Archiv für Juli 2012

S.S. in Uruguay

Der Ingenieur „außer Dienst“

Der Ingenieur „außer Dienst“ (1)
Bekanntlich hat Amadeo Bordiga in den italienischen Staatseisenbahnen als Bauingenieur gearbeitet, aus denen er 1914 entlassen wurde – wegen seiner Teilnahme an der Streikbewegung der „Roten Woche“ in Neapel gegen den Eintritt Italiens in den Krieg. Später erlaubte ihm das faschistische Regime, auf der Ponza-Insel, wohin er 1926 verbannt worden war, seinen Beruf auszuüben. In den 1930ern hat er aber große Schwierigkeiten gehabt, Arbeit zu finden, da er nicht Mitglied der faschistischen Baugewerkschaft von Kampanien sein könnte; nach seinem Ausschluss aus der KPI beschäftigte er sich vorwiegend mit theoretischen Studien, sich ganz und gar aus dem politischen Leben zurückziehend nicht selten zum Unverständnis oder Entrüstung seiner politischen Freunde und Gegner.
Auch Neapel und die Neapolitanern wurden Opfer der amerikanischen Bombardierungen. Am Ende des Krieges stellte sich somit die Frage des Wiederaufbaus. Nun hatten Architekten auf Verlangen der Faschisten kurz vor dem Krieg einen Stadtbauplan entworfen. Und nach 1945 setzte Bordiga sich entschieden für diesen Plan ein, der einige der alten Gebäude der Stadt berücksichtigte, gegen die Nachkriegszeitpläne, die darauf zielten, alles abzureißen, was stehend geblieben war und die ein riesiges Geschäft für den kapitalistischen Vampirismus sein sollten. Pläne, die von den Linken und vor allem der KP Togliattis verteidigt wurden. Bordiga wurde sofort diffamiert als Agent der Großgrundbesitzer, die für die Verwirklichung der Nachkriegszeitpläne enteignet werden sollten. (Ein anderer Grund dafür war zweifellos die panische Furcht Togliattis, dass Bordiga erneut eine politische Rolle nach dem Krieg spielen könnte. Er hätte an demselben Tag seiner Rückkehr nach Italien erklärt : „Und Bordiga ? Was macht Bordiga?“, „Gar nichts“ wurde ihm geantwortet. „Das kann nicht sein! Versucht, es zu erfahren.“. Er hätte auch gesagt : „Und dennoch haben wir mit ihm eine Rechnung offen und wir müssen sie begleichen“. Eine unheimliche Warnung, wenn man weiß, wozu die stalinistischen Killerkommandos fähig waren. Vertraute von Bordiga, wie Atti zum Beispiel, wurden gemeuchelt.)
1946 bildete sich das Neapeler „Kollegium der Ingenieure und Architekten“ neu und Bordiga wurde dessen Vorsitzender bis 1966 (Lähmungsanfall). Bordiga hat sich wirklich einer doppelten Militanz nach 1945 gewidmet, innerhalb der internationalistischen bzw. internationalen kommunistischen Partei und im Rahmen des „Kollegiums“. In den Seiten der bürgerlichen Zeitungen Risorgimento und Il Giornale d’Italia kämpfte er mit Artikeln (oder Interviews!), die er – im Gegensatz zu den strikt anonymen Artikeln der IKP-Presse – mit seinem eigenen Namen als Vorsitzender des Collegio unterzeichnete, gegen die wirtschaftlich-politische Geschäftemacherei und die verhängnisvolle Stadtpolitik, die sich insbesondere verschärften als der große Reeder Achille Lauro 1952 zum Bürgermeister von Neapel wurde. Daher hat er sich für die Wohnungsfrage, die Frage der öffentlichen Bauaufträge, die Immobilienspekulationen, den Klientelismus, Korruption, „Expertenkultur“, Architektur, usw. interessiert. Und so hat er daraus im Zusammenhang mit den sogenannten „Naturkatastrophen“ der damaligen Zeit den „doppelten Mord“ entnommen, den die (jedoch übertechnische) bürgerliche Zivilisation immer wieder verübt, um zu überleben : Mord an den Toten, d. h. an den aus der Vergangenheit überlieferten Bauwerken und Mord an den Lebenden, d. h. an der in den Wiederaufbauorgien herausgepressten Arbeitskraft. Aber nicht nur das! Aus seinen Betrachtungen der in Neapel in Verbindung mit Geschäftsspekulationen wütenden Wohnbebauung hat Bordiga sowohl seine Theorie der neuen Kapitalformen als auch seine Aufklärung der kapitalistischen Struktur Russlands entwickelt. In Neapel untersucht er in vivo neue Formen von Unternehmen ohne festen Sitz, ohne fixes Kapital, ohne Kapitalisten, was ihm ermöglichen wird, das russische Rätsel zu lösen: auch wenn der russische Kapitalismus extrem rückständig ist, weist er sehr moderne kapitalistische, unpersönliche Formen („Kapitalismus ohne Kapitalisten“) auf. Dort hat sich das Kapital vom juristischen Eigentum gelöst. Die Hauptfiguranten der herrschenden Klasse sind nicht die Bürokraten, sondern Businessmen, abenteuerliche Geschäftemacher, die nichts in ihrem eigenen Namen besitzen (2).

(1) Luigi Gerosa, L’ingegnere « fuori uso » : vent’anni di battaglie urbanistiche di Amadeo Bordiga, Napoli 1946-1966, Formia, Fondazione Amadeo Bordiga, 2006, 349 S.
(2) Vgl. Christian Riechers, „Die Ergebnisse der Revolution ­Stalins in Rußland. Romantischer Sozialismus in der Ideologie, gesellschaftlicher Kolchosianismus anstelle der klassenlosen Gesellschaft. Informationen über die Entwicklung der Analyse der russischen Verhältnisse bei Amadeo Bordiga nach 1945″, in: Derselbe, Die Niederlage in der Niederlage. Texte zu Arbeiterbewegung, Klassenkampf, Faschismus, Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von F. Klopotek, Münster, Unrast, 2009, S. 250-283. [Text online]

Manes Sperber – Der andere Sozialismus. Gustav Landauer oder: Die herrschaftslose Gemeinschaft (1983)

Felix Klopotek – Libertärer Biedermeier (2012)

Woher rührt die gegenwärtige Begeisterung des Bürgertums für anarchistische und andere Bewegungslinke Debatten?
(Konkret 7/2012)


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Comment s’arrêtera le fonctionnement de cette formidable mâchoire de l’ogre, broyant sans cesse les générations humaines ?

Nous connaissons tous le parvenu qui s’enrichit. Il est gonflé presque toujours par l’orgueil de la fortune et le mépris du pauvre. « En montant à cheval, dit un proverbe turkmène, le fils ne connaît plus son père ! » – « En roulant dans un char, ajoute la sentence hindoue, l’ami cesse d’avoir des amis. » Mais toute une classe qui parvient est bien autrement dangereuse qu’un individu : elle ne permet plus à ses membres isolés d’agir en dehors des instincts, des appétits communs ; elle les entraîne tous dans la même voie fatale. L’âpre marchand qui sait « tondre un œuf » est redoutable ; mais que dire de toute une compagnie d’exploitation moderne, de toute une société capitaliste constituée par actions, obligations, crédit ? Comment faire pour moraliser ces paperasses et ces monnaies ? Comment leur inspirer cet esprit de solidarité envers les hommes qui prépare la voie aux changements de l’état social ? Telle banque composée de purs philanthropes n’en prélèverait pas moins ses commissions, intérêts et gages : elle ignore que des larmes ont coulé sur les gros sous et sur les pièces blanches si péniblement amassés, qui vont s’engouffrer dans les coffres forts à chiffres savants et à centuple serrure. On nous dit toujours d’attendre l’œuvre du temps, qui doit amener l’adoucissement des mœurs et la réconciliation finale ; mais comment ce coffre-fort s’adoucira-t-il, comment s’arrêtera le fonctionnement de cette formidable mâchoire de l’ogre, broyant sans cesse les générations humaines ?
Oui, si le capital, soutenu par toute la ligue des privilégiés, garde immuablement la force, nous serons tous les esclaves de ses machines, de simples cartilages rattachant les dents de fer aux arbres de bronze ou d’acier ; si aux épargnes réunies dans les coffres des banquiers s’ajoutent sans cesse de nouvelles dépouilles gérées par des associés responsables seulement devant leurs livres de caisse, alors c’est en vain que vous feriez appel à la pitié, personne n’entendra vos plaintes. Le tigre peut se détourner de sa victime, mais les livres de banque prononcent des arrêts sans appels ; les hommes, les peuples sont écrasés sous ces pesantes archives, dont les pages silencieuses racontent en chiffre, l’œuvre impitoyable. Si le capital devait l’emporter, il serait temps de pleurer notre âge d’or, nous pourrions alors regarder derrière nous et voir, comme une lumière qui s’éteint, tout ce que la terre eut de doux et de bon, l’amour, la gaieté, l’espérance. L’Humanité aurait cessé de vivre.

Élisée Reclus, L’Évolution, la révolution et l’idéal anarchique, Paris, Stock Éditeurs, 1898, 2. éd., pp. 154-157.