Gustav Landauer an Martin Buber (1916)

Hermsdorf, 12.05.1916.

Lieber Buber,

Ich habe mich sehr gefreut in Ihrem schönen Hause gewesen zu sein und wäre gern noch ein paar Tage geblieben. Hoffentlich läßt sich’s bald einmal machen.
Diesmal, ebenso wie bei unserem Abschied in Berlin ging es darum, unsere Gemeinschaft durch Zusammensein zu bestätigen, diese Gemeinschaft, die vor dem Krieg war und ihn überdauern soll. Ich kann auch nicht einmal sagen, daß die Dinge, von denen jetzt einmal zu reden ist, mir bei unserem Zusammensein sonderlich störend dazwischen gewesen wären: ich war nicht bei dem Kriegsbuber und hatte ihn beinahe vergessen.
Ich habe nun aber nach meiner Heimkehr Ihre Losung im „Juden“ gelesen und will nun noch auf die erste Ihrer Reden im „Geist des Judentums“ zu sprechen kommen, die ich schon damals, vor Ihrer Abreise, gelesen hatte und die, mit bestimmten Stellen, schuld war, dass ich das Buch weglegte und nicht weiterkommen konnte. Ihre Losung und diese Stellen gehören zusammen und sind mir sehr schmerzlich, sehr widerwärtig und sehr nahe an der Unbegreiflichkeit.
Trotz all Ihrem Einspruch nenne ich diese Art Ästhetizismus und Formalismus, und ich sage, daß Sie – sich selbst gegenüber – kein Recht haben, über die politischen Ereignisse der Gegenwart, die man den Weltkrieg nennt, öffentlich mitzureden und diese Wirrnisse und ihre schönen und weisen Allgemeinheiten einzuordnen: es kommt völlig Unzulängliches und Empörendes heraus. Ich gestehe, mir kocht das Blut, wenn ich (S. n) lese, wie Sie neben den Griechen der Perikleischen Zeit oder den Italiener des Trecento »den Deutschen unserer Tage« stellen, unter Ausschluß der Deutschen früherer Zeiten und unter Ausschluß aller anderen europäischen Nationen.
Das ist die Sprache eines, der durch Bewirktheit in seiner Klarheit bedenklich getrübt ist, nicht eines Wirkenden noch eines Schauenden. Über das aber, was sich von S. 46 ab anschließt, kann ich fast nicht reden. Sie, Buber, beziehen sich im »Juden« auf Äußerungen, die Ihnen selbst gegenüber gefallen sind; ich aber habe, seit Sie diese Rede im offiziösen Rahmen gehalten haben, immer wieder Juden, junge wertvolle Menschen gesprochen, die Sie als einen Führer verehrt und von Ihnen wie von eine Verräter geredet haben. Lange habe ich darauf nicht antworten können, weil ich nicht dabei war; jetzt kann ich Rede stehen und sagen : Verrat ist es nicht, aber Trübung, auch bei ihm. Mitten in diesem Krieg und im Zusammenhang mit der Kriegspolitik Deutschland abzusondern von allen anderen europäischen Staaten, diesen ihre Schuld an den Völkern des Orients vorzuhalten, Deutschland als einzig berufene Erlösernation hinzustellen, ohne Einschränkung, ohne Hinweis darauf, wie Deutschland in den letzten Jahrzehnten mit Eroberungskolonisation nachzuholen bemüht war, was es aus äußeren Gründen versäumt hatte –, „Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter u.s.w., u.s.w. – „das ist Kriegspolitik, ist Offiziosentum. Offiziöse, politische Rhetorik, ist die gesamte Motivierung, und – wenn schon Marx und Lassalle Juden waren, wie auch Heine einer war, – es spricht für die andern Nationen und gegen die deutsche, daß der Sozialismus dieser entarteten Juden nur von ihr so völlig assimiliert wurde; die andern nährten sich von einem reineren und edleren und konnten die unsägliche politische Niederträchtigkeit des deutsch-jüdischen Disziplinarismus nicht brauchen. Buber, Sie dürfte so oberflächlich von Dingen reden, die besser zu kennen man Ihnen freilich Gelegenheit gegeben hat (ich verstehe nicht, daß ich mich an dieser Stelle persönlich verleugnet gefühlt habe) aber Sie dürften nicht es tun, wenn es klug ist, so und nicht anders zu reden. Was Sie von den andern nicht sagen, ist noch schlimmer, als was Sie von den Deutschen sagen. Oder hindern Sie, den Politisierenden, vielleicht die Progrome und die Judenpolitik Rußlands an der Erkenntnis, daß der russische Geist dem jüdischen und orientalischen unsäglich näher verwandt ist als der deutsche? Was Sie in Ihrem Einführungsaufsatz „Die Losung“ tun, ist des selben Geistes, wennschon komplizierter. Der Mann von der Zensur hat Ihnen gewaltig Unrecht getan, aber er ist nicht dumm, und seine Eindeutigkeit lag verführerisch nahe; wie könnte er herausbringen, daß Ihnen das eine und das andere, das was Sie vom Juden, und das Umgekehrte, das Sie vom Judentum sagen, gleich ernst ist!
Sie beschreiben also zunächst den Juden unserer Tage, den Juden im Feld, Hunderttausende bei den verschiedenen Heeren. Die, in allen Staatsheeren, führen Krieg nicht aus Zwang, sagen Sie, sondern in Erfüllung übermächtiger Pflicht. Das ist eine fast kindliche Simplifikation; Psychologie ist freilich noch [nicht] das Letzte und Beste; aber Nichtpsychologie und Nichtanalyse, wenn es sich um Tatsächlichkeiten handelt, ist doch noch schlimmer. Und wieder sage ich, sage es vor allem um der Kürze willen: ich fühle mich bei dieser keine Ausnahme statuierenden Beschreibung von dem Seelenzustand der Juden, die das leidenschaftliche Verlangen hegen, die Schicksalsstunde Europas kriegerisch mitzuerleben und mitzuerleiden, persönlich verleugnet. Ich fühle aber auch die Tausende und Zehntausende armer Kerle verleugnet, die ihrer nicht eine Aufgabe wissen, sondern die allerdings aus übermächtiger Pflicht (zu leben nämlich!) sich dem Zwang fügen, weil sie so eher hoffen können, mit dem Leben davonzukommen. Buber, Sie liefern an dieser Stelle eine Beschreibung der Durchschnittsjuden, und in dieser Ihrer Psychologie gibt es keinen einzigen gewöhnlichen Menschen? Nein, in den Dumpfen, von denen Sie sprechen, lebt allermeist aber, was Sie vom Judentum davon sagen, also das krause Zeug, was den „bewußtesten“ Juden erfüllen soll, das Gefühl nämlich, daß dieser Wahnsinn sie nichts angeht, und daß sie erschossen werden, wenn sie sich nicht fügen, das Gefühl, daß es diesen Krieg zu überleben gilt, um dann weiter zu hausieren oder sonst Handel zu treiben und mit Frau und Kindern zu leben. „Nur überhaupt Gemeinschaft“ – das ist für Sie, was dieser Krieg gebracht hat, den Menschen im allgemeinen und den Juden im besonderen. Und eben das nenne ich ästhetisch und formalistisch. Kein lebendiger Mensch empfindet so und braucht solche Umwege; und der „Geist Europas“, den Sie diesmal in diesem Kriege wirksam finden, ein Gemeinschaftsgeist der Zerreißung, ist eine völlig unlebendige Konstruktion. Von geschichtlichen Dingen ist nur geschichtlich zu reden, nicht in formalem Schematismus. Hier ist wahrlich keine intuitiv erfasste Synthese, sondern ein Mangel: Sie wollen das Verworrene durch die bloße Betrachtung in Eines fassen, ohne aber auch in Ihrem Blick das Neue zu haben, das die Einheit schaffen könnte. Sie verleugnen das gerade Ihnen Wesentliche in der Anwendung Ihrer leeren Methode: Sie betrachten die Alltäglichkeit und erklären sie als das Wunder, Sie betrachten sie aber nicht gestaltend, sondern sich einfügend. Daß dahinter Wunsch, Größe zu erblicken, steht, gebe ich gerne zu; aber aus verworrener Gemeinheit Größe zu machen, dazu reicht der Wunsch nicht aus. »Viril, mannhaft, Opfermut, Hingabe« –, ja das ist alles dabei, ist aber nicht in der Führung, nicht im Inhalt, nicht im Sinn dieser Untat. Nicht dadurch lernen wir Gemeinschaft wahren, daß wir uns dem fügen, was Sie den „Geist Europas“ nennen, uns ihm erst als Juden fügen, und dann als Judentum entziehen; gar nicht zu staunen, daß der Zensor an ernstgemeinte Zweideutigkeit solcher Gestalt nicht glauben möchte. Die Gemeinschaft, die wir brauchen, entzieht sich von vornherein all dem, was heute Krieg heißt und was nach Entstehung und Wesensart durchaus zu erkennen ist, keiner Deutung bedarf und keine verträgt.
Lieber Buber, irgendwie hätte zum mindesten anerkannt werden müssen, dass unter Hunderttausenden von Juden, sagen wir 23 bis 37 wären, die nicht aus Gefühl der übermäßigen Pflicht, nicht in leidenschaftlichen verlangen in diesen Krieg gezogen wurden, und wenn Sie das aus äußeren Gründen nicht konnten, dann hätten Sie, meine ich, nicht reden dürfen.
Dies Ihnen zu sagen, war um der Ehrlichkeit willen nötig. Es ist aber auch nötig, um verständlich zu machen, warum ich über den Aufsatz hinaus, den Sie schon haben, jetzt, solange der Krieg währt, nicht weiter mitarbeiten will. Ich will nicht, solange nicht der Widerspruch laut werden kann, klar und scharf und innig, gegen das, was Sie und manche Ihrer Mitarbeiter vertreten. Das ist z. B. das Erlebnis, das Hugo Bergmann S. 73 berichtet; ihm ist es ganz klar, »was ein Kampf gegen Rußland für uns Juden bedeute«, d. h. was das Mitmachen des Krieges von Habsburg gegen das russische Reich, Mord von deutschen, slavischen, rumänischen, italienischen, ladinischen und jüdischen Menschen österreichischer Staatsangehörigkeit an russischen (auch jüdischen) Menschen bedeute, und die Antwort: »Schade um das jüdische Blut«, die ihm einer gab, der übrigens offenbar nicht zu Ihren Hunderttausenden gehörte, kann er nur als Individualismus, d. h. Gemeinschaftslosigkeit deuten. Ein Blatt, das veröffentlicht, veröffentlichen darf, was Habsburg, Hohenzollern und die damit verbundenen Interessengruppen gerne hören, das Entgegengesetzte aber nicht, kann nicht mein Blatt sein. Ich hoffe, – und glaube –, daß die Zensur meinen Beitrag nicht durchläßt (bin aber zu gelinder Modifikation nach wie vor bereit) und dann soll, wenn’s Ihnen recht sein, mein erster Beitrag vom Judentum und vom Deutschtum und vom Europäertum und vom Deutschen Reich handeln. Schade um das jüdische Blut, jawohl; schade um jeden Tropfen Blut, der in diesem Kriege vergossen wird; schade um die Menschen; schade auch, daß Sie sich in diesen Krieg hineinverirrt haben. Wie schade es ist, werden Sie später an Folgen merken, die sich jetzt noch verstecken; das ist aber äußerlich und das geringste; aber Sie werden um Ihrer selbst willen auszulegen, hinzuzufügen, einzuschränken, zurückzunehmen und zu bedauern haben. […]

Gustav Landauer

(Nation, Krieg und Revolution, Edition AV, 2011, S. 203-206)