Als Rosa Luxemburg 1906 aus Rußland zurückkam, war es bald offensichtlich, daß man die revolutionäre Periode ohne irgendeinen Versuch, sie auszunützen, hatte auslaufen lassen; daß die Beschäftigung der Partei mit Fragen der Organisation und des Umfangs Faktoren waren, die zur Unbeweglichkeit führten, also Schwäche bedeuteten und keine Anzeichen von Stärke waren. In einem Pamphlet, in dem sie den taktischen Wert von Massenstreiks auf Grund ihrer russischen Erfahrung analysierte, kam Rosa Luxemburg in der Entwicklung einer Doktrin ein großes Stück weiter, die den Begriff der Aktion und Bewegung nicht als eine wünschenswerte Führungspolitik, sondern als eine neue Organisationstheorie aufstellte (1). In seinem Verlauf stellte sie die von der gesamten Zweiten Internationalen akzeptierte Doktrin auf den Kopf, daß jede sozialistische Partei gegen die von der Gesellschaft mobilisierten Kräfte nur dann Erfolge verzeichnen könnte, wenn sie über eine starke Organisation, volle Kassen und kluge Führung verfügte. Ganz im Gegenteil. Sie versuchte zu zeigen, daß in der russischen Revolution die Aktion in Wirklichkeit die Organisation geschaffen hatte; daß eine unorganisierte und schwache Sozialdemokratie ohne jede gewerkschaftliche Organisation aus dem aktiven Kampf mit starken und mächtigen Partei- und Gewerkschaftsorganisationen hervorgegangen sei. Damit dieses Beispiel nicht zu spezifisch russisch sein sollte – was es in deutschen Augen verworfen hätte und tatsächlich verwarf –, bemühte sich Rosa Luxemburg zu zeigen, daß die Gewerk schaftsorganisation in Deutschland sehr viel stärker als eine Reaktion auf die Sozialistengesetze gewachsen war als in der folgenden Periode der Freiheit und Toleranz (2).
Der nächste Schritt in der Entwicklung dieser Doktrin kam während der Wahlrechtskrise von 1910, als zum ersten Mal die Parteiführung speziell als Hindernis auf dem Weg der Revolution identifiziert wurde. Der Vorstand versagte nicht nur bei seiner Arbeit, sondern verstand seine Funktion falsch, die darin bestand, revolutionäre Perioden zu erkennen, in jeder gegebenen Situation die richtigen Waffen zu wählen und zu erklären – nicht die Aktion zu befehlen oder zu verbieten – und vor allem Ziele in der genau richtigen Höhe zu stecken, oder vielleicht einen Bruchteil höher (3). Es gab starke Anzeichen für eine sozialistische Doktrin des ultra vires in der Abhandlung über das bremsende Verhalten des Vorstandes in der Wahlrechtsagitation. Zum ersten Mal wurde 1910 das Organisationsproblem in einer neuen Form gestellt; wofür gibt es Organisationen? Etwas war ernstlich falsch, wenn sie nicht für etwas da waren, wenn es sie nur gab, um zu wachsen.
Nun war Rosa Luxemburg mit Nachdruck keine Anarchistin und fuhr fort, zwischen »abstrakter Hirngymnastik«, die willkürlich die »blaue Luft« beschwor, und ihrer eigenen Position zu unterscheiden (4). Als eine Antithese zu den »Führern« forderte sie »Massen«, nicht so sehr im demokratischen Sinn einer Volkskontrolle der Exekutive, sondern als einen Faktor der Bewegung (5). Niemand konnte behaupten, daß die Parteiführung entgegen den Beschlüssen der Parteitage handelte; es gab keine Bürokratisierungstheorien, die sowieso nicht in das heuristische Werkzeug marxistischer Analyse paßten. Die Suche nach Mitteln zur Überwindung der selbstgenügsamen Tendenzen der Führung mußte daher eine geläufige und orthodoxe (keine anar-chistische) Terminologie gebrauchen, obwohl das der Klärung der Probleme nicht immer dienlich war. Aus diesem Grund hat der Begriff »Massen« Sozialdemokraten veranlaßt, nach der kommunistisch-sozialistischen Spaltung die Unterstützung von Rosa Luxemburg für eine Art Mehrheitsdemokratie gegen bolschewistische Willkür in Anspruch zu nehmen. Ähnlich hat er spätere kommunistische Historiker dazu gebracht, ihr den Begriff der Spontaneität anzulasten, was sich aus dem gleichen Mißverständnis ergibt, daß die spontanen Mehrheitsentscheidungen der Massen die oberste Richtlinie der Sozialdemokratie waren. Eine sorgfältige Analyse von Rosa Luxemburgs Schriften zeigt dagegen, daß das Wort »Massen« in Wirklichkeit als Synonym für »Aktion« gebraucht wurde, während »Führer« Unbeweglichkeit und Selbstgenügsamkeit symbolisierte.
Dies war die Grundlage der Aktionslehre von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Es war eine dynamische, dialektische Doktrin; Organisation und Aktion belebten sich gegenseitig und regten zum Wachstum an. Nur der Gebrauch von Organisationen konnte sie befruchten. Die Grenzen dieser Doktrin wurden in den Jahren vor dem Krieg ausgedehnt und natürlich zwischen 1914 und 1918 noch weiter entwickelt, was in dem Versuch seinen Höhepunkt erreichte, sie während der deutschen Revolution in der Praxis anzuwenden. Man betonte die Aktion nicht nur gegen die Unbeweglichkeit des Vorstandes, sondern hob ihre prophylaktische Wirkung auf die Sozialdemokratie hervor. In Rosa Luxemburgs Augen half eine aktive Politik, das Klassenbewußtsein des Proletariats zu artikulieren, und stellte für die taktische wie auch theoretische Bildung eine bessere Werkstatt zur Verfügung als jeder Aufwand an Schriften, Vorträgen oder Organisation. So übernahm die Aktion sowohl soziale als auch politische Aufgaben und reichte in all die Winkel und Ecken, in denen die SPD-Organisation Fuß gefaßt hatte. Es kann gut sein, daß es grundlegende Ähnlichkeiten mit dem Anarchismus gab, insofern sich alle Aktionsdoktrinen untereinander ähneln. Ein starker Wind der Aktion und Bewegung blies zu jener Zeit durch alle Bereiche der europäischen Kultur, sowohl in der Kunst und Literatur als auch in dem mehr politischen Zusammenhang von Sorel und den italienischen Futuristen. Die Analogie zu den Anarchisten allein ist daher nicht sinnvoll. Die deutsche Linke verließ niemals den selbstgesteckten Rahmen des Marxismus; ihre Vorstellungen von Aktion entwickelten sich unter ganz anderen Umständen als die der Anarchisten, als ein spezielles Korrektiv und nicht als vollkommene Ablehnung von Organisation und Führerschaft. Am bedeutsamsten ist, daß Rosa Luxemburg sich im besonderen auf eine russische Erfahrung stützte, die sich von dem intellektuellen Individualismus von Bakunin, Nieuwenhuis und dem zeitgenössischen Anarchismus scharf unterschied. Sie betonte die Selbstdisziplin immer als einen Teil der Aktion – das Gegenteil der Doktrin der Selbstbefreiung, die die Anarchisten mit anderen europäischen Philosophien der Tat teilten. Auf jeden Fall tendieren Ideen unter dem Druck der Opposition zum Extremismus, ebenso wie sie solange verwässert bleiben, wie Hoffnung auf Erfolg besteht; wir brauchen die Ideen der deutschen radikalen Linken nicht von den romantischen Übertreibungen von Pannekoek oder der Selbstaufopferung von Karl Liebknecht her zu beurteilen (6). Wiederholt behauptete Rosa Luxemburg, daß ihre Idee nicht als ein endgültiger Aufstand mit spezifischen Ergebnissen für die Gesellschaft gedacht war, sondern als eine Tendenz, als eine Art zu denken, als einigender Faktor zur Überwindung der Widerstände und starren Kategorien, die sich daraus ergeben hatten, daß sich die Parteiführung ausschließlich mit Fragen des Wachstums beschäftigte. Aktion war sowohl Lockerung wie Einigung. Außerdem betonte Rosa Luxemburg immer, daß jede erfolgreiche Massenaktion das Bestehen einer revolutionären Periode voraussetzte und niemals bloß das Ergebnis einer einzelnen Entscheidung sein konnte.
Wie konnte dann eine revolutionäre Periode als gegeben angenommen werden? Hier lieferte die Imperialismusdoktrin die nötigen Mittel. Nach Kautskys Theorie waren revolutionäre Perioden nicht-existent geworden – sie konnten sich nicht entwickeln, solange die Gesellschaft und die Sozialdemokratie nicht in engem Kontakt und Handlungsaustausch standen. Imperialismus war nur ein Wort, das die fortgeschrittene soziale Auflösung in Deutschland bezeichnete. Rosa Luxemburg und Karl Radek gebrauchten Imperialismus im genau entgegengesetzten Sinn. Nachdem sie vergeblich versucht hatten, den Massenstreik als ein Instrument zur Galvanisierung des Parteidenkens zu propagieren, begann Rosa Luxemburg, von der Gesellschaft die nötige Lösung zu erwarten. Wie Canning brachte sie die eine Welt ins Spiel, um das Gleichgewicht der anderen wiederherzustellen; in diesem Fall die alte Welt der Gesellschaft, um die Übel der Sozialdemokratie zu heilen. In ihren Schriften seit 1912 und in denen von Radek, Mehring und Marchlewski wurde eine Doktrin des Imperialismus entwickelt und diesem Zweck angepaßt, während Leute wie Pannekoek, Liebknecht und Julian Borchardt daraus eine extrem persönliche Ideologie entwickelten (7). Die Grenze zwischen ihnen war undeutlich; am deutlichsten zeigte sie sich in einigen Augenblicken wie der Konfrontation von Radek und seinem früheren Bremer Kollegen Johann Knief nach dem Krieg (8).
So entstand seit Anfang 1912 auf der äußersten Linken ein plötzliches, starkes, neues Interesse an dem Tun der Gesellschaft. Nach einem fast zehnjährigen Desinteresse an solchen Problemen beschäftigte sich Rosa Luxemburg stark mit Berichten über die Gesellschaft. Aber jeder Artikel über irgendeinen einzelnen Skandal zeigte jetzt deutlich auf das eine erwünschte Ziel – den wachsenden Druck des Imperialismus und die Notwendigkeit, ihn mit Aktionen zu beantworten (9). Der Unterschied zwischen der kapitalistischen und der imperialistischen Gesellschaft wurde in praktischen Bezügen der Grad des Druckes auf die Sozialdemokratie. Rosa Luxemburg versuchte zu zeigen, daß die durch die bewußte Isolierung der Partei entstandene Kluft in Wirklichkeit nicht bestand, daß die Gesellschaft auf der ganzen Linie unbarmherzig Druck auf den Sozialismus ausübte. Ohne die Gesamtheit des Problems aus den Augen zu verlieren, die für die marxistische Konzeption der zwei sich bekriegenden totalen Welten lebenswichtig war, griff sie alle möglichen Beispiele heraus, mit denen sich die Unmittelbarkeit des Druckes beweisen ließ. Ob es ein Streik der Gewerkschaften war, die schlechte Behandlung der Rekruten in der Armee, die Auswüchse der Militärs gegenüber der Zivilbevölkerung in Zabern oder ein Fall von Vergiftung in einem Altenwohnheim, die Schlußfolgerung war immer die gleiche. Mit Liebknecht war sie besonders deswegen nicht einer Meinung, weil er sich keine totale Perspektive erhalten konnte, denn die Hervorhebung jedes einzelnen Aspekts des Imperialismus mußte zu einer Verzerrung dieses Teils führen anstatt zu einer permanenten Konfrontation mit dem Ganzen.
»Die Fragen des Militarismus und Imperialismus stellen heute die Zentralachse des politischen Lebens dar, in ihnen und nicht etwa in der Frage der Ministerverantwortlichkeit und anderen rein parlamentarischen Forderungen liegt der Schlüssel zur politischen Lage . . . Die politische Situation ist dieselbe geblieben, sie ist nur reifer geworden. Wir haben nicht einen Rückgang, sondern einen gewaltigen Aufschwung des Imperialismus und damit eine immer größere Zuspitzung der Klassengegensätze zu gewärtigen. Und dementsprechend haben wir auch als Signatur der Lage . . . den alten Gegensatz der gesamten bürgerlichen Parteien zur Sozialdemokratie . . . Die Sache des Sozialismus muß vorwärts gebracht werden« (10).
Beharrlich sprach sie von »den großen Zeiten, in denen wir leben«, nicht als ein Stück leere Rhetorik, sondern um den nahe bevorstehenden Kampf zu feiern – »Arm in Arm, Auge an Auge, Brust an Brust« – im Gegensatz zur bequemen Isolierung, die die Haltung des Vorstandes implizierte. Obwohl sie die Manifestationen einzelner Probleme der Politik wie die Wahlen von 1912 auswählte, um daran ihre Doktrin aufzuhängen, ist das Beharren auf ein und demselben Grund und daher auf einer einzigen Lösung ein klarer, beinahe monotoner Beweis für eine im Grunde einfache Doktrin hinter der intellektuellen Verfeinerung ihrer Behandlung der Fragen.
In einem Sinn folgte die radikale Opposition den Spuren der Revisionisten: beide konnten sie die Trennung von der Gesellschaft nicht dulden. Beide machten einen energischen Versuch, die alte Entfremdung zu überwinden. Jede Beziehung zerstört die Entfremdung, ob sie nun positiv oder negativ ist; jeder Versuch, sich mit der bestehenden Umwelt zu arrangieren oder aktiv gegen sie zu kämpfen. Folglich müssen wir in der radikalen Opposition innerhalb der SPD genauso wie in der Politik der Revisionisten den Wunsch sehen, engere Beziehungen zwischen dem Sozialismus und der Gesellschaft herzustellen. Es gab gelegentliche, sonderbar sympathisierende Übereinstimmungen zwischen der rechten und linken Kritik am Vorstand zwischen 1910 und 1914, die von Kautsky nicht übersehen wurden (11).
Aber was die Revisionisten von den Radikalen unterschied, war eine andere Art von Polarität, in Bezug auf eine andere Variable – Aktion-Organisation. Die Revisionisten stellten niemals die Konzentration der Partei auf ihr organisatorisches Wachstum in Frage; sie waren die Hauptbeteiligten daran. Und natürlich begrüßten sie das wachsende Gewicht der Parlamentsarbeit und der Reichstagsfraktion. Auf die drängende Forderung der Radikalen nach Aktion zahlten sie eine Stichelei von 1899 zurück und nannten sie »Impossibilismus« (12). Für die Revisionisten war es ganz klar unmöglich, Organisation und Aktion in eine kausale oder komplementäre Beziehung zu bringen.
Die deutsche Linke entwickelte eine besondere Theorie der Aktion. Wir haben zu zeigen versucht, daß die Entwicklung und Zuspitzung dieser Idee sich auf Grund und innerhalb des Vakuums ereignete, daß die bewußte und unbewußte Politik der SPD-Führung geschaffen und aufrechterhalten hatte. Dies war eine direkte Folge des Sieges im Revisionismusstreit. Anstatt zu helfen, die Partei revolutionär zu erhalten, wie man es zu der Zeit glaubte, erreichte die Niederlage – in der Abstimmung, nicht in der Praxis – der Revisionisten das Gegenteil. Durch die Isolierung der SPD und durch den Zustand der allgemeinen und wachsenden Entfremdung von der Gesellschaft wurden die Möglichkeiten der revolutionären Anregung blockiert, da diese nur durch den Kontakt mit der Gesellschaft gegeben werden konnten. Außerdem bewirkte die Isolierung die politische Kultur, in der die Selbsttäuschung allgemein und vollkommen wurde, da die Möglichkeiten zerstört wurden, die bestehenden revolutionären Mythen an den wirklichen Erfolgen zu messen. Unter diesen Bedingungen wurde eine neue Philosophie (die von Kautsky) entwickelt, die den revolutionären Marxismus seines dynamischen Inhalts beraubte und letzten Endes den Zusammenbruch der Gesellschaft von der Politik und den Aktivitäten der Sozialdemokratie schied, es sei denn in einem rein formalen Sinn. Es war daher natürlich, daß jeder, der dieses Konzept bekämpfte, zunächst fordern würde, die Partei aus ihrer Isolierung und Selbstgenügsamkeit herauszubrechen.
Woanders, aber gleichzeitig war Lenin dabei, eine völlig andere Aktionstheorie zu entwickeln. Sie sprach der Rolle der Organisation eine positive Bedeutung zu. Aber auch diese Doktrin wurde unter den Bedingungen der Isolierung von der Gesellschaft entwickelt. Die bolschewistische Führung befand sich, außer in einer kurzen Periode der ersten russischen Revolution, in der Emigration, und auch Lenins Ideen waren das Produkt seiner unmittelbaren Umgebung, der russischen sozialdemokratischen Partei, genauso wie das Denken der deutschen Linken von Bedingungen innerhalb der SPD beherrscht wurde. Die Wege der Revolution wurden nicht durch Konflikt mit der Gesellschaft, gegen die sich die Revolution richtete, entwickelt, sondern im Rahmen einer sozialistischen Partei, deren Organisation und Politik man für unzulänglich hielt. Lenin brachte nicht den Imperialismus ins Spiel, um sich zu helfen, die bolschewistische Isolierung war bewußt und selbstgewählt; er wollte die russische Sozialdemokratie von einem gesunden Kern von außen galvanisieren, nicht vom Imperialismus her von innen. Wo die deutsche Linke die Aktion gegenüber der Organisation betonte, predigte Lenin Organisation als einen Weg zur Aktion. Aber Aktion war beiden gemeinsam – und es war diese Betonung der Aktion, die die deutsche Linke und die russischen Bolschewisten schließlich trotz so vieler ernsthafter Meinungsverschiedenheiten ins gleiche Lager brachte. In ihrer Beschreibung der bolschewistischen Revolution, im September 1918 geschrieben, hob Rosa Luxemburg diese Hingabe an die Aktion besonders lobend hervor. Hier sah sie ein starkes, verwandtes Echo ihrer eigenen Ideen und analysierte sie genau in den eigenen Begriffen:
»Durch die Machtübernahme . . . und die Sicherung des Fortgangs der Revolution . . . haben die Bolschewiki die berühmte Frage nach der »Mehrheit des Volkes« gelöst, die den deutschen Sozialdemokraten seit jeher wie ein Alp auf der Brust liegt . . . nicht durch Mehrheit zur revolutionären Taktik, sondern durch revolutionäre Taktik zur Mehrheit . . .« (13).
Damit, daß Aktion der Grund und nicht die Folge der Massenbeteiligung war, sah sie die Bolschewisten ihre Ideen in der Praxis anwenden – und liefert uns nebenbei klare Beweise dafür, was sie meinte, wenn sie von Mehrheit und Massen sprach. Trotz anderer harter Kritik an der bolschewistischen Politik, war es die Lösung dieses Problems durch die Bolschewisten, die ihnen schließlich die Unterstützung der deutschen Linken sicherte.
Es ist nicht schwierig, den Einfluß dieser Zwillingsfaktoren von Organisation und Aktion in der folgenden Geschichte der UdSSR zu analysieren. Lenins Hauptbeschäftigung mit dem Primat der Organisation brachte eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber dem weiteren Begriff der Gesellschaft hervor, genauso wie es in der SPD geschehen war. So war der rasche Wandel der Politik vom Kriegskommunismus zur NEP (Neue ökonomische Politik), ja die Bereitschaft, eine teilweise kapitalistische Gesellschaft gedeihen zu lassen, letzten Endes auf die Überzeugung zurückzuführen, daß man die Gesellschaft im Augenblick sich selbst überlassen könnte, solange eine korrekte Organisation und richtige theoretische Disziplin im Kern der Partei erhalten wurden; die Mängel der Gesellschaft konnten die Partei nicht beeinträchtigen. Nach Lenin war die funktionale Beziehung zwischen Partei und Gesellschaft immer äußerlich; wenn der Kern gesund war, war der Zustand der Peripherie weniger wichtig. In dieser Beziehung ähnelte seine Analyse der Ideologie der SPD, aber unterschied sich vollkommen von der deutschen Linken, die es vor und nach dem Krieg notwendig fand, die Gesellschaft als Mittel zur Galvanisierung der Partei zu gebrau¬chen. Die ganze Lehre, die Macht nur am Ende eines langen Prozesses revolutionärer Entwicklung zu übernehmen, die Rosa Luxemburg als Programm für die junge deutsche Kommunistische Partei forderte, basierte auf Voraussetzungen, die denen von Lenin genau widersprachen, nämlich daß nur große Veränderungen in der Gesellschaft in sozialistischer Richtung die Herrschaft einer wirklich sozialistischen Partei möglich machen könnten (14).
ANMERKUNGEN
1. Massenstreik, Partei und Gewerkschaften, Hamburg 1906, Neudruck in: Rosa Luxemburg, Gesammelte Werke, Berlin 1928, Bd. IV, S. 410-479.
2. Ebd., S. 453.
3. Die Theorie und die Praxis, ebd., S. 589f.
4. Massenstreik, ebd., S. 410-418.
5. Vgl. zum Beispiel: Wieder Masse und Führer, Leipziger Volkszeitung, 29. August 1911.
6. Vgl. Anton Pannekoek, Neue Zeit, 1911/12, Bd. II, S. 548, 810ff. Für Liebknecht siehe Politische Aufzeichnungen aus seinem Nachlaß, Berlin 1921.
7. Vgl. die Äußerung der Internationalen Sozialisten in Deutschland in Arbeiterpolitik, 10. März 1917, abgedruckt in Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiter-bewegung, Berlin(-Ost) 1958, Bd. I, S. 574.
8. Vgl. Radeks Tagebuch in Otto Ernst Schüddekopf, Karl Radek in Berlin, Archiv für Sozialgeschichte, II, 1962, S. 135f.
9. Vgl. zum Beispiel: Im Asyl, Die Gleichheit, 1. Januar 1912; Neudruck in Gesammelte Werke, Bd. IV, S. 160.
10. Die Gleichheit, 5. Februar 1912.
11. Vgl. seinen Artikel: Zwischen Baden und Luxemburg, Neue Zeit, 1909/10, Bd. II, S. 667.
12. Max Schippel, Die neuesten Vorstöße unserer Impossibilisten, Sozialistische Monats¬hefte XVI, 1912, S. 280.
13. Die Russische Revolution, hrsg. v. Ossip K. Flechtheim, Frankfurt 1963, S. 54; Hervor-hebung von mir.
14. Vgl. Bericht über den Gründungsparteitag der KPD (Spartakusbund), Berlin o. J., S. 56.
Auszug aus dem Aufsatz von J. P. Nettl, The German Social Democratic Party 1890-1914 as a Political Model. World Copyright: The Past and Present Society, Corpus Christi College Oxford. Druck mit freundicher Genehmigung der Society aus: Past and Present, A Journal of Historical Studies, Nr. 30, April 1965, S. 87-93. Übersetzung von Angelika Jaeger.
(G. Ritter et al., Deutsche Parteien vor 1918, Köln, Kiepenheuer & Witsch, 1973, S. 358-364.)
0 Antworten auf „J. Peter Nettl – Rosa Luxemburgs Theorie der Massenaktion (1965)“