Julius Dickmann – Die Formwandlung des Klassenkampfes (1918, Auszüge)

Das Elend der Theorie
Die Theoretiker haben bis jetzt die Masse verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, dass diese sich selbst begreifen lernt. Mit dieser Abwandlung des bekannten Marxschen Satzes über Feuerbach sei meine bescheidene Arbeit gerechtfertigt. Vom theoretischen. Streit verwirrt, stelle ich mir hier die Aufgabe, mit dem bisschen Wissen ausgerüstet, welches ein Proletarier in seinen kargen Mussestunden erwerben kann, zur Selbstverständigung über die Kämpfe und Wünsche der Zeit zu gelangen. Dabei muss ich leider befürchten, von allen heute vorherrschenden theoretischen Richtungen missverstanden zu werden. Denn die Masse der um des Lebens Notdurft kämpfenden Proletarier kann keine von diesen Richtungen als alleinigen Dolmetsch ihres Wollens anerkennen, vielmehr betrachtet sie dieselben nur als Reflexe der verschiedenen Seiten ihrer eigenen Bewegung, die sich in krisenhaften Zeiten verselbständigt haben und dadurch notwendig in einen Gegensatz zueinander geraten mussten. Daher muss die Masse unter Anerkennung der relativen Berechtigung jeder dieser „Sekten“ sie zugleich alle zusammen ins Unrecht stellen, und dieselben Widersprüche, welche die Theoretiker vergeblich bemüht sind, denkend zu vereinbaren, muss die Masse trachten, kämpfend zu überwinden. […]

Vom Manchester bis Essen
Die tiefe Ursache der Parteikrise, insbesondere in Deutschland, ist, wie Karl Renner in seiner neuesten Schrift [=„Marxismus, Krieg und Internationale“] beweist, in der Wandlung zu suchen, welche sowohl die kapitalistische Wirtschaft, als auch der bürgerliche Klassenstaat seit mehr als zwei Jahrzehnten mitmachen. Dadurch wird der ganze Bau der frühkapitalistische Gesellschaft umgewälzt, der Charakter der einzelnen Klassen verändert und die neue Zeit ringt sich langsam durch, sucht nach einem Ausdruck und findet ihn vorläufig in den verzerrten Formen, die der Kriegszustand herauszubilden gestattet.
Worin besteht nun diese Wandlung des Kapitalismus?

Ich begnüge mich hier damit, die beiden Phasen der kapitalistischen Entwicklung, die liberale und die imperialistische zu kennzeichnen: Die erste hat zur Grundlage, die freie Konkurrenz, ihr massgebender Produktionszweig ist die Textindustrie, also eine verarbeitende Industrie, welche einerseits auf die freie Zufuhr der Rohstoffe angewiesen ist, anderseits sich nur ausdehnen kann, indem ihr die billigen Preise als Kanonenkugeln gegen die Feste der überlieferten Wirtschaftsform dienen. Das Glaubensbekenntnis des Liberalismus ist: Keine Staatseinmischung, freies Spiel der wirtschaftlichen Kräfte, keine Kolonialpolitik, friedliche Erschliessung der auswärtigen Märkte, allmähliche Abrüstung und Friede, damit man dem goldenen Geschäfte nachgehen kann.

Der spezifische Klassengegensatz dieser Epoche kann durch ein Dreieck dargestellt werden, auf dessen Endpunkten der Kapitalist, der Proletarier und der Kleinmeister stehen. Der feudale Grundherr und Bauer stehen wohl nicht abseits, auch sie greifen in die Klassenkämpfe der ersteren ein, aber vor allem sind es die Gegensätze der erstgenannten Klassen, weiche die Entwicklung vorwärtstreiben. Die Fortschritte der Technik verdankt die Gesellschaft dem Profitstreben des Kapitalisten. Der Arbeiter, der sich zum Sozialismus durchgerungen hat, erkennt auch in der Maschine einen revolutionären Faktor, bekämpft sie nicht, sucht ihr aber den kapitalistischen Stachel zu nehmen, während der Kleinbürger sich vergeblich gegen die Entwicklung stemmt, die Zünfte wiederherzustellen sucht und trotzdem unvermeidlich ins Proletariat hinabsinken muss.

Die Klassenlage des Proletariats ist einheitlich in dem Sinne, dass alle seine Schichten nur innerhalb der Produktionssphäre ausgebeutet werden, indem sie für die Kapitalisten Mehrwert produzieren. Dadurch gerät das einheitliche Proletariat in einen allseitigen Gegensatz zur bürgerlichen Gesellschaft, deren Einkommen in immer grösserem Masse aus diesem Mehrwert besteht.

Als Sachwalter des Kapitalisten erscheint der politische Oekonom. Er weist nach, dass die kapitalistische Wirtschaft ein selbsttätiger Mechanismus ist, der von objektiven Kräften bewegt wird. Das Wohlergehen der Gesellschaft ist von der möglichst ungestörten Bewegung dieses Organismus abhängig. Seine Einzelbestandteile gehören untrennbar zueinander. Daher, nur keine Kurpfuschereien, keine Einmischung des Staates, kein Eingriff von aussenher in diese natürliche Ordnung. Der Oekonom durchschaut nicht den Fetischcharakter des Kapitals.
Natürliche Ordnung? ruft der Anwalt des Proletariats, der utopische Sozialist, entgegen, das ist schon richtig, diese Ordnung ist so sehr „natürlich“, dass sie uns Menschen vertiert! Wir sind aber verstandesbegabte Wesen. Wir überlassen den Tieren das Reich der Natur. Für uns wollen wir bauen ein Reich der Vernunft, wo der Mensch herrscht und nicht von blinden Naturkräften beherrscht wird. In vorläufiger Ermangelung einer Kraft aber, welche dieses Reich der Vernunft verwirklichen sollte, appelliert der Utopist an den guten Willen der Herrschenden und sucht sie zur grossen Tat zu überreden und zu begeistern.

Zwischen dienen beiden Extremen, dem utopischen Sozialisten und dem fatalistischen Oekonomen, sucht der kleinbürgerliche Sozialist Proudhon zu vermitteln. Er erkennt richtig die Einseitigkeiten beider, kritisiert sie aber von einem überwundenen, kleinbürgerlichen Standpunkt aus und daher erschöpft sich, seine Vermittlung darin, dass er zwischen beiden Seiten herumpendelt und nur Verwirrung stiftet, anstatt sie zusammenzufassen und miteinander zu verständigen. […]


***

[…] Die wesentlichen Züge der jetzigen Phase des Kapitalismus, wie sie sich seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderte herausgebildet haben, sind: Organisation des Kapitals, Ausschaltung der freien Konkurrenz, Staatshilfe für das Kapital durch das Mittel der Hochschutzzölle und damit direkte Beeinflussung vorläufig nur des gesellschaftlichen Zirkulationsprozess durch den Staat, Kolonialpolitik zur Erschließung von Kapitalmärkten, wachsende Rüstungen und steigende Besteuerung des arbeitenden Volkes. Die ausschlaggebenden Industrien sind jetzt die rohstoffhervorbringenden, nicht mehr die verarbeitenden Industrien, die Eisenproduktion, der Bergbau, überhaupt die sogenannten Schwerindustrien. Diese sind nicht von der freien Zufuhr ihres Materials abhängig, sie haben es zumeist an der Stelle. Ihr Ausdehnungsmittel sind auch nicht, mehr billige Preise, wie früher. Nicht mit Kanonenkugeln stürzen sie die Mauern der frühkapitalistichen Ordnung. In einer permanenten Belagerung bei abgeschnittenen Zufuhren, zwingen .sie dieser immer höhere Preise auf. .Damit gerät die Schwerindustrie in einen .steigenden Gegensatz zu den rohstoffverarbeitenden Industrien. Wie sich infolgedessen das Verhältnis der beiden Kapitalistengruppen entwickelt, ist bisher leider nicht genügend untersucht worden. Uns interessiert hier aber in diesem Zusammenhang eine ganz andere, ganz neue Frage: Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen den Arbeitern, welche an die beiden Industriegruppen gebunden sind?

Es ist das Verdienst Karl Renners, als erster meines Wissens, auf den durchgreifenden Wandel in der Lage der Arbeiterklasse beim Uebergang vom Manchestertum zum Hockkapitalismus hingewiesen zu haben. Aber als „Rechtser“ bleibt er einseitig und stellt, uns nur die Lage des qualifizierten Arbeiters dar. Er entwickelt, anschaulich, wie sich dessen Schicksale, mit den Schicksalen seiner Industrie unlöslich verknüpfen und seine Psychologie von Grund aus verändern. Aber Renner sieht nicht, dass dieselbe kapitalistische Entwicklung, welche beim qualifizierten Arbeiter der riesigen Eisenwerke diese Veränderungen hervorruft, auch seinen Antipoden, den ungelernten Arbeiter, produziert, massensweise zusammendrängt, seine Lage immer unsicherer, immer schwieriger gestaltet, ihn in den Riesenbetrieben der Willkür des Unternehmers oder vielmehr dessen Agenten preisgibt, des Koalitionsrechtes de facto beraubt und seine Psychologie notwendig in ganz anderer Weise beeinflusst. als dies beim qualifizierten Arbeiter der Fall ist.

Unsere Altmarxisten, die sich damit begnügen, das Marxsche „Kapital“, aber nicht das wirkliche, lebendige Kapital zu studieren, werden nun einwenden, dass darin ja nicht Neues sei. Das hätte ja Marx längst in seinem ökonomischen Hauptwerk entwickelt. Dies scheint mir aber aus folgenden Gründen unrichtig zu sein: Das Verhältnis des gelernten und ungelernten Arbeiters in der Frühperiode des Kapitalismus lässt sich mit dem einen Worte Gleichgültigkeit kennzeichnen. Insbesondere gilt das für England, wo sich die ersteren ganz abgesondert und unabhängig organisiert haben.

Wo nun die Arbeiter zur Erkenntnis gereift sind, dass der blosse Kampf um eine privilegierte Stellung innerhalb der Arbeiterklasse nur illusorische Erfolge bringt, dass die Einzelschicht um so besser gedeiht, je mächtiger das gesamte Proletariat ist, dort gingen sie dazu über, auch die Ungelernten in den Gewerkschaften zu organisieren. Diese materielle Zweckmässigkeit wurde dann von unseren älteren Organisatoren in das schöne Prinzip umgeprägt, das Proletariat müsse, über seine Augenblicksinteressen hinaus, seine Zukunftsziele über die Wünsche der Einzelschichten hinweg, seine allgemeinen Bedürfnisse wahrnehmen. Solange dieses Prinzip seiner materiellen Grundlage entsprach, solange die Interessen der Einzelschichten bloss verschieden, aber nicht gegensätzlich blieben, das Augenblicksinteresse als Tragbalken der Zukunftsziele diente, so lange war dieses Prinzip ein kategorischer Imperativ für jeden Sozialisten.

Was aber, wenn diese Interessen in Gegensatz zueinander geraten sind? Man komme nicht mit dem Einwand, dass es sich um vorübergehende Gegensätze handelt, über die uns das gemeinsame Endziel hinwegtäuschen, will sagen, erheben sollte. Das ganze Leben besteht aus lauter vorübergehenden Gegensätzen. Es gilt, auszusprechen, was ist: Die einzelnen Schichten des Proletariats sind infolge der ökonomischen Entwicklung in einen materiellen Gegensatz zueinander geraten und stehen untereinander in einem sehr ähnlichen Verhältnis, wie früher die Kapitalisten, die Proletarier und die Kleinbürger.

Würden unsere Altmarxisten die neuere Entwicklung schärferer beobachten, die eine merkwürdige Erscheinung hätte ihnen viel zu denken gegeben: Während die Partei in Deutschland bis auf ihre Wurzeln tief erschüttert ist, merkt man dort in den Gewerkschaften sehr wenig von einer Krise. Höchsten, dass persönlicher Krakeel von der politischen in die gewerkschaftliche Organisation übergreift. Und doch handelt es sich im Parteistreit um eminent praktische Fragen. Wie ist das zu erklären?

Mir scheint es nur dadurch erklärlich, dass während die Lage der Arbeiter im Produktionsprozess einheitlich blieb, wie sie es in der liberalen Periode war, also im gewerkschaftlichen Kampfe kein Interessengegensatz entstehen konnte, das Verhältnis des Proletariats zum gesellschaftlichen Distributionsprozess sich je nach der Lage der einzelnen Schichten differenziert hat. Da aber der Staat, besonders heute, aber auch schon vor dem Kriege, durch das Zollsystem und die indirekten Steuern einen dominierenden Einfluss auf den Distributionsprozess erhielt, mussten diese inneren Widersprüche im Proletariat oben in der Partei und nicht in den Gewerkschaften zum Ausdruck kommen.

Der Kampf um den Geldlohn und den Arbeitstag, welcher der Manchesterperiode eigentümlich war und in der hochkapitalistischen Periode im Wesen unverändert blieb, vereinigt daher auch heute noch alle Proletarier zur gemeinsamen Aktion. Der Kampf um den Reallohn, erst in der jetzigen Epoche von ausschlaggebender Bedeutung geworden, die Stellungnahme zu den Schutzzöllen, der Kolonialpolitik und den Steuern, spaltet dagegen die Arbeiterklasse und differenziert ihre Aktion.

Solange die Interessen der einzelnen Schichten nur verschieden waren, da handelte es sich bloss darum, die Massen zum Bewusstsein ihrer Zusammengehörigkeit zu erziehen. Das war ein Problem sozialistischer Propaganda. Im Augenblick aber, wo diese Interessen in einen realen Gegensatz zueinander geraten sind, heilst es. sich über die Ursachen diesem Gegensatzes klarzuwerden und gegen sie anzukämpfen, nicht aber mit Sitten Sprüchlein und altmarxistischen Formeln die Massen zu überreden, dass sie ja „eigentlich“ gleiche Interessen haben.

Worin mir dieser Gegensatz zu bestehen scheint, kann ich nur in einigen Zügen andeuten. Die Lebensbedingung der in hochkapitalisitscher Periode entscheidenden Industrien besteht in einem geschlossenen Wirtschaftsgebiet, der Erschliessung des Weltmarktes auf kolonialpolitischem Wege, und Mittel dazu sind Kartellschutzzölle und wachsende indirekte Steuern. Dies bedeutet eine allgemeine Herabsetzung des Reallohnes der Arbeiterklasse, aber der qualifizierte Arbeiter der Schwerindustrien hat, doch die Möglichkeit, dieser Herabsetzung des Reallohnes durch eine Erhöhung des Geldlohnes zum Teil wenigstens zu begegnen. Er wird daher die Schutzzolle, Kolonialpolitik und indirekte Steuern nicht rundweg ablehnen, wohl aber sich im gewerkschaftlichen Kampf dafür durch Erhöhung des Geldlohnes zu entschädigen suchen. Sein proletarisches Hechtsgefühl verwirft die Kolonialpolitik aber wenn er auch zugeben muss, dass vom allgemeinen gesellschaftlichen Standpunkte ihre Methoden verwerflich seien, sieht er in ihr wie früher in der Maschine, auch einen Entwicklungsfaktor. Daher glaubt er, sein Gewissen gegenüber .den leidenden Eingeborenen eher salvieren zu können, wenn er die Kolonialpolitik positiv beeinflusst und ihre barbarischen Auswüchse, zum Teil wenigstens. beseitigt, als wenn er diese Methode einfach negiert und seine Hände in Unschuld wäscht.

Anders denkt, darüber der ungelernte Arbeiter der Schwerindustrien. Dieser kann ja die Kürzung seines Reallohnes nicht so leicht von sich abwälzen. Während der qualifizierte Arbeiter eine gesuchte Ware ist und daher selbst im Reiche Krupps, wo die Vereinigung der Arbeiter unmöglich, als einzelner eine starke Position einnimmt, liegen die Dinge bei den Ungelernten genau umgekehrt. Selbst wo sie gewerkschaftlich organisiert sind, ist das Angebot der einfachen „Hände“ gewöhnlich so gross, dass die Organisation nur wenig ausrichten kann. Um wieviel schlimmer ist ihre Lage erst dort, wo die Uebermacht der Kartelle jede Möglichkeit, einer Koalition unterbindet?

Und dennoch sieht auch dieser ungelernte Arbeiter der Schwerindustrie die fortschrittliche, die revolutionäre Seite des Hochkapitalismus gegenüber dem Manschestertum, und wie früher der Arbeiter, obwohl er unter der Einführung der Maschinerie ungemein litt, trotzdem ihre umwälzende Bedeutung wohl erkannte, so weiss auch er sehr gut zu unterscheiden die revolutionierende Tendenz der kapitalistischen Monopole und ihrer Politik von ihrer ihn heute niederdrückenden Tendenz.

Aber er argumentiert anders als der gelernte Arbeiter. Er kann nicht so geduldig und ruhig abwarten, bis der Imperialismus an seinen eigenen Folgen zugrunde geht. Ihn bedrückt es zu hart! Und seine Klasse ist ja schon so stark geworden! Und der Kapitalismus erscheint ihm, dem Erlösungsbedürftigen, doch schon so „reif“! Für diejenigen, die den Imperialismus „entwurzeln“ wollen, hat er nur, ein überlegenes Lächeln übrig. Er weiss, dass er diese Entwurzelung auf kapitalistischer Grundlage, mit seiner Existenz, so elend diese ist, erkaufen müsste. Wie aber, wenn man den Kampf um Sein oder Nichtsein des Kapitalismus schlechthin aufnehmen?

Darum kein ruhiges Abwarten, kein Paktieren mit den Herrschenden, wo seinen Körper schon die revolutionäre Glut durchbebt: und sieht er trotzdem, wie phlegmatisch sein gelernter Klassengenosse an einem Tisch mit seinen Klassengegnern verhandelt, dann erscheint ihm der erstere viel schlimmer als sein Feind, dann erscheint er ihm als Verräter!

Wir sehen: Waren früher in der Manschesterperiode die Interessen der gelernten und ungelernten Arbeiter bloss verschieden und darum vereinbar, ja aufeinander angewiesen, und kam diese Abhängigkeit voneinander im gemeinsamen gewerkschaftlichen Kampfe zum Ausdruck, so sind heute diese Interessen gegensätzlich; und obwohl alle Arbeiter weiter Arm in Arm den gewerkschaftlichen Kampf führen können, politisch stehen sie einander in gewissen wichtigen Fragen gegenüber.

Aber wie der Kapitalist und Arbeiter in der ersten Phase, obwohl Antipoden untereinander, gegenüber dem Kleinbürger ihr gemeinsames fortschrittliches Interesse vertraten, so stehen mich heute der gelernte und der ungelernte Arbeiter der Rohstoffindustrien in einem gemeinsamen Gegensatz zu dem liberalisierenden Arbeiter der verarbeitenden Produktionszweige.

Dieser leidet, ob gelernt oder ungelernt, in doppelter Weise. Denn die hohen Kartellpreise drosseln die Entwicklung der Fabrikatindustriell, verringern dort die Arbeitsgelegenheit und senken damit den Geldlohn, während der Reallohn gleichzeitig durch Schutzzölle und Steuern gerade, zugunsten der Urheber dieser Senkung ebenfalls reduziert wird. Unfähig die neue Entwicklung als unvermeidliches Produkt der kapitalistischen Ordnung zu begreifen, betrachtet er sie vielmehr als eine Krankheitserscheinung dieser Ordnung, die man heilen muss und noch auf Grundlage der kapitalistischen Ordnung beseitigen kann, und ruft daher: Zurück zum Freihandel!

Mit demselben Recht betrachtete früher der Kleinbürger das Kapital im allgemeiner als ein schädliches Krankheitsprodukt der kleinbürgerlichen Eigentumsordnung, das man mit allerlei Quacksalbereien und unter Aufrechterhaltung des Privateigentums beseitigen könne, und rief daher: Weg mit der Maschine! Zurück zur Zunft!


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Es ist nun interessant zu verfolgen, wie jede der drei hier gekennzeichneten Hauptschichten des Proletariats einen ideologischen Anwalt unter den Parteitheoretikern findet, der ihre grobmateriellen Wünsche und Bestrebungen in sublime Formeln, eines einzig wahren Marxismus kleidet und den Advokaten anderer Schichten gegenüber unter einem riesigen Geschimpfe vertritt. Auf höherer Stufenleiter wird hier zwischen einzelnen Marxistengruppen im Grunde derselbe Meinungsgegensatz reproduziert, wie wir ihn schon zwischen dem Oekonomen, dem Utopisten und kleinbürgerlichem Sozialisten beobachtet haben.

Und wie diese letzteren vorgaben, das Interesse der ganzen Gesellschaft zu vertreten, in Wirklichkeit über die materiellen Bestrebungen bestimmter Klassen ausdrückten, so bildet sich jede Marxistengruppe ein, die Interessen des Gesamtproletariats zu wahren, während jede von ihnen in Wirklichkeit eine Schicht vortritt und nur eine vertreten kann.

Da ist Heinrich Cunow, der Ideologe der qualifizierten Arbeiter in der Schwerindustrie. Er wird sich sicher darüber entrüsten, wenn man in ihm den Nachfolger der bürgerlichen fatalistischen Oekonomen sehen will. Aber ist es nicht dieselbe Denkweise, wenn er von einer notwendigen Phase des Kapitalismus statt von dessen natürlichen Ordnung spricht und diese notwendige Phase gleich dem Oekonomen als ein Blümchen Rührmichnichtan hinstellt? Wenn er aus dem blossen Zusammenhang der einzelnen Bestandteile des Imperialismus gleich folgert, dass sie als einzelne nicht herausgegriffen und bekämpft werden dürfen, es sei denn, dass die gesellschaftliche Entwicklung dadurch leiden müsste? So wenig der bürgerliche Oekonom den Fetischcharakter des Kapitals im allgemeinen durchschaute, so wenig erkennt Cunow den besonderen Fetischcharakter des Finanzkapitals?

Noch mehr dürften sich die „Linksradikalen“, die Gegenfüssler Cunows, die Vertreter der ungelernten Arbeiter aus den Riesendocks Hamburgs und Bremens, darüber entrüsten, wenn sie gar mit den grossbürgerliehcn utopischen Sozialisten verglichen werden. Charles Fourier und Rosa Luxemburg! Robert Owen und Karl Radek! Ist dieser Vergleich nicht grotesk?

Mit nichten! In dem Punkte, worauf es hier allein ankommt, sind sie durchaus einig. Dass sie nämlich von den harten unbarmherzigen Realitäten des Lebens an den verneinenden, umwälzenden Willen appellieren – gleichgültig, ob es der gute Wille der Herrschenden oder der revolutionäre Wille der Beherrschten ist – ohne sich erst darüber zu fragen, welche objektiven Voraussetzungen für die Auslösung dieses subjektiven Willens vorhanden sind.

So kritisieren sie Cunow, von seiner eigenen Voraussetzung ausgehend, indem sie die Notwendigkeit des Imperialismus anerkennen, aber bloss für die Kapitalisten, und ihm Kapitalismus schlechthin aufheben wollen, um den Folgen des Imperialismus zu entgehen. Wir erinnern uns, dass auch der utopische Sozialist den Oekonomen von dessen eigener Voraussetzung aus, der „natürlichen“ Wirtschaftsordnung, kritisierte und diese Ordnung aufheben wollte, um ein Reich der Vernunft aus freien Stücken an ihrer Stelle au bauen.

Mit Hecht könnte Kautsky hier darauf hinweisen, dass er es gewesen ist, der zuerst versuchte, die Abhängigkeit des revolutionären Willens von der ökonomischen Entwicklung und die Voraussetzungen für den Umschlag der objektiven Kampfbedingungen der Klassen in den subjektiven Ausdruck ihres politischen Machtwillens zu studieren („Weg zur Macht“). Aber seine Untersuchung blieb ein Embryo, weil seine Augen für das Neue in der jetzigen Epoche des Kapitalismus verschlossen sind.

Daher sieht er wohl die Einseitigkeit seiner ehemaligen Mitstreiter von links und rechts, verkennt aber ihren unleugbaren Fortschritt. Er kritisiert sie, aber von einem, überwundenen Standpunkte aus und so will er denn die Synthese beider sein, ist aber doch nur der zusammengesetzte Irrtum. (Marx: „Elend der Philosophie“. S. 110.)

So sehen wir, wie der materielle Zwiespalt im Proletariat die Marxsche Schule sprengte, Licht und Schatten auf alle ihre Gruppen gleichmässig verteilte, und daher kann die Geschichte jeder von ihnen ebensowenig absolut recht geben wie ihren Vorgängern in der einseitigen Methode. Der starre Gegensatz des Dreiecks kann wieder nur in der Bewegung des Kreises überwunden werden. Wer unternimmt es seinen Mittelpunkt zu entdecken?…

Darin besteht also der tragische Irrtum von Kautsky aus dessen Geist auch die Resolution Adler geboren ist, darin die Unfruchtbarkeit aller bisherigen Vermittlungsversuche, dass er noch immer glaubt, es handle sich noch um ein Problem der Massenerziehung im Sinne einer einheitlichen Doktrin, während es in Wirklichkeit darauf ankommt, dass die Masse den notwendigen Widerspruch der verschiedenen Doktrinen auf den unverwischbaren Zwiespalt in ihrer eigenen Lebenslage zurückzuführen lernt.


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Am klarsten tritt die ganze Wandlung der bürgerlichen Gesellschaft naturgemäss in ihrem Zentralorgan, dem Staate, zutage. Wir haben bereits entwickelt, dass der Manchesterstaat sich mit der negativen Doppelrolle des Polizisten und Gesetzgebers begnügt. Aber schon in der Uebergangsperiode des Finanzkapitalismus greift der Staat höchst positiv ins wirtschaftliche Getriebe ein. Durch das Hochschutzzollsystem beeinflusst er sehr wirksam den gesellschaftlichen Distributionsprozess, durch seine Kolonialpolitik erschliesst er dem Kapital neue Märkte, durch Flottendemonstrationen erzwingt, er die Rückzahlung der Anleihen fremder Staaten an die eigene Bourgeoisie.

Im Kriege, vollendet sich diese Entwicklung.

Der Machtstaat, früher durch den bescheidenen Konstabler vertreten, entwickelt sich zu einer riesigen Organisation, die über die persönliche Freiheit des Individuums nicht nur als Soldaten, sondern auch als Produzenten (nationaler Hilfsdienst) schrankenlos waltet, und statt sich wie früher damit zu begnügen, Störungen der Plusmacherei zu unterdrücken, hat der Staat mit der ungeheuer angeschwollenen Kriegsschuld offiziell die Rolle des Inkassanten und Exekutors kapitalistischer Profite übernommen.

Aber darin liegt eben der dialektische Widerspruch dieser Entwicklung, dass derselbe Staat, der seine Macht im Kriege so ausserordentlich verstärkt, die Arbeiterklasse infolgedessen in einen unüberbrückbaren Gegensatz zu sich gestellt hat und ihr den prinzipiellen Kampf gegen sich selbst in noch höherem Grade als früher aufzwingt, dass derselbe Staat durch die Wandlung seiner zweiten Funktion des Gesetzgebers in die des Verwalters, das nackte Dasein des Proletariats mit seinem eigenen Dasein unlösbar verknüpft. Als Verwaltungsstaat beschränkt er sich nicht mehr auf die blosse Statuierung von äusseren Normen für die gesellschaftlichen Beziehungen. Er begnügt sich nicht mehr mit einer indirekten Einwirkung auf das gesellschaftliche Leben. Er schreibt jetzt nicht vor, was nicht sein darf, er ordnet an, was geschehen soll und muss, und übernimmt gerade die ausschlaggebenden Industrien in seine unmittelbare Verwaltung oder wenigstens unter seine Aufsicht. Dadurch gewinnt er auch direkten Einfluss auf die Klassenlage des Proletariats und dieselben Arbeiter, welche alle ihre Kräfte zu einer Massenaktion gegen diesen Staat aufraffen sollen und müssen dieselben Arbeiter sehen sich gezwungen, Tag für Tag und Woche für Woche auf diesen ungeheuren Verwaltungsapparat in vielfach intensiverer Weise einzuwirken, als dies bis jetzt der Fall gewesen ist. […]

Der Kampf (Wien), Februar 1918, S. 94-116.


3 Antworten auf „Julius Dickmann – Die Formwandlung des Klassenkampfes (1918, Auszüge)“


  1. 1 Rodman 06. Februar 2011 um 0:53 Uhr

    Sind Sie vertraut mit Pierre Ramus (homepage: http://www.ramus.at/index.htm) oder Franz Barwich? Glauben Sie, dass dieser Text von ihnen ein Beispiel für „vulgäre“Anti-Marxismus ist?:

    http://www.anarchismus.at/txt4/ramusmarxismus.htm

  2. 2 Administrator 07. Februar 2011 um 22:36 Uhr

    Ich muss zugeben, dass ich von Ramus nicht viel halte. Er war ein prätentiöser Literat, der seine Zeit verbracht hat, Lektionen urbi et orbi zu erteilen – ganz zu schweigen von seiner zweifelhaften Ehrlichkeit.
    Jedenfalls sehe ich generell in solchen Schriften weniger eine grundlegende Kritik Marx’ als eine eher luzide und gesunde, wenn auch häufig inhaltlich schwache* Kritik des darwinisierten Marxismus der (deutschen) Sozialdemokratie. Diese anarchistische/syndikalistische, weltweit verbreitete Kampfliteratur hat zumindest das Verdienst, den Mythos zu demaskieren, die Sozialdemokratie sei vor dem Ersten Weltkrieg die einzige revolutionäre Option gewesen.

    * aber nicht immer: siehe z.B. die Texte von Domela Nieuwenhuis oder Landauer.

  3. 3 peter haumer 30. Juni 2011 um 11:10 Uhr

    lieber administrator,
    ich bin vor einem halben jahr auf julius dickmann gestoßen. seine rolle in der österreichischen sozialdemokratie, aber vor allem nach 1918 mit der gründung der föderation revolutionärer sozialisten „internationale“ FRSI hat mich sehr interessiert. deren positionen zum rätesystem, parlamentarismus, parteiwesen, usw. sind von sehr hohem inhaltlichen gehalt und haben selbst heute noch bestimmte aktualität. julius dickmann ist dann mit der frsi in die kpö hineingegangen. dann verlieren sich seine spuren für mich. mit karl korsch diskutiert, für das journal von boris souverine geschrieben, von den nazis ermordet. aber viel zu viele lücken; sehr große lücken.
    da julius dickmann also leider ein mehr oder weniger großer, weißer fleck in der geschichte der österreichischen arbeiterInnenbewegung ist, er dies aber meiner meinung nicht sein sollte, bin ich sehr an informationen und materialen von ihm und über ihn interessiert.
    mit solidarischen grüßen
    peter

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