Maximilien Rubel – Die Marx-Legende oder Engels als Begründer (1970)

Die Marx-Legende oder Engels als Begründer (1)

Vorbemerkung


Aus Anlaß der 150. Wiederkehr des Geburtstages von Friedrich Engels hat die Stadt Wuppertal im Mai 1970 eine internationale wissenschaftliche Konferenz organisiert. Nahezu fünfzig Spezialisten aus mehr als zehn europäischen Ländern sowie aus Israel und den Vereinigten Staaten, die bei dieser Gelegenheit zusammentrafen, unterzogen sich der Mühe, den neuen Stand der Forschung über das Denken des Mannes auszuloten, der, neben seinem Freund Karl Marx, weltweit als einer der Begründer des… „Marxismus“ gilt. Zur Teilnahme an der Konferenz eingeladen, wollte ich als Diskussionstext eine Reihe von kritischen Thesen über den Anteil von Engels an der Entstehung der herrschenden Ideologie des XX. Jahrhunderts, des „Marxismus“, unterbreiten. Es schien mir selbstverständlich und wichtig, im Rahmen einer Veranstaltung, die eher „wissenschaftlichen“ Charakter haben als bloße Gedächtnisfeier sein sollte, meine kritischen Bedenken einer Versammlung vorzutragen, der die Probleme vertraut sind, die sich aus der Wechselwirkung zwischen der Entwicklung der Ideen und den Ereignissen und Umstürzen, die die Geschichte des XX. Jahrhunderts kennzeichnen, ergeben. Ich hatte also den Organisatoren ein – in deutscher Sprache verfaßtes – acht Punkte umfassendes Dokument übersandt, dem ich die Überschrift „Gesichtspunkte zum Thema ‚Engels als Begründer’“ gegeben hatte.
Zu meiner Überraschung wurde ich bei meiner Ankunft in Wuppertal von den für die Konferenz verantwortlichen Herren empfangen, die mir ihre Verlegenheit bekannten: meine sowjetischen und ostdeutschen Kollegen, die sich bei der Lektüre meiner Gesichtspunkte gewissermaßen persönlich beleidigt fühlten, drohten die Konferenz zu verlassen, falls mein Beitrag nicht zurückgezogen würde. Nach langwierigen Unterhandlungen einigten wir uns auf eine Formel, die scheinbar geeignet war, die Verärgerung der „wissenschaftlichen“ Vertreter der „sozialistischen“ Länder zu besänftigen: die Thesen würden nicht vom Rednerpult herab vorgetragen, sondern lediglich kommentiert und diskutiert werden. Die Versuchung, über Einzelheiten der durch die Gesichtspunkte ausgelösten Debatte ins Erzählen zu geraten, wäre groß, wenn die vorgebrachten Einwände die Qualifizierung „wissenschaftlich“ verdient gehabt und wenn das Verhalten gewisser Teilnehmer nicht die totale Weigerung offenbart hätten, in eine Diskussion einzutreten, die das Risiko barg, den Gesamtkomplex der ideologischen Positionen des „Marxismus-Leninismus“ in Frage gestellt zu sehen. Gleichzeitig langte diese hartnäckige, wenn nicht gar höhnische Weigerung in den Augen des unparteiischen Beobachters völlig aus, die grundlegende Kritik zu bekräftigen, die man allein gegen die Verwendung des Begriffes „Marxismus“ richten kann, ein Wortgebrauch, dessen Abwegigkeit in eben diesen Gesichtspunkten angeprangert wurde. (2)
Das Nachspiel dieser Konferenz unterstrich aufs neue die guten Gründe für eine solche Anprangerung, die, in Form einer einfachen semantischen Reflexion, in Wirklichkeit eine Verteidigung der sozialen Theorie von Marx gegen die marxistische Mythologie darstellte. In der Tat haben die Organisatoren sich nicht gescheut, die in der „bürgerlichen“ Demokratie allgemein respektierten Grundregeln der Editionspraxis zu missachten: der inkriminierte Text, der auf Anforderung der Verantwortlichen übermittelt worden war, ist in den Sammelband der vorab nach Wuppertal eingesandten Beiträge nicht aufgenommen worden. (3) Habent sua fata libelli…
Es folgt der auf der Wuppertaler Konferenz verworfene Text, ergänzt durch einige zusätzliche Kommentare.

Gesichtspunkte zum Thema „Engels als Begründer“

„Für den schließlichen Sieg der im ‚Manifest’ aufgestellten Sätze verließ sich Marx einzig und allein auf die intellektuelle Entwicklung des Arbeiterklasse, wie sie aus der vereinigten Aktion und der Diskussion notwendig hervorgehen musste.“
(F. Engels: Vorwort zur 4. Auflage des Kommunistischen Manifest, 1. Mai 1890)

I

Der Marxismus ist nicht als ein authentisches Produkt der Denkart von Karl Marx auf die Welt gekommen, sondern als legitimes Geisteskind von Friedrich Engels. Sofern der Ausdruck „Marxismus“ begrifflich sinnvoll ist, ist sein Urheber nicht Marx, sondern Engels, und wenn, heute ebenso wie gestern, der Streit um Marx auf der Tagesordnung steht, so bezieht er sich hauptsächlich auf Probleme, mit denen Engels sich entweder überhaupt nicht beschäftigt hat oder für die er nur Teillösung gefunden hat. Diese Probleme – sofern sie überhaupt gelöst werden können – können also nur mit Hilfe von Marx selbst gemeistert werden. Das bedeutet keineswegs, daß Engels bei den gegenwärtigen Diskussionen außer acht gelassen werden sollte. Aber die Frage ist berechtigt, inwieweit er zu Rate gezogen werden soll bei allen Auseinandersetzungen über jene Schriften von Marx, die, obwohl sie seiner Aufmerksamkeit entgangen sind, nichtsdestoweniger im Mittelpunkt der Diskussion stehen. Allgemeiner ausgedrückt lässt sich diese Frage wie folgt formulieren: wo liegen die Grenzen der Kompetenz von Engels als unbestrittenen Testamentvollstrecker des geistigen Vermächtnisses von Marx, auf das man sich noch immer beruft, um die materiellen und geistigen Probleme unserer Zeit zu erhellen?

II

Diese Frage zwingt dazu, ein zentrales Problem zu prüfen, nämlich das der geistigen Beziehungen zwischen Marx und Engels, den „Begründern“ eines Gesamtkomplexes von ideologischen und politischen Konzeptionen, die unter der künstlichen Bezeichnung „Marxismus“ zusammengefaßt werden. Allein die Tatsache, daß diese Frage gestellt werden muß, enthüllt ein sehr charakteristisches Phänomen unserer Epoche, das man versucht ist, schon jetzt als „Mythos des XX. Jahrhunderts“ zu bezeichnen. Im übrigen sei daran erinnert, daß die „Begründer“ zuweilen selbst die mythologische Interpretation beschworen haben, um den besonderen Charakter ihrer Freundschaft und ihrer geistigen Zusammenarbeit au unterscheiden: Hat Marx sich nicht ironisch auf das Vorbild der antiken Dioskuren oder des Freundespaares Orest und Pylades berufen, während Engels spöttisch von „Ahriman-Marx“ sprach, der „Ormuzd-Engels“ vom Pfad der Tugend abgelenkt habe? (4) Allerdings läßt sich auch eine entgegengesetzte Tendenz festzustellen: die immer häufigeren Versuche, Marx und Engels gegeneinander auszuspielen: der erste wäre der „wahre“ Begründer, wohingegen der zweite auf den Rang eines „Pseudo-Dialektikers“ herabgestuft wird. (5)

III

Jede Nachforschung über die Beziehungen zwischen Marx und Engels ist von vornherein zum Scheitern verurteilt, wenn sie sich nicht von der Legende der „Begründung“ befreit und wenn sie nicht als methodischen Ausgangspunkt die Aporie des Marxismusbegriffes wählt. Es war das Verdienst von Karl Korsch, der damals an der Schwelle einer radikalen Revision seiner intellektuellen Positionen stand, vor nunmehr zwanzig Jahren eine Kritik des Marxismus versucht zu haben, die einer Kriegserklärung gleichkam. Korsch ging indessen nicht so weit, die letzte Konsequenz zu wagen: den Marxismusbegriff von seinem mythologischen Bodensatz zu befreien. Stattdessen beschränkte er sich, nicht ohne in Verlegenheit zu geraten, darauf, die Schwierigkeit durch die Anwendung linguistischer Kniffe zu überwinden, die dazu dienen sollten, wichtige Elemente der marxschen Lehre im Hinblick auf die „Rekonstruktion einer revolutionären Theorie und Praxis“ zu bewahren und zu retten. In seinen Zehn Thesen zum Marxismus heute ist zuweilen von der „Lehre von Marx und Engels“ die Rede, zuweilen von der „marxistischen Doktrin“, mal von den der „Doktrin von Marx“, mal vom „Marxismus“, usw. (6) In seiner 5. These, die über die Vorläufer, Begründer und Fortsetzer der sozialistischen Bewegung handelt, erwähnt Korsch nicht einmal den Namen von Engels, des alter ego von Marx. Dennoch war er nicht weit von der Wahrheit entfernt, als er schrieb: „Alle Versuche, die marxistische Lehre als ein Ganzes und in ihrer ursprünglichen Funktion als Theorie der sozialen Revolution der Arbeiterklasse wiederherzustellen, sind heute reaktionäre Utopien“ (2. These).
Anstelle von „reaktionärer Utopie“ hätte Korsch ebenso gut von „abwegiger Mythologie“ sprechen können, um der Wahrheit nahe zu kommen.

IV

Angesichts der Unmöglichkeit, den Marxismusbegriff rational zu definieren, scheint es logisch, von diesem Wort radikal Abschied zu nehmen, obwohl es so häufig und weltweit gebraucht wird. Diese Vokabel, die dermaßen degradiert worden ist, daß sie nur noch einen mystifizierenden Werbespruch bildet, trägt von ihrem Ursprung an das Stigma des Obskurantismus. Marx hat sich wahrhaft Mühe gegeben, sie sich vom Halse zu schaffen, als er in seinen letzten Lebensjahren, nachdem sein Ruf die um sein Werk errichtete Mauer des Schweigens durchbrochen hatte, die vernichtende Erklärung abgab: „Ich weiß nur dies, daß ich kein ‚Marxist’ bin!“ (7) Die Tatsache, daß Engels der Nachwelt diese – nur allzu aufschlußreiche – Warnung überliefert hat, entbindet ihn nicht von der Verantwortung dafür, daß er der Versuchung erlegen ist, diesen Ausdruck, für den es keinerlei Rechtfertigung gibt, durch seine Autorität zu sanktionieren. Beauftragt, Hüter und Fortbildner einer Theorie zu sein, an deren Begründung er nach seinen eigenen Eingeständnis nur bescheidenen Anteil hatte (8), und überzeugt, ein Unrecht wiedergutzumachen, indem er einen Namen glorifizierte, hat Engels die Gefahr in Kauf genommen, die Entstehung eines Aberglaubens zu fördern, dessen unselige Folgen er nicht ermessen konnte. Heute, Jahrzehnte nach seinem Tod, sind diese Auswirkungen voll sichtbar. Als Engels sich entschlossen hat, aus dem Munde seiner Gegner Formulierungen wie „Marxist“ und „Marxismus“ zu übernehmen, um eine feindselige Bezeichnung in einen Ruhmestitel umzuwandeln, ahnte er nicht, daß er sich mit dieser Gebärde des Trotzes – oder Resignation? – zum Gevatter einer Mythologie machte, die das 20. Jahrhundert beherrschen sollte.

V

Man kann die Entstehung des marxistischen Mythos anhand der Konflikte innerhalb der Internationale verfolgen. Das Bedürfnis, den Gegner und seine Anhänger zu schmähen, machte die „Antiautoritären“ und an ihrer Spitze Bakunin erfinderisch genug, um Vokabeln wie „Marxiden“, „Marxisten“, „Marxismus“ usw. zu erfinden. Allmählich gewöhnten sich die Marxschüler in Frankreich daran, eine Bezeichnung zu akzeptieren, die nicht sie geschaffen hatten und die, von Anfang an dazu bestimmt, sie von den anderen sozialistischen Fraktionen zu unterscheiden, sich schließlich in ein politisches und ideologisches Etikett verwandelte. Von da an bedurfte es lediglich noch der Autorität von Engels, um einen Wortgebrauch zu sanktionieren, dessen Zweideutigkeit von jenen, die ihn sich zu eigen machten, nicht sofort erkannt wurde. Engels verwahrte sich zunächst entschieden gegen den Gebrauch einer solchen Terminologie; er wußte besser als jeder andere, daß er Gefahr lief, die tiefe Bedeutung einer Lehre zu korrumpieren, die als theoretischer Ausdruck einer sozialen Bewegung galt und keineswegs als eine von einem Individuum erfundene Doktrin zum Nutzen einer intellektuellen Elite. Sein Widerstand wurde erst 1889 schwächer, als der Zwist zwischen den „Possibilisten“, „Blanquisten“ und „Broussisten“ einerseits und den „Kollektivisten“ und „Guesdisten“ anderseits drohte, zu seinem endgültigen Bruch der Arbeiterbewegung in Frankreich zu führen, da jede Fraktion beschlossen hatte, ihren eigenen internationalen Arbeiterkongreß zu organisieren. Die Verlegenheit, in der Engels sich befand, ist offenkundig; also sucht er die Gefahr der Verwirrung und der verbalen und ideologischen Korruption zu beschwören, indem er manchmal in Anführungszeichen von den „Marxisten“ und dem „Marxismus“, manchmal von den „sogenannten Marxisten“ spricht. Als Paul Lafargue seiner Besorgnis Ausdruck gibt, daß seine Gruppe als eine „Fraktion“ der Arbeiterbewegung unter anderen eingeschätzt werde, antwortet Engels ihm: „Wir haben Euch niemals anders genannt als ‚the so-called Marxists’, und ich wüßte nicht, wie man Euch anders nennen sollte. Habt Ihr einen anderen, ebenso kurzen Namen, dann macht ihn bekannt, und wir werden ihn mit Vergnügen und ohne Umstände anwenden.“ (9)

VI

Nietzsche hat Ecce homo veröffentlicht, weil er fürchtete, eines Tages von Schülern heilig gesprochen zu werden, die er mitnichten wünschte. Ein vergleichbarer Akt der Vorsicht war im Falle von Marx nicht geboten, obgleich auch dieser nur einen Teil des projektierten Werkes fertig stellen und veröffentlichen konnte. Immerhin kommen die gedruckten und unveröffentlichten Materialien, die er der Nachwelt hinterlassen hat, einem förmlichen, rigorosen Verbot gleich, seinen Namen mit der Sache, für die er gekämpft hat, und mit der Lehre, zu der er sich durch die anonyme masse des modernen Proletariats beauftragt glaubte, zu verknüpfen. Wenn Engels dieses Verbot respektiert hätte und wenn er in seiner Eigenschaft als Testamentvollstrecker von Karl Marx seinen Einspruch gegen den mißbräuchlichen Begriff des „Marxismus“ eingelegt hätte, wäre dieser weltweite Skandal nicht zustande gekommen. Aber Engels hat den unverzeihlichen Fehler begangen, sich für diesen Mißbrauch zu verbürgen, wobei er den zweifelhaften Ruhm erwarb, der erste „Marxist“ zu sein. Er hielt sich für den Erben, in Wahrheit war er der Begründer, unfreiwillig gewiß, aber die Versuchung liegt nahe zu sagen, daß dies die Strafe des Schicksals war. Die von Engels so oft beschworene „Ironie der Geschichte“ hat ihm einen üblen Streich gespielt: er wurde zum Propheten wider Willen, als er an seinem siebzigsten Geburtstag voller Bedauern die Worte sprach: „Es ist mein Schicksal, daß ich den Ruhm und die Ehre einernten muß, deren Saat ein Größerer als ich, Karl Marx, ausgestreut hat.“ (10) Zu seinem hundertfünfzigsten Geburtstag müssen wir ihm das anfechtbare Verdienst und den noch zweifelhafteren Ruhmestitel zusprechen, „Begründer des Marxismus“ zu sein.

VII

In der Geschichte des als Marx-Kult verstandenen Marxismus nimmt Engels den ersten Rang ein. Der menschliche und quasi religiöse Aspekt dieser Freundschaft, der keiner besonderen Analyse bedarf, ist hinreichend bekannt. Was hingegen durchaus einer tiefgehenden Untersuchung bedarf, ist die Auswirkung dieses Verhaltens sowohl auf Marx selbst wie auf seine Epigonen und seine späten Schüler. Immer bereit, als Vorkämpfer der Theorien von Marx zu agieren, hat Engels zahlreiche Ideen geäußert, die sein Freund und Lehrer gewiß nicht kritiklos akzeptieren konnte; das Schweigen von Marx erklärt sich indes aus seinem Bestreben, peinlich die Solidarität zu respektieren, die ihn mit seinem Mitarbeiter verband. Ob er sich mit allem identifiziert hat, was Engels gesagt und geschrieben hat, läßt sich nicht mit Sicherheit feststellen, aber diese Frage ist von untergeordneter Bedeutung angesichts seiner nachweisbaren Bewunderung für die intellektuellen Gaben seines Freundes: er scheute sich nicht, sich als dessen Schüler zu betrachten. (11) Was Marx selbst sich nicht gestattete, ist heute eine unerläßliche Aufgabe geworden, da es darum geht, den behexenden Zauber seiner Legende zu brechen und den Anteil des Werkes von Engels bei der Entwicklung des geistigen Erbgutes des Sozialismus im Zusammenhang mit dem Schicksal der Arbeiterbewegung zu bestimmen.

VIII

Nur wenn man begreift, daß Engels das Talent eines Begründers besaß, wird man verstehen, aus welchem Grund er seine Aufgabe als Herausgeber und Fortsetzer der Schriften von Marx in einer Art und Weise erfüllt hat, die heute mehr denn je zur Kritik herausfordert. (12) Die Schriften von Marx, die Engels außer acht gelassen hat (unter anderen die Vorarbeiten für die Doktordissertation, das Kreuznacher Manuskript Kritik des Hegelschen Staatsrechts, die ökonomisch-philosophischen Manuskripte aus Paris und Brüssel, die Rohfassung der Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie aus den Jahren 1857/1858, die zahlreichen Arbeitshefte und die Korrespondenz mit Dritten), stellen nicht nur den Forscher und Spezialisten vor völlig neue Interpretationsprobleme. Sie lassen neue Kategorien entstehen und bringen neue Lesergenerationen hervor, die sich mit der stereotypen Phraseologie der Berufsmarxisten nicht mehr zufriedengeben können und wollen, und dies um so weniger, als es sich darum handelt, eine Welt zu verstehen und in einer Zeit zu leben und zu handeln, in der Ideologie, Mechanisierung und Manipulation der Gewissen sich zur bloßen Gewalt verbünden, um die Welt in ein Tal der Tränen zu verwandeln.

IX

Die oben skizzierten Thesen sollen den Auftakt zu einer Debatte geben, deren Kernthema das Problem des Marxismus als Mythologie unserer Epoche sein muß. Die Frage, inwieweit Engels für die Entstehung dieses weltweiten Aberglaubens verantwortlich gemacht werden kann, verliert in dem Maße an Bedeutung, in dem man – in Einklang mit der lehre des „materialistischen“ Marx – anerkennt, daß die Ideologien, unter die wir den Marxismus in all seinen Varianten einreihen, nicht vom Himmel fallen. Sie sind ihrem Wesen nach mit Klasseninteressen, die zugleich Machtinteressen sind, verknüpft. Es genügt, Engels als einen legitimen Erben des Denkens von Karl Marx anzuerkennen, um in seinen Namen und zu seiner Ehre den institutionellen Marxismus als eine Schule der Irrungen und Wirrungen für unser eisernes Zeitalter anzuprangern.

Anmerkungen

(1) Vom Verfasser autorisierte Übersetzung aus dem Französischen von Beate Gödde-Baumanns, Duisburg. Alle Marx- und Engels-Zitate in Originalfassung nach MEW.
(2) Als kurzgefaßte Darstellung der Debatten von Wuppertal vgl. Henryk Skrzypczak, „Internationale wissenschaftliche Engels-Konferenz in Wuppertal“, in: Internationale Wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der Deutschen Arbeiterbewegung (I.W.K.), Berlin, Nr. 10, Juni 1970, S. 62 ff. Siehe ebd., S. 81 ff., eine Zusammenfassung der Gesichtspunkte.
(3) Friedrich Engels 1820-1970. Referate – Diskussionen – Dokumente. Internationale Wissenschaftliche Konferenz in Wuppertal vom 25. bis 29. Mai 1970, Hannover, Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, 1970. Meine „Position“ wird dort S. 225 f. wie folgt kommentiert: „Um das Programm des letzten Tages bewältigen zu können, hatte sich der Konferenzrat entschlossen, nach der VI. Session auf die Diskussion zu verzichten und nach der VII. mit der Generaldiskussion zu beginnen. Zunächst wollte Maximilien Rubel fortfahren (?), seine Konzeption zu entwickeln. Er hatte der Konferenz einen polemisch formulierten gegen Engels gerichteten Text eingereicht, ohne diesen dann im Plenum vorzutragen (infolge des oben erwähnten Verbots!). Seinen acht Thesen, die der ursprünglichen Absicht nach eine Debatte über das aktuelle Marxismus-Verständnis hervorrufen sollten, lag folgender Gedankengang zugrunde: Engels habe sich besonders nach Marx’ Tod energisch darum bemüht, den von Marx-Gegnern geprägten Ausdruck Marxismus zu einem sinnhaft definierten Begriff zu erheben. Dabei sei Engels zum Begründer eines von Marx selbst unbeabsichtigten hybriden Denksystems geworden. Die ideologischen Ansätze dieses System hätten sich nach Engels’ Tod dann zu einer zwangläufig klassenbedingten Begriffsmythologie entwickelt.“ Der Bericht geht dann auf die Polemik ein, zu der es in einer vorhergehenden Session zwischen einem ostdeutschen Marxisten, Erich Hahn, und mir über den Begriff der „historischen Mission“ gekommen war, eine Polemik, „in der Engels nur noch eine indirekte Rolle spielte“ (ebd., S. 255 f.).
Es gäbe noch viel über diesen „Kurzbericht“ zu sagen, der meine Grundthese und die „Polemik“, die sich ausgelöst hat, zusammenfaßt. Ich versichere lediglich, daß, weit davon entfernt, „gegen Engels gerichtet“ zu sein, mein Text über den Weg der Kritik an einer historisch negativen Geste des engsten und aktivsten Mitarbeiters von Marx gegen eine gewisse marxistische Schule zielte, deren bloße Existenz die Negation all dessen darstellt, was Marx und selbst Engels für das sozialistische Denken und die Arbeiterbewegung getan haben. Ich beharre nach wie vor auf dem Glauben, daß mein Beitrag, mehr als jeder andere, dem wahren Geist dieser Konferenz entsprach: Hatte diese sich doch zur Aufgabe gestellt, „wissenschaftlich“ das Andenken jenes Mannes zu ehren, der den Begriff des „wissenschaftlichen Sozialismus“ erfunden hat, der aber zugleich auch wußte, daß dieser Begriff identisch ist mit dem des „kritischen Sozialismus.“ Die Konferenz konnte dem Mann, dessen Gedächtnis sie feierlich begehen wollte, wahrhaft Ehre nur dann erweisen, wenn sie sich als Leitfaden und Prinzip ihrer Debatten jenes Wort des Gefeierten zu eigen gemacht hätte:
„Die Arbeiterbewegung beruht sich auf der schärfsten Kritik der bestehenden Gesellschaft, Kritik ist ihr Lebenselement, wie kann sie selbst der Kritik sich entziehen, die Debatte verbieten wollen?“ (Engels an Gerson Trier, 18 Dezember 1889).
(4) Vgl. Max an Engels, 20 Januar 1864; 24 April 1867. Engels an E. Bernstein, 23 April 1883. Man sprach sogar von den beiden Freuden so, als ob es ich um eine einzige Person handle: „Marx und Engels sagt“, vgl. den Brief des ersten an den zweiten, 1. August 1856.
(5) Siehe zum Beispiel den Gegensatz, den Iring Fetscher zwischen der „Philosophie des Proletariats“ von Marx und jener von Engels aufzeigt. Über ihre unterschiedlichen Anschauungen über die „Aufhebung der Philosophie“ und über den Zusammenhang zwischen der Geschichte der Menschen und der Natur; über die für Marx unannehmbare Auffassung von einer „objektiven“ Dialektik der Natur und der Widerspiegelung der Realität im Denken usw. vgl. I. Fetscher, Karl Marx und der Marxismus. Von der Philosophie des Proletariats zur proletarischen Weltanschauung, München 1967, S. 132 ff. Vgl. ferner Donald C. Hodges, „Engels Contribution to Marxisme“, in: The Socialist Register, 1965, S. 297-310; Vladimir Hosky, „der neue Mensch in theologischer und marxistischer Anthropologie“, in: Marxismusstudien, VII, 1972, S. 58-86. Siehe auch J. Habermas, „Zur philosophischen Diskussion um Marx und den Marxismus“, in: Theorie und Praxis, Neuwied/Bonn 1963, S. 261-335.
(6) Vgl. Karl Korsch, Zehn Thesen über Marxismus heute, vervielfältigter Text mit der Angabe: „Zürich, den 4. September 1950“.
(7) Engels präzisiert, daß Marx diese Erklärung im Hinblick auf den „Marxismus“ abgab, der um 1879-1880 „unter gewissen Franzosen“ grassierte, daß aber dieser Tadel ebensosehr einer Gruppe Intellektueller und Studenten im Schoß der deutschen Partei galt; sie und die ganze Presse der „Opposition“ trugen einen „krampfhaft verzerrten ‚Marxismus’“ zur Schau (vgl. den Brief von Engels an die Redaktion des Sozialdemokrat, 7. September 1890, in dieser Zeitung veröffentlicht am 13. September). Über dieses in böser Vorahnung ausgesprochene, sarkastische „Bonmot“ von Marx berichtete Engels bei jeder sich bietenden Gelegenheit; siehe seine Briefe an Bernstein, 3. November 1882; an C. Schmidt, 5 August 1890; an Paul Lafargue, 27. August 1890: „Alles was ich weiß, ist, daß ich kein Marxist bin!“ Der russische Revolutionär G. A. Lopatin, der mit Engels im September 1883 zusammentraf, unterhielt sich mit ihm über die revolutionären Perspektiven in Rußland. Der Bericht, den er einem Mitglied der Narodnaja Wolga gab, enthält folgende Passage: „Erinnern Sie sich daran, wie ich sagte, daß selbst Marx nie ein Marxist gewesen war? Engels erzählte, daß während des Kampfes gegen Brousse, Malon u. Co. gegen die anderen Marx einmal lachend gesagt hat: ‚Ich kann nur eins sagen, daß ich kein Marxist bin! …“ Vgl. den Auszug eines Briefes von Loptain an N. Oschanina, 20. September 1883, in Marx-Engels, Werke, XXI, 1962, S. 489 (übersetzt aus dem Russischen). Nicht gerade in scherzhaftem Ton indes unterrichte Marx anläßlich einer Reise nach Frankreich seinen Freund über seinen Eindruck von den sozialistischen Querelen bei den gleichzeitigen Kongressen in Saint-Etienne („Possibilisten“) und in Roanne („Guesdisten“) im herbst 1882. Die „Marxistes“ und die „Anti-Marxistes“, schrieb er, „beide Sorten“ haben „ihr möglichstes getan, um mir den Aufenthalt in Frankreich zu versalzen“ (an Engels, 30. September 1882). Über seine Meinungsverschiedenheiten mit den russischen „Marxisten“ vgl. Marx an Vera Sassulitsch, 1881, über die Zukunft der Dorfgemeinde in Russland („Economie“, II, S. 1561). Über die Beziehungen zwischen Marx und Engels mit ihren russischen Schülern vgl. Marx-Engels, Die russische Kommune. Kritik eines Mythos. Herausgegeben von M. Rubel, München, Hanser 1972.
(8) Die förmlichen diesbezüglichen Erklärungen von Engels sind zu zahlreich, um hier in Erinnerung gerufen zu werden. Es sei lediglich vermerkt, daß sie nicht den geringsten Zweifel über die Urheberschaft an den großen wissenschaftlichen Entdeckungen lassen, die alle, ausnahmslos, einzig und allein Marx zugeschrieben werden. Unter diesen Erklärungen ist die bezeichnendste vielleicht die Fußnote, die Engels in eine Schrift einfügte, die die Kontinuität der deutschen Philosophie aufzeigen sollte, indem sie ihren würdigsten Erben, Karl Marx; in den Rang eines Systembegründers erhob. Vgl. F. Engels, Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie, 1888 (Originaledition in Werke, XXI, S. 259-307; die Fußnote ebd., S. 291 f.). In dieser Arbeit nahm Engels den offiziellen Taufakt vor, die Theorie nach Marx zu benennen: „Aus der Auflösung der Hegelschen Schule ging aber noch eine Richtung hervor, die einzige, die wirklich Früchte getragen hat, und diese Richtung knüpft sich wesentlich an den Namen Marx“ (S. 291). Und diesen Taufakt wiederholte Engels in der Fußnote, in der er noch präziser erklärte: „Was Marx geleistet, hätte ich nicht fertiggebracht. […] Marx war ein Genie, wir anderen höchstens Talente. Ohne ihn wäre die Theorie heute bei weitem nicht das, was sie ist. Sie trägt daher auch mit Recht seinen Namen“ (S 292, Hervorhebung des Verfassers). Von dieser Stelle an vermag die Schlussfolgerung der Schrift, in der Marx gleichzeitig die Weihen als Erbe und als Begründer einer philosophischen Schule verliehen werden, nicht mehr zu überraschen: „Die deutsche Arbeiterbewegung ist die Erbin der deutschen klassischen Philosophie“ (S. 307). So hatte Engels den Ring geschlossen.
(9) Engels an Lafargue, 11. Mai 1889. nachdem er einmal die abschüssige Bahn der verbalen Konzession betreten hatte, konnte Engels nicht mehr zurück und sah sich gezwungen, auch den letzten Schritt zu tun. Er entschloß sich dazu in dem Moment, las er den Sieg der unter der Führung von Guesde und Lafargue stehenden „Kollektivisten“ gesichert glaubte: „Doch die Position, die wir nach 1873 von den Anarchisten zurückerobert haben, wurde jetzt von ihren nachfolgern angegriffen, und deshalb hatte ich keine Wahl. Nun, wir waren siegreich, wir haben der Welt bewiesen, dass fast alle Sozialisten in Europa „Marxisten“ sind (sie werden verrückt werden, daß sie uns diesen Namen gegeben haben!) und daß sie mit Hyndman, der sie trösten kann, kaltgestellt sind“ (Engels an Laura Lafargue, 11. Juni 1889).
Ironie des Schicksals – ausgerechnet diesem Hyndman hatte Marx davon abgeraten, im Programm der neuen englischen Partei auf seinen Namen Bezug zu nehmen: „In Parteiprogrammen sollte alles vermieden werden, was auf die klare Abhängigkeit von einzelnen Autoren oder Büchern schließen läßt. (Brief an H., 2. Juli 1881).
(10) Brief an die Redaktion des Berliner Volksblatt, 5. Dezember 1890.
(11) „Du weißt, das alles 1. bei mir spät kommt, und 2. ich immer Deinen Fußtapfen nachfolge“ (Marx an Engels, 4. Juli 1864).
(12) Vgl. M. Rubel, Einführung zu Band II der Werke von Karl Marx, Bibl. de la Pléïade, „Economie“, Paris, 1968, S. CXXI ff. Siehe ebd., S. CXXVIII ff., die Liste der „Entdeckungen“, die Marx sich zugesprochen hat. Marx hat sich weder die „Begründung“ des „historischen Materialismus“ noch die Entdeckung des „Mehrwerts“ zugeschrieben. Diese von Engels erdachte Vaterschaft wurde indes von Marx stillschweigend anerkannt. Vgl. zum Beispiel die Rezensionen von Engels in Das Volk, 1859, und seinen biographischen Artikel im Volkskalender, 1877.

Quelle: Im Gegenstrom – Für Helmut Hirsch zum Siebzigsten, herausgegeben von Horst Schallenberger und Helmut Schrey, Wuppertal, Peter Hammer Verlag, 1977, S. 13-24.

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Materialien

Maximilien Rubel:
La légende de Marx ou Engels fondateur
Conseils ouvriers et utopie socialiste
Marx, théoricien de l’anarchisme
Marx als theoretiker des Anarchismus

Louis Janover – Préface au livre de M. Rubel : Marx, critique du marxisme (2000)

Georges Sorel, von dessen Werken M. Rubel („Ethik des Sozialismus“ usw.) eindeutig beeinflusst war, hat seit Ende des 19. Jh. immer behauptet, dass Engels nur ein dogmatischer Vulgarisator Marx‘ sei. Vgl. z.B. Y-a-t-il de l’utopie dans le marxisme ? (1899) und Préface pour Colajanni (1899).

Michael H. Krätke: „Das Marx-Engels-Problem: Warum Engels das marxsche „Kapital“ nicht verfälscht hat“, Marx-Engels-Jahrbuch, 2006, S. 142-170.

Gustav Mayer: Friedrich Engels. Eine Biographie, Berlin 1920 (Band I)


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