Oskar Panizza – Dialog über die Deutschen zwischen einem Optimisten und Peßimisten (1897)

OPTIMIST: … Doch dürfen Sie nicht leugnen, daß die Deutschen im Aufsteigen begriffen sind!

PESSIMIST: Ich weiß nicht – ich weiß nicht! – Es ist die Geschichte wie zwischen den Medern und Persern. Die Perser besiegten die Meder, und dann sagten die Meder, sie seien auch Perser, und die Perser sagten, sie seien auch Meder, und so schmolzen sie zusammen. Faktisch aber waren es Meder und Perser.

OPTIMIST: Item – wenn sie nur vorwärts kommen.

PESSIMIST: Ob sie vorwärts kommen, – ich weiß nicht. Ich meine, es ist zu spät.

OPTIMIST: Wie so: zu spät?

PESSIMIST: Meinen Sie, daß ein Volk, welches Jahrhunderte lang gefrondet wurde, und in der Fron sich wol befand, jemals aus eigenem Antrieb den Blik zum Himmel erheben werde, jemals den Kopf aufrecht tragen lernen werde? Daß aus Aegiptern jemals Römer werden?

PESSIMIST: Was hilft es jezt noch, posteriore Betrachtungen anzustellen! Unsere Vergangenheit ist wahrhaftig nicht rühmenswert. Erfreuen wir uns des Errungenen und bliken nach Vorwärts. Haben wir nicht die Franzosen niedergeschlagen?

PESSIMIST: Ja, in der Fron.

OPTIMIST: In der Fron haben die Römer auch ihre Schlachten geschlagen.

PESSIMIST: Ja, aber wenn sie nach Hause kamen, zogen sie auf den mons sacer, stürzten den Senat oder senkten ihre Dolche in die Brust Cäsars und kämpften für die Freiheit.

OPTIMIST: Freiheit ist ein sehr abstrakter Begriff. Nicht für jede Nation paßt sie, und nicht für jede Nation in gleichem Maase. Deutschland, dieses trefliche Volk, dieses in der Sittigkeit den Anderen voranleuchtende Volk, begnügte sich immer mit einem bescheidenen Maas und gedieh.

PESSIMIST: Davon red‘ ich ja: Deutschland befand sich immer wol in der Fron.

OPTIMIST: Sind die Deutschen je ärger geknechtet worden, als die Franzosen unter Ludwig dem Vierzehnten?

PESSIMIST: Ja, aber als es ihnen zu stark wurde, drehten sie den Spies um, köpften den König und errangen sich die Freiheit – – – und …

OPTIMIST: Und?

PESSIMIST: Der nächste war dann vorsichtiger.

OPTIMIST: Sie geben also implicite die Woltätigkeit einer monarchischen Regirungsform zu?

PESSIMIST: Ich gebe implicite die Woltätigkeit einer monarchischen Regirungsform zu – wenn hinter dem Volk der Scharfrichter steht.

OPTIMIST: Würde in einem solchen Fall – würde in diesem äußersten Fall – würde in einem solchen verzweiflungsvollen Fall – ich meine: käme es dazu, daß der Monarch, von allen guten Geistern verlaßen, frevelhaft in den Eingeweiden des Volkes wühlte – das heißt: geschähe es, ohne daß die Annahme eines göttlichen Strafgerichts das ganze Vorgehen in einem anderen Lichte erscheinen ließe – würde unter solchen exzeptionellen Umständen – die Gott verhüte – und wobei auch noch die Annahme einer Geistesstörung in dem erlauchten Haupte ausgeschloßen sein müßte – würde bei dem Zusammentreffen solcher ganz verzweifelter Bedingungen …

Wagt den Saz nicht zu Ende zu führen, schaut sich ängstlich um.

PESSIMIST: Haben Sie keine Furcht! – Hier hört Sie Niemand! – Auch brächte aus Ihrem Perjoden- Bandwurm kein Henker auch nur den Schwanz eines dolus eventualis zusammen … Hier liegt der einzige Wert der deutschen Sintax …

OPTIMIST vollendet: … würde sich nicht auch hier ein deutscher Danton finden?

PESSIMIST: Bis jezt haben die Deutschen vom Köpfen leider immer nur die paßive Form: das Geköpft-Werden kennen gelernt.

OPTIMIST: Aber kam es auch hier zu solchen Ausbrüchen frevelhaften Uebermutes wie unter den französischen Ludwigen?

PESSIMIST: Was? Soll ich Ihnen einen Exkurs aus der deutschen Geschichte geben? Kennen Sie nicht die schönen Studien »Versailles in Deutschland?« Nicht die lieblichen Fürstenhengste August der Starke, Herzog Carl von Würtemberg, Markgraf Alexander von Ansbach, und wie sie alle heißen? Kennen Sie nicht die Jagdgebiete der Aurora von Königsmark, der Franziska von Hohenheim, Lady Craven und anderer, wo die aufgestöberten, im Nez hängen gebliebenen deutschen Bürger froh sein mußten, wenn nicht den Kopf zu verlieren, auf ewige Zeiten in finstere Kerker zu wandern? Wußten Sie, daß damals auf Gedanken Totesstrafe stand? Und die Bürgerinnen, – wißen Sie nicht, daß sie sich glücklich schäzen mußten, in das Hof-Bordell des Durchlauchtigsten aufgenommen zu werden, und es sich zur Ehre rechneten, öffentlich die Bordell-Farbe des Fürsten – in Württemberg war’s himmelblau – tragen zu dürfen? Nein: daß dieser zum Gottes-Begriff der Geilheit emporgeschraubte Carl, der Würtemberger, nicht zufrieden, die jungen Frauen seiner Untertanen heimlich zu Mätreßen zu haben, sich an der Schande, an der ohnmächtigen Scham, an der knirschenden Wut der respektive Ehegatten in deren Beisein sich weidete, ja, zulezt, nur deswegen entehrte, um diesen Kizel zu haben? – Was? – Was? – War das nicht sublimirte Geilheit, fürstliche Transzendentalität? – Und von Schubart wißen Sie nichts? – Und von Schiller, der in seiner »Kabale und Liebe« das eitrige Gehirn dieser deutschen Fürsten zum Stinken brachte, – der knapp der Erdroßelung entging? – Wie? – Was sagen Sie? – Wär’s da nicht Zeit gewesen, das Köpfchen dem Herrn abzunehmen? …

OPTIMIST: Um Gottes Willen hören Sie auf! – Unser herliches deutsches Volk! – Die Mätreßen- Wirtschaft, sie war ja nur eine französische Erfindung, nichts entfernt Deutsches, – ich bitte Sie, unser herliches, deutsches Gemüt, unser herliches, deutsches, monogames Gemüt!

PESSIMIST: Gewiß, sie war nur eine Mode, eine Krinolin- oder Hut-Form. Und ich glaube, weil sie den Deutschen nicht stand, meinten sie durch Utriren, durch Pestiferiren und Stänkern die Sache ihren Untertanen begreiflich zu machen. Aber, daß Diese die Sache gutirten, schmakhaft fanden, einer ihnen von Haus aus ganz heterogenen Sache bei sich Zugang gewährten, sie bewunderten, hier liegt es – woher kommt das? …

OPTIMIST: Ja, woher mag das kommen?

PESSIMIST: Ich weiß nicht. Einmal muß das anders gewesen sein. Tazitus kent die Deutschen von der Seite nicht. Zwischen Tazitus und Gregor VII muß etwas über sie gekommen sein, ein Einfluß, ein verschleimendes Gift, welches die harten, kantigen Teutoburger zu Feiglingen, zu Sentimentalen machte. Am Ende das Christentum, He? –

OPTIMIST: Um Gotteswillen! Damals lehrte sie ein Papst, dieser Gregor, daß die Ehe etwas Schimpfliches, und das Konkubinat, wenn man es durch das Mönchsglas des Christentums betrachte, etwas Anständiges sei. Vielleicht komt es daher. Wenigstens schlugen damals die Deutschen ca. 11000 ihrer geistlichen Mitbürger tot, weil sie verheiratet waren. Damals muß doch ihr »monogames Gemüt«, wie Sie sagen, ziemlich konkubinatorisch geworden sein.

OPTIMIST: Es war die deutsche Seele, die der Idee unterlag.

PESSIMIST: Ja, leider haben die Deutschen nur eine Seele, statt zwei, wie die Franzosen und Italjener. Als die Deutschen die christliche Idee aufnahmen, wurde die ganze Seele christlich, feig, zerknirscht, hündisch, erbärmlich. Die französische Seele wurde auch christlich, aber dahinter kicherte der gallische Rest, der französische Dämon; und bei den Italienern blökte die erotische Bestie, ihr Boccaccio. Deshalb wurden die Italiener und Franzosen außer Christen auch Nationen; die Deutschen aber wurden nur Christen, und das war für die großen Welt-Entscheidungen zu wenig.

OPTIMIST: Und doch haben sie eingeholt, was einzuholen war, und sind, nach Allem, wie es scheint, eine Nation geworden.

PESSIMIST: Ja, unter der Fron. Unter den Fürsten. Unter der Sugestion der Knute. Nehmen Sie die Fürsten weg und es bleibt eine hülflose Maße, hülfloser wie ein Kind.

OPTIMIST: Sind sie nicht glücklich?

PESSIMIST: Eminent glücklich. Hier liegt’s ja eben. Das Kindische. Das Tölpelhafte. Sie sind in der Fron glücklich und merken’s nicht. Wie der Nigger auf den Reisfeldern beugen sie den breiten Rücken unter der Peitsche des Aufsehers und fletschen noch humoristisch den Paßanten an, der an ihnen vorbeigeht … Sehen Sie, das dike Kinn, die vorgewölbte Kinnlade des Negers, das Tierische, finde ich bei den Deutschen unsichtbar so mächtig entwikelt, und daneben eine Portion Gutmütigkeit und Humor, die ihnen hinten im Naken sizt und die Haare zu der kurzen Stirn hereinkräuselt.

OPTIMIST: Kann man denn mehr wie glücklich sein auf dieser Welt, sei’s unter Bedingungen, unter welchen nur immer?

PESSIMIST: Kann man mehr wie glücklich sein?! … Wo wollen Sie denn, daß dieses ewig Kinder-gebärende, lümmelhafte Hausknechtsvolk hinaus soll? – Sehen Sie sich doch die geografische Lage dieser zusammengekeilten Raße an! Wenn Die sich hätten Plaz machen können, sich Rückenfrei machen, sich Seitenfrei machen, wenn Die die Idee des Sich- Plazmachens auf dem Lande so zu faßen im Stande gewesen wären, wie die Engländer zur See, die wären längst an’s Meer vorgerükt, wenn Deren Geist so helle gewesen wäre, wie ihre Muskeln dik, die hätten sich längst das Abendland erobert, das feste Land – aber was wollen Sie von Hausknechten? Mit Hausknechten hält man den eigenen Hof sauber. Aber den Hof selbst erringt der Hausknecht nie!

OPTIMIST: Wer sind die Hausknechte?

PESSIMIST: Nun, ich sprach oben von den Medern und den Persern. Reden wir Deutsch, da sich’s zufällig um Deutschland handelt. Wer sind sie, diese nordischen Perser, die die Hegemonie an sich gerißen haben, woher kommen sie, diese Norddeutschen? Kommen sie nicht aus dem Osten? Sind sie nicht Steppen-Söhne? Kommen sie nicht aus dem Lande der Knute? Woher sollen Die Herrschersinn haben? Können Sie nicht in deren Familienbüchern noch die Striemen verzeichnet finden, die ihre – »Ahnen« aufgezählt erhielten? Woher sollen Die den Kopf hoch tragen? Die glücklich waren, von ihres Fürsten Roßeshufe den Staub leken zu dürfen! Gehen Sie nach Berlin! Was sehen Sie dort? Ist es nicht der asiatische Ton, der dort herscht? Der Ton des »Väterchens«? Die Kniebeugung vor dem Mufti? Mukte Berlin jemals auf vor seinem Fürsten? Was ist das Höchste, was Berlin leistet? Eine Zote, oder ein schmuziges bon mot über Ihn, das wie eine Schmeißfliege von Wand zu Wand pralt und den Leuten um die Ohren schwärmt. Das ist immer so: wem die Hände gefeßelt sind, dem schlägt sich die Wut ins Gehirn. In Berlin werden täglich 40000 Majestätsbeleidigungen begangen – im Flüsterton. Sonst verständigen sie sich politisch durch Zeichen und Fisematenten. Erscheint Er aber, dann regt sich in ihnen das asiatische Geblüt und sie stürzen zu Boden und küßen des Roßes Hufen. Sind es keine Hausknechte? Wollen Sie mit diesen Leuten die Welt erobern? Hat ER nicht Recht, ihnen die Knute überzulangen? …

OPTIMIST: Und das sagen Sie dem deutschen Volke?!

PESSIMIST hält ihm den Mund zu: Um Gotteswillen sind Sie vorsichtig! Sie haben den Dativ gebraucht. Sie haben gesagt: dem d… V…! Der Dativ ist verboten. Im Wem-Fall ist das deutsche Volk beschimpft. Der Dativ ist in patriotischer Selbsthuldigung verboten. Im Dativ muß sich das deutsche Volk beschimpft erachten. Gebrauchen Sie lieber den Accusativ, den anklagenden Fall. Oder den Vokativ: O armes deutsches Volk! das Flennen war ja den Deutschen immer näher gestanden, als das Handeln.

OPTIMIST: Nun, und die Süddeutschen? Die echten Deutschen, die Erbgeseßenen?

PESSIMIST: Ach die armen Meder. Die geschlagenen, melancholischen Meder. Sie sind nicht beßer dran. Was ihnen noch die Hunnenkämpfe und Kreuzzüge an Lebens-Mark übrig gelassen haben, was ihnen der 30jährige Krieg nicht abgenommen, hat ihnen der Katolizismus aus den Knochen gesaugt. Die sind müde und sentimental. Wenn sie der Staat koramisirt, singen sie »Röslein, Röslein, Röslein roth!« legen sich am liebsten in’s Bett und schlafen.

OPTIMIST: Und das ist das Prognostikon, das Sie den Deutschen stellen? Verzweifeln Sie denn, daß es nicht auch zu unserer Zeit Männer geben wird, die aufstehen werden und die Maße mit sich fortreißen? Ich gebe zu, die Maße ist in Deutschland schwer beweglich. Sie ist wie Asfalt. Aber Asfalt brent. Denken Sie an Leute wie Hus, Luther, Kant, Laßalle…

PESSIMIST: Ja, die waren aber halb verrückt. Das war das Gute. Die Psichiater haben Luther für geisteskrank erklärt, er hatte Halluzinationen und warf das Tintenfaß nach dem Teufel. Die Anderen haben ihre Simptome wohl verborgen. Kant sagte, er könne nicht das Lezte sagen, was er denke. Das ist mit all‘ diesen Menschen so. Ein Deutscher wird immer das Höchste leisten von dem Moment an, da er geistig erkrankt bis zu seiner Einschaffung in’s Irrenhaus oder seiner Verblutung auf dem Schafott. Luther hatte eminentes Glück. Auch war die früher bestandene Kleinstaaterei der eigentümlichen Befähigung der Deutschen, sich geistig zu äußern, günstiger, als heute. Man lief von einem Fürsten zum andern. Hier schrieb man wie Schubart eine Satire auf die Mätreße des Erlauchten, mußte flüchten, lief in den nächsten Staat zum Fürsten B. Dieser nahm Einen mit offenen Armen auf, gab Einem zu eßen und man durfte – wie Schiller – ein neues Drama – auf den Fürsten A. schreiben. Dann fiel man in Ungnade, flüchtete wieder, lief zum Fürsten C. Der rieb sich die Hände, man bekam wieder zu eßen – eventuell sogar, wie Hutten, die Dichterkrone – und man schrieb einen neuen »Dialog,« oder eine »Trias Romana« gegen den Papst, gegen den Kaiser oder gegen den Fürsten B. So hezte man die 36 Potentaten durch – und der Genius siegte.

OPTIMIST: Haloo! Haloo! Hopla! Was sagen Sie da? Sakerlot. Ist das Literaturgeschichte? Oder ist das Reformationsgeschichte? …

PESSIMIST: Nun, ging es mit Luther anders? Heute bettelte und sang er vor den Fenstern der Reichen, morgen nagelte er an Kirchentüren, übermorgen zerrißen in den Händen von Studenten, dann zwischen Konzil, der Wartburg, den Legaten, seinem Fürsten, dem Kaiser, dem Papst, seinem Orden hinundhergeworfen, geängstigt und gebant, schwindelte und drükte er sich sozusagen zwischen allen diesen Faktoren durch – heute mit Bigamie- Konsensen morgen mit Bauern-Anatemen – und kam, hin- und hergeschüttelt von seinem Jähzorn und seinen Visionen, nachdem er diese zähe Asfalt- Maße der deutschen Gehirne in Brand gestekt hatte, faktisch ungeköpft unter die Erde.

OPTIMIST: Herr Gott! – Herr meines Lebens! – Es waren eben schwere Zeiten. – Aber er kam durch! – Warum soll heute nicht Einer durchkommen?

PESSIMIST: Heute! – Heute, wenn Einer einen freien Gedanken ausspricht, bleiben ihm nur drei Wege: Irrenhaus, Gefängnis oder die Flucht. Bekent er sich offen zur Geisteskrankheit, so drückt der Bezirksarzt ein Auge zu und – er verschwindet. Ist er hartnäckig und bleibt auf seinem Verstande stehen, dann nimt das Gericht seinen Lauf und – er verschwindet. Verläßt er das Land des Asfalts, bevor ihm die Schuhsohlen verbrennen, so schließt sich hinter ihm die Barriere und – er verschwindet.

OPTIMIST: Und doch – und doch – kann ich nicht sagen, daß das Alles vergeblich sein soll. Nichts verschwindet auf dieser Erde. Es gibt gar Nichts, das ganz vergeblich gewesen wäre. Die Kosmologen sagen, daß nichts auf unserem Planeten vor sich geht, was nicht irgend eine Wirkung hervorbrächte. Der Stein in’s Waßer geworfen zieht seine Wellen und trift den schwankenden Kahn am andern Ufer, wo die süße Schifferin träumt. Ein Schrei von dem Gefeßelten, bevor er auf immer in dem dunkeln Tor des Gefängnißes verschwindet, trift die Außenstehenden, die Zuschauer, die Helfer, und der dumpfe Laut sezt sich bei ihnen fest. Dieser Schrei tausendmal wiederholt wird endlich Einen zur Vernunft bringen und in ihm den rettenden Gedanken entzünden. Und wenn es die Irrenwärter und Gefangenen-Aufseher sein solten: Einer wird sich finden. Und wenn sie es nicht sind, dann werden die Steine der Gefängnismauern schreien. Im alten Nürnberg war es der Scharfrichter, der sich schließlich weigerte, die Leute lebendig zu begraben; weil er für seine Seligkeit fürchtete. Jezt fingen die Juristen zu denken an, und das Lebendig-Begraben hörte auf. Zur Zeit der Hexenverbrennungen war es ein Rheinischer Arzt, der zuerst erklärte, die Teufelsbündniße seien eine Sache, die nur in unseren Köpfen existire. Jezt fingen die Juristen zu denken an, und die Hexenverbrennungen hörten auf. Ende des vorigen Jahrhunderts, als die großmächtige Kaiserin Maria Theresia das Tortur-Recht, ihre »Constitutio criminalis Theresiana« zum so und so vielten mal auflegte, entrang sich dem Wiener Volk beim Anblik dieser Zeichnungen und Muster zum Händeabschneiden, Zungenausreißen, Reken und Streken ein einziger Schrei des Schauderns gegen den blauen Himmel hinauf. Jezt fing die Kaiserin und die Juristen zu denken an, und die »Constitutio criminalis Theresiana« wurde unterdrückt … Solte sich denn am Ende des 19ten Jahrhunderts Niemand in Deutschland finden, der den Schrei ausstieße, um das Lebendig-Begraben der Dichter, Schriftsteller, Schurnalisten, Künstler, Politiker, Teologen – mit einem Wort, der ehrlichen Leute zum Aufhören zu bringen? …

PESSIMIST: Mein Freund, – Sie werden warm! – Sie fallen aus Ihrer Rolle. – Sie haben hier den Optimisten zu spielen! – Sie nehmen mir ja die besten Sachen weg! – Auch kommen Sie auf’s Politische – nehmen Sie sich in Acht.

OPTIMIST: Ich kann die Zukunft nicht so schlimm ansehen wie Sie. Einmal wird auch für Deutschland der Moment kommen, wo es in geistiger, in politischer, in sozialer Beziehung nicht immer hinter den andern Nationen dreintrampelt.

PESSIMIST: So lange es seine Nahrung aus Rußland bezieht, das Schema seiner imperatorischen Behandlung des Volkes von den Asiatischen Steppen sich holt, kann ich auf Nichts rechnen, kann ich keine Beßerung erwarten.

OPTIMIST: Die anderen Abendländischen Nationen sind vorauf gegangen; seine Vettern, die Engländer, die Amerikaner haben sich längst die Freiheit erfochten, soll denn nicht auch hier einmal die Morgenröte aufleuchten? …

PESSIMIST: Deutschland ist noch wie ein erst halb entwöhntes Kind, mit den Füßen, mit dem Leib stekt es tief in dem Asiatischen Mutterlande; den Kopf nur strekt es in die neue Welt, mit den Armen erreicht es das Meer der Freiheit und Unendlichkeit; mit dem Kopfe denkt es die Gedanken des Abendlandes, mit dem Verstand erfaßt es die Lehren der westlichen Revolution, mit dem Geruch wittert es jenseits des Waßers die neue Welt; aber seine Verdauung liegt tief im Erdteil drinn, seine Nahrungssäfte bezieht es aus dem byzantinischen Osten.

OPTIMIST: Berufen Sie sich nicht zuviel auf den Osten. Erwarten Sie nicht zuviel Knechtisches mehr von Rußland. Dort hat es längst getagt. Dort hat längst der Funke Feuer geschlagen. Jeder Gedanke ist dort ein Zündstük, jedes Gemüt eine Mine. Rußland, dieses lauernde Gehirn, wird eines Tags fürchterlich hervorbrechen, und das Volk der Bakunine und Dostojewski’s wird sich seine Freiheit erköpfen.

PESSIMIST: Ich fürchte, Deutschland, dieser große Junge, hat zu viel studirt. Bei wem die ganze Kraft sich in’s Geistige geschlagen, deßen Muskeln sind schlapp, der wird zum Handeln nichts mehr übrig haben. Wer sich gewöhnt hat, seit einem Jahrhundert für die andern Völker die Filosofie zurecht zu machen, der wird nie zum Streitkolben greifen, um Tirannenburgen zu stürzen. Deutschland hat die Lehre vom Tirannen-Mord hübsch ausgebildet; selbst hat es nie einen Tirannen ermordet.

OPTIMIST: Das neugeeinte, kräftige, deutsche Volk?!

PESSIMIST: Gerade hier liegt die Gefahr. Diese Einigung geschah unter der Aegide der Fürsten. Und dieses Gewicht wird das Volk nicht abwälzen können. Hier liegt Brief und Siegel der Tirannei. »Seht – wird man dem Volke sagen – was wir für Euch getan haben! Jezt kuscht und seid zufrieden. Singt und bildet Krieger-Vereine!« – Bei dem Charakter der Deutschen, bei ihrer Rührseligkeit, bei ihrem Edelmut langt diese Devise wieder auf ein Jahrhundert. – Auch ist die Mischung falsch. Die Meder und Perser werden sich nie vereinigen. Eine Einigung durch Gedanken ist eine Verlezung des Gefühls. So wenig sich Protestantismus und Katolizismus je einigen werden. So lange die Hostie klebt, werden diese sich scheiden. Und so lange es einen blauen Himmel gibt, werden die Meder keine Perser werden, und die Perser keine Meder. Denn jene, die Perser, sind Asiaten, und diese, die Meder, sind Kelten. Baut 1000 Brüken über den Main, bis Ihr durch keine Klinse mehr den Strom seht, der Fluß der Zwietracht wird doch drunter weg gurgeln und in der Tiefe unseres Gemütes rauschen. Wenn Sie Hoffnungen bauen wollen, dann bauen Sie sie auf den Fluß des Main; auf die Zwietracht. Denn Einigung ist Fürstengewalt, ist Tirannenherrschaft. Zwietracht ist Volksgewalt, ist Freiheit.

OPTIMIST: Ich vertraue dem deutschen Volke!

PESSIMIST: Schon wieder den Dativ! Sie Revolutionär! – Ich traue diesem Volke nicht, soweit es – denkt. Denn soweit es denkt, ist es feig.

(Aus: Oskar Panizza, Dialoge im Geiste Hutten’s. Ueber die Deutschen. Ueber das Unsichtbare. Ueber die Stadt München. Ueber die Dreieinigkeit. Ein Liebes-Dialog, Zürich, Zürcher Diskußionen, 1897.)