Erich Mühsam – Landauers Aufruf zum Sozialismus (1911)

Aufruf zum Sozialismus

„Der Staat sitzt nie im Innern der Einzelnen, er ist nie zur Individualeigenschaft geworden, nie Freiwilligkeit gewesen. Er setzt den Zentralismus der Botmässigkeit und Disziplin an die Stelle des Zentrums, das die Welt des Geistes regiert: das ist der Schlag des Herzens und das freie, eigene Denken im lebendigen Leibe der Person. Früher einmal gab es Gemeinden, Stammesbünde, Gilden, Brüderschaften Korporationen, Gesellschaften, und sie alle schichteten sich zur Gesellschaft. Heute gibt es Zwang, Buchstaben, Staat.“
„Sozialismus ist Umkehr; Sozialismus ist Neubeginn; Sozialismus ist Wiederanschluss an die Natur, Wiedererfüllung mit Geist, Wiedergewinnung der Beziehung.“
Das sind Sätze aus einer Schrift von Gustav Landauer, die eben erschienen ist und den Titel führt: „Aufruf zum Sozialismus“, und in diesen Sätzen ist in nuce enthalten, woher uns, die wir werbend auf die Tribüne treten, die Verzweiflung kommt, und wohin unsere Sehnsucht will.
Gesetze, Reglementierungen, Zentralisationen, Zwangsgebilde sind den Menschen der Gegenwart so selbstverständliche Faktoren der gesellschaftlichen Organisation, dass ihnen jedes Bekenntnis zur Dezentralisation, zur Staats- und Herrschaftslosigkeit närrisch oder verbrecherisch vorkommt. Anarchie, das Wort der Freiwilligkeit, meinen sie, sei Verwirrung. Polizei aber scheint ihnen Ordnung, Kapitalismus Ausgleich, Justiz Gerechtigkeit. Den Begriff Sozialismus haben sie in den Bestand der Dinge eingereiht und nehmen ihn als Flagge einer demokratischen Reformpartei.
Nur an den kleinen Symptomen der gesellschaftlichen Wirrnis wird Rednerei und Kritik geübt, wird gebastelt und gemodelt. Das heisst man Politik; und um das Parlamenteln und Schachern, um die Flickerei und Pflasterei am kranken Körper der Gesamtheit erregen sich die Leidenschaften. Von dem andern, von der Seuche selbst, von all dem Furchtbaren, das die Menschen zu Betrügern und Mördern aneinander, das Unrecht zu Recht, Lüge zu Wahrheit, Heuchelei zu Ehrlichkeit, Diebstahl zu Eigentum, Ausbeutung zu Lohn, Knechtung zu Vertrag, Gewalt zu Liebe macht, wird nicht gesprochen. Selbst da, wo sich die Not der Zeit am traurigsten fühlbar macht, in den Schichten der arbeitenden Bevölkerung, gibt es keinen Kampf, der von innen kommt, der verzweifelt hinausdrängt aus der kapitalistischen Sklaverei, sondern nur einen vorsichtigen Eiertanz im Dunkeln und Dumpfen und ängstliche Scheu vor radikalen Wandlungen und vor frischer Luft.
Die trockne Kathederweisheit des Marxismus hat es vermocht, im unterdrückten Volk jeden frohen Willen zu lähmen. Die entsetzliche Theorie, dass sich die Zeit nach naturnotwendigen Gesetzen wandeln muss, in der Richtung wandeln muss, die Karl Marx und seine demagogischen Spiessgesellen anweisen, hat in Millionen Menschen den Wahnsinn kultiviert, sie dürften nur zusehen, wie sich der Kapitalismus selbst auffrisst. Man muss ihn nur nähren und pflegen und ihn auswachsen lassen, bis er sich überschlägt, platzt, stinkt und sich an seine Stelle der Sozialismus, vielmehr die komisch-philiströse Zwittergestalt eines sozialdemokratischen Zukunftsstaates präsentiert. — Seit einem halben Jahrhundert ist der Marxismus Evangelium des deutschen Proletariats. Seit einem halben Jahrhundert ist eine These dieser pseudo-wissenschaftlichen Sozialprophetie nach der andern von den Tatsachen der Wirklichkeit ad absurdum geführt worden. Und heute noch winselt die Sozialdemokratie bei den Inhabern der Macht um Beteiligung an der Verwaltung des Staats, den sie angeblich bekämpft. Heute noch sammelt sie in untätiger Geschäftigkeit Stimmen, hunderttausende, Millionen Stimmen zum Bekenntnis zu Marx‘ Lehren.
Die angekündigte und umfänglich bewiesene Akkumulation des Kapitals ist ausgeblieben: es gibt heute mehr Kapitalisten als vor 50 Jahren. Die Verelendung der Massen die „naturnotwendig“ zur Katastrophe führen sollte, ist ausgeblieben: denn der Staat, der ebenso schlau war wie Marx, hat — mit Hilfe der „Sozialisten“ — durch eine Arbeiterschutzgesetzgebung ein Ventil geschaffen, das das Aeusserste verhütet, also geeignet ist, den Kapitalismus zu verewigen. Die wirtschaftlichen Arbeiterorganisationen, die — von den Marxisten anfänglich keineswegs willkommen geheissen — sich aus den Zeitumständen wirklich „naturnotwendig“ entwickelten, drehen sich innerhalb der kapitalistischen Wirtschaft im Kreise herum, erzielen als Produzenten bessere Bezahlung und müssen sie als Konsumenten ihrer Waren selbst wieder hereinbringen; sie schaffen den Kapitalismus sowenig ab, wie sie den Sozialismus herbeiführen, und sie haben das Unternehmertum gelehrt, das stärkste Bollwerk gegen die Gefährdung des Kapitalismus durch wirtschaftliche Kämpfe dadurch zu schaffen, dass sie selbst sich zu Interessenorganisationen, zu Arbeitgeberverbänden, zu Ringen und zu Trusts zusammengeschlossen haben.
So stellen sich unter der Herrschaft der marxistischen Dogmen die Aussichten des Sozialismus dar. Die Sozialdemokraten aber predigen noch immer die materialistische Geschichtsentwicklung, das Hineinwachsen in den Sozialismus als Krönung des Baus, dessen Grundlagen sie selbst schon als bröckelhaft auf den Kehricht geworfen haben. Denn die Verelendung der Massen behaupten selbst die Frömmsten der Marx-Jünger nicht mehr, und die Konzentration des Kapitals mitsamt der Krisentheorie wird zumindest von den Revisionisten schon stark in Zweifel gezogen, die ja nachgerade kaum mehr etwas andres scheinen wollen, als reformerische Realpolitiker, und die das Wort Sozialismus, wenn sie es bei Wahlreden oder andern Repräsentationsgelegenheiten mal aussprechen müssen, nur unter Aechzen und Würgen aus dem Halse bringen.
Müssen wir denn nun, nachdem wir die gewaltige Bewegung, die unter dem Namen Sozialdemokratie seit einem halben Jahrhundert trübe, faulig und unendlich breit stagniert, als Charlatan-Wissenschaftlhuberei erkannt haben, — müssen wir denn nun darauf verzichten, jemals aus der qualvollen Knechtschaffenheit des kapitalistischen, militaristischen, klerikalistischen Polizeistaats heraus- und in eine menschenwürdige, freiheitliche, im Volke gefügte und auf Gegenseitigkeit gegründete Gesellschaft hineinzukommen? Das müssen wir wahrlich nicht, sofern der Wille zur Freiheit, zur Gerechtigkeit und zum Sozialismus in uns lebendig und zur Tat bereit ist.
Marxens leblose, ertüftelte und erklügelte Theorien sind an den Tatsachen der Wirklichkeit jammervoll gescheitert. Jede einzelne seiner Aufstellungen ist als falsch erwiesen. Wollen wir zum Sozialismus kommen, so dürfen wir an keinen der Versuche, die — auch mittelbar, wie der Syndikalismus, der Anarchosozialismus etc. — von seinen Ansichten ausgingen, anschliessen. Wir müssen den Mut finden, zurückzugreifen. Wir müssen den Karren dahin zurückführen, wo er, von Marx geschoben, in den Dreck fuhr, in dem er jetzt erbarmungslos drinsteckt. Wir müssen da anfangen, wo Marx‘ grosser Zeitgenosse Pierre Joseph Proudhon anfangen wollte.
Der sah die Dinge der Welt nicht mit den Augen des politisierenden Philosophasten, sondern mit denen des freiheitlichen Enthusiasten: und darum sah er sie, wie sie wirklich waren. Er sah das Elend und die Verworrenheit und wusste, dass man dagegen nicht mit theoretischen Systemen kämpft, sondern mit der zugreifenden Hand. Und so riet er zum Anfang, zur Tat, zur Arbeit.
Das ist der Unverstand der kapitalistischen Produktionswirtschaft: es wird gearbeitet ohne Rücksicht auf die Nachfrage. In den Speichern häufen sich die Waren, man redet von Ueberproduktion, aber die, die Waren brauchen, bekommen sie nicht. Mancher Arbeiter fertigt sein Leben lang Hemdstoffe an; sein Auftraggeber jammert über die Krise in der Textilindustrie, die ihm mit seinen Vorräten an Hemdstoffen den Markt verschliesst; aber der Arbeiter, der unermüdlich weiter webt, kommt nie in den Besitz der hygienisch und aesthetisch notwendigen Zahl Hemden. — Diese Absurdität erkannte Proudhon, und so empfahl er die Gründung der Tauschbank, d. h. einer Institution zur Regelung des Austausches der Produkte unter den Arbeitern selbst.
Heute ist eigentlich die Fabrik Arbeitgeber, und es sollte so sein, dass die Kundschaft Arbeitgeber wäre. Arbeitet der Produzierende nur noch für den Bedarf, stellt er also seine Arbeit ausschliesslich in den Dienst des Verbrauchs, dann hat er von selber die Kundschaft, die für ihn Geld, oder — was dasselbe ist — Kredit bedeutet. Die Gründung von Produktiv-Konsum-Genossenschaften, die unter Vermeidung des kapitalistischen Marktes mit und für einander schafften und anschafften, wäre der erste entscheidende Schritt auf dem Wege zum Sozialismus.
Zur Gründung solcher Genossenschaften ruft Gustav Landauer auf Gruppen sollen sich bilden, in denen sich Menschen vereinigen, die zu gemeinsamem Tun bereit sind. Vorerst ist nur Werbung und Verständigung Aufgabe dieser Gruppen, deren etliche schon bestehen und die sich Gruppen des „Sozialistischen Bundes“ nennen. Ehe sie ans Werk gehen können, an den Beginn, bedarf es noch mancher Vorarbeit. Der Staat, die Parteien, der sinnlose Konkurrenzkampf haben vieles zerstört, was als verbindender Geist unter den Menschen war und unter den Menschen sein muss, die Gemeinsames wirken wollen. Brüderlichkeit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe sind Eigenschaften, die nur mit sehr viel gutem Willen, mit sehr viel Aufopferung und mit sehr viel Nachsicht unter den Menschen unserer Zeit wieder geweckt werden können. Solidarität, die über das gemeinsame materielle Interesse hinausgeht, muss erst wieder in die Menschen hineingetragen werden, — das Mittel, Solidarität, Entschlossenheit, Opfermut und Rechtsgefühl zu beleben, ist die Idee, die zur Ueberzeugung wird, zur Ueberzeugung, dass das Neue das Richtige ist, dass es kommen soll und kommen muss, weil das Alte als schlecht erkannt und nicht mehr erträglich ist.
Sind die rechten Menschen beieinander, solche, deren Wille sich nicht bändigen lässt, Verzweifelte, die keine Materialisten sind, sondern Draufgänger, Unbesonnene, Idealisten, dann wird die neue, die sozialistische Gesellschaft von innen heraus von selbst erwachsen. Dann werden die Gruppen, die zur Arbeit drängen, in eigenen Siedlungen das herstellen, was sie nötig haben. Die verschiedenen Siedlungen werden mit einander in Tauschverkehr treten; der Ertrag der Arbeit wird denen gehören, die sie geleistet haben, und aus den Gemeinschaften, Bünden, Siedlungen, Kommunen wird die neue sozialistische Gesellschaft erstehen, die gewiss anders aussehen wird als wir sie träumen, und die ganz gewiss besser, menschlicher, schöner, kulturvoller sein wird, als der Staat mit seinen Kasernen, Gefängnissen, Zuchthäusern, Bordellen, Polizeiwachen, Zwangsschulen, Kirchen und Parlamenten.
Was ich hier skizziert habe, ist der dürftige Extrakt dessen, was Landauers „Aufruf zum Sozialismus“ enthält. Was da Kritisches über den Staat und über den Marxismus steht, ist ebenso überzeugend, wie das, was Landauer Positives vom Sozialismus und vom Sozialistischen Bunde sagt, begeisternd ist. Wen Theorien, Kritiken und nationalökonomische Spekulationen nicht interessieren, der lese das Buch um der warmen, starken Leidenschaft willen, mit der es geschrieben ist. Wer aber bei der Lektüre kalt bleibt und nicht selbst zum Eiferer wird, der bleibe ja bei seinem Leisten oder bei seiner Politik; aus ihm soll beileibe kein Proselyt gemacht werden.

(Kain, Zeitschrift für Menschlichkeit, Jg. 1, Nr. 3, Juni 1911, S. 33-39.)