Der Sozialismus als Ware

Die moderne Gesellschaftsordnung beruht auf der unbeschränkten Herrschaft von Warenproduktion. Es wird nichts anderes produziert als Waren. Nicht nur die materiellen Güter allein, auch die ideellen erscheinen auf dem Markte in Warenform, und alle Produkte, die der Konsumtion zugeführt werden sollen, müssen zunächst den vollständigen Kreislauf des Warenverkehrs durchmachen. Dieser Umstand ist für das gesamte geistige Leben der modernen Menschheit von grundlegender Bedeutung geworden. Es scheint, daß MARX und ENGELS die ersten waren, die darauf aufmerksam wurden und es mit gebührender Schärfe hervorhoben. Dies geschah meines Erachtens erstmalig im kommunistischen Manifest, wo es heißt: „Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seine natürliche Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übrig gelassen, als das nackte Interesse, als die gefühllose ,bare Zahlung‘ . . . Sie hat die persönliche Würde in Tauschwert aufgelöst . . ., die Bourgeoisie hat alle bisher ehrwürdigen und mit frommer Scheu betrachteten Tätigkeiten ihres heiligen Scheines entkleidet. Sie hat den Arzt, den Juristen, den Pfaffen, den Poeten, den Mann der Wissenschaft in ihre bezahlten Lohnarbeiter verwandelt.“ […]

Der bürgerliche Geist merkte, daß er jene Freiheit, die ihm im Zeitalter der großen Revolutionen blühte, verloren hat, daß er immer mehr und mehr auf den Markt als Schicksalsgenosse anderer Waren hinausgedrängt wird und sich sein Leben ebenso — d. h. denselben Gesetzen unterworfen, wie beim Verkauf von Stiefelwichse oder Haarpomade — verdienen mußte. Diese Erkenntnis brachte ihn, was nur zu begreiflich ist, vollkommen aus dem Harnisch. Am besten und reinsten drückte sieh diese Selbstverleugnung unseres modernisierten Geisteslebens bei dem Wiener Satiriker KARL KRAUS aus. Sein Werk hat in sozialistischen Kreisen noch keine gebührende Würdigung gefunden und, abgesehen von einigen ästhetisierenden Konventikeln, die im Grunde genommen in ihm nur den Ausdruck ihrer eigenen verhaltenen Wut gegen glücklichere Kunstproduzenten schätzen und verstehen, ist KRAUS dem größeren demokratischen Publikum so gut wie unbekannt. Und doch verdient er weitestgehende Beachtung. Nicht nur künstlerisch — dies wäre mehr oder weniger Geschmackssache —, sondern vor allem soziologisch. Denn in ihm hat jene Entwicklung, die das Kommunistische Manifest voraussah, ihren Höhepunkt erreicht, sofern es sich um den bürgerlichen Flügel der modernen Kultur handelt. KRAUS’ Kampf gegen heutige Kunst und Künstler, gegen die Presse, gegen jenes Gezücht adjektivistischen Literatentums, das unser Leben zum Abklatsch lügenhaftester Phraseologie macht, ist eben nichts anderes, als die Auflehnung des bürgerlichen Geistes gegen die Wurzeln seiner eigenen Existenz, gegen die Warenproduktion als Grundlage der Kunst, gegen die bezahlte Lohnarbeit als das Geheimnis aller künstlerischen Tätigkeit. KRAUS drückt diese Revolution des entheiligten und zur Ware degradierten Geistes gegen sich selbst am besten aus, und obzwar seine eigene Tätigkeit, genau so wie jede andere, denselben Gesetzen des Marktes unterworfen ist und sogar seine Auflehnung gegen diese Gesetze nichts anderes als eine eigenartige Wirkung der die Produktion der geistigen Waren beherrschenden Konkur¬renz ist, hat er doch den überzeugendsten Tonfall gefunden, um das Elend dieser Kunst, die ein Bankgeschäft geworden, und dieses Bankgeschäftes, das sich als Kunst ausstaffieren möchte, zu schildern. […]

Aber nicht nur die Bourgeoisie hat sich mit der soeben geschilderten Entwicklungsstufe der Kopfarbeit abzufinden. Auch ihrem gesellschaftlichen Antipoden, dem Proletariat, bleiben dabei manche Überraschungen, Widersprüche und Schwierigkeiten nicht erspart. Denn in dem Maße, in dem die gesamte geistige Tätigkeit der Gesellschaft durch das Gesetz der Warenproduktion beherrscht zu werden anfängt, wird auch das geistige Schaffen der Arbeiterklassen, die doch innerhalb derselben Gesellschaftsordnung sich bewegt wie die Bourgeoisie, von den veränderten Verhältnissen aufs entschiedenste beeinflußt. […]

Es ist wohl ohne weiteres einleuchtend, daß die sozialistische Bewegung, je mehr sie anschwellt, um so zwingender sich veranlaßt sieht, bezahlte Hilfskräfte zu verwenden, um ihre mannigfaltigen Agenden bewältigen zu können. Eine wohlgeschulte Angestelltenarmee entsteht so, für die der Sozialismus nicht nur Berufung, sondern zugleich Beruf ist, die von ihm lebt und für die er ein Erwerbszweig geworden ist. Mit der wachsenden Bedeutung der Parteipresse, der Parteiämter und der gewerkschaftlichen Organisationen wächst zugleich auch die Schicht dieser Arbeiter, für die der Sozialismus eine Überzeugung, zugleich aber auch eine Ware ist. Beruflich sind sie vollkommen allen ändern Schichten der Gewerbtreibenden gleichzustellen und speziell jenen, deren soziale Verwendung sich in der Form von geistiger Lohnarbeit manifestiert. […]

Sofern der Sozialismus als Ware auftritt oder, vulgär gesprochen, sofern er seinen Mann nährt, kann ihm die bürgerliche Gesellschaft, deren allgemeine Gottheit die Warenform der Güter ist, eine gewisse Anerkennung nicht absprechen. Sie verabscheut ihn als ihren Feind, aber sie kann seine Warenform nicht verabscheuen, ohne zugleich den der Ware als solcher schuldigen Respekt zu verletzen. Diese und keine andere Bewandtnis hat es mit dem sogenannten Gerechtigkeitssinn der Gegner des Sozialismus, der die „Bedeutung“ der gesunden Seiten der sozialistischen Bewegung zu würdigen vorgibt. Diese „gesunden Seiten“ sind eben die Erwerbsmöglichkeiten, die sie ihren Anhängern eröffnet. Und jede Erwerbsmöglichkeit ist der bürgerlichen Anschauungsweise schon an und für sich heilig. […]

Die Frage vom Verhältnis des Sozialismus zum Parlamentarismus spielt schon seit vielen Jahren eine große Rolle in der Arbeiterbewegung. Ohne diese Frage in ihrem ganzen theoretischen Umfange zu untersuchen, begnügen wir uns mit dem Hinweise darauf, daß ihre Wendungen mit der Entwicklung des Warencharakters der sozialistischen Kopfarbeit vollkommen zusammenfallen. Denn die parlamentarische Tätigkeit, die Einstellung der ganzen sozialistischen Arbeit auf das Winkelmaß des Parlamentarismus, gewährt der sozialistischen Ware jene Zirkulationssicherheit, ohne die sie als solche, d. h. als Ware, gar nicht existieren kann. Der Parlamentarismus ist somit die reine, ja die reinste Form derjenigen Entwicklung, die sich in dem Ware gewordenen Sozialismus allmählich vollzogen hat. Während der Massenstreikdebatten in der deutschen Arbeiterpartei hat so mancher mit Verwunderung gefragt, wie es komme, daß gerade die Revisionisten sich für den politischen Massenstreik begeisterten ? Man glaubte darin höchste Inkonsequenz sehen zu sollen. Aber nichts falscher als das! Die Revisionisten blieben sich vollkommen treu. Denn man darf nicht vergessen, dass sie nur in einem einzigen Fall zur Waffe des Massenstreiks willig gegriffen hätten: im Fall einer eventuellen Entziehung ihrer politischen Rechte und vor allem des Wahlrechts. Nichts würde dem Warencharakter des Sozialismus mehr geschadet haben, und es gibt bekanntlich kein Übel, welches die Ware mehr fürchtet, als die Gefahr, vom Markte verdrängt zu werden. Da der Revisionismus stets bloß ein vollkommen unkritischer und unbewußter Abklatsch der neuen Warenphase der sozialistischen Theorie war, so wäre nichts Verwunderliches daran gewesen, wenn er auch zu Gift und Dolch gegriffen hätte, sobald die heilige Majestät seiner ungestörten Weiterproduktion bedroht gewesen wäre. Außerdem war der Revisionismus von der alleinseligmachenden Kraft der friedlichen Entwicklung so sehr überzeugt, daß ihm jedes Mittel, sie zu verteidigen, gerade gut genug erschien. Denn nicht der Verlust der politischen Rechte, als solcher, war ihm Hauptsache, sondern der Umstand, daß dieser Verlust auf abschüssige, d. h. „gewaltsame“ Bahnen lenken würde. Diese Perspektive jagte ihm derartigen Schrecken ein, daß er sich zu jedem Aufruhr bereit erklärte -— nur um Ruhe zu haben. Eine bemerkenswerte Dialektik, die übrigens in den gesamten Bedingungen der Warenproduktion liegt. […]

Der theoretische Inhalt des wissenschaftlichen Sozialismus wurde dadurch aufs stärkste betroffen. Namentlich jene Sucht, ihn mit allen möglichen ändern geistigen Erzeugnissen zusammenzukoppeln, die besonders zu Anfang dieses Jahrhunderts grassierte, liefert einen sicheren Beweis für die Wirkungen, die der Warencharakter des Sozialismus auf dessen Integrität ausüben kann, sofern man sich ihm willen- und widerstandslos hingibt. Wie der Parlamentarismus unter gewissen Bedingungen in Kretinismus ausartet, so wird auch der Sozialismus im Augenblick seiner Gleichberechtigung auf dem Warenmarkte der Idee von einem derartigen Taumel ergriffen, daß die einzige Möglichkeit eines Entrinnens nur in der rechtzeitigen. Erkenntnis der veränderten Bedingungen besteht, unter denen die sozialistische Kopfarbeit innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft sich vollziehen muß. Nur dies ermöglicht es, den inneren Sinn der eben erwähnten Zusammenkoppelungsversuche zu erfassen. Welcher Ideengang lag ihnen — bewußt oder unbewußt — zugrunde?
Nun, handelspolitisch, wie man heutzutage zu sagen pflegt, ist das Geheimnis sehr durchsichtig. Man erwäge offenbar folgendes: MARX ist gut. Aber daneben gibt es doch noch manches andere Schöne. Soll, wer darauf reflektiert, der Konkurrenz überlassen werden? Mit Nichten! Und somit wurden alle Schleusen aufgemacht.
KANT und NIETZSCHE, AVENARIUS und JAMES — alle wurden entsprechend „verarbeitet“. Dieser neue Marxistenschlag hat sozusagen alles am Lager und kann es geradezu nicht dulden, daß sich bei den bürgerlichen Lieferanten etwas findet, das „wir“ nicht hätten ebensogut hersteilen können. Daher die Sucht, alle Moderströmungen des bürgerlichen Geisteslebens mitzumachen, sie auszunützen, aus ihnen Kapital zu schlagen. Man hat das oft als ein psychologisches Phänomen betrachtet und sich gewundert, wie es möglich sei, daß anscheinend gescheite und gelehrte Leute vollkommen wahllos alle möglichen Metalle zusammenlöten wollen. Aber man hat das Probem falsch gestellt: Nicht eine psychologische, sondern eine ökonomische Erscheinung kommt dabei in Betracht, und als solche drückt sie eben getreulich den Warencharakter des heutigen Geisteslebens aus. Die bona fides der Revisionisten in allen Ehren! Sicherlich gibt es unter ihnen manchen, der fest davon überzeugt ist, neue theoretische Welten entdeckt zu haben. Aber das ändert an der eigentlichen Sachlage gar nichts. Auch manchen Dichter und Denker gibt es, der sich im Dienste der hohen Kunst oder der reinen Wahrheit wähnt, der aber nichts anderes als Lohnarbeiter der Bourgeoisie ist. Das klingt allerdings „grob materialistisch“, und zarte Seelen — namentlich solche, die gerne täuschen und sich täuschen lassen — mögen derartige Behauptungen ganz unmanierlich finden. Aber auch ihr Geschrei ist Lohnarbeit. . . .

Constantin Jurenew [Dr. Oskar Blum?], „Der Sozialismus als Ware“, Archiv für die Geschichte des Sozialismus und der Arbeiterbewegung, 1916, S. 269-285.