Senna Hoy – Ich traure… (1914)

Ich traure…

Was heißt es, daß ich gelebt und gefühlt und gewußt und gewollt und gesät und gemäht,

Da bald ich nicht mehr bin und die Welt — wer weiß? — noch Äonen fortbesteht,

Da Taten sind, die ich nicht getan, Gedanken brennen, die ich nicht gedacht,

Da Schmerzen peitschen, die mich nicht gequält, da Lachen gellt, das ich nicht gelacht;

Und ich, da meine Totengräber mit Pfeifen und Scherzen ihr Werk anfangen,

Da letztes Sinnen im Hirn vereist und letztes Wünschen im Herzen schrillt,

Ich traure um jedes Verbrechen, das im Leben ich nicht begangen,

Ich traure um jedes Verlangen, das im Leben ich nicht gestillt.

Senna Hoy (Moskau 1914)

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Das Aktionsbuch, Berlin-Wilmersdorf, Die Aktion (F. Pfemfert), 1917, S. 236.


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