Narzissmus-Entziehungskur I

Das leben, das uns geliehen ist, an dessen Grenzen nicht bloß nach der Zukunft hin, sondern auch nach der Vergangenheit hin, für die Zeit vor der Geburt, ein Leben der Welt steht, bei dem wir als dieses Einzelwesen, das wir sind, nicht dabei sind, dieses Leben müssen wir ausfüllen mit unserem besten Wesen. Es liegt alles in dem wunderbaren Spruch, der aus dem deutschen Mittelalter überliefert ist:

Ich komme, ich weiß nicht, woher,
Ich fahre, ich weiß nicht, wohin,
Weiß nicht, warum ich so fröhlich bin.

Nur dadurch, daß wir dieses dritte Weiß-nicht in ein Wissen verwandeln; indem wir unser Leben zur Aufgabe wandeln, die wir uns selbst setzen, finden wir auch Beruhigung und Wissen über das Woher und Wohin. Diese Aufgabe hat aber gar nichts mit Ehrgeiz oder äußeren Erfolgen zu tun; wie könnte jedes Menschenkind berufen sein, ein Ausnahmemensch zu sein? Darauf kommt gar nichts an. Unsere Aufgabe ist, gut zu sein; anzuerkennen, durch die Tat und den stillen Umgang im Kleinen und Täglichen, daß die Menschen und alles, was Leben hat, uns nicht als Gegenstände für unseren Genuß gegeben sind, sondern als solche, die in allem Wesentlichen gerade so beseelt sind wie wir.

(Brief von G. Landauer an Gudula Landauer, 30. September 1918 – Gustav Landauer – Sein Lebensgang in Briefen, II, S. 263ff.)