Archiv für November 2013

Blackbird Raum (by Russ Nicholson)

Lucioles n°13 – Bulletin anarchiste du Nord-Est de Paris (novembre 2013)

Lucioles

Gustav Landauer – Das glückhafte Schiff (1912)

DAS GLÜCKHAFTE SCHIFF

Ich muß wieder bitten, daß Sie den Atlas zur Hand nehmen. Politik = Geographie + Geschichte; anders kann ich nichts Vernünftiges darunter verstehen. Schlagen Sie also die Karte Europas auf und ziehen Sie eine Linie, die zunächst annähernd gerade verläuft, von Nizza über Genf—Belfort—Nancy nach Luxemburg; da biegen Sie etwas nach Westen ab und gehen ungefähr über Jemappes und Mons nach Brügge und landen westlich von Ostende und Nieuport an der Nordsee. Diese Linie sei die Achse eines bald breiteren, bald schmäleren Streifens Land, der vom Mittelmeer bis zur Nordsee reicht. Da haben wir also Savoyen, die Schweiz, Elsaß, Lothringen, Luxemburg, Belgien und Holland. Savoyen gehört zurzeit zu Frankreich, ist aber seit Jahrhunderten ein strittiges Gebiet; bewohnt ist das Land von dem nämlichen Menschenschlag wie die italienische und französische Schweiz; diese Stämme sind nur durch gewalttätige Zufälle der Geschichte auseinandergerissen worden. Die Schweiz! Gleichviel was für Abenteuer und Gewalten diese Menschen italienischer, französischer, rhätoromanischer und deutscher Zunge in einer Geschichte von Jahrhunderten zusammengeschweißt haben, daß heute die Schweiz eine zur Natur gewordene Einheit, einen italienisch-französisch-deutschen Dreibund zu bilden bestimmt ist, der noch ganz anders ein von Natur und Geschichte geschaffenes mächtiges Bollwerk der Freiheit wäre, wenn diese Eidgenossenschaft nicht fortwährend politisch und wirtschaftlich von den Militärmächten bedroht wäre und um ihrer Freiheit willen ihre Freiheit selber beschränkte, das kann keiner leugnen. Elsaß und Lothringen ist ein aus Deutschen und Franzosen gemischtes Gebiet, seit über einem Jahrtausend strittig, Grund zu wilden Kriegen, hin und her geschoben und nie zur Ruhe gekommen. Der französisch-deutsche einheitliche Menschenschlag des Elsaß gehört seiner Volksbeschaffenheit nach durchaus zu den Schweizern. Diese Einheit, die gefühlt wurde, gleichviel ob französische oder Reichsherrschaft im Lande war, kommt zum schönsten Ausdruck in dem Wahrzeichen des glückhaften Schiffs, das an einem Tag von Zürich nach Straßburg ruderte und einen Hirsebrei, der in Zürich gekocht und dann aufs Schiff gebracht war, noch warm den Straßburgern übergab. Der Meister Johann Fischart hat diese Fahrt zum ewigen Gedächtnis in ein Gedicht gebracht, in dem aufs trefflichste zum Ausdruck kommt, daß Volksgemeinschaft nicht zustande kommt durch Kriegsgewalt und Tyrannenlaune, so wenig wie diese die Natur bezwingen können, sondern daß es Arbeit und freundwillig hilfs¬bereite Nachbarschaft sind, die über feindliche Naturmächte siegen und Völker und Gemeinden zu eins schmieden.

Man liest von Xerxes dem Beherrscher
Des Aufgangs und der edeln Perser,
Welcher neunhunderttausend Mann
Führet wider die Griechen an,
Daß, als er hätt’ zu Meer gestritten
Und sehr großen Verlust erlitten,
Da ward er so ergrimmet sehr,
Daß er ließ geißelen das Meer
Und warf Ketten drein, es zu stillen
Und es zu fesseln nach seim Willen.
Aber was half ihm dieser Hohn?
Soviel als nichts, er floh davon.

So hebt Fischart an, um gleich zu zeigen, wie die Wut des Gewalttätigen ohnmächtig ist gegen die Natur.
Aber Arbeit und gegenseitige Hilfe der Menschengemeinden schafft eine zweite Natur, die es mit der ersten aufnehmen kann.

Denn nichts ist also schwer und scharf,
Das nicht die Arbeit unterwarf,
Nichts kann kaum sein so ungelegen,
Welches nicht die Arbeit bring zuwegen.

So sind für diesen kernhaften Dichtersmann und ehrenfesten Bürger Zürich und Straßburg, die Schweiz und der Elsaß von altersher in Treuen durch Arbeit und Freundschaft miteinander verbunden; und wie das Schiff, das aus der Limmat in die Aare gefahren war, nun in den Rhein einbog, da brauste der Fluß in starker Freude auf, und der Vater Rhein rief aus den Wellen:

Frisch dran, ihr liebe Eidgenossen,
Sprach er, frisch dran, seid unverdrossen,
Also folgt eueren Vorfahren,
Die dies taten vor hundert Jahren!

Vor hundert Jahren, — in der Schlacht von Murten nämlich im Jahre 1476, wo die Gewaltherrschaft Karls des Kühnen, des Herzogs von Burgund, unter dem Ansturm der vereinigten Elsässer und Schweizer den ersten Stoß erhielt, bis sie ein Jahr darauf bei Nancy auch in Lothringen und den Niederlanden zusammenbrach und der Tyrann, der gewalttätig durchsetzen wollte, was nur die geeinigte Volksnatur schaffen kann, den Tod fand.

Ihr sucht die alt Gerechtigkeit,
Die eure Alten han bereit,
Dieselbig will ich euch gern gönnen,
Wie es die Alten han gewonnen,
Ich weiß, ich werd noch oftmals sehn
Solches von euern Nachkommen gschehn.
Die Arbeit trägt davon den Sieg
Und macht, daß man hoch daherflieg
Mit Fama, der Ruhmgöttin herrlich,
Denn was gschieht schwerlich, das wird ehrlich.

Herrliche Worte läßt Fischart den Vater Rhein sagen zum Ruhm der Arbeit, die Völkerbünde schafft und Natur und Gewalttat überwindet; und wie die Philologen nicht verstanden haben, daß Fischart an die revolutionäre Kampfgenossenschaft der Schweizer und Elsässer „vor hundert Jahren“ erinnert (sie haben gemeint, er denke an eine frühere Fahrt zu einem Schützenfest; ja freilich, ein Schützenfest sonderlicher Art war sie, die Freiheitsschlacht bei Murten!), so werden wir wohl besser als philologische Deuter die Allegorie der gleich folgenden Verse verstehen:

Mit solchen Leuten soll man schiffen
Durch die Meerwirbel und Meerriffen,
Mit solchen fürcht man kein Meerwunder
Und kein Wetter, wie sehr es tunder,
Mit solchen darf man sich vermessen,
Daß einen fremde Fisch nicht fressen,
Denn diese alles überstreiten
Durch ihr unverdrossen Arbeiten.

Wir können wissen, wer die Meerwunder und die fremden Raubfische sind, gegen die die Arbeit obsiegt, wenn wir daran denken, daß diese Dichtung entstand in der Zeit, wo das revolutionär-republikanische Bürgertum sich der absoluten Fürstenmacht erwehrte, wo die Freiheitskämpfe in England, Frankreich und den Niederlanden ausgefochten wurden.
Haltet zusammen in Arbeit, ihr Schweizer und Elsässer, ruft Fischart ihnen zu, wie es die Wassergeusen in den Niederlanden getan haben!
Da haben wir wieder, wie von selbst stellt sie sich ein, die Linie, die vom Mittelmeer zur Nordsee führt, das Band zwischen der Schweiz und dem Elsaß und den Niederlanden. Lothringens und Luxemburgs Bewohner verbinden in langsamem und allmählichem Übergang die oberdeutsch-französischen Schweizer und Elsässer mit den niederdeutsch-französischen Belgiern und Holländern.

Man muß mindestens bis zur Zeit Karls des Großen und seiner Nachfolger, also um mehr als tausend Jahre zurückgehen, um erstmals die Zusammengehörigkeit der Völker dieses langen Landstreifens zu finden. Damals sollte dieser Staat vom Mittelmeer zur Nordsee als eine politische Selbständigkeit zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich bestehen. Und immer wieder wurden die Länder zerrissen, die französischen Könige, die deutschen Kaiser, die Habsburger zerrten herüber und hinüber, und der großartig gewalttätige Versuch Karls des Kühnen, Großburgund neu zu schaffen, scheiterte zumeist an der Freiheitskraft der Völker selbst.
Und doch — was haben, zwar freilich nicht die Herrscher, was haben jedoch trotz alledem die Völker, was hat die Geschichte zustande gebracht?
Die Schweizer Eidgenossenschaft hat sich Freiheit und Selbständigkeit erkämpft und bis heute behauptet; die Niederlande haben sich der habsburgisch-spanischen Gewaltmacht entrissen und die erste Republik des modernen Europa gegründet. In all den Wechselfällen der Geschichte sind sie doch immer selbständig und relativ frei geblieben, wenn sie auch zurzeit konstitutionelle Monarchien sind. Die Schweiz, Belgien, Holland sind neutrale Staaten und wären alle drei dem Schlag ihrer Völker nach weitaus freiere und sozialere Volksverbände, wenn sie nicht sich aus Furcht vor den Militärmächten, vor allem dem Deutschen Reich, selbst den Militarismus und vielfache Knechtschaft aufgelegt hätten.
Wie seltsam aber! Elsaß und Lothringen, die das natürliche Bindeglied, im Süden nach der Schweiz, im Norden nach den beiden Niederlanden hin sind, diese beiden Länder sind zwar durch den Reunionskrieg vom Herbst 1870 wieder einmal Glieder des Deutschen Reiches, der am meisten auf Gewalt und Disziplin beruhenden Militärmacht Mitteleuropas geworden, aber sie sind trotzdem heute der freieste Staat Deutschlands mit der demokratischsten Verfassung und dem entschiedensten Parlament und vor allem mit dem Volk, das am ehesten darauf aus ist, Selbstbestimmung zu üben.
Man nehme noch einmal die Karte, diesmal die Deutschlands zur Hand und lasse sich von der Geographie handgreiflich zeigen, wie die Freiheit im Deutschen Reich vom Westen her kommt und nach Osten zu immer mehr abnimmt. Elsaß-Lothringen, Baden, Hessen, Rheinland, Württemberg, das sind die Länder, die entschiedene Einflüsse von Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz empfangen, wie man eben darum Einflüsse nimmt und gibt, weil man von Haus aus ähnlich ist. Die alte Regel: Similia similibus oder Gleich und Gleich gesellt sich gern. Man nimmt stets voneinander, weil man zusammenpaßt; und man paßt immer enger zusammen, weil man immer mehr voneinander nimmt. Und so entsteht immer, was man eine Wechselwirkung, besser eine Gemeinschaft nennt. Völker und Völkerverbände entstehen, weil die Passenden einander geben und nehmen, weil Geber und Nehmer zueinander passen. Nach Friesland und der Waterkant hinüber merkt man deutlich die Mischung der Einwirkung und Verwandtschaft zu den Niederlanden und England einerseits, Altpreußen andrerseits, ebenso wie Bayern in seinem seltsamen Gemenge aus Freiheit und Gefangenschaft in den echt bayrischen Landesteilen anmutet wie eine Verbindung der freien hellen Schweiz und des dunklen versklavten Tirol, in seinen fränkischen aber zusammengesetzt scheint aus rheinländisch-freien Bestandteilen, die den Main heraufzogen, und preußischen, die über Thüringen eindrangen.
Wunderschön und innig wahr ist das Bild, das Fischart für die Gegenseitigkeit geographischer Nachbarn gibt, die zueinander passen und voneinander nehmen:

Hier sieht man, warum Gott die Flüss‘
Geschaffen hat, nur darum gwiß,
Damit man durch ihr Mittelweg
Nachbarschaft besuch, halt und pfleg:
Wie man denn liest, daß ob den Bronnen
Und den Bächlein sich hab angesponnen
Der Menschen erstlich Nachbarschaft,
Daraus kam Sippschaft, Schwägerschaft
Und folgends Dörfer, Flecken, Städt’,
Wie es noch gibt die täglich Red’,
Daß man spricht: Wir sind Nachbarn nach *),
Wir schöpfen Wasser aus einem Bach.
Und Gott geb, daß die Nachbarschaft
So lang in Freundschaft bleib verhaft,
Solang die Ström’ zusammenfließen
Und untereinander sich begrüßen!

Wie sanft und freundlich gehen uns diese liebreichen Menschenworte, die ein deutscher Mann vor mehr als dreihundert Jahren in Straßburg gesprochen hat, in das Ohr, in dem noch die rauhe, unwirsche Rede klingt, die in derselben Stadt der deutsche Kaiser geführt hat. Gleichviel, wie der Wortlaut war, da ist etwas in Scherben geschlagen worden, noch dazu etwas, was noch lange nicht ganz war!
Was man Nationen oder auch Rassen nennt, beruht wohl von Hause aus am wenigsten auf Unterschieden in der Blutmischung, dem körperlichen Bau und den physiologischen Funktionen. Viel beträchtlicher ist die gemeinsame Geschichte in Sprach-, Sitten- und Geistesgemeinschaft. Völkervermischungen und Abstammungen kommen auch dazu; aber wie man nicht recht sagen kann, ob die Völker voneinander nehmen, weil sie verwandt sind, oder ob sie verwandt werden, weil sie lange voneinander genommen haben, so läßt sich meist nicht entscheiden, ob die nationale Zusammengehörigkeit von der leiblich-seelischen Ähnlichkeit kommt oder sie schafft. Das Wesentliche ist: diese Ähnlichkeit, diese Gleichheit im Ungleichen, diese verbindende Eigenschaft zwischen den Volksgenossen, dieser Gemeingeist ist eine Tatsächlichkeit. Überseht sie nicht, ihr Freien und Sozialisten; der Sozialismus, Freiheit und Gerechtigkeit ist nur zu schaffen zwischen den von alters Zusammengehörigen, und nicht abstrakt wird ein Sozialismus hergestellt werden, sondern in konkreter Mannigfaltigkeit je nach den Völkerharmonien. Und auch die Völkerverbrüderung ist nicht etwas, was auf einmal und verschwommen für die ganze Menschheit kommt, sondern was in der Bestimmtheit, die sich aus den Tatsachen im Raum und dem Geschehen in der Zeit, aus Geographie und Geschichte ergibt, bunt und vielfältig zu schaffen ist.
Damit aber diese neuen, in der Geschichte seit Jahrhunderten angelegten Völkerverbände zum Segen der ganzen Menschheit, zur Vorbereitung der wirklichen Menschheit kommen können, gilt es allerdings, entschieden und unverblümt allen Menschen, die es angeht, von den Wirklichkeiten zu reden, die sich langsam angebahnt haben. Alle Völker Europas gehen die Tatsachen und Zusammenhänge an, die heute kaum von einem beachtet werden und darum in dieser Betrachtung an ihre Stelle gerückt werden sollen. Die Völker Europas sollen bedenken, was für ein unnennbarer Schaden ihnen allen, zumal in ihrem innern Leben durch den Krieg geschieht, der seit zweiundvierzig Jahren zwischen Deutschland und Frankreich um Elsaß-Lothringen tobt und den man bewaffneten Frieden nennt. Nenne man die Dinge nur beim rechten Namen und gestehe man sich die Wahrheit ein: seit über tausend Jahren geht zwischen Frankreich und dem Deutschen Reich der kriegerische Zank um die Länder zwischen der Schweiz und den Niederlanden, wie er Jahrhunderte hindurch auch um die Schweiz und die Niederlande getobt hat und wie er heute noch die Freiheit eben dieser Länder bedrückt und bedroht. Wer da glaubt, der Frankfurter Frieden habe diesem Streit ein Ende gemacht und könne mehr als eine flüchtige Episode sein, leidet bedauerlich an durch Chauvinismus erzeugter geschichtlicher Kurzsichtigkeit.
Man wird einwenden wollen, wenn erst die Staatsorganisation gefallen sei, hörten damit auch diese sinnlosen Eroberungs- und Wiedergewinnungskriege auf. Ja freilich, wenn! Eben zu diesem Wenn suche ich einen Weg. Ich suche den Weg zu den Vereinigten Ländern Europas, den Vereinigten Völkern der Menschheit. Dazu scheint mir nötig, daß die Völker sich erst über die geschichtlich-natürlichen Neugruppierungen einigen, die dem unmöglichen Zustand der Gegenwart ein Ende machen. Gewalt geht immer gegen Gewalt, und der Gewalt und des Kriegs wird kein Ende sein, solange nicht eine entscheidende Verständigung zu großem Frieden geschieht.
Der Vorschlag, der hier gemacht wird, die Völker Europas sollten dafür sorgen, daß ihre Beauftragten und Verantwortlichen zusammentreten, um in Europa diesen neuen Völkerbund vom Mittelmeer bis zur Nordsee, dieses neutrale Land Schweiz-Elsaß-Lothringen-Belgien-Niederlande zu schaffen, hat den außerordentlichen Vorzug, daß zu seiner Durchführung keinerlei rohe Gewalt den geringsten Sinn haben könnte. Solange die Politiker in Frankreich und dem Deutschen Reich ihre Ziele durch militärische Machtmittel durchzusetzen meinen, denken sie gewiß immer nur an ihren jeweiligen Staat und nie an ein neu zu schaffendes Gebilde. Die Schweiz, Holland und Belgien aber sind nicht im entferntesten in der Lage, auf so etwas wie Eroberungspläne zu sinnen. Nein, das gewaltige Unternehmen Karls des Kühnen war der letzte Versuch, durch Gewalt zusammenzustehlen, was allerdings von Natur und Geschichte wegen zusammenpaßt. Er mußte scheitern und von den Völkern selbst überwunden werden, gerade so, wie es bei ähnlichen Versuchen Napoleon I. ging. Sinnender Kopf und schwertbewaffnete Hand können nicht zusammenlisten und zusammenhauen, was nur durch den Einklang der Völker zusammenwachsen kann.
Warum soll Elsaß-Lothringen nicht eine preußische Provinz werden? Es sind schon mehr Unmöglichkeiten, mehr unorganische Fügungen von unorganischen Köpfen versucht worden. Es fragt sich nur: für wie viele — Tage kann dann Elsaß-Lothringen eine preußische Provinz bleiben! Über vierzig Jahre konnte es ein Zubehör des Deutschen Reichs sein und gewiß kann es noch länger gehen; aber im Frieden, in wirklichem Frieden — nicht eine Stunde!
Und glaubt denn einer, es sei ein Zufall, daß Elsaß-Lothringen endlich die freieste Verfassung deutscher Staaten erhalten mußte, und daß die Regierung sie durchsetzen mußte gegen den empörten Widerstand der preußischen Konservativen und mit Hilfe der Sozialdemokraten, einer Hilfe, die sich nicht auf die Abstimmung beschränkte, die einem Bündnis gleichkam? Das war so wenig ein Zufall, wie es von ungefähr ist, daß die Elsässer Alemannen sind wie die Schweizer, und die Lothringer mehr Franzosen als Deutsche. Diese Verfassung ist jüngsten Datums, aber sie stammt aus einer jahrtausendjährigen Entwicklung, und so leicht die Worte der Drohung aus dem Mund kommen mögen, sie in Scherben zu schlagen, so sicher ist, daß die Elsässer und Lothringer durch jeden Versuch zu solchem Unternehmen nur immer fester an die Stämme gekittet würden, zu denen sie durch ihre Stammesart gehören.
Als die Bürger von Zürich den Straßburgern ihre Solidarität bekundeten und den warmen Hirsebrei auf ihrem Schiff den Rhein hinunter führten, da haben sie in rüstigem Eifer eine Reise von vier Tagen in einem einzigen Tag hinter sich gebracht. Damals gab es noch keine Eisenbahnen und Dampfschiffe, die Wackeren sind gerudert. Wie schnell könnten die neuen, die echten Völkerbünde zu Freiheit und Gegenseitigkeit und Wohlstand heutigentages geschaffen werden, wenn der Schnelligkeit des äußerlichen Verkehrs die Bereitschaft der Herzen entspräche! Was für ein glückhaftes Schiff wäre das, das den Völkern die volle Fracht der Gutwilligkeit, der Verständigung, der Brüderschaft zutrüge! Es ist heute wie einst, heute wie immer: die Arbeit muß obsiegen über die fremden Fische, die gefräßig in unsern Wassern schwimmen, die Arbeit muß die entscheidende Macht in unserm öffentlichen Leben werden, dann fährt unser Schiff glückhaft stromauf und stromab den Küsten entlang und über die weiten Meere, und bringt Herz zu Herz und Treue zu Treue und Freiheit zu Freiheit und Menschen zu Menschen und Männer zu Männern!

*) nach = nahe (nahe Nachbarn).

Der Sozialist, 15. Mai 1912.

COBRA – Des lieux associatifs pour les jeunes