Ernst Toller – Brief an Gustav Landauer (1917)

Brief an Gustav Landauer

Morgen früh fahre ich fort. Wer weiß, ob mir die Rückkehr gestattet ist — und nun soll ich noch heute abend zu Ihnen sprechen, damit Sie zu unserem Wollen unbedingtes Vertrauen haben, denn ohne das, wie könnte ich mich da wohl mit Bitte um Mitarbeit an Sie wenden?

Aber wie soll ich es nur ausdrücken. Was ich tue, tue ich nicht aus Not allein, nicht aus Leid am häßlichen Alltagsgeschehen allein, nicht aus Empörung über politische und wirtschaftliche Ordnung allein, das alles sind Gründe, aber nicht die einzigen. Aus meiner — ich kann es heute sagen, denn ich empfinde sie als beglückend — lebendigen Fülle heraus kämpfe ich. Ich bin kein religiöser Ekstatiker, der nur sich und Gott und nicht die Menschen sieht, ich bin kein Opportunist, der nur äußerliche Einrichtungen sieht, ich bemitleide jene Verkrüppelten, die letzthin an sich, nur an sich, ihrem kleinen persönlichen Mangel leiden, ich bemitleide jene Verkümmerten, die aus „Freude-an-der-Bewegung“-Gründen abwechselnd futuristische Kabaretts und Revolutionen fordern.*)

Ich will das Lebendige durchdringen, in welcher Gestalt es sich auch immer zeigt. Ich will es mit Liebe umpflügen, aber ich will auch das Erstarrte, wenn es sein muß, umstürzen, um des Geistes willen. Ich will, daß niemand Einsatz des Lebens fordert, wenn er nicht selbst von sich weiß, daß er sein Leben einzusetzen willens ist, nicht nur das, daß er es einsetzen wird. Ich fordere von denen, die mit uns gehen, daß sie sich nicht damit begnügen, ihr Leben entweder seelisch oder geistig oder körperlich einzusetzen, sie sollen wissen, daß sie es seelisch, geistig und körperlich als Einheit einsetzen werden.

Ich will nicht, daß jemand auch unsere Erkenntnis annehmen kann und darum zu uns kommt. Zu einer Erkenntnis, wie ich sie verstehe, muß man durch Not, Leiden an seiner Fülle, gekommen sein, muß geglaubt haben, „entwurzelt“ zu sein, muß mit dem Leben gespielt und mit dem Tode getanzt, muß am Intellekt gelitten und ihn durch den Geist überwunden — muß mit dem Menschen gerungen haben.

Nicht daß ich nach mechanistischer Art verlange, jede einzelne Phase mußt du durchlebt haben, sonst bist du nicht „reif“ oder „rein“ — mein Gott, der Hochmut jener Geistigen, die Reinheit mit Krämerherzen abschätzen, steht für mich ebenso tief wie die Beurteilungen borniertester Spießer.

Nicht Sekte gemeinsam Schöpferischer träume ich, das Schöpferische hat jeder als Eigenbesitz, das Schöpferische kann sich in seinem reinsten Ausdruck nur in der Arbeit des Einzelnen offenbaren — aber das Gefühl der Gemeinschaft ist beglückend und stärkend für jeden Schöpferischen.

Wenn wir „Zweckeinrichtungen“ schaffen, Widerstand bekämpfen, können und müssen wir gemeinsam vorgehen und werden Werk leisten, da wir aus gleicher Menschheitsgesinnung vorgehen. In letzten seelischen Dingen müssen wir unsere Einsamkeit, d. h. unser Alleinsein mit Gott nicht „tragisch“, sondern freudig empfinden.

Ich glaube, daß ich nun nackt vor Ihnen stehe, aber wenn Sie mich mit rechten Augen anschauen, werden Sie auch meine Nacktheit schauen können, sonst tut es auch nichts! Sie sähen nur Hüllen. Was könnte ich Ihnen nun noch sagen? Daß ich glaube, wir müssen vor allen Dingen den Krieg, die Armut und den Staat bekämpfen, der letzthin nur die Gewalt und nicht das Recht (als Besitz) kennt und an seine Stelle die Gemeinschaft setzen, wirtschaftlich gebunden durch den friedlichen Tausch von Arbeitsprodukten gegen gleichwertige andere, die Gemeinschaft freier Menschen, die durch den Geist besteht.

Daß ich also weiß, welche Inhalte ich bekämpfe, daß ich auch zu wissen glaube, welche neuen Inhalte da sein müssen, weil sie wirklich da sind, daß ich aber noch keine Klarheit besitze, welche äußeren Bindungen, welche detaillierten Formen diese neuen Inhalte haben müssen.

Zum Schluß nur das noch, daß ich in meinem innersten Kern eine Ruhe spüre, die ist und mir Freiheit gibt, daß ich in größter Unruhe leben, daß ich gegen Schmutz oder beschränkten Unverstand hitzig und erregt ankämpfen kann und mir diese innerste Ruhe doch bleibt.

Auf diesen Brief sollen Sie mir ganz antworten oder gar nicht, ich bitte Sie darum!

Heidelberg 1917.

Ernst Toller.

*) „Anmerkung von 1919: Nicht nur bemitleidenswert, sondern verächtlich erscheinen mir jene Revolutionsliteraten, die 1918 noch gegen den Krieg aufrufend, sich „Märtyrer der Menschlichkeit“ wähnten, heute in blutrünstiger Revolutionsromantik schwelgen und Lissauersche Haßgesänge (Hymnen der Rache, Hymnen des Ressentiments) — nur auf anderer Ebene — veröffentlichen. Sie sind die wahren „Revolutionswanzen“, die mit allen geistigen Waffen bekämpft werden müssen. Denn sie sind gewissenlos und können namenloses Unheil anrichten. (Wenn die Massen sie lesen: Glücklicherweise geschieht das meistens nicht.) Sie verstärken und heiligen jene Erscheinungen der allgemeinen Korruption, denen wir oft tief erschüttert und aufgewühlt gegenüberstehen.“

[Zitiert nach: Kasimir Edschmid (Hg.), Schöpferische Konfession, Berlin, E. Reiss, 1920, S. 41-46.]


1 Antwort auf „Ernst Toller – Brief an Gustav Landauer (1917)“


  1. 1 Neues aus den Archiven der radikalen (und nicht so radikalen) Linken « Entdinglichung Pingback am 09. März 2011 um 11:56 Uhr
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