Ein neuer Text von Guillaume Paoli – Wozu Denkmale? (2011)

Die Pfeilerhalle im Grassi Museum ist ein besonders schöner Raum. Dort war ich am 8.2.2011 zu einer Veranstaltung eingeladen, zu dem Thema: „Orte der Erinnerung – politische Denkmale zwischen Pathos und Beliebigkeit.“ Hier mein Vortrag dazu. G.P.
Ich möchte mit einer kleinen Anekdote anfangen. Vor ein paar Jahren hatte ich bei mir einen Afrikaner aus Sierra Leone zu Besuch, der zum ersten Mal in Europa war. Er ging den ganzen Tag durch Berlin spazieren und als er am Abend zurückkam fragte er mich: „Sag, ich habe überall gesucht und kein Hitler-Denkmal gefunden, kannst Du mir sagen, wo es eins gibt?“ Mein Versuch, ihm den Grund dieser Abwesenheit zu erklären, stieß auf Unverständnis. Schließlich sei Hitler der berühmteste Deutsche in der ganzen Welt. Und Denkmale seien eben da, um Ruhm zu dokumentieren. Diese Anekdote zeigt uns, wie räumlich und zeitlich relativ die Gedächtniskultur ist. Von Afrika aus gesehen ist Hitler bloß eine längst vergangene Figur in der Geschichte eines fernen Landes. In Paris gibt es wohl zahlreiche Napoleon-Denkmale, warum kein Hitler-Denkmal in Berlin? Schließlich fragen wir uns beim Besuch der Pyramiden auch nicht, ob der Pharao ein guter oder schlechter Herrscher war. überdies ist für einen Afrikaner das Argument gar nicht einleuchtend, Massenmörder dürfen nicht verherrlicht werden. Zahlreiche Kolonialherrscher und Generäle, die für die Versklavung und Ermordung seiner Vorfahren verantwortlich waren, sind in Europäischen Städten in Stein und Marmor verewigt.
Kurzum: So emotional und pathetisch über Denkmale debattiert und dabei auf universale Werte rekurriert wird, wie dürfen nicht vergessen, dass ihre tatsächliche Bedeutung kaum über den eigenen Kulturkreis, um nicht zu sagen den eigenen Nabel hinaus reicht.
In Südostasien oder Indien ist der Begriff Denkmalschutz unbekannt. Dort wird gnadenlos abgerissen und neu gebaut. Es war übrigens im Deutschland der Gründerzeit nicht anders. Ohne Bedenken wurde seinerzeit das Geburtshaus Richard Wagners in Leipzig einem Warenhaus geopfert. Für dynamische Nationen, die ihre ganzen Energien in die Zukunft projizieren, ist die Konservierung des Vergangenen reine Zeit- und Mittelvergeudung. Meine Vermutung ist, dass die Zunahme der Denkmalkultur, wie wir sie heute in Europa beobachten, ein Symptom des Bedeutungsverlusts und der damit verbundenen Unsicherheit ist. Der Kontinent veraltet, global wirtschaftlich wird er in die Peripherie gedrängt, seine maßgebliche Position in Kultur und Politik hat er längst eingebüßt, also hat er nur noch Eines anzubieten: eine reichhaltige Vergangenheit. Diese wird melancholisch gepflegt und im Notfall neu erfunden.
Wenn hierzulande die Gedenkwut speziell um die Wende und die Deutsche Einheit fokussiert wird, dann möglicherweise aufgrund des Gefühls, 1989 sei das letzte Ereignis gewesen, der Schlusspunkt der europäischen Geschichtsschreibung. Die weiteren Episoden werden woanders geschrieben. Hier wird nichts mehr passieren. So zumindest der Subtext.
Damit kommen wir auf die ambivalente Funktion des Denkmals. Es wird angenommen, historische und politische Zeugnisse seien dazu da, um unseren Geschichtssinn zu aktivieren. Doch wissen wir, dass viele Monumente mit dem umgekehrten Ziel errichtet wurden, nämlich um Vergänglichkeit einzufrieren. Das ist in Diktaturen besonders klar. Stalin, Mao oder Saddam Hussein ließen ihr Konterfei einmeißeln, gerade um Abschied von der geschichtlichen Zeit zu nehmen und die ewige Gegenwart ihrer Herrschaft zu behaupten. Aber nicht nur Diktaturen, jede Ordnung fördert eine atemporale Auffassung der eigenen Legitimität. Der Freizeitpark ist ein Ort der fortwährenden Gegenwart. Und Europa hat schon lange begonnen, sich in einen Freizeitpark zu verwandeln (was nicht heißt, dass im Park nicht hart gearbeitet wird). Als bekennender Spaziergänger habe ich eine besondere Vorliebe für Skulpturen und Monumente, die von längst vergessenen Figuren oder Episoden zeugen. Rührend sind solche naiven Wunschbilder der Verewigung, lächerlich die Einbildung, die künftigen Generationen würden sich um unsere Sachen scheren. Doch war der barocke Charme solcher Zeugnisse nicht beabsichtigt.

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