Georg K. Glaser: Meuterei im Arbeitsdienst (1934)


Meuterei im Arbeitsdienst

Von
GEORG GLASER

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Die Rekrutenaushebung

Es half uns nichts: Wir mussten zum Freiwilligen Arbeitsdienst. Wir wollten uns schüchtern wehren: «Man kann doch niemanden zwingen. Es ist doch freier Wille.»
Donnerwetter kamen wir an den Richtigen: «Was denkt Ihr Dreckschweine Euch eigentlich?! Fresst und sauft, lasst Gott einen guten Mann sein! Alles andere gilt für Euch nicht! Wir (damit meinte er sich und seine Kollegen vom Amt) arbeiten Tag und Nacht mit aller Kraft am nationalen Aufbau. Wir kommen nicht zum Schlafen, und die jungen Herren holen sich jede Woche ihr Geld, leben lustig und guter Dinge, trinken und huren herum. Das hört aber auf, ihr Wegelagerer!»
Er musste wissen, wie man mit sieben Mark in der Woche leben konnte. Der gemeine Hohn seiner Worte stiess uns bitter auf. Das dreckige Leben, das wir in Wirklichkeit führten, trat uns vor Augen. Damit erschien uns mit einem Mal der Arbeitsdienst nicht als das Schlimmste. Regelmässig essen, Sport treiben, Sauberkeit und Ordnung. Wir meldeten uns zu acht und hatten das Gefühl von Belagerten, die einen letzten verzweifelten Versuch machen, ihr Leben zu retten. Vielleicht würde es wirklich besser.

Das Lager
(Beschrieben in der dritten Woche)

Tausend Meter abseits jeder Landstrasse war das feste riesige Einfahrtstor unseres Lagers. Flankiert von einem Büschel Bäumen. Dahinter lag der Hof, von dem regelmässigen Viereck der Gebäude eingeschlossen. Die nach aussen gehenden Fenster waren vergittert. Durch diese Fenster sahen wir die endlosen Ackerflächen, über die wir jeden Tag drei Stunden lang gehetzt wurden. Im Lager ging alles wie am Schnürchen. Der Hof war blank und hatte die Hände an der Hosennaht. Darauf sahen unsere zahlreichen Vorgesetzten sehr, und sie liefen deshalb den ganzen Tag umher, guckten in die Werkstätten, schnüffelten im Abort, ob nicht heimlich geraucht wurde, schrien und kommandierten. Sie träumten tagsüber von Parade und Epauletten und nachts von dafür begeisterten Mädchen. Uns war die Soldatenspielerei blutiger Ernst, denn wir wurden dabei wie Putzlappen ausgewrungen.

Die Felddienstübung
(Beschrieben in der siebten Woche)

«Auf». «Hin».
Wir folgten wütend.
«Auf». «Hin».
Wir liessen uns auf die nassen Äcker fallen und fluchten heimlich.
«Auf». «Hin».
ER machte einen gemeinen Witz über die Ursache unserer Müdigkeit. Wir waren gewiss nicht prüde, aber wenn einer von ihnen Zoten machte, misshandelte er unsere Empfindungen, wie er durch seine Befehle unsere Körper quälte. Er sah dann aus, als hätte er seinen Hintern im Gesicht.
«Auf». «Hin».
Als ER uns das fünftemal hinschmeissen liess, wurden wir rot, über die Schmach, und beim sechstenmal fingen wir an zu winseln. ER wurde allmählich faul und schrie nur noch:
«A». «Hi». «A». «Hi». «A». «Hi».
Unsere Leiber klatschten die nasse Erde glatt, wir frassen Krumen, und unsere Nasen stiessen in die bröckeligen Hänge der Ackerfurchen. Ihr kühler Geruch mischte sich mit dem unseres Schweisses.
ER erklärte: «Der vierte Maschinengewehrhalbzug deckt aus der Flanke das Vorgehen der Abteilung.»
Das hiess vorläufig Ruhe. Wir blieben regungslos liegen. Die Wut über die Schinderei rührte unser ganzes Elend in uns auf. Seit zwanzig Tagen schliefen wir in den Monturen. Die Baracken waren nachts zu kalt. Die Hälfte hatte Krätze und Typhus. Wagte jemand zu schimpfen, liess ER ihn halbtot schlagen. So spielten ER und seine Kumpane mit uns Krieg und braunen Sozialismus. Wehrte sich einer, ging es ihm wie so vielen. Wann fand das ein Ende?
Die Kühle der Erde wurde zur Kälte. Wir begannen zu frieren. An Widerstand dachten wir wie an ein anderes Land. Bei uns war alles wie kahlgefressen. Wir waren wie auf einer Insel, über deren weite Ebene nur der scharfe Wind der blutigsten Unterdrückung blies. In unserer Brust lebten noch die Melodien der Arbeiterlieder aus den Gassen unserer Stadt, aber es schien uns, als sei es fünfzig Jahre her, dass sie an ihren Wänden hochgewachsen waren. Alles war tot. Wir standen ohne Anschluss. Um uns war nur noch Hunger und der elende Kriegsrummel.
Manchmal scheint es, als ob eines schönen Tages alles in sein Gegenteil umschlägt. Dann wirkt der Terror nicht mehr furchtbar, sondern lächerlich. Dann werden wir den Betrug aufzeigen. Diese Bande.

Der Marsch
(Beschrieben in der neunten Woche)

Wir marschierten in Viererreihen. Graugrüne Monturen. Die breiten Rücken der Vordermänner gingen auf und nieder. Alles schwankte. Die graue Luft erstickte ein bisschen Singsang. Wir waren unsäglich allein.
Keiner sprach, aber unsere Gedanken waren die gleichen, und wir wussten das voneinander. Es hatte in den ganzen neun Wochen niemand davon gesprochen, aber wir trugen es alle mit uns herum. Jeder hatte sich sorgfältig gehütet, davon zu sprechen, aber plötzlich überschritten wir die Angst wie eine Grenze.
Ich weiss nicht, wie es bekannt wurde. Vielleicht sah jemand die Hand seines Nebenmannes zittern, als der Ober eine Gemeinheit vorhatte. Oder einer fluchte heimlich und andere hörten es wie eine Botschaft. In wenigen Tagen entstand eine unerhörte Stimmung im Lager. Beim Essen wurde gemurrt.
Wir stürmten unter höhnischen Rufen den Essraum. Wir schimpften laut und frech. Kaum hatten wir ein wenig Mut bekommen, als wir über das Ziel hinausschossen und die eigene Macht überschätzten. Aber eins war so sicher wie die Steuer: es gab einen ganz grossen Stunk.

Wir marschieren zum lieben Gott

Sonntag morgen wirbelten die Trommeln zum Kirchgang. Wir traten in Stirnreihe an. Vor uns traten wie auf eine Bühne unsere Herren Führer. Sie wussten, wie es um uns stand, und genossen mit höhnischem Stolz die Ruhe, die ihr blosses Erscheinen verursachte. Sie sahen wohl, wie lauernd und gespannt diese Ruhe war, und musterten uns aus tückischen Augen.
Wir rührten uns nicht. In unseren Augen wurde eine Wut, ein stetiger, stiller Protest wach. Der Ober schmetterte seine Befehle: «Achtunk! Apzählen!» Und wir schrien soldatisch knapp: «Eins, zwei, drei, vier, eins, zwei, drei, vier».
«Halt», stoppte der Ober ab: «Ekksakter! Nochmal von vorn». Wir waren ärgerlich und fingen noch einmal an: «Eins, zwei, drei, vier».
Als wir das drittemal von vorn anfangen mussten, ballte die hintere Reihe die Hände, und das viertemal brüllten wir vor Wut: «Eiins». «Zweii». «Dreii». «Vier». «In Viererreihen rrechts schwenkt marrsch!» Eine Kolonne mit Kanten so genau wie ein Pappkarton stand da. Der Ober zwirbelte seinen Schnurrbart: «Im Gleichschritt marrsch». Wir kochten und dachten im Takt unserer Schritte: «Schwei-ne-Hun-de Schwei-ne-hun-de».
Wir setzten alles auf eine Karte. Wir mussten uns Luft schaffen. Wir wurden mit uns nicht mehr fertig. Ich weiss nicht, wer damit anfing, jedenfalls summte plötzlich der ganze Zug den Rotarmistenmarsch. Wir summten unsere Wut durch die Zähne. Der Ober ging mit strafenden Blicken dagegen an, aber wen er anblitzte, der war so lange ruhig. Den ganzen Zug konnte der Ober nicht übersehen, und er hätte sich wirklich gern auf den- Kopf gestellt, wenn dadurch die Summerei aufgehört hätte. Wir summten auf dem ganzen Weg dieselbe Melodie.
So marrrschierten wir zur Kirche.

»Internationale Literatur« (Moskau), Jg. 4, H. 2 (März/ April 1934), S. 78-80.


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