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Georg K. Glaser: Marinus Van der Lubbe – Szenen aus einem unveröffentlichten Drama (1954)

Georg K. Glaser – Marinus Van Der Lubbe – Szenen Aus Einem Unveröffentlichen Drama (1954) by EspaceContreCiment on Scribd

In: Du – Schweizerische Monatsschrift, Nr. 7, 1954, S. 44-49.

Georg K. Glaser: Meuterei im Arbeitsdienst (1934)


Meuterei im Arbeitsdienst

Von
GEORG GLASER

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Die Rekrutenaushebung

Es half uns nichts: Wir mussten zum Freiwilligen Arbeitsdienst. Wir wollten uns schüchtern wehren: «Man kann doch niemanden zwingen. Es ist doch freier Wille.»
Donnerwetter kamen wir an den Richtigen: «Was denkt Ihr Dreckschweine Euch eigentlich?! Fresst und sauft, lasst Gott einen guten Mann sein! Alles andere gilt für Euch nicht! Wir (damit meinte er sich und seine Kollegen vom Amt) arbeiten Tag und Nacht mit aller Kraft am nationalen Aufbau. Wir kommen nicht zum Schlafen, und die jungen Herren holen sich jede Woche ihr Geld, leben lustig und guter Dinge, trinken und huren herum. Das hört aber auf, ihr Wegelagerer!»
Er musste wissen, wie man mit sieben Mark in der Woche leben konnte. Der gemeine Hohn seiner Worte stiess uns bitter auf. Das dreckige Leben, das wir in Wirklichkeit führten, trat uns vor Augen. Damit erschien uns mit einem Mal der Arbeitsdienst nicht als das Schlimmste. Regelmässig essen, Sport treiben, Sauberkeit und Ordnung. Wir meldeten uns zu acht und hatten das Gefühl von Belagerten, die einen letzten verzweifelten Versuch machen, ihr Leben zu retten. Vielleicht würde es wirklich besser.

Das Lager
(Beschrieben in der dritten Woche)

Tausend Meter abseits jeder Landstrasse war das feste riesige Einfahrtstor unseres Lagers. Flankiert von einem Büschel Bäumen. Dahinter lag der Hof, von dem regelmässigen Viereck der Gebäude eingeschlossen. Die nach aussen gehenden Fenster waren vergittert. Durch diese Fenster sahen wir die endlosen Ackerflächen, über die wir jeden Tag drei Stunden lang gehetzt wurden. Im Lager ging alles wie am Schnürchen. Der Hof war blank und hatte die Hände an der Hosennaht. Darauf sahen unsere zahlreichen Vorgesetzten sehr, und sie liefen deshalb den ganzen Tag umher, guckten in die Werkstätten, schnüffelten im Abort, ob nicht heimlich geraucht wurde, schrien und kommandierten. Sie träumten tagsüber von Parade und Epauletten und nachts von dafür begeisterten Mädchen. Uns war die Soldatenspielerei blutiger Ernst, denn wir wurden dabei wie Putzlappen ausgewrungen.

Die Felddienstübung
(Beschrieben in der siebten Woche)

«Auf». «Hin».
Wir folgten wütend.
«Auf». «Hin».
Wir liessen uns auf die nassen Äcker fallen und fluchten heimlich.
«Auf». «Hin».
ER machte einen gemeinen Witz über die Ursache unserer Müdigkeit. Wir waren gewiss nicht prüde, aber wenn einer von ihnen Zoten machte, misshandelte er unsere Empfindungen, wie er durch seine Befehle unsere Körper quälte. Er sah dann aus, als hätte er seinen Hintern im Gesicht.
«Auf». «Hin».
Als ER uns das fünftemal hinschmeissen liess, wurden wir rot, über die Schmach, und beim sechstenmal fingen wir an zu winseln. ER wurde allmählich faul und schrie nur noch:
«A». «Hi». «A». «Hi». «A». «Hi».
Unsere Leiber klatschten die nasse Erde glatt, wir frassen Krumen, und unsere Nasen stiessen in die bröckeligen Hänge der Ackerfurchen. Ihr kühler Geruch mischte sich mit dem unseres Schweisses.
ER erklärte: «Der vierte Maschinengewehrhalbzug deckt aus der Flanke das Vorgehen der Abteilung.»
Das hiess vorläufig Ruhe. Wir blieben regungslos liegen. Die Wut über die Schinderei rührte unser ganzes Elend in uns auf. Seit zwanzig Tagen schliefen wir in den Monturen. Die Baracken waren nachts zu kalt. Die Hälfte hatte Krätze und Typhus. Wagte jemand zu schimpfen, liess ER ihn halbtot schlagen. So spielten ER und seine Kumpane mit uns Krieg und braunen Sozialismus. Wehrte sich einer, ging es ihm wie so vielen. Wann fand das ein Ende?
Die Kühle der Erde wurde zur Kälte. Wir begannen zu frieren. An Widerstand dachten wir wie an ein anderes Land. Bei uns war alles wie kahlgefressen. Wir waren wie auf einer Insel, über deren weite Ebene nur der scharfe Wind der blutigsten Unterdrückung blies. In unserer Brust lebten noch die Melodien der Arbeiterlieder aus den Gassen unserer Stadt, aber es schien uns, als sei es fünfzig Jahre her, dass sie an ihren Wänden hochgewachsen waren. Alles war tot. Wir standen ohne Anschluss. Um uns war nur noch Hunger und der elende Kriegsrummel.
Manchmal scheint es, als ob eines schönen Tages alles in sein Gegenteil umschlägt. Dann wirkt der Terror nicht mehr furchtbar, sondern lächerlich. Dann werden wir den Betrug aufzeigen. Diese Bande.

Der Marsch
(Beschrieben in der neunten Woche)

Wir marschierten in Viererreihen. Graugrüne Monturen. Die breiten Rücken der Vordermänner gingen auf und nieder. Alles schwankte. Die graue Luft erstickte ein bisschen Singsang. Wir waren unsäglich allein.
Keiner sprach, aber unsere Gedanken waren die gleichen, und wir wussten das voneinander. Es hatte in den ganzen neun Wochen niemand davon gesprochen, aber wir trugen es alle mit uns herum. Jeder hatte sich sorgfältig gehütet, davon zu sprechen, aber plötzlich überschritten wir die Angst wie eine Grenze.
Ich weiss nicht, wie es bekannt wurde. Vielleicht sah jemand die Hand seines Nebenmannes zittern, als der Ober eine Gemeinheit vorhatte. Oder einer fluchte heimlich und andere hörten es wie eine Botschaft. In wenigen Tagen entstand eine unerhörte Stimmung im Lager. Beim Essen wurde gemurrt.
Wir stürmten unter höhnischen Rufen den Essraum. Wir schimpften laut und frech. Kaum hatten wir ein wenig Mut bekommen, als wir über das Ziel hinausschossen und die eigene Macht überschätzten. Aber eins war so sicher wie die Steuer: es gab einen ganz grossen Stunk.

Wir marschieren zum lieben Gott

Sonntag morgen wirbelten die Trommeln zum Kirchgang. Wir traten in Stirnreihe an. Vor uns traten wie auf eine Bühne unsere Herren Führer. Sie wussten, wie es um uns stand, und genossen mit höhnischem Stolz die Ruhe, die ihr blosses Erscheinen verursachte. Sie sahen wohl, wie lauernd und gespannt diese Ruhe war, und musterten uns aus tückischen Augen.
Wir rührten uns nicht. In unseren Augen wurde eine Wut, ein stetiger, stiller Protest wach. Der Ober schmetterte seine Befehle: «Achtunk! Apzählen!» Und wir schrien soldatisch knapp: «Eins, zwei, drei, vier, eins, zwei, drei, vier».
«Halt», stoppte der Ober ab: «Ekksakter! Nochmal von vorn». Wir waren ärgerlich und fingen noch einmal an: «Eins, zwei, drei, vier».
Als wir das drittemal von vorn anfangen mussten, ballte die hintere Reihe die Hände, und das viertemal brüllten wir vor Wut: «Eiins». «Zweii». «Dreii». «Vier». «In Viererreihen rrechts schwenkt marrsch!» Eine Kolonne mit Kanten so genau wie ein Pappkarton stand da. Der Ober zwirbelte seinen Schnurrbart: «Im Gleichschritt marrsch». Wir kochten und dachten im Takt unserer Schritte: «Schwei-ne-Hun-de Schwei-ne-hun-de».
Wir setzten alles auf eine Karte. Wir mussten uns Luft schaffen. Wir wurden mit uns nicht mehr fertig. Ich weiss nicht, wer damit anfing, jedenfalls summte plötzlich der ganze Zug den Rotarmistenmarsch. Wir summten unsere Wut durch die Zähne. Der Ober ging mit strafenden Blicken dagegen an, aber wen er anblitzte, der war so lange ruhig. Den ganzen Zug konnte der Ober nicht übersehen, und er hätte sich wirklich gern auf den- Kopf gestellt, wenn dadurch die Summerei aufgehört hätte. Wir summten auf dem ganzen Weg dieselbe Melodie.
So marrrschierten wir zur Kirche.

»Internationale Literatur« (Moskau), Jg. 4, H. 2 (März/ April 1934), S. 78-80.

Marinus van der Lubbe (Marcos Carrasquer, 1981-1982)


Siebdruck Nr. 3 (Entwurf Marcos Carrasquer) 50 × 65 cm. Link

Mit der Gestalt van der Lubbes hat man den Begriff des Rebellen verdammt, also den Menschen, der nach eigener Entscheidung eine eigene Tat begeht, die er für richtighält, um statt dessen nur noch den politischen Soldaten gelten zu lassen. In diesem Sinn hat jede Partei die Soldaten für die andere Seite vorbereitet.
(Georg K. Glaser)

En face de l’esclavage des consciences, il n’y a que deux attitudes possibles : ou DEBOUT (avec Van der Lubbe), ou A QUATRE PATTES, avec le bétail votant, paradant, payant et massacrant.
(Alphonse Barbé, Le Semeur du 15 septembre 1933)

Raymond Henry – Jeunesse contemporaine. Schluckebier de Georg Glaser (1933)

La misère physique, la détresse morale, l’anarchie intellectuelle des jeunes Allemands, ou, du moins, de beaucoup d’entre eux ont déjà fourni la matière de plusieurs œuvres littéraires : une pièce de Lampel : Révolte dans la maison de correction, et deux livres de « choses vues » : Jeunesse trompée, de M. Albert Lamm et Jeunesse sur la grand’route, de M. Ernst Haffner. Il vient de s’y joindre un livre de M. Georg Glaser, Schluckebier, qui est un document remarquable et poignant.
En nous présentant son héros Schluekebier, M. Glaser veut nous représenter une destinée typique. Schluckebier est né pendant la guerre, dans un milieu pauvre de petits bourgeois, et, après quelques écarts de jeunesse sans importance, il s’enfuit pour se soustraire à la rude autorité paternelle. Alors commence une carrière dont les diverses étapes se succèdent suivant une implacable logique. Schluckebier, dont les seuls amis pont des adolescents aussi abandonnés et pauvres que lui, est d’abord embauché dans une usine où les ouvriers semblent être particulièrement maltraités. Le personnel finit par se soulever et le résultat le plus clair est que Schluckebier est mis à la porte avec beaucoup d’autres camarades et se trouve sans travail. D’après ce que nous raconte l’auteur, Schluckebier a, dès ce moment, une assez nette conscience de sa situation. La contrainte des événements dont il est le produit le pousse à résister aux idées admises et officielles et à percer à jour les commandements des professeurs et des prêtres. Sa critique de la société devient de plus en plus profonde et amère, à mesure qu’il se rend compte davantage d’être enfermé dans une existence sans issue. Toutes les démarches aux offices de placement sont vaines, et il a grand faim. Aussi, en Schluckebier, s’amasse-t-il une énorme quantité de haine qui conduit l’adolescent à des actes de rébellion. Le résultat, c’est la prison, puis la maison de correction, qu’on appelle en allemand « maison d’éducation » et où des maîtres mal payés, et encore plus mal instruits, règnent par le fouet. Ce système barbare d’éducation suscite une révolte des jeunes gens maltraités, révolte que l’auteur présente comme un cas de légitime défense et qui se termine par une orgie désespérée. A la fin, Schluckebier le rebelle est frappé à mort par la balle d’un policier.
Cette histoire d’une triste jeunesse n’est pas simplement racontée comme un reportage, mais présentée comme un roman, Il vaut la peine de la considérer en dehors de son contenu : car le livre trahit un talent de conteur d’autant plus étonnant que l’auteur, âgé de 21 ans, est, d’après les données consignées dans la préface, un pupille de l’Assistance publique allemande. Cette origine fait que l’ouvrage est doublement curieux (si toutefois Schluckebier n’a pas été revu, corrigé et remis en forme).
Sans doute, M, Glaser prend exemple de certains écrivains, dont l’influence se fait sentir sur son style. Mais il surprend par un usage infiniment habile de l’argot et par de brèves descriptions où il n’y a pas un mot de trop, et par des détails de composition fort adroits.
Seulement, ce qu’on pourrait reprocher à l’auteur, c’est d’avoir nui à la force de sa démonstration en lui donnant la forme d’un roman. M. Glaser sort de l’Assistance publique, et, sans doute, a-t-il lui-même souffert de la plupart des événements qu’il ra conte : d’autant plus devait-il s’attacher à reproduire la vérité toute nue, sans y joindre aucune affabulation, et à titre purement documentaire. Le sujet poussait impérieusement à un reportage. En préférant la forme du roman au simple récit objectif, l’auteur affaiblit précisément ce caractère de fait qui aurait donné au livre sa véritable force. Les scènes de la maison de correction sont-elles des réalités, ou bien des souvenirs déformés et stylisé ? On ne sait plus. Le lecteur est partagé entre la sympathie directe et le sentiment d’avoir affaire à une œuvre d’art fabriquée avec adresse. Rien, cependant, dans le cas présent, n’aurait été plus nécessaire que de subordonner l’élément esthétique à la véridique simplicité, puisque le livre, dans l’esprit de son auteur a pour but d’alerter l’opinion publique, de la faire réfléchir sur la situation de milliers et de milliers de jeunes Allemands. M. Glaser essaie bien d’éveiller l’indignation par des moyens d’artiste, mais, en dépit du talent dont il fait preuve, il y réussit moins que s’il laissait parler les faits tout simplement.
Schluckebier n’en reste pas moins une oeuvre intéressante et surtout caractéristique d’une époque. Ce n’est pas par hasard que Lampel, Lamm, Haffner, Glaser et plusieurs autres se rencontrent en même temps pour raconter, sous des formes littéraires diverses, les mêmes aventures, la même inquiétude, le même désespoir.

(L’Européen, 10 février 1933)

Georg K. Glaser – Brief an Rudolf Augstein (1959)

Seit 1933 habe ich die Gewißheit, daß mit den Prozessen gegen van der Lubbe etwas geschehen ist, dessen Bedeutung auch in ihrer Veröffentlichung (1) nur gestreift worden ist. Aber bereits in meinem Buch „Geheimnis und Gewalt“, das 1947 vollendet wurde, erwähnte ich das Drama. Seitdem schrieb ich, von dem Stoffe um so mehr überwältigt, je tiefer ich in ihn eindrang, ein Schauspiel, das ich „Marinus von Leyden, eine Passion“ nannte. Mehrere Jahre bevor Sie es Sartre zudachten, habe ich dieses Stück geschrieben (2). Nachdem es mit der Begründung abgelehnt wurde, es entspräche nicht der geschichtlichen Wahrheit und könne Verwirrung stiften, habe ich den Stoff erneut bearbeitet.
Nun ist mein Buch fast vollendet, und ich stehe bereits in Verhandlungen mit einem Verlage (3). Ich schreibe Ihnen nicht, um Ihnen den Vorrang des Entdeckers oder Pioniers streitig zu machen. Dies um so weniger, als ihre Veröffentlichung mir nützlich ist und ich nun nicht mehr so allein dastehe. Ich schreibe, um zu vermeiden, daß nach dem Erscheinen meines Buches der irrige Eindruck entsteht, Ihre Veröffentlichung habe mich geleitet, inspiriert, genährt. Zudem geht es mir in meiner Sache um Dinge, die Sie beiseite lassen, weil sie wohl nicht in den Rahmen einer Zeitschrift passen.

Georges Glaser (Paris)

Spiegel, Nr. 47, 18.11.1959.

Anmerkungen

(1) Vgl. Fritz Tobias – Stehen Sie auf, van der Lubbe! Der Reichstagsbrand 1933 – Geschichte einer Legende (Spiegel, 1959-1960)

(2) Im Spiegel vom 21.10.1959 schrieb R. Augstein: „Am Rande wird der negative Held dieses Jeanne-d‘Arc-ähnlichen Prozesses rehabilitiert, die bei aller anarchistischen Vitalität rührende Gestalt des Marinus van der Lubbe, dessen Lebensgeister auf der Anklagebank erloschen, als er sah, daß Nationalsozialisten und Kommunisten gleicherweise entschlossen waren, ihm seine Tat zu stehlen ganz gewiß eine Figur für Jean-Paul Sartre. Er hat etwas grobflächig gesehen, dieser naive, intelligente Holländer, aber er hat richtig gesehen: Die deutschen Arbeiter sollten mißbraucht werden, um gegen Europa Krieg zu führen“.

(3) Das Stück wurde nie integral publiziert.