„Darstellbarkeit der Krise, Krise der Darstellbarkeit“. Ein neuer Essay von Guillaume Paoli

Um in die bestehenden Zustände eingreifen zu können, muss man sie begreifen, das heisst vorerst: passend darstellen. Vor zwei Jahren wurde die unergründliche „Kernschmelze“ des Systems an die Wand gemalt, heute wird eine ebenso wenig erklärte Rückkehr zur Normalität herbei beschworen. Wie geht’s raus aus dem Märchenwald? Lässt sich Zorn noch in Worte fassen, die nicht nach hilflosem Kitsch riechen? Welche Erzählform eignet sich für eine Gegendarstellung? Historische Rekonstruktion? Detektivroman? Horrorfilm? Komödie? Tiersendung? Ein Narrationsvergleich. Vortrag am Maxim-Gorki-Theater Berlin, 22-1-2011

Zunächst eine Bemerkung: Ich werde über die Krise im Präsens sprechen, obwohl laut offizieller Sprachregelung die Krise hinter uns liegt, zumindest die Bankenkrise, die vor zweieinhalb Jahren die ganze Welt plötzlich und unerklärlich an den Rand des Abgrunds gebracht habe und heute wie durch ein Wunder verschwunden sei. Zwar haben wir jetzt noch eine Schuldenkrise und eine Währungskrise, aber ein Zusammenhang wird nicht anerkannt, es seien Einzelprobleme, die dank der kompetenten Arbeit der verantwortlichen Institutionen im Begriff seien, gelöst zu werden. Nach meiner Behauptung – die ich eigentlich mit nicht wenigen teile – sind das weitere Momente einer tiefen, umfassenden Krise mit unvorhersehbaren Folgen. Wir stecken immer noch mittendrin. Diese Behauptung werde ich jetzt nicht ausführlich begründen. Nur so viel: Vor zwei Jahren wurde die Weltwirtschaft von der Anhäufung sogenannter „systemischer Risiken“ ins Wanken gebracht. Da daraus keine Lehre gezogen und nichts getan wurde, um solche Risiken zu vermeiden, da im Gegenteil die Verursacher mit öffentlichen Geldern prämiert wurden, um munter dem System weiterhin Schaden zuzufügen, gibt es keinen rationalen Grund für die Annahme, die Situation sei jetzt unter Kontrolle. Offensichtlich haben wir es mit einer sogenannten „W-Kurve“ zu tun: Zunächst geht alles abwärts, dann scheint die Lage sich zu erholen, es geht wieder aufwärts, also wird an den schlechten Gewohnheiten nichts geändert, und blindlings stürzt man in die nächste Katastrophe. Es geht hier nicht um Apokalyptik, sondern um Logik. Wenn an den Ursachen nicht gerüttelt wird, sind die Folgen vorgeschrieben.

Dies gesagt möchte ich mich auf einen speziellen Aspekt der gegenwärtigen Krise beschränken, nämlich die Frage ihrer Darstellbarkeit. Wie lässt sich die Situation beschreiben, und zwar auf eine Art, die unsere gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht anstatt unsere resignierte Anpassung zu fördern? Und das ist ein nicht unerheblicher Teil des Problems. Wir haben mit Zusammenhängen zu tun, die so komplex und unüberschaubar sind, dass sie sich anscheinend in keine erzählerische Form hineinpressen lassen. Die Krise lässt sich schwer darstellen, weil sie zugleich eine Krise der Darstellung ist.

Zunächst muss man anmerken, dass die dominante Darbietung, das Selbstverständnis der kapitalistischen Ordnung, 2008 komplett versagt hat. Kein Wirtschaftsexperte hat die Krise vorhergesagt – und was ist denn eine Wissenschaft, die keine Prognosen liefern kann? Das Märchen der Selbstregulierung der Märkte wurde eklatant widerlegt. Von der vermeintlichen Rationalität der Finanzökonomie blieb nur noch ein Haufen enttäuschter Erwartungen und Glaubenssätze. Auf einmal offenbarte sich die Unberechenbarkeit des Systems. Einige Wochen lang mussten alle Regierungspolitiker peinlich zurückrudern und das zähneknirschend verurteilen, was sie bislang anbeteten. Ja, augenblicklich schien die Gelegenheit einer radikalen Revision gekommen zu sein, nicht nur, um die Legitimität der Ordnung, sondern um ihre bloße Funktionalität wiederherzustellen. Und was geschah? Gar nichts. Dieselben Experten machen Prognosen, dieselben Politiker machen Versprechen, dieselben Spekulanten machen Wetten. Nur: Eine positive Begründung ihrer Handlungen gibt es nicht mehr. Wir erleben heute eine Ordnung, die auf eine plausible Darstellung ihrerselbst verzichtet hat. Das ist eine ziemlich außergewöhnliche Situation. Noch staunenswerter ist aber, dass sie weitgehend unbemerkt und folgenlos bleibt.

Warum ist das so? Weil wir in einer medialen Welt leben, die es bis zur Perfektion versteht, die Abwesenheit eines kohärenten Diskurses zu kompensieren. Die meisten Tatsachen und Zusammenhänge, die unser Leben prägen, nehmen wir nicht aus unmittelbarer Erfahrung wahr. Wir empfangen sie über verschiedene Medien und diese Vermittlungen werden sorgfältig inszeniert. Doch wird diese Inszenierung nicht von einer Einheitsideologie bestimmt, sondern von einer Einheitsdramaturgie, die Kritik und Gegenstimmen integriert, aber nur in vorbestimmten Rahmen und an bestimmten Momenten des Szenarios. Können ein Problem oder eine Stimmung nicht mehr verschwiegen werden, dann werden sie ins Apokalyptische hochgepuscht, bis die Übersättigung des Publikums erreicht ist, dann werden sie heruntergefahren, die Rückkehr zur Normalität wird vorgespielt, bis kein Mensch mehr darüber nachdenkt. Er wird dann mit Scheingefechten abgelenkt, einer Sarrazin-Debatte, einer Kommunismus-Debatte, lauter Debatten die in Wahrheit nichts als ein fortdauernder Monolog sind. Diese (zum großen Teil spontane) Dramaturgie ist ein sehr effektives Mittel für die Stabilisierung der bestehenden Verhältnisse. Es gibt also doch eine dominante Form der Darstellung, aber diese besteht aus Zapping, Zerstückelung, Schnellschüssen, Aufmerksamkeitsstörung. Das ist wohl bekannt. Nun, wie kann man sich dieser Dramaturgie entziehen?

Der erste Reflex ist, in die Vergangenheit zu schauen, um historische Parallelen zu finden. Wenn wir das Wort „Weltwirtschaftskrise“ hören, denken wir unwillkürlich an die 20er und 30er Jahre des 20. Jahrhunderts. Also wird versucht, aus der umfangreichen Literatur dieser Zeit eine Orientierung zu finden und Lehren zu ziehen. So werden zum Beispiel auf deutschen Bühnen Brecht oder Steinbeck aus der Mottenkiste geholt. Das ist durchaus legitim. Doch sollte man mit dem Vergleich vorsichtig sein. Bekanntlich wiederholt sich die Geschichte nicht, meistens nicht einmal als Farce. Vor allen Ähnlichkeiten unterscheidet sich die präsente Situation durch wesentliche Züge von der großen Depression. 1930 gab es keine Weltwirtschaftskrise im eigentlichen Sinne. Afrika, Asien, Südamerika waren größtenteils nicht betroffen, die Sowjetunion hatte andere Probleme, also reden wir hauptsächlich von den USA und Europa. Heute umfasst der Wirtschaftskreislauf tatsächlich die ganze Welt, und dank der Technik werden Milliarden von Entscheidungen im Nanosekundentakt getroffen. Das heisst, dass Ungleichgewichte und extreme Ereignisse viel schneller, mächtiger und überraschender eintreten können, als damals. Für das Tempo und die Dimension des jetzigen Plots gibt es keinen historischen Vergleich.

Vor allem kann der Bezug auf die Vergangenheit zu einem fatalen Glaubenssatz verleiten, nämlich die Vorstellung, wir hätten es mit „zyklischen Krisen“ zu tun. Wie die Jahreszeiten verliefe die Wirtschaft zyklisch, nach dem Motto: Alle paar Jahrzehnte kommt die große Pleite, dann werden die Karten neu gemischt und das Spiel geht weiter. Die Moral der Geschichte: Bloß durchhalten. Doch ist die Theorie der zyklischen Krisen nichts weiteres als eine beruhigende Spekulation.

Es geht nicht automatisch wieder nach oben. Zur Erinnerung: Die große Depression ist nicht mit dem New-Deal ausgegangen, wie zu oft behauptet wird, sondern mit dem zweiten Weltkrieg. Es bedurfte eine noch größere Weltkatastrophe mit Leichenbergen und zerstörten Städten, um dem Kapitalismus einen frischen Neustart zu erlauben. Zurück zur Gegenwart: Vor zwei Jahren haben die Staaten die Banken gerettet, seitdem stellt sich die Frage: Wer rettet die Staaten? Nicht, weil jemand einen Herzinfarkt überstanden hat, wird er unbedingt den nächsten überleben. Nicht, weil das System bisheriges Versagen überwunden hat, wird es von dem nächsten genesen. Es gibt keine Zyklen, sondern singuläre Ereignisse mit unbestimmtem Ausgang.

Weiterlesen