Fritz Fränkel – Ernst Joël (1929)

Aus der sozialistischen Ärztebewegung
Ernst Joël †

In die Reihen der sozialistischen Ärzte hat der Tod von Ernst Joël eine schwere Lücke gerissen. Zwar gehörte er dem Verein Sozialistischer Ärzte erst kurze Zeit an (er war in ihm hervorgetreten einem glänzenden Vortrag gegen Korruptionserscheinungen auf dem Gebiete der pharmazeutischen Industrie), aber sein Wirken im Sinne sozialistischer Weltanschauung geht schon viele Jahre hindurch. Joel gehörte zu jenen wenigen mutigen Bekennern, die öffentlich gegen das Massenmorden Stellung nahmen. Er, ein junger Student, allerdings nicht unbekannt, mit Aufsätzen, wie „die Jugend vor der sozialen Frage“, mit einer organisatorisch hervorragenden Betätigung als Leiter des sozialen Amtes der Berliner freien Studentenschaft hatte er die freiheitlich gesinnte Jugend aufhorchen lassen. Bei Ausbruch des Krieges schickte er in Massen jene Flugblätter ins Feld, vor denen die Professoren behaupteten, daß er mit ihnen dem deutschen Volke in den Rücken falle. Aber sie sind ein Ehrendokument für den, der in dem Gewirr einer unendlich kleinen Zeit die Stimme der Menschlichkeit ertönen ließ.
Dann gab Joël den Aufbruch heraus, Gustav Landauer, Bernhard Reichenbach, Kurt Hiller, standen ihm zur Seite. Der „Aufbruch“ wurde verboten und J. wurde von der Universität Berlin relegiert.
Man sieht, es ist kein Zufall, daß er in den Verein sozialistischer Ärzte eintrat. Es ist der Ausdruck einer Weltanschauung, die Joël nicht verkündete, sondern lebte. Für ihn war Sozialismus eine Verpflichtung, die zum Kampf gegen Lüge, gegen Ungerechtigkeit, gegen Gewalt, Zwang, zum Kampf für die Unterdrückten, ob es verwahrloste Jungen, schlecht versorgte Gefangene, oder mit ärztlichen Versuchen bedrohte Patienten waren.
Joël hat daneben eine reiche wissenschaftliche Tätigkeit entfaltet. Ich erinnere an seine Arbeiten auf kolloidchemischem Gebiet, an seine schönen experimentellen Untersuchungen mit Haschisch und Morphium bei Tieren im Institut von Magnus in Utrecht. Er hat späterhin seine ungeheure Arbeitskraft eingestellt auf die Forschung über Rauschgifte. Aber auch hier waren es nicht nur abstrakte Forschungen, die er auf Grund zahlreicher Selbstversuche machte, sondern auch hier stellte er in den Mittelpunkt die Arbeit an dem Kranken, die Fürsorge für den Süchtigen, den Kampf um seine soziale Restituierung, um das Verständnis seiner psychischen Struktur.
Aufklärungsarbeit in weitem Umfang hat Joël an der letzten Stätte seines Wirkens geleistet als Leiter des Gesundheitshauses Kreuzberg. Auch hier zeigten sich seine organisatorischen Talente. Systematisch wurde die hygienische Bildungsarbeit so ins Werk gesetzt, daß schnell breite Massen an ihr Anteil nahmen. Joël war eine ungewöhnliche Erscheinung unter der jungen Ärztegeneration.
In ihm verband sich eine klare Realistik, der Sinn für das Wirkliche mit künstlerischer Phantasie, mit dem Streben nach dem Notwendigen.
Hier hat ein Leben aufgehört, das in sich vollendet die ganze Kraft, die in ihm pulsierte umzusetzen verstand in Forschung, in Belehrung, in tatkräftige Hilfe, in großzügige Propaganda. In eine Propaganda für die Umgestaltung des gesellschaftlichen Lebens in eine solche Ordnung, aus dem die Flucht nicht mehr so dringlich ist.

F. F.

Der sozialistische Arzt, 5 (1929), Heft 3, S. 139-140.


0 Antworten auf „Fritz Fränkel – Ernst Joël (1929)“


  1. Keine Kommentare

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


vier × zwei =