Archiv der Kategorie 'Ernst Toller'

Ernst Toller – Hoppla, wir Leben! (Karl Thomas spricht zu den Kindern)

Ernst Toller liest aus seinem Stück „Hoppla, wir leben!“. Aufnahme von ca. 1930 aus „Hoppla! Wir leben! Töne aus dem Kabarett 1901 – 1933″ 2004.
Uraufführung im September 1927. Das Stück ist in enger Zusammenarbeit mit Erwin Piscator entstanden und ihm sowie Mehring gewidmet. Ernst Toller ging damit auf Lese- und Vortragsreise. Der Revolutionär Karl Thomas spricht zu den Kindern seiner Wirtin, aus dem 2. Akt, 1. Szene.

Ernst Toller – Bemerkungen zu meinem Drama „Die Wandlung“ (1919)


Bemerkungen zu meinem Drama „Die Wandlung“

„Diese Arbeit entstand in ihrer ersten Niederschrift 1917, im dritten Jahr des Erdgemetzels. Die endgültige Form wurde in der Haft des Militärgefängnisses im Februar und März 1918 vollendet.“
Irgendwo las ich: „Dies Stück mutet nach München wie eine Erklärung, wie eine Rechtfertigung an und das verstimmt.“ — „Verstimmt“ es die Zuhälter des Krieges, so ist schon manches gewonnen!
Wenn politisches Flugblatt Wegweiser, geboren aus Not der äußeren Wirklichkeit, Gewissensnot, Fülle der inneren Kraft bedeutet, so mag „Die Wandlung“ getrost als „Flugblatt“ gelten.
1917 war das Drama für mich Flugblatt. Ich las Szenen daraus vor im Kreise junger Menschen in Heidelberg und wollte sie aufwühlen („aufhetzen“ gegen den Krieg!), ich fuhr nach der Ausweisung aus Heidelberg nach Berlin und las hier wieder das Stück. Immer mit der Absicht, Dumpfe aufzurütteln, Widerstrebende zum Marschieren zu bewegen, Tastenden den Weg zu zeigen… und sie alle zu gewinnen für revolutionäre sachliche Kleinarbeit. In Eisners Zusammenkünften vor dem Januar-Streik 1918 verteilte ich Zettel, auf denen gewisse Szenen der „Wandlung“ gedruckt standen, in Streikversammlungen las ich in meinen Reden Fetzen daraus vor.
Also Tendenzdrama? Tendenzdrama liegt im Bezirk des bürgerlichen Reformismus. (Motto: Seid wohltätig und verachtet nicht die Huren, die auch Menschen sind.) Ein politisches Drama? Vielleicht ein brüchiger Schritt dazu. Aus der Unbedingtheit revolutionären Müssens (Synthese aus seelischem Trieb und Zwang der Vernunft) wird das politische Drama geboren, das nicht bewußt umpflügen und aufbauen will, sondern umpflügen und aufbauen wird, das den geistigen Inhalt menschlichen Gemeinschaftslebens erneuern, verweste Formen zerstören wird. Voraussetzung des politischen Dichters (der stets irgendwie religiöser Dichter ist): ein Mensch, der sich verantwortlich fühlt für sich und für jeden Bruder menschheitlicher Gemeinschaft. Noch einmal: der sich verantwortlich fühlt.

Festungsgefängnis Eichstätt, Oktober 1919.

Ernst Toller – Brief an Gustav Landauer (1917)

Brief an Gustav Landauer

Morgen früh fahre ich fort. Wer weiß, ob mir die Rückkehr gestattet ist — und nun soll ich noch heute abend zu Ihnen sprechen, damit Sie zu unserem Wollen unbedingtes Vertrauen haben, denn ohne das, wie könnte ich mich da wohl mit Bitte um Mitarbeit an Sie wenden?

Aber wie soll ich es nur ausdrücken. Was ich tue, tue ich nicht aus Not allein, nicht aus Leid am häßlichen Alltagsgeschehen allein, nicht aus Empörung über politische und wirtschaftliche Ordnung allein, das alles sind Gründe, aber nicht die einzigen. Aus meiner — ich kann es heute sagen, denn ich empfinde sie als beglückend — lebendigen Fülle heraus kämpfe ich. Ich bin kein religiöser Ekstatiker, der nur sich und Gott und nicht die Menschen sieht, ich bin kein Opportunist, der nur äußerliche Einrichtungen sieht, ich bemitleide jene Verkrüppelten, die letzthin an sich, nur an sich, ihrem kleinen persönlichen Mangel leiden, ich bemitleide jene Verkümmerten, die aus „Freude-an-der-Bewegung“-Gründen abwechselnd futuristische Kabaretts und Revolutionen fordern.*)

Ich will das Lebendige durchdringen, in welcher Gestalt es sich auch immer zeigt. Ich will es mit Liebe umpflügen, aber ich will auch das Erstarrte, wenn es sein muß, umstürzen, um des Geistes willen. Ich will, daß niemand Einsatz des Lebens fordert, wenn er nicht selbst von sich weiß, daß er sein Leben einzusetzen willens ist, nicht nur das, daß er es einsetzen wird. Ich fordere von denen, die mit uns gehen, daß sie sich nicht damit begnügen, ihr Leben entweder seelisch oder geistig oder körperlich einzusetzen, sie sollen wissen, daß sie es seelisch, geistig und körperlich als Einheit einsetzen werden.

Ich will nicht, daß jemand auch unsere Erkenntnis annehmen kann und darum zu uns kommt. Zu einer Erkenntnis, wie ich sie verstehe, muß man durch Not, Leiden an seiner Fülle, gekommen sein, muß geglaubt haben, „entwurzelt“ zu sein, muß mit dem Leben gespielt und mit dem Tode getanzt, muß am Intellekt gelitten und ihn durch den Geist überwunden — muß mit dem Menschen gerungen haben.

Nicht daß ich nach mechanistischer Art verlange, jede einzelne Phase mußt du durchlebt haben, sonst bist du nicht „reif“ oder „rein“ — mein Gott, der Hochmut jener Geistigen, die Reinheit mit Krämerherzen abschätzen, steht für mich ebenso tief wie die Beurteilungen borniertester Spießer.

Nicht Sekte gemeinsam Schöpferischer träume ich, das Schöpferische hat jeder als Eigenbesitz, das Schöpferische kann sich in seinem reinsten Ausdruck nur in der Arbeit des Einzelnen offenbaren — aber das Gefühl der Gemeinschaft ist beglückend und stärkend für jeden Schöpferischen.

Wenn wir „Zweckeinrichtungen“ schaffen, Widerstand bekämpfen, können und müssen wir gemeinsam vorgehen und werden Werk leisten, da wir aus gleicher Menschheitsgesinnung vorgehen. In letzten seelischen Dingen müssen wir unsere Einsamkeit, d. h. unser Alleinsein mit Gott nicht „tragisch“, sondern freudig empfinden.

Ich glaube, daß ich nun nackt vor Ihnen stehe, aber wenn Sie mich mit rechten Augen anschauen, werden Sie auch meine Nacktheit schauen können, sonst tut es auch nichts! Sie sähen nur Hüllen. Was könnte ich Ihnen nun noch sagen? Daß ich glaube, wir müssen vor allen Dingen den Krieg, die Armut und den Staat bekämpfen, der letzthin nur die Gewalt und nicht das Recht (als Besitz) kennt und an seine Stelle die Gemeinschaft setzen, wirtschaftlich gebunden durch den friedlichen Tausch von Arbeitsprodukten gegen gleichwertige andere, die Gemeinschaft freier Menschen, die durch den Geist besteht.

Daß ich also weiß, welche Inhalte ich bekämpfe, daß ich auch zu wissen glaube, welche neuen Inhalte da sein müssen, weil sie wirklich da sind, daß ich aber noch keine Klarheit besitze, welche äußeren Bindungen, welche detaillierten Formen diese neuen Inhalte haben müssen.

Zum Schluß nur das noch, daß ich in meinem innersten Kern eine Ruhe spüre, die ist und mir Freiheit gibt, daß ich in größter Unruhe leben, daß ich gegen Schmutz oder beschränkten Unverstand hitzig und erregt ankämpfen kann und mir diese innerste Ruhe doch bleibt.

Auf diesen Brief sollen Sie mir ganz antworten oder gar nicht, ich bitte Sie darum!

Heidelberg 1917.

Ernst Toller.

*) „Anmerkung von 1919: Nicht nur bemitleidenswert, sondern verächtlich erscheinen mir jene Revolutionsliteraten, die 1918 noch gegen den Krieg aufrufend, sich „Märtyrer der Menschlichkeit“ wähnten, heute in blutrünstiger Revolutionsromantik schwelgen und Lissauersche Haßgesänge (Hymnen der Rache, Hymnen des Ressentiments) — nur auf anderer Ebene — veröffentlichen. Sie sind die wahren „Revolutionswanzen“, die mit allen geistigen Waffen bekämpft werden müssen. Denn sie sind gewissenlos und können namenloses Unheil anrichten. (Wenn die Massen sie lesen: Glücklicherweise geschieht das meistens nicht.) Sie verstärken und heiligen jene Erscheinungen der allgemeinen Korruption, denen wir oft tief erschüttert und aufgewühlt gegenüberstehen.“

[Zitiert nach: Kasimir Edschmid (Hg.), Schöpferische Konfession, Berlin, E. Reiss, 1920, S. 41-46.]

Ernst Toller – Eine Jugend in Deutschland (1933)

Blick Heute

Wer den Zusammenbruch von 1933 begreifen will, muß die Ereignisse der Jahre 1918 und 1919 in Deutschland kennen, von denen ich hier erzähle.

Hatten die Menschen gelernt aus Opfern und Leiden, aus Niederbruch und Verhängnis, aus dem Triumph des Gegners und der Verzweiflung des Volkes, hatten sie Sinn und Mahnung und Verpflichtung jener Zeiten begriffen?

Die Republikaner, die die Republik ihren Feinden auslieferten.

Die Revolutionäre, die über Thesen und Parolen den Willen des Menschen und seine Entscheidung vergaßen.

Die Gewerkschaftsfunktionäre, die über gefüllten Kassen die wachsende Gewalt des Gegners nicht sahen, der sie mitsamt ihren Kassen fortfegen sollte.

Die Bürokraten, die den freien Mut, die Kühnheit, den Glauben erstickten.

Die Doktrinäre, die über spitzfindigen Fehden versäumten, dem Volk klare und große Ziele zu weisen.

Die Schriftsteller, die ein verstiegenes Bild des kämpfenden Arbeiters schufen, und verzagten, wenn sie dem wirklichen Arbeiter begegneten, mit seiner Schwäche und seiner Stärke, seiner Kleinheit und seiner Größe.

Die Realpolitiker, die taub waren für die Magie des Wortes, blind für die Macht der Idee, stumm vor der Kraft des Geistes.

Der Fetischisten der Ökonomie, die die moralischen Kräfte des Volkes und die großen Impulse der Menschen, die Sehnsucht nach Freiheit, nach Gerechtigkeit, nach Schönheit kleinbürgerliche Untugenden hießen.

Nein, in fünfzehn Jahren haben sie nichts gelernt, alles vergessen und nichts gelernt. Wieder haben sie versagt, wieder sind sie gestrandet, wurden gestäupt und geschunden.

Sie haben das Volk vertröstet von Tag zu Tag, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, bis es, müde der Vertröstungen, Trost in der Trostlosigkeit suchte.

Die Barbarei triumphiert, Nationalismus und Rassenhaß und Staatsvergottung blenden die Augen, die Sinne, die Herzen.

Viele haben gewarnt, seit Jahren gewarnt. Daß unsere Stimmen verhallten, ist unsere Schuld, unserer größte Schuld.

Von falschen Heilanden erwartet das Volk Rettung, nicht von eigener Erkenntnis, eigener Arbeit, eigener Verantwortung. Es jubelt über die Fesseln, die es auf Geheiß der Diktatoren sich schmiedet, für ein Linsengericht von leerem Gepränge verkauft es seine Freiheit und opfert die Vernunft.

Denn das Volk ist müde der Vernunft, müde des Denkens und Nachdenkens, was hat denn, fragt es, die Vernunft geschaffen in den letzten Jahren, was halfen uns Einsichten und Erkenntnisse? Und es glaubt den Verächtern des Geistes, die lehren, daß die Vernunft den Willen lähme, die seelischen Wurzeln zersetze, das gesellschaftliche Fundament zerstöre, daß alle Not, soziale und private, ihr Werk sei.

Als ob die Vernunft je regiert hätte, als ob nicht gerade das unvernünftig Planlose Deutschland, Europa in den Sturz getrieben hätte!

Überall der gleiche wahnwitzige Glaube, ein Mann, der Führer, der Cäsar, der Messias werde kommen und Wunder tun, er werde die Verantwortung für künftige Zeiten tragen, aller Leben meistern, die Angst bannen, das Elend tilgen, das neue Volk, das Reich voller Herrlichkeit schaffen, ja, kraft überirdischer Sendung, den alten schwachen Adam wandeln.

Überall der gleiche wahnwitzige Wunsch, den Schuldigen zu finden, der die Verantwortung trage für vergangene Zeiten, dem man das eigene Versagen, die eigenen Fehler, die eigenen Verbrechen aufbürden darf, ach, es ist das alte Opferlamm aus Urzeiten, nur daß heute statt Tieren Menschen zur Opferung bestimmt werden.

Die Folgen sind furchtbar. Das Volk lernt ja zu sagen zu seinen niederen Instinkten, zu seiner kriegerischen Gewaltlust. Geistige und moralische Werte, in Jahrtausenden mühsam und martervoll errungen, sind dem Spott und Haß der Herrschenden preisgegeben. Freiheit und Menschlichkeit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit – vergiftende Phrasen, fort mit ihnen auf den Kehrichthaufen!

Lerne die Tugend des Barbaren, Schießen, Stechen, Rauben, unterdrücke den Schwächeren, merze ihn aus, brutal und rücksichtslos, verlerne, des anderen Leiden zu fühlen, vergiß nie, daß du zum Rächer geboren bist, räche dich für die Kränkungen von heute, für die Kränkungen von gestern und für jene, die morgen dich treffen könnten, sei stolz, du bist ein Held, verachte friedliches Leben und friedlichen Tod, höchstes Glück der Menschheit ist der Krieg.

Lerne, daß einzig Blut ein Volk formt und baut und erhöht. Du willst wissen, was es mit diesem Blut für eine Bewandtnis habe in einem Lande, das von zahllosen Stämmen bewohnt und durchquert ward, frage nicht, glaube! Schon dein Fragen ist verdächtig, hüte dich, daß wir dich nicht in die Reihen jener stoßen, die getilgt werden müssen vom Erdboden. Denn wir bestimmen, wer leben darf und wer sterben muß zu unserem Heil.

Und Europa?

Wie ein kleiner Makler, der auf die Kurse der Abendbörse wartet, auf neuen Gewinn und neuen Profit, und ein Erdbeben begräbt ihn mitsamt seiner Börse, so verharrt Europa. Weil tausend Kriegsspekulanten an Granaten und Bomben, an Giftgasen und Pestbazillen Milliarden verdienen und diese Blutmilliarden nationale Werte heißen, schweigen die Völker.

Der Arzt weiß, daß im Menschen, den physische und seelische Krisen erschüttern und der nicht ein noch aus weiß, planlos verharrt, weglos umherirrt, Todeswünsche erwachen, die mächtiger und mächtiger werden, die ihn locken, sich besinnungslos zu verschleudern und dem Chaotischen zu verfallen.

An dieser schweren Krankheit leidet das alte Europa. Im Tornado des Krieges, der mit steigenden Rüstungsaktien drohend sich kündet, stürzt sich Europa in den Abgrund des Selbstmords.

So war alles umsonst, geistige Bemühung und menschliche Not, entsagende Arbeit der Edelsten und Opfer der Tapfersten, und uns bliebe nur der Weg ins Dunkel des tödlichen Schlafs?

Wo ist die Jugend Europas?

Sie, die erkannt hatte, daß die Gesetze der alten Welt zerbrochen sind, die ihren Verfall täglich und stündlich erlitt?

Sie lebte und wußte nicht wozu. Sie wollte arbeiten, und die Tore der Werkstätten blieben ihr verschlossen. Sie sehnte sich nach weisenden Zielen, nach der Erfüllung ihrer großen und kühnen Träume, man tröstete sie mit dem Rausch der Leere.

Folgt sie wirklich den falschen Propheten, glaubt sie der Lüge und verachtet die Wahrheit?

Wartet sie darauf, bis der Krieg die Städte vergast, die Länder verwüstet, die Menschen vergiftet, glaubt sie, dann erst käme ihre Zeit, ihre Tat, ihr Sieg? Sieht sie nicht, daß auf zertrümmertem Grund die neue Welt anders aussähe, als sie heute träumt?

Wenn ein Schiff im Sturm treibt auf dem Atlantik, hat der Kapitän viele Mittel, den Anprall der Wogen zu dämmen und Gefahren zu bannen, Menschen helfen ihm und Maschinen, er braucht nicht Furcht zu haben vor Hungersnot, die Kammern bergen Brot und Kleider und Kohlen. Aber wenn das Schiff zerschellte und die Menschen auf Planken treiben, was helfen dann Wille und Tatkraft und Vernunft?

Wo seid ihr, meine Kameraden in Deutschland?

Ich sehe die Tausende, die den Verlust der Freiheit, die Brandmarkung des Geistes lärmend und festlich feiern.

Die Tausende, die betrogen und getäuscht, in Wahrhaftigkeit glauben, das Reich der Gerechtigkeit auf Erden sei nahe.

Die Tausende, die sich sehnen, der geopferten Jugend Deutschlands in Flandern es gleichzutun und jubelnd und singend in den Tod zu marschieren.

Wo seid ihr, meine Kameraden?

Ich sehe euch nicht, und doch weiß ich, ihr lebt. Im Weltkrieg war ein Mann, unter Millionen ein Mann, die Stimme der Wahrheit und des Friedens, und das Grab des Zuchthauses konnte die Stimme Karl Liebknechts nicht ersticken.

Heute seid ihr seine Erben.

Ihr habt die Furcht überwunden, die den Menschen demütigt und erniedert. In stiller unermüdlicher Arbeit achtet ihr nicht Verfolgung und Mißhandlung, Gefängnis und Tod.

Morgen werdet ihr Deutschland sein.

Eine Jugend in Deutschland [Gutenberg]

(via Entdinglichung)