Lewis Mumford – Mythos der Maschine – Kultur, Technik und Macht (1978)

Es ist von ätzender Symbolik, daß die letzten Produkte der Megamaschine in Ägypten kolossale, von Mumien bewohnte Grabstätten waren; später hingegen, in Assyrien, zeugten, wie in jedem anderen expandierenden Imperium, vor allem verwüstete Dörfer und Städte und vergiftete Erde von der technischen Leistungsfähigkeit: der Prototyp ähnlicher »zivilisierter« Greueltaten in der Gegenwart. Sind denn die großartigen ägyptischen Pyramiden etwas anderes als statische Äquivalente unserer eigenen Weltraumraketen? Diese wie jene sind extrem teure Vorrichtungen, um einer privilegierten Minderheit den Flug in den Himmel zu ermöglichen. Diese kolossalen Mißgeburten einer entmenschlichten, machtbezogenen Kultur beschmutzen ständig die Blätter der Geschichte, von der Vernichtung Sumers angefangen bis zur Zerstörung von Warschau und Rotterdam, Tokio und Hiroshima. In dieser Analyse drängt sich auf, daß wir früher oder später den Mut haben müssen, uns zu fragen: Ist die Verbindung von maßloser Macht und Produktivität mit ebenso maßloser Gewalt und Destruktion eine rein zufällige? Als ich diese Parallele herausarbeitete und der archetypischen Maschine in der jüngeren Geschichte des Westens nachspürte, entdeckte ich, daß viele obskure, irrationale Manifestationen unserer eigenen hochmechanisierten und angeblich rationalen Kultur sich auf seltsame Weise klärten. Denn in beiden Fällen wurden die immensen Gewinne an wertvollem Wissen und nützlicher Produktivität zunichte gemacht durch einen ebenso großen Zuwachs an protziger Vergeudung, paranoider Feindseligkeit, sinnloser Zerstörung und abscheulicher, blindwütiger Ausrottung.

Die menschliche Unzulänglichkeit [des Machtsystems] ist im gleichen Maße gewachsen wie seine technische Effizienz, während der Umstand, daß es heute alles organische Leben auf dieser Erde bedroht, als das paradoxe Ergebnis seiner unbegrenzten Erfolge in der Beherrschung aller Naturkräfte – mit Ausnahme jener dämonischen, irrationalen Kräfte im Menschen, die den technologischen Geist aus dem Gleichgewicht brachten – erscheint. Die Erforschung der Erde setzte eine gewaltige quantitative und qualitative Revolution in Gang […]. Jetzt hat diese Erforschung einen natürlichen Endpunkt erreicht; die letzte Grenze ist geschlossen. Die Landung der ersten Astronauten auf dem Mond war nicht der Anfang, sondern das Ende eines neuen Zeitalters kosmischer Forschung. Die wissenschaftlich-technische Revolution, die im sechzehnten Jahrhundert begann, erreichte damit das ihr gemäße sterile Ende: einen Satelliten, so unbewohnbar, wie die Erde es nur zu bald sein wird – wenn die Völker dieser Welt nicht mit viel Phantasie und mutigem politischen Einsatz den alten Machtkomplex herausfordern. Ohne eine Gegenbewegung, die diesen automatischen Prozeß bremst oder umkehrt, gerät die Menschheit mit jedem Jahr tiefer in die Sackgasse.

Lewis Mumford, Mythos der Maschine – Kultur, Technik und Macht, Fischer, 1978, S. 24-25 u. S. 767-768.