Das Leben rauscht an uns vorbei (La vie s’écoule, la vie s’enfuit)

Das Leben rauscht an uns vorbei
(La vie s’écoule, la vie s’enfuit)

Das Leben rauscht an uns vorbei,
Es flieht im trüben Einerlei.
Jede Partei und jeder Staat
Macht Revolution zum Verrat.

Arbeit bringt Lohn,
Arbeit bringt Tod.
Zeit gibts im Sonderangebot.
Verlorn die Zeit, die man erwirbt,
Sie ists, an der die Jugend stirbt.

Das Aug, um wahres Glück geprellt,
Spiegelt den Schein der Warenwelt,
Wo Traum und Wirklichkeit vergehn
Sind es nur Bilder, die wir sehn.

Die Toten der Vergangenheit
Geben uns Lebenden Geleit.
Im Alten bricht das Neue an
Und tritt gewaltsam auf den Plan.

Weg mit der Macht der Religion,
des Kapitals und der Nation,
Die Stürme, die der Wind entlässt,
entladen sich als Freudenfest.

Womit man uns an Waffen droht,
Es bringt den Bossen selbst den Tod.
Niemand soll uns je mehr regiern,
von unsern Kämpfen profitiern.

Text: Raoul Vaneigem | Übertragung ins Deutsche: Michael Halfbrodt Musik: Francis Lemonnier. Die Interpretation von 1974 findet sich u. a. bei http://audio.plusloin.org/plusloin/laviesecoule.mp3

Das Lied «La vie s’écoule, la vie s’enfuit» hat seinen Anlass in den großen Streiks 1961 in Belgien. Die Lyrics stammen von Raoul Vaneigem, die Melodie von Francis Lemonnier. 1974 erschien das Lied auf dem Album «Pour en finir avec le travail» (Schluss mit der Lohnarbeit). Damals wie heute erinnert uns das Lied daran, dass der Zwang zur Lohnarbeit – zur Verschwendung unserer Lebenszeit im Dienste von Ausbeutung und Entfremdung – die Grundlage des kapitalistischen Systems ist. Ein System, in dem unsere kreativen und produktiven Fähigkeiten gegen uns selbst und unsere Umwelt gewendet und in Mittel der sozialen und ökologischen Zerstörung verwandelt werden. Ein System, in dem es stets irgendwelche Parteien, Führer und Bürokratien gibt, die selbst aus unserem Aufbegehren noch Kapital schlagen wollen. Der Kapitalismus ist aber kein unausweichliches Verhängnis, sondern ein von uns Menschen gemachtes Verhältnis. Deshalb sind wir gemeinsam jederzeit in der Lage, ihn durch eine Gesellschaft ersetzen, in der jede nach ihren Fähigkeiten und jeder nach seinen Bedürfnissen leben kann. In dieser so anderen Gesellschaft, dem Libertären Kommunismus, werden wir keine Arbeiterinnen mehr sein müssen, weil wir gemeinsam Lohnarbeit, Ausbeutung und Entfremdung auf dem Müllhaufen der Geschichte beerdigt haben werden.

Aus: Gǎidào (Monatszeitschrift des Forums deutschsprachiger AnarchistInnen), n°8/2011.

La vie s’écoule, la vie s’enfuit
Les jours défilent au pas de l’ennui
Parti des rouges, parti des gris
Nos révolutions sont trahies
Le travail tue, le travail paie
Le temps s’achète au supermarché
Le temps payé ne revient plus
La jeunesse meurt de temps perdu
Les yeux faits pour l’amour d’aimer
Sont le reflet d’un monde d’objets.
Sans rêve et sans réalité
Aux images nous sommes condamnés
Les fusillés, les affamés
Viennent vers nous du fond du passé
Rien n’a changé mais tout commence
Et va mûrir dans la violence
Brûlez, repaires de curés,
Nids de marchands, de policiers
Au vent qui sème la tempête
Se récoltent les jours de fête
Les fusils sur nous dirigés
Contre les chefs vont se retourner
Plus de dirigeants, plus d’État
Pour profiter de nos combats

Jacques Marchais – La vie s’écoule, la vie s’enfuit (1974)

René Binamé – La vie s’écoule, la vie s’enfuit (2008)