Archiv der Kategorie 'Anton Pannekoek'

Franz Pfemfert – „Die Aktion“ 1911-1922 (Jg. 1-12)

Die Aktion 1.Jg
Die Aktion 2. Jg
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Die Aktion 12.Jg

Neues aus den Archiven des internationalen Rätekommunismus

Die „Antonie Pannekoek Archives“ haben in letzter Zeit viele historische rätekommunistische Presseorgane und Zeitschriften verschiedener Sprachen aus den wertvollen Beständen des IISG (Amsterdam) digitalisiert und online gestellt, darunter eine große Anzahl von Zeitungen der KAPD/AAU 1920-1933:

Proletarier 1920-1924
Kommunistische Montags-Zeitung 1920-1921
Kommunistische Arbeiter-Zeitung (Berlin) 1920-1932
Kommunistische Arbeiter-Zeitung (Essen) 1922-1929
Kommunistische Arbeiter (Opposition) 1927-1928
Rote Jugend 1921-1930
Die Fackel 1922-1923
Der Kampfruf (AAU) 1920-1933
Spartakus 1926-1932

Materialien:
Vier K.A.P.D. Kongresse 1920-1921 (teilweise von Hans-Manfred Bock bzw. Philippe Bourrinet annotiert)
Die K.P.D. im eigenen Spiegel (1926)

Last but not least werden dort auch alle von Paul Mattick unter großen Opfern herausgegebenen Zeitschriften International Council Correspondence, Living Marxism und New Essays zur Verfügung gestellt.
http://www.aaap.be/Pages/International-Council-Correspondence.html

Anton Pannekoek an Erich Mühsam (1921)

…Wenn ich Ihre Auffassung richtig verstehe, tadeln Sie den Moskauer Kongreß, weil er einen Teil der Revolutionäre ausschloß, damit dem gleichen Fehler der engherzigen Intoleranz verfallend wie der Haager Kongreß 1872 und der Londoner 1896 der 1. und 2. Internationale. Und Sie schlagen vor, daß alle außerhalb der Moskauer Internationale gestellten revolutionären Gruppen und Parteien sich zu einem losen Bund vereinigen, der in gegenseitiger Duldsamkeit jedem seine Freiheit der Agitation und Aktion läßt. Dem möchte ich nun folgendes entgegenstellen:
Was wir an den Beschlüssen des Moskauer Kongresses tadeln, ist nicht seine Intoleranz, sondern seine viel zu große Toleranz. Wir machen den Führern der 3. Internationale nicht zum Vorwurf, daß sie uns ausschließen, sondern daß sie möglichst viele Opportunisten einzuschließen suchen. Nicht um uns handelt es sich in unserer Kritik, sondern um die Taktik des Kommunismus; wir kritisieren nicht die belanglose Tatsache, daß wir außerhalb der kommunistischen Gemeinschaft gestellt werden, sondern die wichtige Tatsache, daß die 3. Internationale für Westeuropa eine falsche Taktik befolgt, die dem Proletariat zum Verhängnis werden kann. Das Ausschließen ist nun einmal die unangenehme Form der notwendigen Trennung dessen, was nicht zusammengehört, was zum gegenseitigen Kampf Ellbogenfreiheit braucht und nicht friedlich auseinandergehen kann. Und der gegenseitige Kampf der Richtungen ist nötig, damit das Proletariat seinen Weg findet. Nötig ist nicht, daß alle revolutionär empfindenden Seelen sich brüderlich umschlingen und sich gegenseitig freuen über ihre Vorzüglichkeit; nötig ist, daß das Proletariat, die große Millionenmasse, sich klar wird über Weg und Ziel, nicht mehr zögert und unsicher hin und her schwankt, sondern fest wird zur Tat. Das kommt nicht durch Gefühlsduselei der Einigkeit; das kommt nur durch eine klare, feste Kampftheorie, die sich durchsetzt, die in der Härte von Not und Streit zu Fleisch und Blut der Massen wird.
Daher hatte die 1. Internationale recht, als sie 1872 die Anarchisten ausschloß; daher hatte auch die 2. Internationale recht — trotzdem der Opportunismus schon in ihren Reihen emporkam — als sie diesen Aussfchluß 1896 wiederholte. Denn die Kampftheorie, die allein das Proletariat zum Siege führen kann, ist der Marxismus. Nur auf dem Boden der umwälzenden Gesellschaftswissenschaft von Marx wächst die klare Erkenntnis der Bedingungen der proletarischen Revolution. Man soll sich nicht dadurch irre machen lassen, wie der Marxismus in den letzten Jahren verhunzt wurde von denen, die seine Lehren als Beschwörungsformeln gegen die Revolution mißbrauchten – zuerst geschah das bei den Hütern der Marxtradition in der USP, später folgte auch die „Rote Fahne“ diesem Weg. Daher muß mal deutlich ausgesprochen werden, daß in der Agitation und Taktik der KAP, die Marx am wenigsten nennt, mehr echter praktischer Marxismus, mehr von Marxens revolutionärem Feuergeist vorhanden ist, als bei den Wortführern der USP und des Spartakusbundes, die seinen Namen stets im Munde führen. Aber gerade weil jetzt durch diesen Mißbrauch der Marxismus bei vielen jüngeren revolutionären Elementen einigermaßen in Verruf gekommen ist, als sei er wirklich eine Lehre der mechanischen Entwicklung und des fatalistischen Sichergebens, gerade deshalb muß seine Bedeutung für die Revolution mit aller Kraft betont werden. Wir meinen das nicht in dem Sinne, daß die buchstabenfestesten Marxgelehrten die besten Kämpfer seien — die Erfahrung beweist hundertmal, daß theoretische Durchbildung und feurige Aktionskraft durch die dem zu Grunde liegenden Charakteranlagen einander oft aussehließen, und daß viele ohne Theorie, durch intuitive Erfahrung die Kraft zum richtigen revolutionären Handeln finden — sondern in dem Sinne, daß die revolutionär-materialistische Welt- und Gesellschaftsanschauung von Marx die Massen durchdringen muß, um ihnen Klarheit und Sicherheit zu geben.
Sie wollen einen Bund aller von Moskau ausgeschlossenen revolutionären Gruppen bilden. Wir wollen das nicht, weil ein solcher Bund von selbst eine Spitze gegen Moskau bekommen würde. Wir fühlen uns, trotzdem der Moskauer Kongreß unsere Richtung ausschloß, völlig solidarisch mit den russischen Bolschewiki. Wir werfen ihnen vor, daß sie die westeuropäischen Verhältnisse, die schwierigen Kampfbedingungen in den Kernländern des Jahrhunderte alten Kapitalismus nicht genügend kennen oder berücksichtigen, und sich daher — in dem Glauben, derart rasch zur Weltrevolution zu kommen — mit den großen opportunistischen Parteien Westeuropas verbündet haben. Wir sagen: nicht diese Leute, sondern wir gehören zu Euch. Sollten wir dann, aus Ärger über ihr Vorgehen, einen Bund gegen sie bilden? Wir werfen ihnen vor, daß sie die enormen Unterschiede zwischen Rußland und Westeuropa, zwischen ihrer bolschewistischen Partei und den westeuropäischen Parteien nicht beachtet haben, und daher den Fehler machten, die Macht der Führer in Westeuropa zu stärken, deren Beseitigung hier die Bedingung der proletarischen Revolution ist. Es wäre aber beschränkter Doktrinarismus, wenn wir in den gleichen Fehler verfallen wollten, die westeuropäischen Streitpunkte auf Rußland übertrügen, und unsere Auffassung des Führerproblems in Westeuropa zum Maßstab unserer Beurteilung der in ganz anderen Umständen aufgewachsenen, und daher eine ganz andere Rolle spielenden Führer der russischen Revolution machten. Wir bleiben daher solidarisch, nicht nur mit dem russischen Proletariat, sondern auch mit seinen bolschewistischen Führern, trotzdem wir ihr Auftreten innerhalb des internationalen Kommunismus aufs Schärfste kritisieren müssen. Es ist offenbar die gleiche Stellung — vollkommene brüderliche Solidarität mit den russischen Kommunisten unter gleichzeitiger schärfster Ablehnung ihrer für Westeuropa befolgten Taktik — die die KAPD versucht hat zum Ausdruck zu bringen in dem Angebot, als ,,sympathisierende“ Partei in Beziehung zur 3. Internationale zu treten. Mag dieser Vorschlag angenommen oder abgelehnt werden: jedenfalls ist damit ausgesprochen, wie auch wir zu Moskau stehen. Und damit ist es ausgeschlossen, daß wir einem Bund beitreten, der logischerweise in Gegensatz zum Bolschewismus treten muß…

(Die Aktion. Jg. 11, Nr. 11/12, 19. März 1921, Sp. 162-168)

Anton Pannekoek – Der neue Blanquismus (1920)

Wenn die materiellen Verhältnisse zu einer Revolution treiben, aber die Massen noch passiv und nicht zur Revolution geneigt sind, dann entstehen die Lehren, die das Ziel auf anderem Wege als dem der politischen Revolution des Proletariats erreichen wollen. So in Frankreich vor 1870, wo die beiden Richtungen, die entgegengesetzter Weise die ersten Keime einer künftigen Bewegung zu einer Theorie ausarbeiteten, an die Namen Proudhon und Blanqui anknüpften. Auf Proudhon, den kleinbürgerlichen Kritiker des Großkapitals, beriefen sich diejenigen Teile der emporkommenden Arbeiterbewegung, die in friedlichem Aufbau des Genossenschaftswesens den Kapitalismus untergraben wollten; sie fühlten instinktiv, dass die Macht der neuen Klasse in irgendeinem wirtschaftlichen Aufbau neuer Fundamente liegen müsse, nicht in äußerlichen politischen Putschen. Auf Blanqui, den unerschrockenen revolutionären Verschwörer, beriefen sich diejenigen Teile des Proletariats, die fühlten, dass Eroberung der politischen Gewalt nötig sei; und wenn die ganze Klasse noch gleich gültig ist, müsse das durch eine entschlossene Minorität geschehen, die durch ihre Einsicht und Aktivität die Masse mitreißen und durch strenge Zentralisation die Macht in den Händen behalten könnte. Beide Richtungen wurzelten in der Tradition früherer Bewegungen und waren deshalb kleinbürgerlich, weil sie noch keine Ahnung der breiten Kraft des entfalteten proletarischen Klassenkampfes hatten, der in der marxistischen Lehre seinen Ausdruck fand.

Es ist nur allzu begreiflich, dass ähnliche Lehren auch jetzt wieder auftreten, selbstverständlich in viel höherer, entwickelterer Gestalt, auf der Grundlage alles dessen, was als marxistische Lehre des Klassenkampfes seitdem zum Gemeingut aller proletarischen Kämpfer geworden ist, also als verschiedene Schattierungen dieser Lehre. Die Überzeugung, dass das Proletariat sich wirtschaftliche Macht aufbauen muss durch Beherrschung des Produktionsprozesses, durch Betriebsräte, und dass darauf alle Gewaltpolitik der Noskeleute abprallen muss, kann zu einem Neuproudhonismus führen, wenn man glaubt, dieses Mittel genüge, um durch seine eigene Wunderkraft die Gesellschaft ohne weitere revolutionäre Kämpfe des Proletariats in die kommunistische Ordnung überzuführen. Und andererseits tritt eine neublanquistische Tendenz hervor in der Auffassung, eine revolutionäre Minorität könne die politische Gewalt erobern und in der Hand behalten, und dies sei die Eroberung der Herrschaft durch das Proletariat. Diese Tendenz tritt hervor in Struthahns Schrift über die Diktatur der Arbeiterklasse und der kommunistischen Partei.

Er redet dort von der Diktatur der Arbeiterklasse: »Was bedeutet das? Nun vorerst, dass sie die Interessen der Arbeiterklasse an die erste Stelle setzt und sich nur von ihnen leiten lässt. Zweitens, dass sie nur durch Arbeiterorganisationen durchgeführt werden kann.« Mit anderen Worten: »Diktatur der Arbeiterklasse« bedeutet nicht die Diktatur der Arbeiterklasse, sondern etwas anderes. Sie ist nicht die Diktatur der Klasse, sondern die Diktatur bestimmter Gruppen, und sie nennt sich proletarische Diktatur, weil sie von einer Arbeiterorganisation ausgeübt wird (auch die SPD ist eine Arbeiterorganisation) und die Arbeiterinteressen an die erste Stelle setzt (das behaupten ja viele Sozialverräter von sich). Was hier vertreten wird, ist die Diktatur der Kommunistischen Partei, die Diktatur der entschlossenen revolutionären Minorität. Allerdings werden dann viele Restriktionen gemacht; die vielfach vortrefflichen Ausführungen über die Rolle der Kommunistischen Partei in der Revolution zeigen, dass hier ein kluger Politiker am Worte ist, der nicht blindlings drauflos putschen will und aus der russischen Revolution gelernt hat. Aber um so mehr muss sein theoretisches Prinzip hervorgehoben werden. Und in weiterer Konsequenz dieser Lehre ist es wieder nicht die ganze Kommunistische Partei, sondern ihre Zentrale, die diese Diktatur ausübt, zuerst innerhalb der Partei selbst, wo sie aus eigener Machtvollkommenheit Personen ausschließt und eine Opposition mit schäbigen Mitteln hinauswirft. Auch in dem, was Struthahn darüber sagt, liegt an sich viel Wertvolles; aber die stolzen Worte über die Zentralisierung der revolutionären Kraft in den Händen altbewährter Vorkämpfer würden mehr Eindruck machen, wenn man nicht wüsste, dass sie zur Verteidigung einer kleinen opportunistischen Politik der Mogelei mit den Unabhängigen und der Sehnsucht nach der Parlamentstribüne dienen solle.

Die Berufung auf Russland, wo die kommunistische Regierung nicht einfach zurücktrat, als große Arbeitermassen sich mutlos von ihr abwandten, sondern straff ihre Diktatur ausübte und die Revolution mit aller Macht verteidigte, passt hier nicht. Es galt da nicht die Eroberung der Gewalt; die Würfel waren gefallen, die proletarische Diktatur verfügte über alle Machtmittel und konnte sie nicht aus der Hand geben. Das wirkliche russische Beispiel findet man in den Tagen vor November 1917. Dort hatte die Kommunistische Partei nie erklärt oder geglaubt, sie solle die Macht ergreifen und ihre Diktatur sei die Diktatur der arbeitenden Massen. Sie erklärte immer, die Sowjets, die Vertreter der Massen, sollten die Macht ergreifen; sie selbst stellte das Programm auf, kämpfte dafür, und als schließlich die Mehrheit der Sowjets die Richtigkeit dieses Programms erkannte, nahm sie die Herrschaft in die Hände, wobei von selbst die Kommunisten ihre ausführenden Organe, die KP die machtvolle Stütze war, auf deren Schultern die ganze Arbeit lastete.

Wir sind keine Fanatiker der Demokratie, wir haben keinen abergläubischen Respekt vor Mehrheitsbeschlüssen und huldigen nicht dem Glauben, alles was sie mache, sei gut und müsse geschehen. Entscheidend ist die Tat, machtvoll ist die Aktivität über die massenhafte Trägheit. Wo die Macht als Faktor auftritt wollen wir sie benutzen und verwenden. Wenn wir trotzdem die Lehre der revolutionären Minorität entschieden ablehnen, so aus dem Grunde, dass sie nur zu Scheinmacht, zu Scheinsiegen und damit zu schlimmen Niederlagen führen muss. Sie wäre anwendbar in einem Lande, wo die Masse ihrer Art nach gleichgültig ist, z. B. eine Bauernmasse ist, die nichts sieht als ihr Dorf und der Landespolitik teilnahmslos gegenübersteht; da könnte eine aktive proletarische Minorität der Bevölkerung die Staatsmacht erobern. Wenn aber in Russland diese Taktik nie versucht oder empfohlen wurde, muss es um so mehr Wunder nehmen, wenn sie für westeuropäische Länder empfohlen wird, wo die Verhältnisse soviel anders liegen.

Mit Recht wird so oft hervorgehoben, dass die Revolution in Westeuropa viel langsamer und schwieriger gehen wird, weil die Bourgeoisie so viel mächtiger ist als in Russland. Aber worin besteht diese Macht? In der Verfügung über den Staatsapparat? Sie war schon einmal verloren. In der Anzahl? Ihr steht eine enorme Arbeiterzahl gegenüber. In der Kommandogewalt über die Produktion? In der Geldmacht? In Deutschland bedeuten diese kaum noch viel. Die Wurzeln der Kapitalmacht liegen viel tiefer. Sie liegen in der Herrschaft der bürgerlichen Kultur über das ganze Volk, auch über das Proletariat. Während einer jahrhundertelange bürgerlichen Periode hat das bürgerliche Geistesleben die ganze Gesellschaft durchtränkt, eine geistige Organisation und Disziplin geschaffen, die durch Tausende von Kanälen in die Massen dringt und sie beherrscht. Durch einen langen zähen Kampf muss dies allmählich aus dem Proletariat ausetrieben werden. Zuerst die liberale und christliche Ideologie, die durch sozialdemokratische Aufklärung bekämpft wurde. Aber gerade die Sozialdemokratie zeigt, wie tief und verschlungen die geistige Beherrschung der Massen durch das Kapital ist: Sie schien die Massen geistig zu befreien und auf eine neue proletarische Weltanschauung zu vereinigen, und nun zeigt sich, dass diese selbstgeschaffene Organisation zu einem Teil der bürgerlichen Weit geworden ist und die Revolution der Massen verhindert. So sind die Widerstände, die das Proletariat der alten bürgerlichen Länder in sich selbst überwinden muss, unendlich viel größer als in den neuen Ländern Osteuropas, wo jede bürgerliche Kultur fehlte und eine kommunistische Tradition die Revolution begünstigte. Tief liegt in den Massen der Respekt für die bürgerliche Rechtsordnung, sichtbar in der Furcht vor dem Geschrei des Terrorismus, in dem Glauben an alle Lügen, in der Zaghaftigkeit der eigenen Maßnahmen. Tief steckt in ihnen die bürgerliche Ethik, die sich durch schöne Redensarten verwirren, durch Heuchelei irreführen, durch schlauen Betrug überlisten lässt. Tief steckt ihnen der alte bürgerliche Individualismus im Blute, der heute glaubt, mit einem Ansturm alles gewinnen zu können und morgen vor der Größe der Aufgabe zurückschreckt.

Das bedeutet nicht, dass der Sieg hier nicht möglich ist: Das Proletariat hat auch gewaltige Hilfsquellen, die zu entwickeln sind; die Umwälzung wird hier viel riesiger sein. Es bedeutet auch nicht, dass eine revolutionäre Machtergreifung auf eine ferne Zukunft aufgeschoben werden muss: Die Verhältnisse können die Massen zwingen, auf einmal sowieso die Macht in die Hände zu nehmen, trotz aller geistigen Hemmnisse, die dann erst nachher im weiteren Kampfprozess überwunden werden. Aber es bedeutet, dass die Revolution durch eine entschlossene Minorität nicht möglich ist. Denn es macht alles, was nicht aktiv für die Revolution ist, zu einer feindlichen Macht in den Händen der Bourgeoisie.

In diesem gesellschaftlichen Milieu steht die revolutionäre Partei nicht inmitten einer Masse, die gleichgültig zuschaut – das scheint nur so; alles was sich scheinbar teilnahmslos zur kommunistischen Propaganda verhält, ist durch die Macht der bürgerlich-kapitalistischen Ideologie fähig, sofort zu einem Werkzeug der Konterrevolution zu werden. Während ein Teil des Proletariats, auf den man rechnete, bei entscheidenden Kämpfen, durch die alte Ideologie lahmgelegt, passiv, schwankend gemacht wird, werden die rückständigeren Teile, deren Passivität man erwartet, zu einer aktiven Hilfstruppe der Bourgeoisie. Die Geschichte der Münchener Räterepublik ist reich an Beispielen für alle diese verschiedenen Tendenzen.

Für die kapitalistischen Länder mit einer geistig mächtigen Bourgeoisie, namentlich solche mit einer alten bürgerlichen Kultur, ist daher jede Abweichung in der Richtung einer blanquistischen Taktik unmöglich und verwerflich. Die Lehre von der revolutionären Minorität, von der kommunistischen Parteidiktatur bedeutet hier eine Unterschätzung der Macht des Feindes, eine Unterschätzung der notwendigen Propagandaarbeit, die zu den schwersten Rückschlägen führen muss. Die Revolution kann nur aus den Massen kommen, nur von den Massen durchgeführt werden. Sollte die Kommunistische Partei diese einfache Wahrheit vergessen und mit den ungenügenden Kräften einer revolutionären Minorität tun wollen, was nur die Klasse tun kann, so wäre eine Niederlage die Folge, die unter den schwersten Opfern die Weltrevolution auf lange Zeit zurückwerfen würde.

Der Kommunist, Bremen, 1920, no. 27.

…um so besser für den Syndikalismus

Drittens noch eine Bemerkung über die Eroberung der politischen Macht. Auf die Frage, wie das Proletariat die Herrschaft erobern kann, und ob diese Eroberung möglich ist, ohne daß die Machtmittel der Staatsgewalt, die die herrschende Klasse dann anwendet, dabei gebrochen werden, geht Kautsky mit keinem Worte ein. Er sucht nicht nachzuweisen, daß meine Darlegungen und Anschauungen unrichtig sind; er sucht sie nur mit einem Namen zu belegen, der den Parteigenosse unsympathisch ist und dadurch ihre Voreingenommenheit weckt. Hat er aber recht, daß diese Anschauungen syndikalistisch sind, um so besser für den Syndikalismus.

Anton Pannekoek, „Zum Schluss“, Neue Zeit, Bd. XXXI, 1, 1912, S. 611-612.