Gesamtkunstwerk Gaddafi

Guillaume Paoli über Gaddafi:

PROLOG – Im Jahr 1986 besetzten Punks die libysche Botschaft in London. Das prächtige Haus am Hyde Park stand seit zwei Jahren leer, nachdem von dort aus eine englische Polizistin erschossen worden war und die diplomatischen Beziehungen abgebrochen wurden. Die schlauen Besetzer nutzten den Umstand, dass die Immobilie weiterhin einen exterritorialen Status besaß und folglich von der britischen Polizei ohne offizielle Genehmigung Libyens nicht betreten werden durfte. Als die Besetzer dann in Tripolis anriefen, wurden sie herzlich beglückwünscht, man freute sich ja, dem Vereinigten Königreich ein weiteres Ärgernis zu bereiten. So durfte monatelang ein skurriles Happening stattfinden, in einem gemischten Ambiente aus Londoner Subkultur und arabisch-revolutionärem Kitsch. Dort, zwischen zwei heißen Partys, wurde ich auf Gaddafis „grüne Buch“, das kistenweise herum lag, aufmerksam.

THEATRALITÄT- Fast in jedem Bericht über Gaddafi werden Metaphern aus dem Theater bemüht. Das hängt primär mit seiner äußeren Erscheinungsform zusammen: mit den (möglicherweise selbstironischen) operettenhaften Uniformen und sonstigen Kleidungsstücken, die aus dem Requisitenfundus hergeholt scheinen, auch mit seinen unberechenbaren Auftritten, seiner sexy Leibgarde, die wie ein Frauenchor regelmäßig seine Monologe mit Losungen unterbricht. Offensichtlich hat Gaddafi Spaß an die Selbstinszenierung. Laut WikiLeaks beschreibt ihn der ehemalige US-Botschafter als “sprunghafte und exzentrische Figur, die unter schwerwiegenden Zwängen leidet, den Flamenco-Tanz sowie Pferderennen liebt, sich von Marotten leiten lässt und Freunde wie Feinde gleichermaßen aus der Fassung zu bringen pflegt.” Doch ist er nicht nur ein launiger Komödiant, sondern auch eine dramatische Gestalt irgendwo zwischen König Ubu und Macbeth (was nicht als verklärendes Lob verstanden werden sollte, schließlich sind die meisten Tragödienhelden keine erbauliche Figuren). Im übrigen hat auch das Theater spätestens seit „Gaddafi rockt“ von Oliver Czeslik das Potential des Charakters entdeckt. Aber das Verhältnis zwischen Gaddafi und dem Drama geht noch tiefer. Weit davon entfernt, ein rückständiger Exot zu sein, hat der Mann aus Tripolis die Theatralisierung der Politik auf die Spitze getrieben, was wiederum die alte Frage der Politisierung des Theaters in ein neues Licht stellt.


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[G. Paolis Blog]