Archiv für Juli 2011

Give up activism! (1999)

ExpertInnen

Mit einer „Aktivistenmentalität“ meine ich Leute, die sich selbst in erster Linie als AktivistInnen denken und die sich einer größeren Gemeinschaft von AktivistInnen zugehörig fühlen. AktivistInnen identifizieren sich mit dem, was sie tun und denken ihre Rolle im Leben wie eine Arbeit oder einen Job. Auf die selbe Weise identifizieren sich andere Leute mit ihrer Arbeit als Arzt oder Lehrer, und statt jemand zu sein, wird ihre Arbeit zu einem essentiellen Teil ihrer Selbstdarstellung.

EinE AktivistIn ist ein SpezialistIn in sozialer Veränderung. Sich selbst als AktivistIn zu denken, bedeutet, sich als jemand irgendwie privilegiertes oder besser geeignetes als andere in deinem Verständnis von der Notwenigkeit von sozialer Veränderung zu halten, in dem Wissen wie dies zu erreichen ist und als führendeR oder in der vordersten Front des praktischen Kampfes zur Schaffung dieses Wandels.

Aktivismus hat wie alle ExpertInnenrollen seine Grundlage in der Arbeitsteilung, die ihrerseits die Basis der Klassengesellschaft darstellt, und die in der fundamentalen Trennung von Kopf- und Handarbeit liegt. Experten bewachen eifersüchtig und mystifizieren die Aufgaben, die sie haben. Dies hält Leute getrennt und ohnmächtig und stärkt die hierarchische Klassengesellschaft.
Eine Arbeitsteilung beinhaltet, dass eine Person eine Rolle anstelle vieler anderer übernimmt, die sie ihr überlassen. Eine Teilung der Aufgaben bedeutet, dass andere Leute dein Essen anbauen und deine Kleidung herstellen und für deine Elektrizität sorgen, während du weitermachst, die sozialen Wandel voranzutreiben. Der Aktivist als Experte in sozialer Veränderung geht davon aus, das andere Menschen gar nichts tun, um ihr Leben zu verändern und fühlt sich so verpflichtet oder verantwortlich, dies an ihrer Stelle zu tun, um den Mangel an Aktivität anderer zu kompensieren. Uns als AktivistInnen zu definieren heißt, dass wir „unsere“ Aktionen als die einzigen betrachten, die uns sozialen Veränderungen näherbringen – während natürlich Klassenkampf immer und überall stattfindet.

Form und Inhalt

Die Spannung zwischen der Form des „Aktivismus“, in der unsere politischen Aktivitäten auftreten und den zunehmend radikalen Inhalten hat in den letzten Jahren immer mehr zugenommen. (In England) hat es in der „AktivistInnen-Szene“ einen Fortschritt gegeben, das immer mehr Leute von Kampagnen gegen einzelne Unternehmen oder Entwicklungen zu einer wenn auch vagen, dennoch vielversprechenden antikapitalistischen Perspektive übergegangen sind. Doch obwohl sich der Inhalt der Kampagnen verändert hat, ist die Form des Aktivismus gleich geblieben. Anstatt Monsanto anzugreifen und ihre Hauptquartiere zu besetzen, müssen wir jetzt über diese einzelne Facette des Kapitals, welches von Monsanto repräsentiert wird, hinaussehen und eine „Kampagne“ gegen Kapitalismus entwickeln. Und wo könnte mensch besser hingehen und etwas besetzen als die Hauptquartiere des Kapitalismus – die Innenstadt?

Unsere Handlungsmethoden sind immer noch dieselben, als ob wir uns mit einem einzelnen Unternehmen oder einer Entwicklung auseinandersetzen würden, trotz der Tatsache, dass Kapitalismus nicht dasselbe ist und dass die Methoden, mit denen mensch vielleicht ein einzelnes Unternehmen zu Fall bringen kann, nicht unbedingt die selben sein können, mit denen der Kapitalismus zu Fall gebracht werden könnte. Um den Kapitalismus anzugreifen, ist kein quantitativer Wandel nötig (mehr Aktionen, mehr AktivistInnen), sondern ein qualitativer (wir müssen andere Handlungsformen entwickeln). So wie es aussieht, haben wir sehr wenig Vorstellungen davon, was nötig sein könnte, um den Kapitalismus zu überwinden. Als ob alles, was dazu gebraucht würde, eine Art kritische Masse von AktivistInnen wäre, die alle erreichbaren Büros besetzt und dann hätten wir eine Revolution…

Rollen und Stereotypen

Die Rolle des oder der AktivistIn ist eine Rolle, die wir angenommen haben wie die als PolizistIn, Eltern oder PastorInnen – eine eigenartige psychologische Form, die wir benutzen, um uns selbst und unsere Beziehungen zu anderen zu definieren. AktivistInnen sind also SpezialistInnen oder ExpertInnen in sozialen Veränderungen – doch je mehr wir an dieser Rolle und Meinung von dem, was wir zu sein meinen, hängen, desto mehr behindern wir den Wandel, den wir anstreben. Eine wirkliche Revolution würde es einschließen, aus allen festgelegten Rollen auszubrechen und Spezialisierungen zu zerstören – eine Wiederaneignung unseres Lebens. Die Kontrolle über unsere eigenen Ziele an uns zu nehmen, was der Akt der Revolution darstellt, wird die Erschaffung von neuen Formen von Interaktion und Kommunikation einschließen. „Experten“ in irgend etwas können diesen Prozess nur behindern.

Der Situationist Rauol Vaneigem definiert Rollen wie folgt: „Stereotypen sind die dominierenden Bilder einer Periode…Stereotypen sind Modelle einer Rolle, und die Rolle ist eine Form des Verhaltens. Die Wiederholung eines Verhaltensmusters schafft eine Rolle.“ Eine Rolle zu spielen ist einen Eindruck zu kultivieren zur Vernachlässigung alles Authentischen. „Wir erliegen der Verführung von geliehenen Verhaltensmustern.“ Als Rollenspieler bleiben wir in Unauthentizität verhaftet – wir reduzieren unser Leben auf eine Reihe von Klischees – „brechen unser Leben herunter in eine Serie von Posen, mehr oder weniger unbewußt aus verschiedenen dominanten Stereotypen.“ Die Rolle des Aktivisten ist dabei nur eine dieser Rollen – und liegt darin, trotz aller revolutionärer Rhetorik, die mit dieser Rolle verbunden ist, letztlich im Konservatismus.

Die scheinbar revolutionäre Aktivität des/der AktivistIn ist eine stumpfe und sterile Routine – eine ständige Wiederholung einiger weniger Aktionen ohne Potential für Veränderung. AktivistInnen würden vielleicht sogar der Veränderung Widerstand leisten, wenn sie denn käme, denn das würde die einfachen Gewißheiten ihrer Rolle und die nette kleine Nische stören, die sie sich selbst geschaffen haben. Wie Gewerkschaftsbosse, sind AktivistInnen ewige RepräsentantInnen und ModeratorInnen. Auf die selbe Weise, wie Gewerkschaftsführende dagegen wären, das der Kampf „ihrer“ ArbeiterInnen erfolgreich wäre, weil sie damit ihren Job verlieren würden, ist die Rolle des Aktivisten durch eine wirkliche Veränderung bedroht. Wenn es wirklich eine Revolution gäbe, oder auch nur tatsächlich Schritte in diese Richtung, würde das sicher AktivistInnen erschüttern, weil es sie ihrer Rolle berauben würde. Wenn alle zu RevolutionärInnen werden, bist du nicht mehr so etwas besonderes, nicht wahr?

Also, warum verhalten wir uns wie AktivistInnen? Es ist einfach, in die Rolle des Aktivisten zu schlüpfen, weil es in diese Gesellschaft paßt, statt sie herauszufordern – Aktivismus ist eine akzeptierte Form von Dissens. Es hat sicherlich eine große Anziehungskraft, eben weil es nicht revolutionär ist.

Wir brauchen keine Märtyrer mehr

Der Schlüssel zum Verständnis der Rolle des Aktivisten ist die Selbstaufopferung – die Opferung des selbst an „die Sache“, die als etwas von einem selbst getrenntes angesehen wird. Dies hat natürlich nichts zu tun mit wirklichen revolutionären Aktivitäten, die die Ergreifung des Selbst ist. Revolutionäres Märtyrertum geht zusammen mit der Identifikation einer Sache, die jenseits des eigenen Lebens steht – eine Aktion gegen Kapitalismus, die den Kapitalismus als etwas „da draussen“ in der Stadt identifiziert, ist grundlegend falsch verstanden – die wahre Macht des Kapitals ist gerade hier in unserem alltäglichen Leben – wir wieder-erschaffen seine Macht jeden Tag, weil Kapitalismus kein Ding ist, sondern eine soziale Beziehung zwischen Menschen (und Klassen), vermittelt durch Dinge.

Die Rolle des Aktivisten schafft eine Trennung zwischen Zielen und Mitteln: Selbstaufopferung bedeutet die Schaffung einer Teilung zwischen der Revolution als Liebe und Freude in der Zukunft, aber Pflicht und Routine jetzt. Die Weltsicht des Aktivismus ist bestimmt durch Schuld und Pflicht, weil AktivistInnen nicht für sich selbst kämpfen, sondern für eine „Sache“. Als AktivistIn mußt Du Dich Deinen eigenen Wünsche verweigern, weil Deine politische Aktivität so definiert ist, dass diese Dinge nicht als „Politik“ zählen. Du tust also „Politik“ in eine getrennte Kiste von dem Rest Deines Lebens – wie in einem Job…Und weil es in dieser Extra-Kiste ist, existiert es ungehindert von jeglichen realen praktischen Betrachtungen über Effektivität. AktivistInnen fühlen sich verpflichtet, unreflektiert die selbe alte Routine beizubehalten, nicht in der Lage, inne zu halten und darüber nachzudenken, so dass das wichtigste ist, das der/die AktivistIn beschäftigt bleibt und ihre Schuld abarbeitet, in dem sie nötigenfalls selbst mit ihren Köpfen gegen die Wand rennen. AktivistInnen haben diese „Wir müssen JETZT etwas tun!“-Haltung, die anscheinend von Schuldgefühlen erfüllt ist. Das aber ist komplett untaktisch. Die Selbstaufopferung des Aktivisten spiegelt sich in ihrer Macht über andere als ExpertInnen – wie eine Religion gibt es eine Art Hierachie von Leiden und Selbstgerechtigkeit. AktivistInnen nehmen Macht über andere an durch die Moralität ihres höheren Grades an Leiden („nicht-hierachische Gruppen sind oft in Wahrheit eine „Diktatur der Engagiertesten“). AktivistInnen benutzen moralischen Druck und Schuldgefühle um Macht über andere weniger Erfahrene in der Theogonie des Leidens. Ihre eigene Unterordung geht Hand in Hand mit der Unterordnung von anderen – alle sind versklavt von „der Sache“.

Isolierung

Die Rolle des Aktivisten ist eine selbstauferlegte Isolierung von allen Menschen, mit denen wir uns verbünden sollten. Leute tendieren dazu, von sich selbst in der ersten Person Plural zu denken (auf wen beziehst du dich, wenn du von „wir“ sprichst?), im Bezug auf eine Gemeinschaft von AktivistInnen, eher als auf eine Klasse. So ist es z.B. seit einiger Zeit in der AktivistInnen-Szene beliebt, von „keine Ein-Punkt- Bezüge mehr“ und über die Wichtigkeit von „Verbindungen herstellen“ zu sprechen. Wie auch immer, darunter wird meistens die Herstellung von Verbindungen zu anderen AktivistInnen oder Aktionsgruppen verstanden.

Es ist jedoch nicht genug, zu versuchen, alle AktivistInnen der Welt miteinander zu verbinden, noch ist es genug, zu versuchen, mehr und mehr Menschen in AktivistInnen zu verwandeln. Im Gegensatz zu dem, was einige Leute zu denken scheinen, werden wir einer Revolution nicht näher kommen, wenn immer mehr Menschen zu AktivistInnen werden. Vaneigem schreibt: „Revolution wird jeden Tag gemacht, trotz, und in Opposition zu, den Spezialisten der Revolution.“ SpezialistInnen rekrutieren andere für ihre kleinen Spezialgebiete, um ihre eigene Macht zu vergrößern und so die Realisierung ihrer eigenen Machtlosigkeit zu verdrängen. Wie ein Kettenbriefverkaufssystem reproduziert sich die Hierachie – Du wirst rekrutiert, und um selber nicht am Ende der Pyramide zu stehen, mußt Du wiederum andere rekrutieren, die unter Dir stehen, die dann wiederum das gleiche tun. Die Reproduktion der entfremdeten Gesellschaft der Rollen ist begleitet durch Spezialisten.

Jaques Camatte macht in seinem Essay ‚Über Organisation‘ deutlich, dass politische Gruppen oft in „Gangs“ enden, die sich selbst durch Ausschluß definieren – die Loyalität der Gruppenmitglieder bezieht sich immer zuerst auf die Gruppe, weniger auf den Kampf. Die politische Gruppe oder Partei setzt sich selbst anstelle des Proletariats, und das eigene Überleben und Reproduktion wird oberstes Gebot. Die Gruppe behauptet von sich selbst, als einzige die Wahrheit verstanden zu haben und alle außerhalb der Gruppe werden wie IdiotInnen behandelt, die der Bildung durch diese Avantgarde bedürfen.

Hier gibt es Ähnlichkeiten zum Aktivismus, in dem die AktivistInnen-Szene wie eine linke Sekte handelt – Aktivismus als gesamtes hat einige Charakteristiken einer „Gang“. Diese „Gang“ ist eine illusionäre Gemeinschaft, die uns davon abhält, eine breitere Gemeinschaft des Widerstand aufzubauen. Die Quintessenz von Camates Kritik ist ein Angriff auf die Schaffung einer Innen/Außen-Unterteilung zwischen der Gruppe und der Klasse. Wenn wir die Strukturen der Herrschenden Gesellschaft im Namen der Politik reproduzieren, die sich selbst antikapitalistisch nennt, haben wir verloren, bevor wir überhaupt begonnen haben.

Ein bescheidener Vorschlag

Dies ist ein bescheidener Vorschlag, dass wir Handlungsformen entwickeln sollten, die unseren radikalen Ideen entsprechen. Aktivismus ist eine Form, die von unserer Schwäche verstärkt wurde; wir befinden uns in Zeiten, in denen radikale Politik oft schwach und marginalisiert ist. So ist es vielleicht nicht einmal in unserer Macht, aus der AktivistInnenrolle auszubrechen. Trotzdem, um daran zu arbeiten, den Kampf zu verbreitern und zu verschärfen, wird es nötig sein, mit der AktivistInnenrolle zu brechen, so weit das möglich ist – ein ständiger Versuch, über die Grenzen und Beschränkungen unserer Bindungen hinauszugehen. Historisch betrachtet, die Bewegungen, die einer ernsthaften Destabilisierung oder Sturz der Regierung oder die über den Kapitalismus hinausgingen, haben überhaupt nicht die Form des Aktivismus angenommen. Aktivismus ist essentiell eine politische Form und eine Handlungsform, die auf liberalen Reformismus zugeschnitten ist, und die von uns über ihre eigenen Grenzen hinaus getrieben und für revolutionäre Zecke benutzt wurde. Die AktivistInnenrolle müsste in sich selbst schon problematisch sein für alle, die eine soziale Revolution wollen.

Andrew X

Gekürzte Übersetzung (Quelle)

Give up activism!

Abandonnez l’activisme !

Der Buchhausierer

Le colporteur de livres.

Verl. Stowasser, Wetzlar, [1970 ?]

via Le Cartoliste.

Anton Pannekoek – Der neue Blanquismus (1920)

Wenn die materiellen Verhältnisse zu einer Revolution treiben, aber die Massen noch passiv und nicht zur Revolution geneigt sind, dann entstehen die Lehren, die das Ziel auf anderem Wege als dem der politischen Revolution des Proletariats erreichen wollen. So in Frankreich vor 1870, wo die beiden Richtungen, die entgegengesetzter Weise die ersten Keime einer künftigen Bewegung zu einer Theorie ausarbeiteten, an die Namen Proudhon und Blanqui anknüpften. Auf Proudhon, den kleinbürgerlichen Kritiker des Großkapitals, beriefen sich diejenigen Teile der emporkommenden Arbeiterbewegung, die in friedlichem Aufbau des Genossenschaftswesens den Kapitalismus untergraben wollten; sie fühlten instinktiv, dass die Macht der neuen Klasse in irgendeinem wirtschaftlichen Aufbau neuer Fundamente liegen müsse, nicht in äußerlichen politischen Putschen. Auf Blanqui, den unerschrockenen revolutionären Verschwörer, beriefen sich diejenigen Teile des Proletariats, die fühlten, dass Eroberung der politischen Gewalt nötig sei; und wenn die ganze Klasse noch gleich gültig ist, müsse das durch eine entschlossene Minorität geschehen, die durch ihre Einsicht und Aktivität die Masse mitreißen und durch strenge Zentralisation die Macht in den Händen behalten könnte. Beide Richtungen wurzelten in der Tradition früherer Bewegungen und waren deshalb kleinbürgerlich, weil sie noch keine Ahnung der breiten Kraft des entfalteten proletarischen Klassenkampfes hatten, der in der marxistischen Lehre seinen Ausdruck fand.

Es ist nur allzu begreiflich, dass ähnliche Lehren auch jetzt wieder auftreten, selbstverständlich in viel höherer, entwickelterer Gestalt, auf der Grundlage alles dessen, was als marxistische Lehre des Klassenkampfes seitdem zum Gemeingut aller proletarischen Kämpfer geworden ist, also als verschiedene Schattierungen dieser Lehre. Die Überzeugung, dass das Proletariat sich wirtschaftliche Macht aufbauen muss durch Beherrschung des Produktionsprozesses, durch Betriebsräte, und dass darauf alle Gewaltpolitik der Noskeleute abprallen muss, kann zu einem Neuproudhonismus führen, wenn man glaubt, dieses Mittel genüge, um durch seine eigene Wunderkraft die Gesellschaft ohne weitere revolutionäre Kämpfe des Proletariats in die kommunistische Ordnung überzuführen. Und andererseits tritt eine neublanquistische Tendenz hervor in der Auffassung, eine revolutionäre Minorität könne die politische Gewalt erobern und in der Hand behalten, und dies sei die Eroberung der Herrschaft durch das Proletariat. Diese Tendenz tritt hervor in Struthahns Schrift über die Diktatur der Arbeiterklasse und der kommunistischen Partei.

Er redet dort von der Diktatur der Arbeiterklasse: »Was bedeutet das? Nun vorerst, dass sie die Interessen der Arbeiterklasse an die erste Stelle setzt und sich nur von ihnen leiten lässt. Zweitens, dass sie nur durch Arbeiterorganisationen durchgeführt werden kann.« Mit anderen Worten: »Diktatur der Arbeiterklasse« bedeutet nicht die Diktatur der Arbeiterklasse, sondern etwas anderes. Sie ist nicht die Diktatur der Klasse, sondern die Diktatur bestimmter Gruppen, und sie nennt sich proletarische Diktatur, weil sie von einer Arbeiterorganisation ausgeübt wird (auch die SPD ist eine Arbeiterorganisation) und die Arbeiterinteressen an die erste Stelle setzt (das behaupten ja viele Sozialverräter von sich). Was hier vertreten wird, ist die Diktatur der Kommunistischen Partei, die Diktatur der entschlossenen revolutionären Minorität. Allerdings werden dann viele Restriktionen gemacht; die vielfach vortrefflichen Ausführungen über die Rolle der Kommunistischen Partei in der Revolution zeigen, dass hier ein kluger Politiker am Worte ist, der nicht blindlings drauflos putschen will und aus der russischen Revolution gelernt hat. Aber um so mehr muss sein theoretisches Prinzip hervorgehoben werden. Und in weiterer Konsequenz dieser Lehre ist es wieder nicht die ganze Kommunistische Partei, sondern ihre Zentrale, die diese Diktatur ausübt, zuerst innerhalb der Partei selbst, wo sie aus eigener Machtvollkommenheit Personen ausschließt und eine Opposition mit schäbigen Mitteln hinauswirft. Auch in dem, was Struthahn darüber sagt, liegt an sich viel Wertvolles; aber die stolzen Worte über die Zentralisierung der revolutionären Kraft in den Händen altbewährter Vorkämpfer würden mehr Eindruck machen, wenn man nicht wüsste, dass sie zur Verteidigung einer kleinen opportunistischen Politik der Mogelei mit den Unabhängigen und der Sehnsucht nach der Parlamentstribüne dienen solle.

Die Berufung auf Russland, wo die kommunistische Regierung nicht einfach zurücktrat, als große Arbeitermassen sich mutlos von ihr abwandten, sondern straff ihre Diktatur ausübte und die Revolution mit aller Macht verteidigte, passt hier nicht. Es galt da nicht die Eroberung der Gewalt; die Würfel waren gefallen, die proletarische Diktatur verfügte über alle Machtmittel und konnte sie nicht aus der Hand geben. Das wirkliche russische Beispiel findet man in den Tagen vor November 1917. Dort hatte die Kommunistische Partei nie erklärt oder geglaubt, sie solle die Macht ergreifen und ihre Diktatur sei die Diktatur der arbeitenden Massen. Sie erklärte immer, die Sowjets, die Vertreter der Massen, sollten die Macht ergreifen; sie selbst stellte das Programm auf, kämpfte dafür, und als schließlich die Mehrheit der Sowjets die Richtigkeit dieses Programms erkannte, nahm sie die Herrschaft in die Hände, wobei von selbst die Kommunisten ihre ausführenden Organe, die KP die machtvolle Stütze war, auf deren Schultern die ganze Arbeit lastete.

Wir sind keine Fanatiker der Demokratie, wir haben keinen abergläubischen Respekt vor Mehrheitsbeschlüssen und huldigen nicht dem Glauben, alles was sie mache, sei gut und müsse geschehen. Entscheidend ist die Tat, machtvoll ist die Aktivität über die massenhafte Trägheit. Wo die Macht als Faktor auftritt wollen wir sie benutzen und verwenden. Wenn wir trotzdem die Lehre der revolutionären Minorität entschieden ablehnen, so aus dem Grunde, dass sie nur zu Scheinmacht, zu Scheinsiegen und damit zu schlimmen Niederlagen führen muss. Sie wäre anwendbar in einem Lande, wo die Masse ihrer Art nach gleichgültig ist, z. B. eine Bauernmasse ist, die nichts sieht als ihr Dorf und der Landespolitik teilnahmslos gegenübersteht; da könnte eine aktive proletarische Minorität der Bevölkerung die Staatsmacht erobern. Wenn aber in Russland diese Taktik nie versucht oder empfohlen wurde, muss es um so mehr Wunder nehmen, wenn sie für westeuropäische Länder empfohlen wird, wo die Verhältnisse soviel anders liegen.

Mit Recht wird so oft hervorgehoben, dass die Revolution in Westeuropa viel langsamer und schwieriger gehen wird, weil die Bourgeoisie so viel mächtiger ist als in Russland. Aber worin besteht diese Macht? In der Verfügung über den Staatsapparat? Sie war schon einmal verloren. In der Anzahl? Ihr steht eine enorme Arbeiterzahl gegenüber. In der Kommandogewalt über die Produktion? In der Geldmacht? In Deutschland bedeuten diese kaum noch viel. Die Wurzeln der Kapitalmacht liegen viel tiefer. Sie liegen in der Herrschaft der bürgerlichen Kultur über das ganze Volk, auch über das Proletariat. Während einer jahrhundertelange bürgerlichen Periode hat das bürgerliche Geistesleben die ganze Gesellschaft durchtränkt, eine geistige Organisation und Disziplin geschaffen, die durch Tausende von Kanälen in die Massen dringt und sie beherrscht. Durch einen langen zähen Kampf muss dies allmählich aus dem Proletariat ausetrieben werden. Zuerst die liberale und christliche Ideologie, die durch sozialdemokratische Aufklärung bekämpft wurde. Aber gerade die Sozialdemokratie zeigt, wie tief und verschlungen die geistige Beherrschung der Massen durch das Kapital ist: Sie schien die Massen geistig zu befreien und auf eine neue proletarische Weltanschauung zu vereinigen, und nun zeigt sich, dass diese selbstgeschaffene Organisation zu einem Teil der bürgerlichen Weit geworden ist und die Revolution der Massen verhindert. So sind die Widerstände, die das Proletariat der alten bürgerlichen Länder in sich selbst überwinden muss, unendlich viel größer als in den neuen Ländern Osteuropas, wo jede bürgerliche Kultur fehlte und eine kommunistische Tradition die Revolution begünstigte. Tief liegt in den Massen der Respekt für die bürgerliche Rechtsordnung, sichtbar in der Furcht vor dem Geschrei des Terrorismus, in dem Glauben an alle Lügen, in der Zaghaftigkeit der eigenen Maßnahmen. Tief steckt in ihnen die bürgerliche Ethik, die sich durch schöne Redensarten verwirren, durch Heuchelei irreführen, durch schlauen Betrug überlisten lässt. Tief steckt ihnen der alte bürgerliche Individualismus im Blute, der heute glaubt, mit einem Ansturm alles gewinnen zu können und morgen vor der Größe der Aufgabe zurückschreckt.

Das bedeutet nicht, dass der Sieg hier nicht möglich ist: Das Proletariat hat auch gewaltige Hilfsquellen, die zu entwickeln sind; die Umwälzung wird hier viel riesiger sein. Es bedeutet auch nicht, dass eine revolutionäre Machtergreifung auf eine ferne Zukunft aufgeschoben werden muss: Die Verhältnisse können die Massen zwingen, auf einmal sowieso die Macht in die Hände zu nehmen, trotz aller geistigen Hemmnisse, die dann erst nachher im weiteren Kampfprozess überwunden werden. Aber es bedeutet, dass die Revolution durch eine entschlossene Minorität nicht möglich ist. Denn es macht alles, was nicht aktiv für die Revolution ist, zu einer feindlichen Macht in den Händen der Bourgeoisie.

In diesem gesellschaftlichen Milieu steht die revolutionäre Partei nicht inmitten einer Masse, die gleichgültig zuschaut – das scheint nur so; alles was sich scheinbar teilnahmslos zur kommunistischen Propaganda verhält, ist durch die Macht der bürgerlich-kapitalistischen Ideologie fähig, sofort zu einem Werkzeug der Konterrevolution zu werden. Während ein Teil des Proletariats, auf den man rechnete, bei entscheidenden Kämpfen, durch die alte Ideologie lahmgelegt, passiv, schwankend gemacht wird, werden die rückständigeren Teile, deren Passivität man erwartet, zu einer aktiven Hilfstruppe der Bourgeoisie. Die Geschichte der Münchener Räterepublik ist reich an Beispielen für alle diese verschiedenen Tendenzen.

Für die kapitalistischen Länder mit einer geistig mächtigen Bourgeoisie, namentlich solche mit einer alten bürgerlichen Kultur, ist daher jede Abweichung in der Richtung einer blanquistischen Taktik unmöglich und verwerflich. Die Lehre von der revolutionären Minorität, von der kommunistischen Parteidiktatur bedeutet hier eine Unterschätzung der Macht des Feindes, eine Unterschätzung der notwendigen Propagandaarbeit, die zu den schwersten Rückschlägen führen muss. Die Revolution kann nur aus den Massen kommen, nur von den Massen durchgeführt werden. Sollte die Kommunistische Partei diese einfache Wahrheit vergessen und mit den ungenügenden Kräften einer revolutionären Minorität tun wollen, was nur die Klasse tun kann, so wäre eine Niederlage die Folge, die unter den schwersten Opfern die Weltrevolution auf lange Zeit zurückwerfen würde.

Der Kommunist, Bremen, 1920, no. 27.

« Le capitalisme est à l’agonie ». Entretien avec Paul Jorion, penseur libre (CQFD, n°91, juillet-août 2011)

« La période actuelle ressemble plutôt à 1788. Il devient évident que le système ne marche plus, mais personne n’a une vision claire de ce qui va advenir. Pourtant les idées qui feront la suite sont sûrement déjà là. »

L’entretien complet se trouve ici : clic-clic

(via Paul Jorion)

Arbeiten in der Grauzone

Arbeitspsychologie – Arbeiten in der Grauzone

Von Michel Anteby

1. Teil: Arbeiten in der Grauzone

Es gibt Mitarbeiter, die beschäftigen sich während der Arbeitszeit mit privaten Projekten und setzen dafür sogar Firmenressourcen ein. Schlimm? Nicht unbedingt. Vorgesetzte können ruhig ein Auge zudrücken – zum Wohle ihres Unternehmens.

Die meisten Unternehmen sehen es gar nicht gern, wenn Mitarbeiter Firmenressourcen nutzen, um an eigenen, privaten Projekten zu arbeiten – vor allem nicht, wenn sie das während der Arbeitszeit tun. Doch oft genug drücken Vorgesetzte ein Auge zu und tolerieren das offiziell verbotene Treiben stillschweigend.

Damit bewegen sie sich bewusst in einer Grauzone zwischen dem offiziellen Arbeitsauftrag und unerwünschten Privatprojekten. Sie wissen genau, dass es mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt, wenn sie den Aktivitäten ihrer Mitarbeiter einen Riegel vorschieben. Denn vielen Angestellten ist es ein echtes Bedürfnis, sich jenseits ihrer eigentlichen Arbeit zu engagieren.

In einer über drei Jahre laufenden Studie habe ich in einem Werk für Flugzeugtechnik mit 4000 Mitarbeitern untersucht, warum Grauzonen der Arbeit auf Dauer bestehen können. Mithilfe von unternehmenseigenen Materialien stellten die Fabrikmitarbeiter persönliche Gegenstände wie Küchengeräte, Spielzeug für ihre Kinder und Fensterrahmen her – alles in ihrer Arbeitszeit. Die Führungskräfte sahen darüber hinweg, denn sie wussten: Sie konnten sich auf ihre Leute verlassen, wenn die offizielle Arbeitszeit einmal überschritten werden musste.

Ganz ähnlich liegt der Fall bei einer kompetenten, fleißigen Jungredakteurin, die im Büro an einem Roman arbeitet, obwohl sie bei einer Tageszeitung angestellt ist. Zwar verbieten die Unternehmensregeln ihr diesen Nebenerwerb, doch ihr Chefredakteur sieht die Sache nicht so eng. Indem er das Verhalten der Redakteurin toleriert, hält er die Hand über eine loyale, motivierte und engagierte Mitarbeiterin.

Warum verspüren gute Mitarbeiter überhaupt den Drang, Regeln zu brechen? Meine Studie hat gezeigt, dass sie sich damit entsprechend ihrer „Berufsidentität“ verhalten. Die Berufsidentität ist das Selbstbild, das ein Mensch von sich entwickelt, wenn er in einem bestimmten Beruf ausgebildet wurde und sich von da an dieser Berufsgruppe zugehörig fühlt. Für den Beruf typische Verhaltensmuster gehen ihm in Fleisch und Blut über und werden Teil seiner Berufsidentität – die mitunter nur wenig mit seinem aktuellen Job oder Titel zu tun hat. Ein Job mag für ihn nur ein Job sein; viel wichtiger ist jedoch, wie andere Berufsangehörige sein professionelles Ansehen beurteilen. So arbeitet die Jungredakteurin im Büro an ihrem Roman, weil sie damit in den Augen ihrer literarischen Kollegen zur Schriftstellerin wird.

2. Teil: Bedeutung der Berufsidentität

Viele Führungskräfte können nicht verstehen, warum den Mitarbeitern ihre Berufsidentität so wichtig ist – vielleicht weil sie selbst keine besitzen –, und sie missbilligen die Existenz von Grauzonen. Rakesh Khurana, Professor an der Harvard Business School, hat festgestellt, dass Manager sich oft als Menschen sehen, die auf der Suche nach der individuellen Herausforderung sind. Insbesondere wenn sie von außen ins Unternehmen kommen, wissen sie nichts über die Berufsidentitäten ihrer Mitarbeiter. Der Geschäftsführer einer Modefirma beispielsweise ist von Haus aus vielleicht kein Designer und unterschätzt deshalb das Bedürfnis seines Chefdesigners, von seinen Berufskollegen anerkannt zu werden.

Statt sich über Grauzonen aufzuregen, sollten Führungskräfte versuchen zu verstehen, warum es sie gibt. Das heißt nicht, dass man alle Grauzonen akzeptieren oder entschuldigen sollte. Denn sicher sind einige von ihnen schädlich, etwa wenn eine Redakteurin den Großteil ihrer Arbeitszeit ihrem Romanprojekt widmet. Stattdessen sollten Topmanager sich bemühen, die Grauzonen regelmäßig auf gravierenden Missbrauch von Zeit und Ressourcen zu kontrollieren. Dabei muss ihnen jedoch bewusst sein, dass Grauzonen auf einen besonderen Ehrgeiz ihrer Mitarbeiter hinweisen, den deren unmittelbare Vorgesetzte weiter fördern möchten.

Paradoxerweise können Grauzonen auch als Maßstab für Professionalität und Engagement dienen. Topmanager bemerken vielleicht nicht jede Aktivität in der Grauzone sofort, doch die direkten Vorgesetzten bekommen so etwas in der Regel schnell mit. Sollten die Linienvorgesetzten den Vorgängen jedoch keine Aufmerksamkeit schenken und bieten sie ihren Mitarbeitern auch nicht an, ihre Berufsidentität in genehmigten Aktivitäten zu pflegen, dann könnten Professionalität und Arbeitsmoral der Mitarbeiter abnehmen.

Wenn zum Beispiel nicht offiziell genehmigte Blogs von der Website einer Zeitung verschwinden, dann kann der Grund hierfür darin liegen, dass die Blogger sich in ihrer Arbeit nicht respektiert fühlen oder dass die Zeitung bereits einige Mitarbeiter mit starker Berufsidentität verloren hat.

Wir sollten erwägen, die Grauzonen ans Licht zu holen – indem wir Mitarbeitern offizielle Wege ebnen, ihre Berufsidentität auszuleben. Kommen wir noch einmal auf den Fall der Jungredakteurin zurück: Vielleicht könnte die Zeitung ihr Talent als Autorin nutzen und sie bitten, einem Auslandskorrespondenten mit sprachlichen Schwächen als Mentorin zur Seite zu stehen? Natürlich lässt sich nicht immer eine perfekte Kombination aus offizieller und inoffizieller Arbeit finden. Aber Mitarbeiter sind deutlich engagierter und produktiver, wenn der Arbeitgeber ihre wahren Talente würdigt.

Michel Anteby ist Assistant Professor für Organizational Behaviour an der Harvard Business School in Boston. Er ist Autor des Buches „Moral Gray Zones“ (Princeton University Press)

Harvard Business Manager, 8/2008, S. 15-16.

Travail en perruque, faire de la perruque, government job, factory homers…