschaft, als die das Individuum sich findet, ist mächtiger und edler und urälter als die dünnen Einflüsse von Staat und Gesellschaft her. Unser Allerindividuellstes ist unser Allerallgemeinstes. Je tiefer ich mich in mich selbst heimkehre, um so mehr werde ich der Welt teilhaftig.“

Mystik und Revolution

Die Überzeugung einer innigsten Verbundenheit von Individuum und „Welt“ – und damit eingeschlossen von menschlichem Individuum und Menschengeschlecht – begründet einen spezifischen Glauben an eine elementare Gemeinschaftsfähigkeit. Ist „die große Gemeinschaft der Lebendigen“ in jedem Menschen präsent, so erscheinen die „Einflüsse von Staat und Gesellschaft“ als dünn. Der Staat ist dann nicht mehr nötig, um menschliches Zusammenleben zu ermöglichen. Der Staat sei, so Landauer, nicht die Lösung, sondern das Problem. In seiner Schrift über Die Revolution (1907) erklärt er: „Wo der Geist nicht ist, da ist die Gewalt: der Staat und die ihm zugehörigen Formen der Obrigkeit und des Zentralismus“. „Geist“ ist demnach das, was die Menschen untereinander verbindet, und zwar als „ein natürlicher aber kein auferlegter Zwang“, der zugleich „Freiheit und Ordnung“ schafft.

Um die im Menschen vergrabene Verbundenheit untereinander wieder Wirklichkeit werden zu lassen, müsse der Staat mit seinen Einrichtungen zurückgedrängt und dem „Geist“ Raum gegeben werden. Dies könne durch die Gründung von Gemeinschaften außerhalb des Staates geschehen, um „den Geist auszulösen, der hinter dem Staate gefangen sitzt“. Landauer erklärt: „Wir warten nicht auf die Revolution, damit dann Sozialismus beginne; sondern wir fangen an, den Sozialismus zur Wirklichkeit zu machen, damit dadurch der große Umschwung komme!“

Anstatt im Kapitalismus für eine neue Gesellschaft zu kämpfen, propagierte Landauer den „Austritt aus dem Kapitalismus“, die Gründung einer sozialistischen Neben- oder Gegengesellschaft, die mit der Verwirklichung einer neuen Gemeinschaft beginne. Nichts stehe der gesellschaftlichen Umwandlung so sehr im Wege, wie die potentiellen Protagonisten der Veränderung selbst, die vom Kapitalismus, seinen Werten und seiner Wirklichkeit korrumpiert würden und die erst ihre „freiwillige Knechtschaft“ abstreifen müssten, um dann „durch Absonderung zur Gemeinschaft“ zu kommen.

Für Landauer bedeutet das – mit einer deutlichen Stoßrichtung gegen den Marxismus: Die Vereinigung des Einzelnen mit der höheren Wirklichkeit, hier der Welt und der Menschheit, ist jederzeit möglich und nicht etwa abhängig von einem bestimmten Entwicklungsstand der Produktivkraftentfaltung. Sie hängt allein von der Bereitschaft des Einzelnen ab, den mystischen Weg zu beschreiten. Revolution ist damit zugleich ein gesellschaftliches und ein spirituelles Projekt: Es gilt, sowohl die Formen des Zusammenlebens umzugestalten, die Formen staatlicher Herrschaft zu zerstören und „geist- gemäße“ Institutionen aufzubauen, als auch sich selbst zu verändern, gemeinschaftsfähig zu werden.

So könnte sich im Idealfalle ein neues Gemeinwesen von unten nach oben entwickeln, basierend auf kleinen Einheiten, in denen herrschaftsfreie Verbundenheit erlebt werden kann und die Beteiligten in der Lage sind, die sie betreffenden Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Delegierte dieser kleinen Einheiten sollen dann auf den nächsthöheren Ebenen diejenigen Entscheidungen treffen, die eine größere Zahl von Gemeinschaften angehen, und so immer weiter bis hin zur Ebene eines Völkerbundes: „eine Gesellschaft von Gesellschaften von Gesellschaften; ein Bund von Bünden von Bünden; ein Gemeinwesen von Gemeinwesen von Gemeinden; eine Republik von Republiken von Republiken.“

Sollte die Menschheit je einen solchen Völkerbund errichten – das Ende der Geschichte wäre das nicht, denn Geschichte ist keine Einbahnstraße mit einem endgültigen Ziel. Deshalb sei es nötig, Formen zu finden, die die Gemeinschaftsfähigkeit der Menschen erhielten und verhinderten, dass der Staat wieder an die Stelle der geistbewegten Gemeinschaften trete. Das anti-institutionelle Element müsse gleichsam institutionalisiert werde, um der Verfestigung von Machtstrukturen vorzubeugen. Oder, wie Landauer es in seiner Schrift Aufruf zum Sozialismus ausdrückt: Die Revolution müsse „Zubehör unsrer Gesellschaftsordnung“ und „Grundregel unsrer Verfassung werden“.

Spiritualität der Gewaltfreiheit

Als Anarchist lehnt Landauer Zwang und damit auch Gewalt ab. Man könne das Ziel einer herrschafts- und damit auch gewaltlosen Gesellschaft „nur erreichen, wenn das Mittel schon in der Farbe dieses Zieles gefärbt ist. Nie kommt man durch Gewalt zur Gewaltlosigkeit.“ Vielmehr setze eine neue Form des Zusammenlebens Umkehr und mystische Wiedergeburt voraus und sei nur möglich, wenn „sich freie, innerlich gefestigte und in sich beherrschte Naturen aus den Massen loslösen und zu neuen Gebilden vereinigen“. Nur solche „Neulebendige und von innen her Wiedergeborene“ seien anarchiefähig: „Die werden unter einander leben als Gemeinsame, als Zusammengehörige. Da wird Anarchie sein.“ Und: „Sie werden nichts töten als sich selbst in dem mystischen Tod, der durch tiefste Versunkenheit zur Wiedergeburt führt.“

Joachim Willems

(Direkte Aktion n°218, Juli-August 2013)

Rolf Kauffeldt – Die Idee eines „Neuen Bundes“ (Gustav Landauer)

Rolf Kauffeldt, „Die Idee eines ‚Neuen Bundes‘ (Gustav Landauer)“, in: Manfred Frank (Hg.), Gott im Exil. Vorlesungen über die neue Mythologie (II. Teil), F/M, Suhrkamp, 1988, S. 131-179.