Rosa Luxemburg – Die geschichtliche Verantwortung (1918)

Nach dem Waffenstillstand ist der Sonderfriede zwischen Deutschland und Rußland nur noch eine Zeitfrage. Die künftige Geschichte wird sicher unter anderen Momentbildern aus dem Weltkriege auch die Grimassen des deutschen Halbabsolutismus festhalten, mit denen er die »Schnorrer und Verschwörer« als »legale Machthaber« anerkennt, feierlich den Grundsatz der Nichteinmischung in fremde Staatsangelegenheiten proklamiert und die Umstürzler an der Newa vor den »Verleumdungen der Entente« in Schutz nimmt. Der Königsberger Prozeß, die Spitzelhetze hinter den Russen, die Schergendienste an den Zarismus – alles vergessen. Weshalb auch nicht? Wenn die deutsche Sozialdemokratie das Erfurter Programm vergessen hat, warum soll die deutsche Regierung Bagatellen wie den Königsberger Prozeß nicht vergessen? Das eine bedingt das andere.
Nur im felsenfesten Vertrauen auf den unerschütterlichen Stumpfsinn der deutschen Volksmassen konnte sich die deutsche Reaktion das gewagte Experiment leisten, in die Hand der Petersburger »Mordbrenner«, die eben erst Thron, Altar, Zinsenzahlung auf auswärtige Anleihen, Stände, Titel und diverse andere sakrosankte Sachen auf den Müllhaufen geworfen haben, die widerspenstige Höchstkommandierende zum Fenster des Eisenbahnwagens heraushängen und lästige Prinzen von Geblüt ins Loch stecken – in diese »ruchlose« Hand einzuschlagen. Der preußischdeutsche Halbabsolutismus in traulichen Verhandlungen mit den Lenin und Trotzki, die erst vor ein paar Jahren um das Berliner Polizeipräsidium einen weiten Bogen machen mußten! – Wer erinnert sich da nicht an die köstliche Szene in »Mein Onkel Benjamin«, wo der stolze und hochmütige Herr Graf, dem eine Fischgräte im Halse steckengeblieben ist, den verachteten bürgerlichen Doktor auf einen für gewöhnlich bedeckten Körperteil küßt, nur um sich seine rettende Hilfe zu sichern. Not kennt kein Gebot, sagte schon Reichskanzler Bethmann Hollweg. Wieviel lieber würden die Hindenburg und Ludendorff ihre »Dicke Berta« mit der »Bande« in Petersburg reden lassen ! – Doch stille! Solche Herzenswünsche müssen einer späteren Gelegenheit vorbehalten bleiben. Vorläufig kommt die Petersburger »Bande« höchst gelegen, und ihr umstürzlerisches Friedensevangelium klingt dem deutschen Imperialismus wie reine Himmelsmusik.
Trotzki hat nach Presseberichten im Zentralausschuß der Sowjets mehrfach Reden über die internationale Lage gehalten, worin er die Wirkungen des russischen Friedensangebots auf alle Länder in rosigstem Lichte schilderte. Das westliche Europa zeige, daß die »kühnsten Hoffnungen« der russischen Sowjets in Erfüllung gegangen und der allgemeine Frieden auf dem besten Wege zur Verwirklichung sei.
Wenn diese Presseberichte stimmen, dann muß allerdings in Trotzkis schäumenden Wein viel Wasser gegossen werden. Es ist psychologisch begreiflich, daß die Bolschewisten in ihrer Situation jetzt das Bedürfnis haben, in der entscheidenden Frage, der des Friedens, ihre Politik als vom Erfolge gekrönt anzusehen und sie auch so vor dem russischen Volke hinzustellen. Nüchterne Betrachtung der Dinge zeigt sie in anderem Lichte.
Die nächste Wirkung des Waffenstillstandes im Osten wird nur die sein, daß deutsche Truppen vom Osten nach dem Westen dirigiert werden. Vielmehr, sie sind es schon. Mochten Trotzki und Genossen wiederum sich und den Sowjet damit trösten, daß sie als Bedingung des Waffenstillstandes die Verpflichtung erwirken wollten, keine Truppenverschiebungen vorzunehmen, um den Westmächten nicht in den Rücken zu fallen. Die deutschen Militärs dürften sich bei dieser Ankündigung ins Fäustchen gelacht haben, da sie jedenfalls auch wissen, wo Bartel den Most holt. Zu Hunderttausenden sind deutsche Truppen noch vor der Unterzeichnung des Waffenstillstandes von Rußland nach Italien und Flandern verladen worden. Die letzten blutigen deutschen Vorstöße bei Cambrai und im Süden die neuen »glänzenden« Erfolge in Italien sind bereits Wirkungen des bolschewistischen Novemberumsturzes in Petersburg.
Noch warm von Verbrüderungsszenen mit russischen revolutionären Soldaten, von gemeinsamen photographischen Gruppenaufnahmen, Gesängen und Hochs auf die Internationale, stürzen sich bereits die deutschen »Genossen« mit aufgekrempelten Ärmeln in heldenmütigen Massenaktionen ins Feuer, um ihrerseits französische, englische und italienische Proletarier abzuschlachten. Durch die frische Massenzufuhr deutschen Kanonenfutters wird das Gemetzel an der ganzen West- und Südfront mit zehnfacher Kraft auflodern. Daß Frankreich, England und Amerika dadurch zu äußersten, verzweifelten Anstrengungen veranlaßt werden, liegt auf der Hand. Und so ergeben sich als nächste Wirkungen des russischen Waffenstillstands und des ihm auf dem Fuße folgenden Sonderfriedens im Osten nicht die Beschleunigung des allgemeinen Friedens, sondern erstens die Verlängerung des Völkermordens und ungeheuere Steigerung seines blutigen Charakters, was auf beiden Seiten Opfer fordern wird, gegen die alles bisherige erblassen dürfte; zweitens eine enorme Stärkung der militärischen Position Deutschlands und damit seiner verwegensten Annexionspläne und Appetite.
Im Osten ist die Annexion Polens, Litauens und Kurlands, sei es in offener oder vorerst noch verschleierter Form, zwischen den Mittelmächten eine abgemachte Sache, und der deutsche Imperialismus rechnet natürlich angesichts der tatsächlichen Stellung Rußlands mit dessen ernstem Widerstand bei den Sonderfriedensverhandlungen überhaupt nicht mehr.
Aber auch im Westen gedenkt er nunmehr, jeder Sorge im Osten entledigt und mit frischen Reserven versehen, ganz anders aufzuspielen als früher. Die durch seine bisherige prekäre Lage erzwungene Maske der tugendhaften Enthaltsamkeit wird er nächstens lachend den Scheidemännern in den Schoß schmeißen, und, wenn Gott gibt, der ja bekanntlich mit den stärksten Bataillonen ist, einen »deutschen Frieden« diktieren. In ihren jüngsten Reden pfeifen auch bereits die Czernin und Konsorten aus einem ganz anderen Loch als zur Zeit der päpstlichen Friedensnote.
So liegen die Dinge, und die Bolschewisten begehen eine Selbsttäuschung, wenn sie im Lichte ihres Sonderfriedens auch den Himmel des allgemeinen Friedens voller Baßgeigen hängen sehen. Die »dritten Lachenden« bei der russischen Revolution sind bis jetzt einzig und allein -Hindenburg und die Alldeutschen.
Wenn sich jedoch so Dinge und Wirkungen in ihr Gegenteil verkehren, so ist die Schuld keineswegs in erster Linie auf seiten der Russen zu suchen. Sie waren von vornherein in der fatalen Lage, zwischen zwei Trachten Prügel wählen zu müssen: entweder der Entente Vorspanndienste zu leisten oder dem deutschen Imperialismus. Das erstere erheischte aber die Fortsetzung des Krieges, das zweite – den Friedensschluß. Was Wunder, daß sie schließlich das letztere wählten!
Die ganze Rechnung des russischen Friedenskampfes beruhte nämlich auf der stillschweigenden Voraussetzung, daß die Revolution in Rußland das Signal zur revolutionären Erhebung des Proletariats im Westen: in Frankreich, England und Italien, vor allem aber in Deutschland, werden sollte. In diesem Falle allein, dann aber unzweifelhaft, wäre die russische Revolution der Anfang zum allgemeinen Frieden geworden. Dies blieb bis jetzt aus. Die russische Revolution ist, abgesehen von einigen tapferen Anstrengungen des italienischen Proletariats, von den Proletariern aller Länder im Stich gelassen worden. Die Klassenpolitik des Proletariats, von Hause aus und in ihrem Kernwesen international, wie sie ist, kann aber nur international verwirklicht werden. Bleibt sie nur auf ein Land beschränkt, während die Arbeiterschaft anderer Länder bürgerliche Politik treibt, dann wird auch die Aktion des revolutionären Vortrupps in ihren weiteren Folgen auf den Kopf gestellt. Und so ist auch die einzige bisherige internationale Wirkung der russischen Revolution eine gewaltige Machtstärkung des deutschen Imperialismus und eine allgemeine Verschärfung des Weltkriegs. Die Schuld an diesem tragischen geschichtlichen Quidproquo fällt in erster Linie auf das deutsche Proletariat. Auf ihm ruht die Hauptverantwortung vor der Geschichte für die ungeheuren Blutströme, die nunmehr vergossen werden, wie für die sozialen und politischen Folgen einer möglichen Niederringung der Weststaaten durch den triumphierenden deutschen Imperialismus. Denn nur die standhafte Kadaverhaltung des deutschen Proletariats hat die russischen Revolutionäre dazu gedrängt, mit dem deutschen Imperialismus als der einzigen herrschenden Macht in Deutschland einen Frieden zu schließen. Und nur dieselbe Kadaverhaltung hat es dem deutschen Imperialismus ermöglicht, die russische Revolution für sich auszunützen.
Ob die deutschen Arbeiter die Ohrfeige nicht spüren, die für sie darin liegt, daß ihre Machthaber so ungescheut vor der roten Jakobinermütze in Petersburg salutieren in demselben Augenblick, wo sie die deutsche, mit Verlaub zu sagen, Volksvertretung wie einen Hund in die Bude geschickt und dem deutschen Volke den Maulkorb nochmals befestigt haben? Die deutschen »Arbeiterführer« scheinen allerdings die Liebkosung nicht zu merken. Sie beharren dabei – auch die »Unabhängigen« –, der deutschen Regierung noch kräftig zuzureden, daß sie ja die gute Gelegenheit nicht verpasse, sich nicht spröde zeige, die »russische Friedenshand« nicht zurückweise. Unbesorgt, ihr guten Leute – die Gelegenheit, sich von den Petersburger Jakobinern Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen, läßt sich der deutsche Imperialismus sicher nicht entgehen. Die »Arbeiterführer« brauchen sich da gar nicht in Unkosten zu stürzen.
Und angesichts dieser Wendung, die aus einem Friedensschluß die Verlängerung des Krieges, aus dem revolutionären Siege des russischen Proletariats die größte Machtstärkung des deutschen Halbabsolutismus macht, finden auch die »Arbeitsgemeinschaftler« nichts Dringenderes, als die Bekanntgabe der »Kriegsziele« der deutschen Regierung zu fordern! »Wo bleiben die deutschen Kriegsziele?« ruft die »Leipziger Volkszeitung«. Die »unabhängigen« Grammophone haben nun einmal nur diese eine Platte und können sie nur immer wieder herunterleiern. »Wenn die deutsche Regierung bei ihrer bisherigen Politik beharrt, so droht diese Gefahr (die Fortsetzung des Krieges bis zum Weißbluten, bis zur völligen Katastrophe Europas – R. L.) – trotz der Friedensbereitschaft der Russen!« So schließt drohend das Leipziger Parteiorgan seine hundertste Ermahnung an die deutsche Regierung.
Ach, du lieber Himmel, die deutsche Regierung wird natürlich bei »ihrer bisherigen Politik« weiter beharren. Wir wüßten auch nicht, daß sie als »geschäftsführender Ausschuß der herrschenden Klassen« ihre Politik irgend zu andern Grund hätte. Wer die bisherige Politik zu andern allen Anlaß hat, ist die deutsche Arbeiterklasse. An ihr liegt es – soll der Krieg nicht zum allgemeinen Untergang oder zum Triumph der krassesten deutschen Reaktion führen –, die »bisherige Politik«, nämlich die Politik des Kanonenfutters, abzuschütteln und ihre »Kriegsziele« gegen den Imperialismus öffentlich »bekanntzugeben«.
Der allgemeine Friede läßt sich ohne Umsturz der herrschenden Macht in Deutschland nicht erreichen. Nur mit der Fackel der Revolution, nur im offenen Massenkampfe um die politische Macht, um die Volksherrschaft und die Republik in Deutschland, läßt sich jetzt das erneute Auflodern des Völkermordens und der Triumph der deutschen Annexionisten im Osten und Westen verhindern. Die deutschen Arbeiter sind jetzt berufen, die Botschaft der Revolution und des Friedens vom Osten nach dem Westen zu tragen. Hier hilft kein Mundspitzen, hier muß gepfiffen werden.

Rosa Luxemburg, « Die geschichtliche Verantwortung », Spartakus Nr. 8 (Januar 1918), in: Spartakusbriefe, Berlin, 1958, S. 406-411.


2 Antworten auf „Rosa Luxemburg – Die geschichtliche Verantwortung (1918)“


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