Guillaume Paoli – Sieg dem Narzissmus-Nihilismus (2012)

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Dem Fall Mao Sugiyama wurde bisher zu wenig kritische Aufmerksamkeit geschenkt, wobei dieser emblematisch für wesentliche Züge der liberalen Utopie im Endstadium ihrer Verwirklichung steht. Im April 2012 ließ der 22jährige Japaner seine eigenen Genitalien medizinisch abschneiden, beauftragte einen Chefkoch Penis, Testikel und Hodensack anzuschmoren und servierte diese, mit Pilzen und Petersilie angerichtet, eigens zu der besonderen Verkostung per twitter geladenen Gästen. Die Portion kostete hunderttausend Yen, der knappe Vorrat reichte für fünf Personen. Da jedoch siebzig Interessenten kamen, mussten sich die übrigen Gäste mit Krokodilfleisch begnügen. Schlagartig kursierte die Geschichte im Internet, mit Farbabbildungen der Aufschnittteller versehen. Für die japanische Justiz besteht keine Straftat: Die Vertragspartner hatten schriftliche Vereinbarungen getroffen, außerdem ist Kannibalismus in Japan (wie in Deutschland auch) nicht gesetzlich verboten.

Übertrieben wäre der Reflex, solch einen Extremfall beispiellos zu nennen. Monströse Taten lassen sich in allen Epochen finden. Sie haben Spuren in der Chronik hinterlassen, weil sie bei den Zeitgenossen Ekel und Abscheu erregten. Sie erweckten die archaische Furcht vor der Hybris und der konsekutiven Rache der Götter. Insbesondere der Kannibalismus stand schon immer für das Außermenschliche schlechthin, und wenn keine Fälle davon nachzuweisen waren, wurden sie schlicht erfunden. Gleichwohl übt jeder Bruch mit der gemeinsamen Regel eine gewisse Faszination aus. Als in den zwanziger Jahren die junge Violette Nozière ihre beiden Eltern umbrachte, verklärten die Surrealisten die Geschichte als Familienkritik und Beitrag zur Auflösung der verhassten bürgerlichen Verhältnisse.

Nichts desgleichen, und das ist genau der Punkt, lässt das japanische Kannibalenfestmahl erkennen. So sonderbar die Geschichte auch ist, offenbar stellt sie kein radikales Äußeres der gegenwärtigen Gesellschaft dar. Vielmehr ist sie vollkommen in die postmodern-liberale Konfiguration eingebettet. Sie passt ins Bild. Sie hält deren Codes und Verhaltensmuster konsequent ein. Niemand wird damit überrascht worden sein. Zu erwarten war ja, dass es irgendwann dazu kommen sollte. Von subversiver Transgression kann also hier keine Rede sein, es ist bloß eine weitere Etappe in der fortschreitenden Destrukturierung sozialer Normen. Die zu klärende Frage wäre also nicht, wie eine solche Übertretung geschehen konnte, sondern vielmehr: Inwiefern die Untat die bestehenden Rahmenbedingungen eben nicht übertrat. Wie kommt es, dass einem Fall, der in allen anderen Kulturen und Zeiten Furcht und Abscheu ausgelöst hätte, heute allenfalls mit einem betretenen Schmunzeln begegnet wird? Und ferner: Welche unappetitlichen Grundtendenzen der gegenwärtigen Gesellschaft offenbaren sich dadurch?

Damit ist natürlich nicht gemeint, dass die meisten Menschen bei dem Anblick eines tranchierten Penis auf einem Porzellanteller keinen Schock mehr empfinden würden. Doch wird der Schock gleich von einem sekundären Gefühl verdrängt: die Scheu vor der Abscheu. Die unvermittelte Empfindung gerät unter Verdacht: Zeugt sie nicht von einem Überbleibsel konservativer Moral? Gibt es nicht ein Grundrecht auf Selbstverstümmelung? Ist es nicht spießig, sich vor der Vorstellung zu ekeln, Menschenhoden statt Rumpsteaks oder Rukkola zu verzehren? Und selbst wenn ich persönlich nicht dazu neige, welches Recht habe ich denn, die Präferenzen Anderer zu beurteilen? Soll ich nicht tolerant sein? Öffnete nicht eine ablehnende Äußerung dem Sittenstaat Tür und Tor? So wird der spontane Sinn für Anstand von der heimtückischen Macht der diskursiven Gefühlspolizei verdrängt.

Als Beweggrund gibt Mao an, er habe sich kastrieren lassen, weil er „asexuell“ sei, und damit meint er nicht, dass er einfach keine Lust auf Sex hätte. Vielmehr beansprucht er eine „x-gender“-Identität, er will mit den Kategorien männlich/weiblich nichts zu tun haben. Da wäre Entmannung die konsequente Entscheidung, zumal diese heute nicht mehr qualvoll und barbarisch erfolgen muss. Gegen gutes Geld bedienen Chirurgen ohne Sorgen vor eventuellen Schäden (von ethischen Gewissensbissen nicht einmal zu sprechen) alle möglichen und unmöglichen Wünsche ihrer Klientel. Der Gräuel wird aseptisch und unter Betäubung durchgeführt. In allen Kulturen gilt ein Mann, der sich die Geschlechtsteile freiwillig abhacken lässt, als besessen, verrückt, pervers oder krank. Zumindest wird vermutet, dass er ein psychisches Problem hat. Es waren einige gender studies nötig, um die Sache endlich einmal positiv darstellen zu können. Es geht einfach um freie Platzwahl. Wer im sozialen Rollenspiel mit den Kategorien „homo“, „hetero“, „bi“, „queer“ oder „trans“ nicht klar kommt, kann sich immer noch für „x“ entscheiden. Die asexuelle Orientierung wäre gar die Fortschrittlichste. Sie erteilt dem Drang zum Verkehr (in beiden Sinnen von Aktivität und Beziehung) eine endgültige Absage. Von diesem Ballast befreit kann sich das Ego im Maskenball der Identitäten und Lebensformen leichter bewegen. Die stechende Frage des Sexus, die Männer und Frauen seit jeher in Unruhe versetzt, wird ein für allemal neutralisiert. Wo mit all ihren Ambivalenzen und Gefahren eine erogene Zone war, soll eine neutrale Zone entstehen.

Unumstritten ist, dass in der oversexed Gesellschaft das Begehren durch seine übertriebene Inszenierung sehr viel effektiver ausgetrieben wird, als zur Zeit der Unterdrückung durch das Verbot. Fragwürdig ist hingegen die diskursive Umwandlung des Negativen in eine positive Errungenschaft. Die Abwehr gegen das Leiden wird als freiwillig gewählte Rolle verklärt, dabei werden die sozialen Zustände opportun ausgeklammert, die das Leiden verursachen. Wer über solche Rationalisierungen Skepsis äußert, dem wird Phallozentrismus vorgehalten (und diese Anschuldigung ist so schwerwiegend, wie einst die der Perversität). Warum nicht gleich das Keuschheitsgelübde christlicher Nonnen in fortschrittlichen Widerstand gegen die Geschlechtsfixierung uminterpretieren? Letztens erklärte eine Neutra in Der Spiegel, ihre Asexualität sei als „letzte Provokation“ zu verstehen. „Ich werde mich anders verwirklichen“, fuhr sie fort, nämlich im Beruf und in politischem Aktivismus. In welche Art von Mehrarbeit sich die verhinderte Libido investieren wird, davor kann man nur zittern. Vertriebene Triebe gebären Monster. Allerdings merken wir, wie perfekt sich die wunschlose Maschine mit der liberalen Auffassung der individuellen Freiheit deckt. Freischwebende Elementarteilchen, die einzig von Selbstliebe getrieben werden, können keine präetablierte Zugehörigkeit dulden. Nichts soll der Privatisierung im Wege stehen. Biologie ist ein unakzeptables Hindernis zur Selbstverwirklichung. So wie Engel geschlechtslos sind, haben Monaden keine Gonaden.

Damit wären wir bei der grandiosen Inszenierung, die Mao nach seiner Kastration veranstaltete. Zuschauen, wie der intimste Teil der eigenen Anatomie, delikat zubereitet, von der Welt (vertreten durch fünf Gourmets) aufgegessen wird: Diese erlebte Phantasie wird jeder Psychoanalytiker als unmissverständliches Symptom eines aufgeblähten Narzissmus deuten. Nichts fehlt für die Diagnose: Konfusion von Ich und Außenwelt, Beziehungsangst, Geltungssucht, Allmachtsfantasie, Ausnutzung des Anderen als Projektionsfläche und noch einiges. Über narzisstische Störungen und deren Ursachen ist genug bekannt, um auf die starke Vermutung zu kommen, der arme Mao hatte erhebliche Probleme in seiner frühen Kindheit. Aber das ist so normativ gedacht! Allein von Störungen zu reden ist höchst problematisch geworden, was ist denn schon normal? Eine gut argumentierte Literatur beschreibt, wie die sozialen Verhältnisse von einer narzisstischen Flutwelle durchdrungen sind. Sie warnt vor der Gefahr der Autophagie, der sich selbst fressenden Gesellschaft. Doch wird die Mahnung vom Geblubber der Mediennarzissen übertönt, die ihren Zuschauern einen Spiegel entgegenhalten: Schau, so bist du auch, verliebe dich in dein Image!

Um Missverständnissen vorzubeugen: Es geht nicht darum, die alte Trompete anzusetzen, die nach der Rückkehr der repressiven Ordnung ruft. Selbstverständlich war und bleibt der Kampf gegen sexuelle sowie alle anderen Diskriminierungen notwendig und gut. Es fand aber im öffentlichen Diskurs eine schleichende Bedeutungsverschiebung statt. Diskriminierung wird nicht so sehr als bloße „Herabwürdigung“ begriffen, sondern vielmehr in ihrem ursprünglichen Sinn als die „Fähigkeit, unterscheiden zu können“. So ist es diskriminierend, Freude von Manie, Begehren von Verdrängung, Wahrheit von Lüge noch trennen zu wollen.

Mao Sugiyama ist, wen wundert’s, ein Künstler. Sein Festmahl erklärte er zur „Performance“, sie fand nicht in einem versteckten, dunklen Keller statt, sondern in einer berühmten „Event-Location“ von Tokio. Anschließend wurde der Vorgang wie es sich gehört in einem „Panel“ ausdiskutiert – Panel et Circenses fürs emanzipierte Volk. Das ist voll in Einklang mit der Gegenwartskunst, die sich zur Hauptaufgabe gestellt hat, die Abschaffung sämtlicher Unterscheidungskriterien voranzutreiben. Man denke an die Kuratorin der letzten Documenta, Frau Christov-Bakargiev, die stolz von sich erklärt, sie sehe keinen Unterschied zwischen einem Mann, einer Frau und einer Tomate. Sie möchte die Erdbeeren emanzipieren, reklamiert das Wahlrecht für die Hunde (wieso nicht? Gewählt wird ohnehin für die Katz). Auch zwischen einem Bienenstock und einem Raffael-Gemälde unterscheiden zu wollen, findet sie furchtbar „menschenzentriert“. Es sei doch alles Kunst! So nebenbei werden Jahrhunderte der Philosophie lässig in die Mülltonne geschmissen. Ausgerechnet der Bienenstock wurde von Pascal, Kant und Marx als Beispiel dessen gewählt, was ein menschliches Artefakt von einem Naturphänomen unterscheidet, nämlich die Intentionalität und demnach die Möglichkeit der Veränderung oder Nachbesserung. Entwerfen und verändern, das können die Bienen nicht. Aber können es noch die Künstler? Wollen sie es überhaupt können? Ihre „posthumanistische Weltsicht“ mag Frau Christov-Bakargiev als gleichberechtigte Beförderung aller Lebewesen verkaufen, es fällt einem leicht, ganz im Gegenteil die Lust auf Herabstufung alles Menschlichen in ihr zu erblicken. Das ist Schwachsinn, gewiss, aber mit Methode. Nach Jahrzehnten dekonstruktivistischer Sophisterei sind alle althergebrachten Merkmale der Kultur eins nach dem anderen unter Verdacht gestellt und demontiert worden. Was zwangsläufig daraus folgt, ist ein verschrobener Naturkult. Zelebriert wird die Tierwerdung des Menschen, was unwillkürlich an Alexandre Kojèves posthistorische Vision erinnert: „Wenn der Mensch wieder zum Tier wird, müssen auch seine Künste, seine Liebe und sein Spiel wieder rein ‘natürlich’ werden. (…) Die Tiere der Spezies Homo Sapiens würden durch bedingte Reflexe auf stimmliche oder mimische Signale reagieren und ihr sogenannter ‘Diskurs’ ähnelte derart der angeblichen ‘Sprache’ der Bienen.“ Verschwinden würde infolge dessen, meinte Kojève weiter, „nicht nur die Philosophie, die Suche nach diskursiver Weisheit, sondern darüber hinaus diese Weisheit selbst.“ In diesem Zusammenhang wird Maos Aktion vollends legitimiert. Schließlich fressen sich auch Ratten und Alligatoren untereinander.

Wir leben, meint der Philosoph Jean-Claude Michéa, in der einzig bekannten Zivilisationsform, die vorgibt, ohne symbolische Regel und allgemeine Übereinkunft über moralische Werte auszukommen. Davon verspricht sie die größtmögliche Freiheit, doch im realexistierenden Liberalismus löst sich dieses Versprechen in die Herrschaft des ubiquitären Marktes und des peniblen Rechtssystems auf. Dafür ist Maos Tat exemplarisch. Sie war – muss man es betonen? – keine sakrale Opfergabe, kein Liebesgeschenk, kein Protestschrei, sondern eine kalte Geschäftstransaktion oder, wenn man so will, eine Art alternativer Kunstförderung (schließlich ist er nicht der Erste, der für eine Subvention seine Eier hergibt). Von Übertretung kann keine Rede sein, es war business as usual, eine geglückte Operation von viral marketing. Als erstes wurde der Preis genannt, und wenn die hunderttausend Yen seine Unkosten gerade noch gedeckt haben, der schlaue Japaner wird schon aus seinem hart errungenen Ruhm Kapital zu schlagen wissen. Womöglich wird er Kurator der nächsten Documenta. Hier treffen wir wieder auf den Topos der Neutralisierung, denn der Markt ist eine wertneutrale Instanz. In ihm werden die Signale Gut und Böse durch Angebot und Nachfrage ersetzt. Das ist besonders wichtig für die Gäste, die Maos Aufruf folgten. Sie haben sich wie ganz normale Konsumenten verhalten. Der bezahlte Betrag reinigt sie vom Verdacht der Perversität. Gut situierte Bürger, die meisten davon übrigens Frauen (über diese Art von Penisneid hätte Freud gegrübelt) wollten sich mal was Abgefahrenes leisten. Man wird wohl wissen dürfen, wie Menschenfleisch schmeckt! Angeblich sind sie von dem faden Geschmack enttäuscht worden. Aber das lag vielleicht an der Zubereitung.

Kein Markt ohne Vertrag: Mao hat sich große Mühe gegeben, um die Rechtmäßigkeit seines Vorgangs zu sichern. Er ließ im Vorfeld amtlich bestätigen, dass er Japaner ist (kein Importfleisch), dass seine Geschlechtsteile chemisch unversehrt waren (Bioeier), dass sämtliche Verordnungen des Lebensmittelgesetzes eingehalten worden sind. Die Gäste mussten unterschreiben, dass ihnen der Inhalt des Tellers wohl bewusst war und dass sie im Fall einer darauf folgenden Unbehaglichkeit auf Klagen verzichten würden. Offenbar war das Spiel mit den gesetzlichen Rahmen ein wesentlicher Bestandteil der Kunstaktion. Es galt, die Wertneutralität des liberalen Rechts gegen überkommene Sittenparagraphen zu forcieren, darüber hinaus die letzten Überbleibsel moralischer Werte aus der Öffentlichkeit zu vertreiben. Da haben die umliegenden Bewohner des Tatorts mit ihrem vorsintflutlichen Vorwurf der Unsittlichkeit keine gerichtliche Chance. Sollten sich „verletzte Gefühle“ gegen das Recht auf Kannibalismus durchsetzen, dann allenfalls die der Veganer.

Kommen wir nun zum Kern der Sache. Kannibalismus ist heute eines der letzten übrig gebliebenen Tabus. Deshalb ist er nicht explizit verboten: Kein Gesetzgeber ahnte, dass er eines Tages mit dem Fall konfrontiert wäre. Ein Tabu ist stillschweigend, bedingungslos und universell. Es steht also außerhalb der kontextbezogenen Prüfungen des modernen Rechtssystems. Selbstverständlich ist das Tabu ein „soziales Konstrukt“, es lässt sich nicht aus einer (wie auch immer definierten) „menschlichen Natur“ ableiten. Seine Herkunft ist unbekannt, auf jeden Fall vorrational, weshalb es sich einer rationalen Begründung entzieht. Als solches und nicht so sehr wegen seines tatsächlichen Inhalts wird heute jedem einzelnen Tabu der Kampf angesagt. Wir haben seit Jahrzehnten gelernt, „Enttabuisierung“ als etwas an sich Positives zu schätzen. Dennoch wissen wir von der Ethnologie, welche zentrale Funktion das Tabu in archaischen Kulturen innehat. Es sichert die Aufrechterhaltung der Gruppe und bedingt den sozialen Umgang der Mitglieder. So ist es zum Beispiel für einen Guayaki-Jäger Tabu, das Tier selbst zu verzehren, das er getötet hat, also ist er gezwungen, seine Beute an andere zu verschenken. Festzustellen ist, dass das fragile Gleichgewicht der intersubjektiven Kommunikation schon immer durch symbolische Gesetze strukturiert wurde. Daher ist der Argwohn nicht aus dem Weg zu räumen, das fortschreitende Tabu-Bashing trage zur Destrukturierung intersubjektiver Kommunikation bei. Blieben nur die abstrakten Über-Ich-Figuren des Marktes und des Rechts übrig.

Auch in Deutschland hatte das Feuilleton vor einigen Jahren eine „Kannibalismus-Debatte“ angezettelt. Nur wurde der Fall Armin Meiwes von dem kniffligen Problem des „Tötens auf Verlangen“ verkompliziert. Außerdem hatte der „Kannibale von Rotenburg“ im Gegensatz zu Mao keinen eigenen Diskurs über seine Untat entwickelt. Er hatte auch keine öffentliche, kostenpflichtige Veranstaltung organisiert. Es war eine heimliche Übereinkunft zwischen ihm und seinem freiwilligen Opfer, was die Einstufung als perversen Akt erleichterte. Schließlich war er kein Künstler, weshalb er noch wegen „Störung der Totenruhe“ verurteilt werden konnte, ein anachronistischer Paragraph, der für den Veranstalter der „Körperwelten“- Leichenschau schon nicht mehr galt. Doch immerhin wurde von Rechtsanwälten, Publizisten, liberalen Politikern und Interessengruppen erstmalig die Frage der Toleranz für Kannibalen gestellt. Das war schon ein Anfang. Wir können getrost davon ausgehen, dass bald deutsche Maoisten, von dem jüngsten Präzedenzfall inspiriert, von sich reden machen werden.

Weniger spektakulär wird ebenfalls in Deutschland gegen ein weiteres Tabu vorgegangen, das altehrwürdigste unter allen, nämlich das gute alte Inzest-Tabu. Nach Jahrtausenden unbeanstandeter Weltherrschaft war es höchste Zeit, diese unerträgliche Einschränkung unserer sonst makellosen Wahlfreiheit zu beseitigen. Leider wurde die dies betreffende Debatte durch eugenische Argumente verleitet, obwohl – auch das wissen wir aus der Ethnologie: Niemals hatte das Inzest-Tabu mit der Verhinderung von Erbschäden zu tun. Es ist nicht so sehr ein Verbot der Endogamie als ein Gebot der Exogamie, nach dem Motto: „Raus aus der Familie, verbündet euch mit Fremden!“

Schließlich entschied sich das Bundesverfassungsgericht für die Erhaltung des Verbots mit der Begründung, Inzest führe „zu einer Beeinträchtigung der in einer Familie strukturgebenden Zuordnungen“. Diese im wahrsten Sinne konservative Position wurde letztens vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte bestätigt. Für die tapferen Gegner strukturgebender Zuordnungen (darunter die Grünen und natürlich die Piratenpartei) bleiben also noch heroische Schlachten zu liefern. Um noch einmal Missverständnissen vorzubeugen: Selbstverständlich kam es schon immer vor, dass trotz Verbot (oder gerade deswegen) Geschwister Sex hatten, und darauf kommt es nicht an. Anzunehmen ist, dass zusätzlich zu der gegenseitigen Anziehung häufig der Reiz der Grenzüberschreitung mitspielte. Das schöne mit Verboten ist eben, dass sie uns ermöglichen, gelegentlich Verbotenes zu tun. Doch setzt die Grenzüberschreitung voraus, dass es Grenzen gibt. Es geht also nicht darum, für Repressalien einzutreten, sondern für die Ambivalenz und das Unausgesprochene. Transparenz ist der Tod des Begehrens.

Gewiss sind solche Fälle nicht repräsentativ. Die überwiegende Mehrheit schert sich einen Dreck um Kannibalismus oder Inzest, sie hat dringendere Probleme zu lösen. Ohnehin drehen sich die meisten „Gesellschaftsdebatten“ um Themen, die nur für eine winzige Minderheit relevant sind. Nichtsdestotrotz sind Grenzfälle fürs Gesamte wichtig, indem sie die Existenz von Grenzen in Frage stellen. Ist das extrem Monströse erst legitimiert, dann kann das gewöhnlich Monströse grenzenlos walten.

(Quelle)