Julius Dickmann – Das Grundgesetz der sozialen Entwicklung/Der Arbeitsbegriff bei Marx (Rezension)

Dickmann, Julius, Das Grundgesetz der sozialen Entwicklung. Wien 1932. (60 S.). — Ders., Der Arbeitsbegriff bei Marx. Wien 1932. (55 S.). Beide als Manuskript vervielfältigt.

Die beiden Schriften bilden die ersten Hefte einer Keihe „Beitrage zur Selbstkritik des Marxismus“. Die erste stellt einen Versuch dar, die Grundkonzeption der materialistischen Gesellschaftstheorie von Marx durch eine neue zu ersetzen. D.s These besagt, daß nicht die von innen heraus erfolgende Ausweitung der Produktivkrafte die ihnen früher adäquaten Produktionsverhaltnisse beseitigt („sprengt“), sondern daß „das Hervorgehen einer neuen Produktionsweise aus einer alteren auf das durch den ungehemmten Gebrauch bewirkte Zusammenschrumpfen der naturlichen Grundlage ihrer Anwendung zuruckzufiihren ist“ (S. 13). Diese neuartige Auffassung belegt D. durch ein umfangreiches Material und versucht, die grundlegenden Äußerungen von Marx und Engels iiber Produktivkrafte und Produktionsverhaltnisse im einzelnen als widerspruchsvoll aufzuzeigen. Aber D.s Begriff der Produktivkraft deckt sich nicht mit dem von Marx-Engels; Marx kennt neben den natürlich bedingten noch die gesellschaftlich bedingten Produktivkrafte; D. handelt nur von den naturlich bedingten. Seine Schlußfolgerungen aus diesem relativ engen Produktivkraftbegriff treffen daher die Marxsche Produktivkrafttheorie nur unvollstandig, sie berühren demgemäß auch nicht die kapitalistischen Krisen als Knotenpunkte der „sozialen Entwicklung“.
Nichtsdestoweniger bedeutet die Schrift von D. wegen ihrer Originalität einen interessanten Beitrag zur Diskussion des Problems der sozialen Entwicklung.

Im zweiten Heft, „Der Arbeitsbegriff bei Marx“, zeigt sich die oben erwähnte einseitige Herausstellung des Naturfaktors als bewußte theoretische Pointe D.s. Er sieht den großen Mangel des Marxschen Begriffs der „abstrakt-allgemeinen Arbeit“ eben in der Abstraktion von der Naturbasis, der physiologisch-mechanischen Energieverausgabung. Nach D. ist die abstrakt-allgemeine Arbeit, die bei Marx als die einzig wertbildende auftritt, von der konkret-nützlichen, die Gebrauchswerte schafft, nicht dadurch unterschieden, daß diese einen natürlichen, jene aber einen rein gesellschaftlichen Charakter hat. Vielmehr sind beides nur natürliche Funktionen ein- und derselben gesellschaftlichen Produktionstätigkeit des Menschen, die abstrakt-allgemeine als äußerlich-mechanische Energieverausgabung, die konkrete als geistig-zwecksetzende Tatigkeit. Wertbildend ist auch nach D. nur die abstrakt-allgemeine Arbeit, das Problem der potenzierten Wertbildung durch ,,qualifizierte“ Arbeit besteht für ihn nicht, diese falle ausschließlich in den Bereich der Gebrauchswertsohopfung — ein Zusammenhang, den Marx nicht gesehen habe. Eine eingehendere Beurteilung der D.schen Kritik wäre nur sinnvoll, wenn er seine eigene Werttheorie dargestellt hatte. Dies hat er einem der folgenden Hefte vorbehalten. Seine vorliegende Kritik des Marxschen Arbeitsbegriffs stützt D. auf die Ergebnisse der modernen Arbeitswissenschaft.

A. F. Westermann (Frankfurt a. M.)

Zeitschrift für Sozialforschung, 1 Jg., 1932, S. 418-419.