Rudolf Rocker – Daumier als Kämpfer (1932)

Ein neuer soziologischer Typus hatte sich in den Jahren nach der großen französischen Revolution allmählich herauskristallisiert — der Bourgeois, diese widerliche geistlose Mißgeburt jenes Bürgertums, das einst mitgeholfen hatte, die Bastille zu stürmen und die Revolution zu entfesseln, das selbst vor der Anwendung des blutigsten roten Terrors nicht zurückschreckte, wenn es galt, die neu gewonnene Macht gegen die Anschläge des alten Regimes sicherzustellen. Aber die Söhne und Enkel hatten nichts mehr an sich von jenem unruhigen Geiste, dem selbst der Bruch der Gesetze keine Gewissensbisse verursachen konnte. Sie waren die typischsten Vertreter von Ruhe und Ordnung, und nichts war ihnen verhasster, wie Empörung und gärende Unruhe. Der Bourgeois brauchte die Ordnung, um seinen Geschäften in ruhiger Beschaulichkeit nachgehen zu können. LOUIS PHILIPPE war der würdige Vertreter dieser Klasse, deren Typus er auch physisch repräsentierte. Ein fettes Bankiergesicht mit feistem Doppelkinn und ränkevollem Blick, in dem hinterhältige Verschlagenheit und geriebener Geschäftssinn lauerte. Nach den heißen Julitagen 1830 hatten 219 Bourgeoisdeputierte diesen edlen Sproß des Hauses Orléans, der seinem Vater, dem „Bürger Egalité“, alle Ehre machte, den Franzosen als König aufgeschwätzt. Den „Bürgerkönig“ nannten sie ihn, und in der Tat hat nie ein gekröntes Haupt einen Titel mit größerem Recht getragen als LOUIS PHILIPPE den seinen. Die Regierungszeit dieses Mannes war eine der schmachvollsten, die Frankreich über sich ergehen lassen mußte. Die berüchtigten Worte des Ministers GUIZOT: „Enrichissez-vous!“ (Bereichert Euch!) waren jenem erbärmlichen Regime sozusagen auf den Leib geschrieben, das im Laufe einer achtzehnjährigen Existenz so furchtbare Erbitterung im Volke auslöste.

In der Gestalt HONORE DAUMIERS, des geistvollen Malers und größten Karikaturisten aller Zeiten, war diesem elenden System ein furchtbarer und unerbittlicher Feind erstanden, dessen ätzender Stift sich in jener qualvollen Epoche gesellschaftlicher Fäulnis zu einem politischen Machtfaktor entwickeln sollte. DAUMIER war ein ganz Großer, der es verstand, seinen Zeichnungen, die auf den Bedarf der Stunde berechnet waren, Ewigkeitswerte zu verleihen. Als Mitarbeiter von PHILIPONS politisch-satirischer Zeitschrift „La Caricature“ war er geradezu unerschöpflich in immer neuen Angriffen gegen das herrschende System und seinen höchsten Vertreter. Er erspähte jede seiner Schwächen und geißelte sie mit giftigem Spott und zersetzendem Hohn. Besonders nach dem König zielten die scharfen Geschosse seines furchtbaren Witzes. Er stellte ihn dar in allen erdenklichen Positionen: als Harlekin, Seiltänzer, betrügerischen Börsenspekulant, ja selbst als Verbrecher. LOUIS PHILIPPE hatte nie etwas von königlicher Majestät an sich; folglich konnte ihm nicht genommen werden, was er nie besaß. Aber DAUMIER schilderte ihn in seiner ganzen erbärmlichen Allzumenschlichkeit als typisches Symbol der bürgerlichen Gesellschaft, mit dem Zylinder als „Bürgerlkrone“, dem plumpen Regenschirm unterm Arm, der leibhaftige König der Bäuche, denen der Geist als toter Ballast erscheint, das Urbild des gefräßigen Philisters, der stets mit einer kleinen Gemeinheit schwanger geht. DAUMIERS Zeichnungen setzten ganz Frankreich in Aufregung. Wenn es wahr ist, daß Lächerlichkeit tötet, dann hat niemand zum Sturz der Julimonarchie so viel beigetragen wie er. Was half es, daß die Regierung den grimmen Rebellen hinter Kerkermauern brachte, als er LOUIS PHILIPPE als „Gargantua“ dargestellt hatte, der mit gieriger Gefräßigkeit das Blut und Fleisch des Landes verschlang! Der furchtbare Spötter, der vor keiner Autorität halt machte, ließ auch von seiner stillen Zelle aus sein diabolisches Gelächter ertönen, das hinaus ins Land drang und das Feuer der Empörung schürte. Da wußte sich die „Regierung der Bäuche“ nicht anders zu helfen, als daß sie einen schnöden Gewaltstreich gegen die Freiheit der Presse ausführte und mit Hilfe der berüchtigten Septembergesetze des Jahres 1835 jede politische Karikatur überhaupt untersagte. So wurde PHILIPON gezwungen, das Erscheinen der „Caricature“‘ einzustellen. Durch die Herausgabe des „Charivari“ schaffte er wenigstens einen teilweisen Ersatz. DAUMIER war sein unentbehrlichster und volkstümlichster Mitarbeiter.

Nun, da der König und die Männer seiner Regierung ihm nicht mehr als Zielscheibe seines infernalischen Witzes dienen konnten, nahm der Künstler den Bourgeois selbst aufs Korn. Er entkleidete ihn förmlich vor den Augen des Beschauers und zeigte die geheimsten Falten seines öden Philisterdaseins. Wir sehen ihn auf der Straße, im Theater, auf seinen Spaziergängen im Bois, im Wirtshaus, an der Seite der teuren Gattin, im Bade und im Schlafzimmer und lernen alle Seiten seines geistlosen Lebens gründlich kennen. DAUMIERs unerbittlicher Stift hat hier eine Galerie von Typen festgehalten, die zu dem Unvergänglichsten gehört, was die Kunst der Karikatur je hervorgebracht hat. Am unübertrefflichsten war seine Darstellung des Robert Macaire, das Sinnbild des geriebenen Gauners und Beutelschneiders, der überall bestrebt ist, die geistige Beschränktheit seiner lieben Mitmenschen in Geld umzumünzen, und zusammen mit seinem Freunde Bertram gewissenhaft das Rupfen derjenigen besorgt, die nie alle werden. Ein bekannter Pariser Schauspieler hatte diesen Typus in einem Melodrama vortrefflich zur Geltung gebracht. PHILIPON und DAUMIER bemächtigten sieh sofort der prachtvollen Idee und hatten damit einen beispiellosen Erfolg. In DAUMIERs Händen wird die ganze Periode zu einem Zeitalter Robert Macaires.

Zur Abrüstungskonferenz in Genf
Zwei Bilder, die von der außerordentlichen Aktivität Daumiers 1932 zeugen:


Abrüstungsbüro: „Bitte, nach Ihnen . . .“


Das europäische Gleichgewicht

Der listige Spitzbube, der lest davon überzeugt ist, daß die Dummheit der wackeren Zeitgenossen überhaupt keine Grenze kennt, betritt mit kühler Ueberlegenheit alle Gebiete menschlicher Betätigung und gibt seine Gastrollen mit der sachverständigen Miene des Kenners, der genau weiß, was er den Menschen bieten kann. Schier unerschöpflich sind die Variationen, die DAUMIER diesem Typus eines marktschreierischen Gaunertums zu entlocken wußte.

Nie war ein Künstler inniger verwachsen mit der Periode, in der er lebte, wie DAUMIER. Auch wenn er uns nicht sein bekanntes: je suis de mon temps! zugerufen hätte, wüßten wir es. Ein Blick auf sein Werk genügt, um zu erkennen, daß er wahrlich „ein Kind seiner Zeit“ gewesen ist. Seiner Zeit und nicht nur seines Volkes, denn seine Kunst reichte weiter als die Grenze Frankreichs; sein Werk ist Kulturbesitz einer ganzen Welt. DAUMIER fühlte den Pulsschlag seiner Epoche, vernahm ihre leisesten Regungen und sah vor allem ihre tiefe Erniedrigung. Er sah mit dem geschärften Auge des Künstlers, dem nichts entgeht, und deshalb sah er tiefer wie die meisten seiner Zeitgenossen, die mit ihm auf derselben Seite der Barikade standen. So hat er die ganze Hohlheit und Nichtigkeit der gesetzgebenden Versammlungen schon erkannt, als der Parlamentarismus noch in seiner Sünden Maienblüte stand. Man betrachte sich die Idealgestalten, die uns aus der Zeichnung „Der gesetzgebende Bauch“ entgegengrinsen, etwas näher. Niemals sind die sogenannten „Volksvertreter“ und Regierungsmänner so mitleidslos demaskiert worden wie hier. Hier tritt das Innerste nach außen und wirkt wie ein Kainszeichen der inneren Fäulnis. Eine Gesellschaft geistiger Nullen sind diese lieblichen Zeitgenossen, die an Engstirnigkeit, Blähsucht, satter Selbstzufriedenheit, Gehirnverkalkung, kleinlicher Ranküne und brutaler Kaltschnäuzigkeit so ungefähr das Schlimmste vorstellen, was über das Kapitel „Volksvertretung“ überhaupt gesagt werden kann. Und dann die köstlichen Gestalten seiner „Réprésentants représentés“ aus der Zeit von 1848—49, Figuren von unwiderstehlicher Komik und grausamer Realistik, durch welche die Geistlosigkeit und Impotenz des parlamentarischen Regimes beredter dargestellt wird, als die beste Feder es vermöchte.

DAUMIER war ein glühender Verehrer der Freiheit und blieb es, bis der Tod ihm die Augen zudrückte. Deshalb fühlte er auch, daß sich die Freiheit nicht in den engen Rahmen einer Verfassung einsperren läßt, daß sie nicht atmen kann, ersticken muß, sobald man sie der Spitzfindigkeit der Advokaten und Gesetzmacher ausliefert. Welch eindrucksvolle Sprache spricht das Blatt: „Die Konstitution versetzt die Freiheit in hypnotischen Schlaf!“ Und jene andre Zeichnung, wo die Verfassung der Freiheit das neue Kleid anmißt und letztere besorgt mahnt: „Nicht zuviel wegnehmen, bitte!“ — Ach, die Zeit ist noch immer nicht gekommen, wird nie kommen, wenn — wie Georg BÜCHNER in seinem „DANTON“ meinte — die Staatsform einem durchsichtigen Gewand gleichen wird, das sich dicht an den Leib des Volkes schmiegt, damit sich jedes Schwellen der Adern, jedes Spannen der Muskeln, jedes Zucken der Sehnen darin abdrücken kann. Auch die beste Staatsverfassung ist für die Freiheit immer nur eine Zwangsjacke. Ueberdies haben die ehrbaren Verfassungsschneiderleins in jedem Lande der Freiheit allmählich so viel Stoff vom Gewände abgeschnitten, daß es kaum noch zu einer anständigen Nachtjacke reicht.
Und dann jenes herrliche Blatt: „Die Konstitution auf dem Seziertisch.“ Ein Weib liegt in der Narkose auf einem Tische ausgestreckt; um sie herum stehen die Aerzte in Operationsschürzen und lauschen den Erklärungen des Professors. Unheimliche Fratzen, diese politischen Operateure, widerlich und von abstoßender Häßlichkeit! Und man fühlt mit Grauen, was es bedeutet, solchen Kerlen die Sicherung erworbener Freiheiten vertrauensvoll in die Hände zu legen. Spukt nicht der Geist Robert Macaires auch im Operationssaal?

Und wie modern diese Blätter anmuten. Ja, modern, denn der Köhlerglaube an die Wunderkraft der Verfassung hat sich noch lang nicht tot geträumt. DAUMIER mochte wohl in stillen Stunden ähnliches empfunden haben wie BAKUNIN, der da schrieb: „ — ich glaube nicht an Konstitutionen und Gesetze; die beste Konstitution würde mich nicht befriedigen können. — Wir brauchen etwas anderes: Sturm und Leben und eine neue, gesetzlose und darum freie Welt.“*) Für solche Forderungen hat die Welt auch heute noch wenig Verständnis, trotz aller gemachten Erfahrungen. Der Kultus, den man heute in Deutschland mit der „freisten Verfassung der Welt“ treibt, ist ein neues Beispiel dafür. Wie würde DAUMIER, wenn er heute lebte, den betriebsamen Fabrikanten der Weimarer Verfassung und ihren geistlosen Befürwortern in die Parade fahren und sie mit Skorpionen züchtigen.

Und wie DAUMIER die Männer der gesetzgebenden Körperschaften zur Zielscheibe seines grimmigen Witzes erkoren hatte, so haßte er mit der ganzen Leidenschaft seines südländischen Temperaments die ausführenden Organe ihrer Gesetze. Die ganze bürgerliche Justiz war ihm nur die Hure jener „Gesellschaft der Bäuche“, die er so tief verabscheute. Und in diesem Lichte zeigt er ihre Vertreter: lebendige Verkörperungen scheinheiliger Verstellung und infamer Tücke, Seelenmörder, die in Paragraphen denken und deren Gefühle stumpf geworden sind in der blöden Routine gesetzlicher Vergewaltigung und Notzucht des Geistes. Auch diese Blätter wirken noch immer mit derselben Wucht, denn die Zeit hat sich wenig geändert in der Anwendung des sogenannten Rechts. Die grauenvollen Justiztragödien unsrer Tage führen eine beredte Sprache. Es genügt die Namen SACCOs und VANZETTIs auszusprechen, von deren Unschuld eine ganze Welt überzeugt war und die trotzdem sterben mußten, weil es die Staatsräson erheischte.
DAUMIERs Kunst stellt den Geist der Dinge dar, und die einzelnen Träger bestehender Einrichtungen müssen ihm lediglich dazu dienen, diesen Geist zum Ausdruck zu bringen. So faßte er auch den Krieg und seinen Zuhälter, den Militarismus auf. Es ist nicht das Aeußere, was ihn reizt, die unmittelbaren Ursachen, die zum Kriege führen. Sein Blick dringt tiefer und zeigt uns jenes grauenhafte Band, das die Menschen von heute noch immer an längst Vergangenes kettet und lang Gestorbenes in einer bösen Stunde zu neuem Leben galvanisiert. Ohne diese unheilvollen Triebe, die auch heute noch im Unterbewußtsein des modernen Menschen auf der Lauer liegen, wäre der Krieg überhaupt nicht möglich. Und gerade diese Erkenntnis ist es, die seinen Darstellungen des Krieges jene tiefe innere Kraft verleiht, die imstande ist Gefühle in der Menschenseele auszulösen, die fast nicht mehr irdisch wirken.

DAUMIER wußte auch, daß der Begriff des Militarismus sich lange nicht mit der Existenz stehender Heere erschöpft. Er hatte klar erkannt, daß es sich hier um einen besonderen Geisteszustand handelt, der, einmal künstlich gezüchtet, den Menschen zum gefühllosen Automaten umformt, der blindlings jedem Befehle gehorcht, ohne sich über die Folgen seines Handelns Rechenschaft abzulegen. Diese künstlich erzeugte Lähmung des Gewissens und der eignen Ueberlegung, die jede sittliche Kontrolle, jedes Bewußtsein eines persönlichen Verantwortungsgefühls im Menschen ausschaltet, ist die erste Voraussetzung jedes Militarismus, ohne Unterschied der Uniform. Indem DAUMIER in seinen Darstellungen gerade dieses zum Ausdruck brachte, ging er weit über die engen Schranken nationaler Bedingtheiten hinaus und behandelt Krieg und Militarismus als die unheilvollen Ergebnisse eines Gesellschaftssystems, dessen fundamentale Lebensbedingungen in jedem Lande dieselben Wirkungen auslösen. Es spricht hier ein Künstler zu uns, in dem der Mensch den Staatsbürger überwunden hatte und der die Menschheit als Ganzes höher einschätzte, als das Kunstprodukt der Nation und den so wechselvollen Begriff des Vaterlandes, trotzdem er seiner Heimat von Herzen zugetan war. Und gerade dieses Allumfassende der Auffassung ist es, das seine Kunst weit über das Durchschnittsniveau des Alltäglichen erhebt und ihr jene Größe verleiht, die unvergänglich ist.

*) Marcel HERWEGH, Briefe von und an Georg HERWEGH: München 1898. Brief BAKUNINS an Georg HERWEGH aus dem Jahre 1848.

(Besinnung und Aufbruch, Januar 1932, S. 2-6.)

Anmerkung: Im Artikel Rockers ist das zweite Bild („Der europäische Gleichgewicht“) anders.