Valeriano Orobón Fernández – Panaït Istrati (1929)

PANAIT ISTRATI Landstreicher, Selbstmörder und Dichter – Von Valeriano Orobón Fernández

An einem Januartag des Jahres 1921 teilten die Nizzaer Zeitungen in einem lakonischen -fait divers- mit, wie ein Lebensmüder in bestem Mannesalter sich einige Stunden vorher die Kehle durchschnitten hatte. Es handelte sich nicht um einen in dem nahen Montecarlo „erleichterten“ Spieler oder um einen ruinierten Aristokraten. Es war auch kein philosophischer oder romantischer Selbstmörder, der unter dem Eindruck der pessimistischen Betrachtungen Schopenhauers oder der schwermütigen Seiten Chauteaubriands zum Rasiermesser gegriffen hatte… Keine große Nummer! Keine Möglichkeit für geschäftsmäßige Pressesensation! Ein armer Teufel bloß, der unbegreiflicherweise in die herrliche Riviera gelangt war. Die Nachricht seiner Verzweiflungstat wurde in eine bescheidene Ecke inseriert. Dann ging man zur Tagesordnung über, das Leben der „guten“ Gesellschaft, die die paradiesische Côte d’Azur als Wintersammelpunkt zu wählen pflegt, ging genußreich und vergnügt weiter.
In hoffnungslosem Zustand war der Verzweifelte ins Spital geschafft. Die Aerzte glaubten ihn kaum retten zu können. Aber das Schicksal wollte dem armen Teufel auch in diesem seinem letzten Willensakt widersprechen. Nach langen qualvollen Leiden hatte er den Ballast seines Lebens wieder auf den Schultern, Er war gerettet. Gerettet! Und was nun? Sollte er jetzt dieselbe lichtlose Existenz von Hunger, Krankheit und Elend mit geschwächtem Körper und zerfetzter Seele weiterschleppen, bis er so weit wäre, einen unfehlbaren Selbstabschaffungsversuch zu unternehmen? Ein unerwünschtes Geschenk war in der Tat diese offizielle Rettung.
Noch war er auf dem Rekonvaleszentenbett im Spital, und das Rasiermesser lockte tragisch wieder zum endgültigen Schluß.
Da kam aber die wirkliche Rettung, Lichtstrahl für die Gegenwart und schöne Verheißung für die Zukunft. Ein winziger Brief voll Wärme, Freundschaft und Mitgefühl vollzog das Wunder. Der Inhalt dieses Briefchens schien dem Leben des Verzweifelten auch Inhalt und Zweck zu verleihen. Die Sonne einer großen Freundschaft war für ihn aufgegangen. Der Mann, den er am meisten verehrte und bewunderte, bot ihm seine Sympathie und seine Hilfe. Herzhoch! Jetzt wollte er leben, schaffen, kämpfen. Ja, er würde auferstehen, er würde wieder der unternehmungslustige „Palikaraki“, der kleine Tapfere werden, welcher einst optimistisch und kampffroh durch das Schlachtfeld des Lebens gegangen war!

Auf den Kleidern des Selbstmörders wurde ein Brief gefunden, den er wenige Stunden vor der Tat verfaßt hatte. Dieser Brief, Selbstbiographie, Beichte und leidenschaftliche Anklage gegen die Gesellschaft zugleich, war an eine der edelsten Gestalten der internationalen Literatur, an Romain Rolland, gerichtet. Durch ihn erfuhr man, daß sein Verfasser Panait Istrati hieß und 1884 in Braila (Rumänien) als Sohn eines griechischen Schmugglers und einer rumänischen Bäuerin geboren war. Er hatte seinen Vater nicht gekannt. Die Mutter, eine aufopferungsvolle Frau, die ihm ihr arbeitsreiches Leben gewidmet hatte, sah mit Schmerzen, wie er sie im Alter von 12 Jahren verließ, um seine Abenteuerlust, seine Sehnsucht nach exotischen Ländern, Menschen und Dingen zu befriedigen. Es folgten zwanzig Jahre Landstreicherleben, die ihn in kaum unterbrochener Wallfahrt durch den märchenhaften Orient seiner Träume bringen. Er bereist Aegypten, Syrien, Jaffa, Beyrouth, Damaskus und den Libanon, Griechenland und zuletzt Italien und Frankreich. Die Wunder der Tausend und einer Nacht, die ihm vorschwebten und ihn begeisterten, fliegen vor ihm, scheinen ihm nicht entgegenkommen zu wollen. Statt dessen bekommt er bald die Härte des Lebens zu spüren.

Noch als Kind muß er zum Ausbeutungsobjekt eines rücksichtslosen gesellschaftlichen Systems werden. Kneipejunge ist sein erster Beruf und auch seine erste bittere Erfahrung. Und was für eine! Gemüse schälen. Berge von schmutzigem Geschirr abwaschen, Getränke aus dem Keller holen, Tausende von Befehlen ausführen und immer auf dem Posten sein, 19 Stunden lang, Tag für Tag, gerade wie eine Kerze und rasch wie ein Pfeil, wenn er keinen Fußtritt, keine Maulschelle vom Vorgesetzten einstecken will. Und das alles mitten in einer ekelhaften Atmosphäre von Rauch und Alkohol, mitten in einem ohrenbetäubenden Getümmel von versoffenen, bestialischen Stimmen. Ach. wie ergreift ihn die Sehnsucht nach seiner geliebten Donau, nach der hellen Strada, der freien und sonnigen Straße, belebt von Hunden und Katzen und Vögeln.

Bis er eines Tages das Ganze satt hat, schmeißt dem Wirt seine Schürze ins Gesicht, und zieht ab.
Dann beginnt für ihn das Pilgern durch Landstraßen und Wege, die sehr oft Leidenswege sind, weiter und immer weiter nach ungreifbaren Illusionen jagend. Der kleine Landstreicher entwickelt sich bald zu einem gorkischen „Brodiaga“, zu einem Vagabunden, der das Leben tief zu durchschauen lernt. Ihn verzehrt eine ungeheure Lust nach Sehen, Können und Wissen. Und diese Lust treibt ihn unwiderstehlich vorwärts. Er verliert trotzdem nicht seine Zeit. Er lernt begierig und liest mit Leidenschaft. Sein Koffer ist hauptsächlich mit Büchern gefüllt, welche die kümmerlichen Wäschestücke mehr und mehr verdrängen. Die Landstraße, die Natur, die Werkstatt, die Fabrik, das Obdachlosenasyl bilden für ihn die Universität. Die Erfahrung liefert ihm den meisten Erziehungsstoff. Aber wie teuer muß er häufig diese Erfahrung bezahlen! Das Vagabundenleben ist gewöhnlich in der Wirklichkeit ganz anders als in der Dichtung. Der Taugenichts von Eichendorff und alle romantischen Vagabunden hatte es überaus viel besser als Panait Istrati gehabt. Wälder, Wiesen, Berge und Täler, Länder, schöne, sehr schöne Dinge, wenn der knurrende, leere Magen nicht an den Existenzimperativ dringend erinnert!

Hunger und Kälte verdrängen unseren Vagabunden aus der freien Natur und zwingen ihn in die Ausbeutungsstätte. Er macht alle Berufe: Kellner, Bäckergeselle, Schlosser, Kesselschmied, Mechaniker, Lastträger. Diener, Reklameträger. Gelegenheitsarbeiter, Anstreicher, Journalist, Photograph… Ueberall fühlt er dieselben Ausbeuter- und Unterdrückerkrallen. Und wenn er sich diesem seine Empfindung und seine Freiheit vergewaltigenden Zwang entziehen will, dann tritt eine Vermehrung seiner materiellen Leiden und Entbehrungen ein, dann wird er ein ordnungsstörendes Element, dem man das Recht zum Leben verweigert. Denn dann steht er gewollt oder ungewollt im Kampfe mit der geregelten Gesellschaff und ihren Gesetzen. Und in einem solchen Kampf gibt es folgende Ausgänge: Sich bald dem Status quo unterwerfen und still dahinsiechen; sich außerhalb der Gesellschaft stellen und dieselbe mit allen Mitteln auf Leben und Tod praktisch bekämpfen, indem man bewußt ihre Vorschriften und Institutionen ignorirt und mißachtet, was für das kämpfende Individuum die Wahrscheinlichkeit, zermalmt zu werden, in sich birgt; oder sich innerhalb dieser Gesellschaft als asoziales Subjekt, als Vagabund durch einen langen Golgathaweg treiben lassen, der nicht selten zur Selbstkreuzigung führt.

Panait Istrati ging diesen letzteren Weg bis zum Abgrund der Verzweiflung, bis zum Rasiermesser.

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„Der Menschenangler von Villeneuve (Romain Rolland) angelte mich durch einen Zufall aus der Tiefe des sozialen Ozeans. Ich bin sein Werk. Damit ich mein zweites Leben leben könne, brauchte ich seine Achtung, und um diese warme, freundliche Achtung zu erlangen, verlangte er von mir, daß ich schreibe“; so sagt Panait Istrati im Vorwort zu Kyra Kyralina, seinem ersten Buch.
Der Abschiedsbrief des Selbstmörders hatte auf Romain Rolland einen ungeheuren Eindruck gemacht. Es war ein Dokument, das nicht nur die erschütternde Aufrichtigkeit eines Todeskandidaten enthielt, sondem auch die genialen Merkmale der Inspiration eines großen Künstlers. Eine echte Erzählernatur kam dort unter tragischem Lichte zum Vorschein. Sein Erzählergenie ist so unwiderstehlich, daß er, wie Rolland mitteilte, in dem Brief, den er am Vorabend seines Selbstmordes ihm schrieb, zweimal seine verzweifelten Klagen unterbricht, um humoristische Geschichten aus seinem Leben zu erzählen.

Nach seiner körperlichen und seelischen Genesung treibt ihn Romain Rolland an, fordert ihn auf, das Werk, das er in sich trägt, niederzuschreiben. Zwei Jahre später hat er zwei Bände einer Romanserie geschrieben, die den allgemeinen Titel „Die Erzählungen von Adrien Zograffi“ trägt.
Der erste Band, „Kyra Kyralina“, bestehend aus drei fesselnden Novellen aus einem balkanisch-orientalischen Milieu, erreicht einen eklatanten Erfolg. Ein eigenartiger Stil, eine offensichtlich rebellische Tendenz und ein seltsamer Stoff, der jedoch nicht der Phantasie, sondern dem Leben entnommen worden ist, das Ganze in einen Rahmen von wunderbarer Harmonie eingeschlossen. Ein Ereignis in der französischen Literatur, denn der Rumäne Panait Istrati schreibt seine Werke in einem Französisch von klassischer Reinheit und glänzenden Nuancen.

Wiederholte Ausgaben werden vergriffen. Die Kritik spricht von einem Gorki der balkanischen Länder. Der frühere Vagabund ist bald ein gefeierter Dichter.

Der zweite Band seiner Erzählungen, „Oncle Anghel“, übertrifft sogar „Kyra Kyralina“ in künstlerischer Vervollkommnung. Da haben wir wieder drei sonderbare Novellen, welche die Beschreibung der balkanischen Welt mit ihren eigenartigen Typen, Dingen und Sitten fortsetzen. In diesem Buch machen wir Bekanntschaft mit prächtigen Rebellengestalten, den rumänischen Hayduken, die außerhalb des Gesetzes einen Todeskampf gegen die Boyaren und ihre Hunde, die Gendarmen der „Sicuranza“ führen. Aber das Malerische übermalt nicht das Soziale. Das furchtbare Elend, die Unwissenheit und Rückständigkeit, in denen das Arbeitervolk von der herrschenden Klasse gehalten wird, bilden den Hintergrund der Werke von Panait Istrati.

Dann erscheinen weitere Gemälde aus demselben Milieu, und doch immer original, immer neu und seltsam: „Die Vorstellung der Hayduken“, „Domnitza de Snagov“, „Codine“, „Mikhail“ und andere.
Im Jahre 1928 hat er einen sozialen Roman „Les Chardons du Baragan“ (Die Distel von Baragan), veröffentlicht, der das mühsame Leben der rumänischen Bauern, ihre unmenschliche Ausbeutung, Mißhandlung und Unterdrückung durch feudale Boyaren und Behörden meisterhaft schildern. Dieses Buch ist an das rumänische Volk und seine 11000 Ermordeten durch die rumänische Regierung bei dem Bauernaufstand von 1907 gewidmet.

Die bäuerlichen Kritiker, die selbstverständlich für die „reine (harmlose) Kunst“ schwärmen, schrecken vor der revolutionären Tendenz der Bücher von Panait Istrati und möchten, daß er seine geniale Begabung nur rein poetisch verwendete. Aber er, wie Romain Rolland, kann und will nicht seine Genialität kastrieren. Die Schönheit von Form, Linie und Farbe ist eine seelenlose Sirene ohne die Schönheit eines Ideals.

Die Aesthetik Panait Istratis enthält ein humanes Ideal. Er kennt aus eigener Erfahrung die Brutalität und Häßlichkeit der heutigen Gesellschaft und bekämpft sie aus menschlichen und ästhetischen Gründen.
Und deshalb ist Panait Istrati ein Dichter des Volkes im besten und wahrsten Sinne des Wortes.

(Besinnung und Aufbruch, I, n°7, November 1929, S. 2-4.)


4 Antworten auf „Valeriano Orobón Fernández – Panaït Istrati (1929)“


  1. 1 M.V. 19. März 2011 um 12:12 Uhr

    Danke für diesen Beitrag!

  2. 2 Administrator 21. März 2011 um 10:07 Uhr

    Gern geschehen!

  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 23. März 2011 um 11:50 Uhr
  2. 2 From the archive of struggle: Rosemary Feurer’s Labor History Links « Poumista Pingback am 30. März 2011 um 23:38 Uhr
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