Franz Jung – Ernst Fuhrmann – 70 Jahre

Ernst Fuhrmann – 70 Jahre

In diesen Tagen wird Ernst Fuhrmann 70 Jahre alt. Von seiner Wohnung in Flushing geht der Blick über das Gelände, das vom Flugplatz La Guardia zum Wasser hin abfällt, Tor in die Welt, von der Fuhrmann sich schon seit vielen Jahren zurückgezogen hat, vor bald 20 Jahren, als er als Flüchtling vor dem Hitler-Regime nach den Staaten gekommen war. Das Zimmer bietet noch gerade Raum für einen Stuhl, den Tisch mit der Schreibmaschine und einen Divan, der allerdings erst vorn Manuskripten, Zeichnungen und Photos geräumt werden muss, wenn selten genug ein Besucher kommt, der Platz nehmen soll.
Die meisten dieser Besucher kommen aus Israel, Mitarbeiter und Angestellte der Regierungsinstitute und Laboratorien, die sich mit Bodenuntersuchung, Fruchtfolge im Anbau und der Besiedlung des Negeb befassen. Ihre Grundplanung ist Fuhrmanns biologischer Perspektive stark beeinflusst, viele dieser Beamten sind Freunde Fuhrmanns aus alter Zeit. So vollgetropft die Wohnung mit Büchern, Manuskripten und Bildatlanten ist, so ist doch noch Raum vorhanden für die Pflanzen, mit und an denen Fuhrmann experimentiert. Anstelle eines landoffenen Laboratoriums, das ihm Henry Wallace seinerzeit zur Verfügung stellen wollte und später der Farmerverband in Iowa, arbeitet Fuhrmann lieber im kleinsten Rahmen in einer Ecke im Zimmer, an Pflanzstoffversuchen, die an sich eine Lebenszeit brauchen, ehe sie schlüssige Erkenntnisse bringen können.
Ernst Fuhrmann, in Hamburg als Sohn einer begüterten Kaufmannsfamilie geboren, ist heute in seiner Generation einer der umstrittensten Persönlichkeiten, von der anthropologischen Berufswissenschaft gehasst, von der orthodoxen Biologie mit Misstrauen betrachtet und von einer kleinen Schar von Anhängern und Freunden auf den Schild gehoben; wie so oft für die Charakteristik eines Außenseiters kämpft Fuhrmann gegen seine Freunde und ignoriert seine Feinde.
In weiteren Kreisen bekannt geworden ist Fuhrmann erstmalig nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs als Leiter des Folkwang Museums in Hagen. Das von dem Siegener Industriellen Hirschland mit einer Millionenstiftung ins Leben gerufene Folkwang Museum ist als ein Forschungs- und Sammlungs-Zentrum vorhistorischer Kulturen im Ausland bekannter geworden als in Deutschland, wo erst die Inflation die Mittel aufgezehrt, später das Hitlerregime die Bestände verschleudert und schliesslich der Alliierten die Restbände vernichtet hat.
Von Fuhrmann stammt aus dem Folkwang-Verlag die Sammelreihe „Material zur Kultur- und Kunstgeschichte aller Völker-Kulturen der Erde (Bildwerke)“. Diese Bände sind heute noch in jeder grösseren Bibliothek der Welt vorhanden, dagegen kaum noch in Deutschland. Daneben existieren Dutzende von Sonderstudien über vergleichende Sprach- und Lautforschung der Ursprachen, Sammelwerke über die Bildwerke der Osterinsel, den vorgeschichtlichen Grabbau und die Mayakultur. Schon Ende der 20er Jahre, als das Folkwang-Museum zu einem Schattendasein aus Mangel an Mitteln herabgesunken war, hatten Freunde versucht, durch Gründung einer „Ernst Fuhrmann-Gesellschaft“, in der so verschiedenartige Persönlichkeiten wie der Kulturphilosoph Pannwitz und der finnische Komponist Sibelius vertreten waren, in einer auf 10 Bände berechneten Gesamtausgabe die Arbeiten zu sammeln.
Der Vorschatten des Hitlerregime machte diesen Bemühungen ein Ende. Hitler passste die Richtung nicht, noch weniger der Autor, der in einem Essay in der Frankfurter Zeitung die These vertreten hatte, dass als die reinen Teutonen die Franzosen anzusprechen seien, während das, was man gemeinhin als germanisch – deutsche Rasse zu bezeichnen beginnt, eine rassisch vielfältig zusammengesetzte Mischung aus Ausgestossenen, Minderwertigen und Zurückgelassenen, den „Fusskranken“ der Völkerwanderung.
Nach weiteren 20 Jahren hat wiederum der inzwischen weiter stark eingeschränkte Freundeskreis eine Vorstoss gewagt und eine zweite Sammelausgabe „Neue Wege“, diesmal in 5-Bänden ermöglicht. Sie ist entweder vom Autor selbst (35-05 Parsons Boulevard, Flushing) oder in Hamburg vom Verlag Wilhelm Arnold zu beziehen.
Ernst Fuhrmann schuf ein umfangreicher Lebenswerk, auf das er heute zurückblickt. In den Verzweigungen und Ausblicken von phantastischen Ausmass besteht es aus einem ständigen Sammeln und Aneinanderreihen von Erkenntnissen, die sicherlich einmal bei irgendwem und irgendwann auf fruchtbaren Boden fallen und aufgehen werden. Ein erbarmungsloser Kampf des Autors gegen eine Umwelt, die ihn zu erdrücken beginnt… wenn es mir erlaubt ist zu sagen, in den Schrecknissen der immer bitter werdenden Vereinsamung. Für die Gegner und Zweifler und die grosse Masse der völlig Uninteressierten sollte dieser Augenblick des Gedenkens an Ernst Fuhrmann en Teil der Achtung sein, die wir später einmal ihm schulden werden… alle.

Franz Jung.
San Francisco.

Aufbau, 26. Oktober 1956.