Archiv der Kategorie 'Georg K. Glaser'

Fritz Tobias – Stehen Sie auf, van der Lubbe! Der Reichstagsbrand 1933 – Geschichte einer Legende (1959-1960)

[Link Spiegel]

Mit der Gestalt van der Lubbes hat man den Begriff des Rebellen verdammt, also den Menschen, der nach eigener Entscheidung eine eigene Tat begeht, die er für richtighält, um statt dessen nur noch den politischen Soldaten gelten zu lassen. In diesem Sinn hat jede Partei die Soldaten für die andere Seite vorbereitet.
(Georg K. Glaser)

En face de l’esclavage des consciences, il n’y a que deux attitudes possibles : ou DEBOUT (avec Van der Lubbe), ou A QUATRE PATTES, avec le bétail votant, paradant, payant et massacrant.
(Alphonse Barbé, Le Semeur du 15 septembre 1933)


Siebdruck Nr. 3 (Entwurf Marcos Carrasquer) 50 × 65 cm. Link

Thomas B. Schumann – Das Leben: Gewalt – Ein Besuch bei Georg K. Glaser in Paris – Wörter und Silberschmied (1985)

Ein Porträt zum 75. Geburtstag eines zu Unrecht vergessenen Autors

Paris, rue Beautreillis – eine kleine Seitenstraße in Marais nahe der Bastille. Im Haus Nr. 9 ein unscheinbarer Laden mit einer Werkstatt für Silberund Kupfer-Schmiedearbeiten. Besitzer: Georges Glaser. Diskret und doch nicht zu übersehen auf einem Tisch am Eingang zwei Bücher: „Geheimnis und Gewalt“ und „Aus der Chronik der Rosengasse“. Autor: Georg K. Glaser. Der Silberschmied und der Wörterschmied – sie sind ein und dieselbe Person: ein deutscher Emigrant, der 1910 im rheinhessischen Guntersblum geboren wurde und seit 1934 in Frankreich lebt.

Alles andere als ein Intellektueller, vielmehr ein rustikal-kantig wirkender, massiger Mann mit Bart, Schiffermütze und Pfeife begrüßt mich wortkarg. Spärliche Auskünfte. Alles Wesentliche habe er in „Geheimnis und Gewalt“ gesagt. In der Tat: Dies Buch, eine der interessantesten Autobiographien des 20. Jahrhunderts, gibt anhand einer individuellen Lebensgeschichte Einblicke in die allgemeine Geschichte der ersten Jahrhunderthälfte. Es ist eine „Geschichte von unten“, erlebt und erzählt von einem anarchischen Rebellen, einem lebenslangen Einzelkämpfer, der sich gegen jede Form von Autorität und Machtausübung gewehrt hat. Gla- Georg K. Glaser ser entlarvt die überall – von der Familie bis zum Staat – herrschenden Mechanismen von Unterdrückung und Gewalt. „Geheimnis und Gewalt“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer für individuelle Freiheit, gegen kollektive Bevormundung, darüber hinaus ein Parforceritt durch die Schrecken der Zeit von 1910 bis 1945.

„Er hat acht Kinder in die Welt gesetzt und alles getan, um sie wieder abflatschen zu sehen“: So beginnt das Buch und erzählt dann die brutal-sadistischen Erziehungsmethoden des Vaters, eines kleinbürgerlichen Spießers: „Es ist erstaunlich, daß er mich nicht erschlagen hat. Das Leder des Riemens hinterließ nur breite, blaue Striemen auf mir, die Schnalle jedoch riß blutige Wunden in meinen Rücken, an denen tagelang meine Leibwäsche klebte, worauf sie eiterten…“

Nur zu verständlich, daß Glaser immer wieder von zu Hause ausreißt und eines Tages für immer verschwindet. Noch ein Halbwüchsiger, treibt er sich auf Landstraßen und in Nachtasylen herum, lernt die Welt der Tippelbrüder und Obdachlosen, der Dirnen und Penner und das ganze Ausmaß sozialen Elends in den zwanziger Jahren kennen. Mehrfach wird er aufgegriffen und in Fürsorgeanstalten oder Gefängnisse gesteckt. Erst durch den Kontakt zu linksradikalen Jugendverbänden und den Eintritt in die „Partei“ (KPD) findet er Anschluß und Anerkennung. Anfang der dreißiger Jahre zeichnet sich gar so etwas wie eine kleine literarische Karriere ab: Glaser veröffentlicht Gerichtsreportagen und Erzählungen, etwa in der Linkskurve oder der Frankfurter Zeitung und einen Roman im Agis-Verlag.

Am 30. Januar 1933 wird dieses neue Leben zerstört. Da Glaser sich an Straßenschlachten beteiligt und – in einer Notwehrsituation – einen Nazi getötet hat, muß er sofort in den Untergrund gehen. Er rettet sich ins Saarland und, nach dessen „Anschluß“, ins Exil nach Paris. Er arbeitet in einer Eisenbahnfabrik und sucht an der Seite einer Frau seßhaft zu werden. Noch vor den stalinistischen Schauprozessen und dem Hitler-Stalin- Päkt bricht er, enttäuscht, mit der „Partei“, da er erkennt, daß die Kommunisten – genau wie die Nationalsozialisten – „in ihrem instrumentellen Gebrauch der Macht“ (Uwe Schweikert) ebenfalls von Gewalt bestimmt werden.

Gewalt aber bestimmt weiterhin sein Leben: Als französischer Soldat kämpft er gegen den Einmarsch der Deutschen in Frankreich. Nach der französischen Niederlage gerät er – unter falschem Namen – in deutsche Kriegsgefangenschaft und wird zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Als man seiner wahren Identität auf die Spur kommt, gelingt ihm, im letzten Moment, die Flucht aus dem Lager. Bei ehemaligen kommunistischen Genossen rindet er bis Kriegsende Unterschlupf: 13 Monate unter erbärmlichsten Umständen in einem Kellerloch.

Gewalt ist das beherrschende Prinzip, unter dem sein Leben bis zum Jahre 1945 steht: eine ununterbrochene Folge von Unterdrückung und Demütigung, von verzweifelter Auflehnung und Rebellion. Aber der Kampf war nicht umsonst: Georg K. Glaser hat überlebt, die Idee der Freiheit gesiegt. „Geheimnis und Gewalt“ ist ein einziger Aufschrei. Hier schreibt sich einer alle Wut, alles Leiden vom Leibe – direkt und impulsiv, in kraftvoller und expressiver Sprache.

Das Buch, das Glaser schlicht „ein Bericht“ nennt, kam erst über eine französische Übersetzung 1953 nach Deutschland. Obwohl seitdem mehrfach neu aufgelegt, blieb es – was man so als Geheimtip zu bezeichnen pflegt.

„Nichts macht mich so wütend wie die Wirkungsgeschichte dieses Buchs, die – ernstgenommen – keine ist“, schreibt Peter Härtung in der Neuauflage seines Bandes „Vergessene Bücher“ (1983): „Eines der seltenen Bücher, das unserer jüngeren Geschichte literarisch und menschlich gewachsen ist, ein überrumpelndes Exempel von Widerstand, Empörung una Erschöpfung.“

Warum wird ein solches „document human“ nicht wenigstens heute – wenn es denn vielleicht in den fünfziger Jahren zu früh kam – zur Kenntnis genommen?

Glaser hat beim Schreiben seine Mühe und Skrupel. Allerdings zeigt er sich Weh den eigenen schriftstellerischen Produkten gegenüber sehr kritisch: Seit Jahren hält er sein Drama „Marinus van der Lubbe“ über die Alleintäterschaft des Reichstagsbrandstifters (außer den in Alfred Anderschs Zeitschrift Texte und Zeichen 1956 gedruckten Auszügen) bewußt zurück.

Primär versteht sich Glaser nicht als Schriftsteller, wie er mir sagt, sondern als Kunsthandwerker, als „Dinandier“, womit er sich den Lebensunterhalt verdient. Die „Dinanderie“ ist eine alte, von Glaser wiederbelebte Technik aus der belgischen Stadt Dinant – eine Mischung aus drei Handwerken: Silberschmied, Gürtler, Kupferschmied. In dieser Technik, die er um einige Erfindungen bereichert hat, stellt er – nur mittels Hammer und Feuer – beispielsweise Kamine und Truhen, Leuchter und Schalen, Firmenzeichen und Wappen sowie besonders eindrucksvolle Reliefs una formschöne Lampen her.

1979 erschien eine Nauauflage von Glasers frühem Roman „Schluckebier“ (1932). Er schildert die von Hunger, Entbehrung und Arbeitslosigkeit geprägte Jugend eines Fürsorgezöglings, der am Ende einer von ihm mitangezettelten „Revolte im Erziehungshaus“ (P. M. Lampel) von der Polizei erschossen wird. Das Buch, Musterbeispiel jener proletarisch-revolutionären Literatur in der Endphase der Weimarer Republik, wurde von Siegfried Kracauer – wenn auch mit Einschränkungen – gelobt. Es hat die Zeit unbeschadet überstanden. In eindringlichen Metaphern – das Erziehungsheim als „Dampfkessel“, der jeden Moment explodieren kann, oder als „Zug“, dessen Bremsen bald nicht mehr funktionieren – hat Glaser eine „Parabel über Herrschaftsverhältnisse und Aggressionen“ (Fähnders/Karrenbrock) geschaffen.

Erstaunlich, daß einzig dieses kleine Werk in einigen literaturwissenschaftlichen Büchern („Die deutsche Literatur in der Weimarer Republik“ 1974; „Sozialgeschichte der deutschen Literatur von 1918 bis zur Gegenwart“ 1981) behandelt wird – Glasers chef d‘ceuvre „Geheimnis und Gewalt“ dagegen nicht.

Vielleicht ändert sich dies in absehbarer Zeit? Es gibt einen, Fernsehfilm über Glaser; im März 1985 legte der Dietz-Verlag ein neues Buch von Glaser – „Aus der Chronik der Rosengasse“ – vor. Leider enthält es nur verstreute ältere Texte von Glaser; die frühen sind zudem vielfach identisch mit Passagen aus dem „Schluckebier“. Aufschlußreicher lediglich das anschauliche Porträt seiner Pariser Wohngegend an der Ecke rue des Rosiers/rue des Ecouffes,

Neues von Glaser wird man erst im Herbst 1985 lesen können, wenn bei Ciaassen endlich – unter dem Titel „Jenseits der Grenzen“ – die Fortsetzung von „Geheimnis und Gewalt“, woran er seit langem arbeitet, erscheint. Das Buch handelt von der Zeit nach 1945: Selbsterlebtes (Rückkehr nach Paris; Verlust des Arbeitsplatzes, weil Deutscher, bei Renault; Gründung der Silberschmiede in Saint-Germain) und Kommentare zum Zeitgeschehen (frühe Europabewegung, französischer Existentialismus, deutsch-französische Aussöhnung, „Mai 68″, Friedensbewegung) wechseln einander ab. Ergänzt werden diese beiden Stränge durch Gedanken zu einer Art Philosophie der Arbeit, wozu ihn ja seine „zweigleisige Arbeit“ – manuell wie intellektuell – immer wieder anregt.

Thomas B. Schumann.

[Die Zeit, 31.5.1985]

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« Ich war mit einem Traum verbündet » Georg K. Glaser – Rebell unter Renegaten: Ein Saarbrücker Gespräch (1994)

Georg K. Glaser war prominentester Gast beim Saarbrücker Literaturkongreß zum Thema Renegaten und Macht; dort sprachen wir mit ihm. Der 1910 im rheinhessischen Guntersblum geborene Rebell floh 1935 nach der Abstimmung an der Saar ins französische Exil, wandte sich aber schon 1933 von den Kommunisten ab. Nach Gefangenschaft, Flucht und Jahren in Straflagern bis 1945 ließ er sich in Paris als Schriftsteller und Schmied nieder. Lebensberichten ähnlich sind seine bekanntesten Bücher „Geheimnis und Gewalt“ (1951) und „Jenseits der Grenzen“ (1985).

SZ: Es gibt Orte im Saarland, mit denen Sie schlimme Erinnerungen verbinden. Wollen Sie darüber sprechen?
Glaser: Das Gefängnis auf der Lerchesflur gehört zu den schlimmsten Momenten. Als zwei Tage nach der Abstimmung an der Saar die Ergebnisse verkündet wurden, saß ich schon im Gefängnis. Politische Häftlinge mußten nach der Abstimmung entlassen werden, kriminelle natürlich nicht: In unserer Gruppe hatte man deshalb alle des Straßenraubs angeklagt. Zuerst waren wir auf der Polizeiwache am Regierungsgebäude. Dort hat man uns das Abstimmungsergebnis beigebracht, das wir nicht glaubten. Erst als ein Polizist sich einen Häftling herausgriff und ihn blaugeschlagen wieder zurück in die Zelle brachte, wußten wir, daß die Ergebnisse stimmten. Dann wurden wir in das Gefängnis auf der Lerchesflur gebracht. Die Wärter dort haben auf uns herumgetreten und uns mißhandelt. Die waren schon eingestellt auf die neue Zeit. Es war eine Gratwanderung zwischen Leben und Tod.

SZ: Was hat die Kommunistische Partei für Sie bedeutet, Kameradschaft?
Glaser: Ich war niemals in der Partei, ich war ein Sympathisant. Mitglied war ich, wenn auch erst viel später, im Bund proletarisch revolutionärer Schriftsteller. Da gab es auch sofort Konflikte.

SZ: Waren Sie denen zu anarchistisch?
Glaser: Nein, aber für einen Parteigenossen war es Pflicht, alles mitzuteilen, was er sah. Dann hatten die auch einen militärischen Apparat. Ich konnte mich nicht verbiegen. Ich habe meine Wanderfahrten gemacht mit den Anarchosyndikalisten, die hatten als Abzeichen zwei Fäuste, die ein Gewehr zerbrechen. Ich konnte auch Wanderfahrten mit der kommunistischen Jugend machen, die dann sangen: „Schultert das Gewehr“. Ich war mit einem Traum verbündet und nicht mit einer organisierten Partei.

Treffen von Rebellen, von Renegaten, von Nein-Sagern im Café Mephisto

SZ: Wann wurde daraus ein Alptraum?
Glaser: Der Traum ist lange geblieben, auch als es ganz schlimm wurde. 1933 ging er ganz verloren. Ich war der erste, der einen Bericht geliefert hat über die illegale Arbeit. Er wurde in den „Neuen Deutschen Heften“ in Prag veröffentlicht. Dafür wurde ich gebrandmarkt, weil ich den Widerstand von Leuten geschildert habe, die etwas unternommen hatten ohne Fühlung mit der Partei, ohne Weisung der Partei.

SZ: Welche Schriftstellerkollegen taten sich bei Ihrer Ächtung besonders hervor?
Glaser: Leute wie Manès Sperber oder Arthur Koestler waren – das war damals schon zu spüren – mir immer freundlich gesinnt. Der Beginn einer Beziehung, die sich später klärte. Der Schlimmste war Egon Erwin Kisch, der stand unter der Haube seiner Frau.

SZ: Gab es Mitte der 30er Jahre andere Kreise, mit denen Sie sich politisch verbunden fühlten?
Glaser: Ich bin immer antihitlerisch geblieben. Aber es waren immer nur einzelne Leute, die freundlich zu mir waren, so wie Hans Sahl. Es wurden allerdings immer mehr. Eine Zeit lang trafen wir uns im Café Mephisto – schöner Name dafür. Ich konnte dann sogar bei denen veröffentlichen: Leute, die später Renegaten wurden – zu Rebellen, Nein-Sagern.

SZ: Hat es nach dem Krieg Versuche gegeben, Sie als Kalten Krieger und Antikommunisten zu instrumentalisieren?
Glaser: Ich habe mein Buch [Geheimnis und Gewalt] geschrieben und fertig. Die sind nie an mich herangetreten. Bis mein Buch freilich veröffentlicht wurde, dauerte es Jahre. Nun gut: Ich hatte meine Werkstatt gegründet und verdiente wenigstens so viel, daß ich trockenes Brot und Tee kaufen konnte. Ich konnte besser widerstehen als ein Schriftsteller, der von seinem Schreiben lebt. Ich wußte, was ich geschrieben habe, ist gut. Wenn Ihr das nicht wollt, sagte ich, dann warte ich eben ab. Und ich habe endlich gewonnen. Bei der Renegaten-Diskussion in Saarbrücken ist ein einziges Mal das Wort „Rebell“ gefallen. Es sagt mehr aus als „Renegat“.

SZ: In Ihrem Buch „Geheimnis und Gewalt“ fällt auf, daß Sie eine völlig andere Sprache sprechen als die Partei-Epiker, eine anarchistische. Hat Ihre Sprache auch zum Mißtrauen unter den ehemaligen Bundesgenossen beigetragen?
Glaser: Ja. Diese Leute haben ja mit einer vorgefaßten Absicht geschrieben. Was ich zu sagen habe, muß sich aus dem Erzählten ergeben. Die hatten die Absicht, von vornherein das langsame Werden einer Revolution zu beweisen und mußten nachher etwas erfinden, was notwendigerweise darauf hinauslief.

SZ: Daß Sie in Paris geblieben sind, hat es auch damit etwas zu tun, daß Sie den Abstand zur Mode-, zur Verlautbarungssprache brauchten?
Glaser: Nein. In Deutschland hätte ich vielleicht meine Gefangenschaft, meine Vergangenheit eintauschen können gegen Einfluß bei den Besatzern. In Paris hatte ich die Möglichkeit zu arbeiten, und ich hatte eine Frau. Außerdem hatte ich mein Buch im Kopf: Es war besser, dort zu schreiben.

SZ: Sie lächeln beim Erzählen. Wenn ich an die Erfahrungen anderer Renegaten mit der Einsamkeit, der Denunziation denke, oftmals auch an ihre Bitternis, stellt sich für mich die Frage: Woher nehmen Sie Ihre Kraft?
Glaser: Der Berufsliterat ist ja eine ganz neue Sache, der ist wohl erst mit Balzac entstanden. Ich hatte meine Werkstatt, bin kein Brotschriftsteller und konnte sagen: Ich werde veröffentlichen, wenn ich veröffentlichen kann, was ich veröffentlichen will. Was mich mehr interessiert und lange beschäftigt hat: Es gibt eine Arbeiterbewegung seit 150 Jahren. Wer hat sich eigentlich je darum gekümmert, was in dem Raum zwischen dem Schaffenden, dem Werkzeug und dem Stoff vor sich geht? Biblisch heißt es: Arbeit ist eine Strafe, ihr habt gesündigt, also müßt ihr schuften. Es gibt den Kreml-Satz: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, was auch der erste Satz der GULAG-Ordnung ist. Sonst gibt es keine Definition. Ich glaube, wenn ich nicht die Freiheit in meinem Tun finde, dann wird auch die Freizeit – die Verheißung des Sozialismus wie des Kapitalismus – zur Freizeit von Sträflingen.

Gesprächspartner: Burkhard Baltzer

Saarbrücker Zeitung, 19.09.1994.

M. Rohrwasser – Dichter aus der Schmiede – Zum Tod von Georg K. Glaser (1995)

„Meine Tage sind gezählt. Das hat eine grausame Nacht in E. mich gelehrt. Seitdem vermindert sich die zugemessene Frist um jeden Tag, den ich hinter mich bringe.“ So beginnt Georg K. Glasers letzter, bislang unveröffentlichter, Text. Der Vierundachtzigjährige hat bis zuletzt in seiner Kunstschmiede im Pariser Stadtteil Marais gearbeitet und in seiner Schreibstube geschrieben. Diese Verbindung von Kopf-und Handarbeit war wohl das Spezifische von Glasers Lebensabenteuer, das ihn über die Landstraßen, Fürsorgeanstalten und Gefängnisse der Weimarer Republik bereits 1934 nach Paris geführt hat.

Zwei Jahre zuvor war das literarische Debut des Zweiundzwanzigjährigen erschienen, „Schluckebier“, eine radikale, sprachgewaltige Erzählung, die vom Aufstand und Widerstand des einzelnen berichtet. Walter Benjamin und Siegfried Kracauer gehörten zu den ersten faszinierten Lesern des Buches, dessen Kraft an den frühen Gorki erinnert. Glaser hatte im Gefängnis zu schreiben begonnen: kurze Skizzen für die „Frankfurter Zeitung“, kleine Erzählungen für die „Linkskurve“, Gerichtsreportagen für die kommunistische Presse – gefördert von seinen „literarischen Geburtshelferinnen“, Anna Seghers und Trude Richter.

Der Nationalsozialismus hat Glaser zur französischen Armee und in deutsche Kriegsgefangenenlager gebracht: Lager, in denen er das Material für sein Hauptwerk sammelte: „Geheimnis und Gewalt“. In den Nachkriegsjahren, die ihn tagsüber ans Fließband von Renault stellten, schrieb er in den Nächten jenes Werk, dessen Sprachkraft und Sprödigkeit ihn berühmt machten. Wie in „Schluckebier“ bedient er sich der eigenen Biographie als Rohstoff, den er „verdichtet“; das Buch hat viele Seiten: eine Abrechnung mit dem schlagwütig-autoritären Vater, der die Familie zerstört, ein Bild der Vagabunden-und Arbeitswelt der Weimarer Jahre, die Transformation des kommunistischen Heilsversprechens in eine Partei der Befehle, der Soldaten und Prozesse, und schließlich eine der eindringlichsten literarischen Analysen des nationalsozialistischen Alltags. Das Buch vereint Züge eines Schelmenromans, einer sozialhistorischen Studie und einer Autobiographie.

In seinem Drama über den Reichstagsbrandstifter Marinus van der Lubbe (1956) und in seiner Erzählung „Die Geschichte des Weh“ von 1968 beschreibt Glaser die entgegengesetzte Geschichte zweier Einzelgänger, die beide unter dem Richterbeil enden. Van der Lubbe, dem er sich verwandt fühlte, war für ihn Repräsentant der Tat, der zwischen die politischen Lager geraten ist, und dem von beiden Seiten, den Nazis und den Kommunisten, der Prozeß gemacht wird; es ist eine Passionsgeschichte von der Konfrontation des verleumdeten Rebellen, der seinem Gewissen gehorcht, mit dem Typus des Parteisoldaten.

In seinem letzten Werk, „Jenseits der Grenzen“ (1985) sind Kopf- und Handarbeit noch enger zusammengerückt. Dort schildert er die Hungerjahre der Nachkriegszeit, die Gründung seiner Werkstatt und das Abenteuer des Handwerks, das er zum philosophisch-utopischen Entwurf entfaltet. Er erzählt, seinem Schmiedehandwerk nicht unähnlich, „in Volumen“, widerspricht, zwischen Emphase und galliger Ironie, gewohnten Bildern und versperrt sich Enthüllungen wie Stereotypen. Früher sei sein Schreiben für ihn Ersatz gewesen für das (zuerst vom Vater) verbotene Reden, nun gehe es ihm um eine Synthese des Lebens. Zum Ruheständler fehlten ihm alle Voraussetzungen, auch die der Rente. Bevor er starb, war ihm noch eine Wiederauflage seiner Arbeiten (im Basler Stroemfeld Verlag) beschieden.

Michael Rohrwasser

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.01.1995.

André Prudhommeaux – « Secret et violence » de Georges C. Glaser (Georg K. Glaser)

La plus haute tâche créatrice du romancier et du dramaturge me semble accomplie lorsque tous ses personnages – non pas seulement le héros ou l’héroïne de l’histoire ou quelques favoris privilégiés, mais tous, jusqu’au dernier des comparses – apparaissent adoptés par leur démiurge, aimés par lui, éclairés du dedans par la vie, complets dans leur humanité vivante et – même prisonniers de leur destin – « libres » encore, car nous les sentons susceptibles d’être autrement et plus qu’ils ne sont.
Là où les conditions mystérieuses de cette circulation, de cette communicabilité de la matière humaine sont remplies, et quels que puissent être par ailleurs les triomphes ou les déficiences secondaires de construction et de style, on peut dire, que l’on est en présence d’une œuvre dépassant les circonstances de son apparition, valable, et appelée à durer.
Ce cas me parait être celui de « Secret et Violence », livre rédigé par Georges Glaser en allemand, mais dont la présence se manifeste pour la première fois en français dans l’excellente traduction de Lucienne Foucrault avant d’être portée sous les yeux des publics germanique et anglo-saxon.
Non seulement cet ouvrage est le témoin d’une expérience individuelle durement mais richement vécue, rappelant celle d’un Gorki ou d’un Jack London, d’un Victor Serge, ou d’un Jean Valtin, mais il est animé, par surcroît, d’un intense amour de l’existence et des êtres qui l’incarnent – si hostile ou menaçante qu’elle soit à travers les hommes.
Les drames de la révolution et de la contre-révolution européenne, de l’exil et du réenracinement, de la guerre et du travail forcé, s’y manifestent dans une intériorité symbolique. Ainsi les rapports du père et de la mère, comme ceux de l’Etat et de la Société, de la guerre et de l’amour, emplissent ce livre de leurs résonances ; le régime de Weimar y apparaît sous la forme d’un « institut » moderne (et modèle) de redressement, compromis instable de bonne volonté pédantesque et de savoir inopérant. Dans le jeu d’écho des comparaisons, des métaphores analogiques familières, sont déblayées les stratifications de souvenirs et réactivées les acquisitions de quarante années de misère, de lutte entre vie et mort, d’amitié avec les jeunes, les femmes et la nature. Ainsi se déroule, d’étape en étape, l’Erziehungsroman d’une âme rebelle s’élevant sous les coups, malgré les coups, jusqu’à cette hauteur d’anarchisme non-violent où les êtres perdent de leur opacité, où les masses apparaissent composées d’individus, où certaines misères sacrées se révèlent – où l’art se fait rédempteur et consolateur universel, sans rien perdre de sa rigoureuse lucidité.
La clé du monde, l’éclairement d’un choix décisif entre la guerre et la paix, le héros Valtin Haueisen semble les avoir trouvés dans un fait de son enfance, deviné plutôt que vécu, puis médité et reconstitué.
C’est l’histoire, pleine de. détails concrets et significatifs, d’un crime sexuel commis par quatre jeunes Allemands, membres d’une organisation politique para-militaire, (un de ces corps-francs dont l’existence prolongea la guerre de 1914-1918 en guerre civile, à l’époque tragique où l’adolescent savait tuer, sans rien connaître de la vie). Menés là par un ancien – un brave homme qui veut faire connaître à ces jeunes garçons la merveille qu’est une femme – ils entrent, apportant des bouteilles pleines et les promesses exaltantes du vieux, chez une voisine complaisante (la mère d’un petit camarade de Valtin, l’enfant martyr). Elle, bien que surprise, cueille de son mieux. Une heure plus tard, les quatre gamins en uniforme s’enfuient « les yeux pleins d’une épouvantable détresse ». Ils avaient égorgé leur initiatrice comme on brise un coffre à double-fond, et dans leur colère désespérée l’avaient éventrée, souillée d’immondices, laissée morte… comme la promesse faite en son nom.
On n’obtient pas de la vie ses secrets à main armée. Tout le livre de Glaser est suspendu à ce clou, tourne autour de cette obscure révélation. Elle porte condamnation d’une technique, d’une industrie, d’une civilisation entière qui fondent la connaissance sur la violence faite aux choses et aux êtres, traités par l’homme comme des coffres qu’on force. Elle porte condamnation d’une « production » qui n’est que l’aveugle mise en sac des trésors de la terre. Elle explique la misère d’une époque qui a oublié pour la guerre totale, faite à la nature et aux hommes, le vrai sens de l’amour du travail et de la pensée créatrice. A travers l’expérience d’une vie éclairant sa douloureuse sympathie d’enfant pour les quatre meurtriers, le héros découvre lentement, sourdement, pour quelle raison notre pouvoir, notre science, nos lois, nos contraintes, nos dogmes, nos églises, nos politiques – par leur caractère même de masse et de violence – échouent devant le plus humble des mystères, celui de l’existence individuelle : il comprend que c’est leur misérable vengeance qui remplit le ciel de fureur et la terre de sang, devant le moindre geste de défense de cette existence individuelle, vainement prostituée, vainement assassinée, et au secours de laquelle le poète va seul. En effet, lui seul peut rester jusqu’au bout le compagnon d’existence d’un meurtrier condamné à mort ; c’est même son devoir ; car, comme dit la Ballade, méditée par Wilde dans la « Geôle de Reading » : « Celui qui vit plus d’une vie doit mourir aussi plus d’une mort ».
André Prudhommeaux (L’Unique, n°75-76, août-septembre 1953)