H.W. Gerhard [Gerhard Wartenberg] – Georges Sorel, der Theoretiker des Syndikalismus (1931)

Von Georges Sorel, dem Theoretiker des französischen Syndikalismus sind in den letzten Jahren zwei Werke deutsch erschienen: ‚Über die Gewalt’ (Verlag Wagner, Innsbruck 1928, 885 S., Preis Brosch. 9 M., geb. 12 M.) und die ‚Auflösung des Marxismus’ (Verlag Gustav Fischer, Jena 1930, 72 S., Preis 4 M.)

Der Titel ‚Auflösung des Marxismus’ erinnert etwas an Marxistentöterei, soll aber mehr Weiterentwicklung des erstarrten Dogmas bedeuten, denn Sorel anerkennt durchaus die großen Leistungen von Marx und Engels und fasst den Syndikalismus gerade auf als den reinen Marxismus, der nichts weiter sei als die Lehre des Klassenkampfes.
Im Vorwort verteidigt Sorel zunächst Marx gegen die unzulänglichen Angriffe der bürgerlichen Professoren, wendet sich aber dann gegen engstirnige Auslegungen wie die von Lafargue und gegen unfruchtbare Popularisierungen wie die von Kautsky. Dagegen verspricht er sich viel von durchdachter Weiterentwicklung, wie sie Bernstein 1896 versucht hatte, ohne dessen Reformismus zu teilen.
Sorel knüpft an die Bernsteinsche Auffassung an, in dem er zeigt, dass der Marxismus zwei entgegengesetzte Bestandteile aufgenommen hat oder mit ihnen in Beziehung steht: den Utopismus und den Blanquismus. Während aber der Reformist Bernstein diese Unterscheidung trifft, um dem blanquistischen, revolutionären Element den Prozeß zu machen, zeigt Sorel in seiner geistreichen, gut dokumentierten Weise, dass weder der Utopismus noch der Blanquismus mit dem Marxismus notwendig verbunden sind, sondern dass beide zu bürgerlichen Konsequenzen führen: der Utopismus, weil er zu sozialer Quacksalberei, vergeblichen Experimenten und allerhand Reformen führe, die den Kapitalismus nicht beseitigen können (Gewinnbeteiligung, Konsumvereine usw.), der Blanquismus, weil er eine neutralistische Partei mit einem revolutionären Generalstab bedeute, der sich später zum euren Herrn ausschwinge (Jakobinismus).
Nun taucht selbstverständlich die Frage auf, was denn vom Sozialismus übrig bleibe, wenn man die sozialen Phantasien und die politische Revolution streiche? Sorel antwortet und versucht nachzuweisen, daß er sich dabei in Übereinstimmung mit dem Kern des Marxismus (dem ‚Marxismus Marxens’) befinde: der Klassenkampf, der revolutionäre, rein proletarische Klassenkampf, wie ihn der Syndikalismus führt. Es sei nicht unsere Aufgabe, nur mit der künftigen Leitung der Produktion zu befassen, die Wirtschaft leite sich sehr gut selbst. Es sei auch nicht unsere Aufgabe, die Revolution zu leiten, das Proletariat werde seine Revolution durch den Generalstreik schon selbst machen. Das ist die Lehre Sorels in der ‚Auflösung des Marxismus’.
In ‚Über die Gewalt’ entwickelt er seine Auffassungen viel eingehender und gibt auch oft Ausblicke in Nebengebiete, die stets durchdacht und geistreich sind. Deswegen ist es schwer, die Gedankengänge Sorels kurz anzudeuten. Er gibt eben keine Formeln, sondern geschichtliche Betrachtungen über sehr weite Gebiete.
Seine Schlussfolgerungen sind für uns nichts Neues, es sind die Grundsätze unseres Programms. Also zum Beispiel der Kampf gegen den Reformismus und die Politiker, gegen die heuchlerische Demokratie, für den proletarischen Generalstreik, für eine proletarische Moral, eine Produzentenmoral. Sorel legt Wert darauf, den proletarischen Generalstreik vom politischen Generalstreik abzugrenzen, er zeigt weiter die Moralität der Gewalt und die Dekadenz des Pazifismus, sein Ideal ist ein kräftiges, mutiges Proletariat, das seine Rechte energisch auch mit Gewalt verteidigt, so auch die Bourgeoisie zum Widerstand veranlaßt und den Endkampf beschleunigt. Es steckt darin etwas von der ‚schöpferischen Entwicklung’ Bergsons und auch ein gutes Stück vom Geiste Nietzsches. Nicht mehr ist hier die Rede von einem wässrigen Humanitarismus, wie er im 18. Jahrhundert zeitgemäß war, nicht mehr von den verblichenen Idealen der Französischen Revolution, von denen noch Jaures und der ganze parlamentarische Sozialismus zehrten. Aber es tritt uns auch nicht ein doktrinärer Marxismus á la Kautsky entgegen, sondern der proletarische Klassenkampf in seiner Reinheit.
Wenn auch alle diese Dinge für uns nicht viel neues bringen, dann muß man doch auf die Art und Weise der Begründung achten, die stets zwingend und geistreich ist und ein ungeheures Material verwendet. Gerade diese Ableitungen und gelegentlichen Blicke in verwandte Gebiete können für uns noch eine Fundgrube für die Entwicklung unserer Ideen sein.
Es mag zutreffen, dass Sorel etwas zu sehr von der Bedeutung der Gewalt eingenommen war und andere Faktoren zu sehr außer acht ließ. Aber man solle sich der Tatsache bewusst bleiben, daß Sorel nicht das blinde Dreinschlagen unter ‚Gewalt’ versteht, sondern fast immer den Streik oder den Generalstreik, d.h. einfach irgendwelche Handlungen, die dem Proletarier seinen Gegensatz zum kapitalistischen Staat fühlbar werden lassen, ohne deshalb gleich Menschenleben zu kosten.
Ein weiterer Begriff Sorels, mit dem man sich auseinandersetzen muß, ist der des Mythus. Das stark aufgetragene, begeisternde Bild des sozialen, expropriierenden Generalstreiks, bei dem keine Einzelheit beschrieben oder diskutiert werden soll, der ‚Mythus des Generalstreiks’ muß nach Sorel für uns das werden, was für die ersten Christen das Reich Gottes, für die Männer der Französischen Revolution ihr Glaube an das Reich der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit war. Sicher würde Sorel auch den Glauben der Kommunisten Westeuropas an das Sowjetparadies oder den Glauben der Nazis an das Dritte Reich zu den Mythen rechnen. Sorel will diese Mythen von den Utopien getrennt wissen, die er ablehnt, bei den Mythen kommt es auf die Ganzheit an, sie sind nichts als Bilder, während es bei den Utopien auf die Einzelheiten ankommt, die sich im Verlaufe der Entwicklung immer wieder ändern, wodurch die Utopien immer wieder wertlos werden.
Es wird sich schwer bestreiten lassen, dass Mythen in der Geschichte eine große Rolle gespielt haben, auch wenn sie nicht zu dem erwarteten Ziele führten. Aber es will mir scheinen, als ob die Mythen von uns als bewussten Revolutionären nicht besonders gefördert zu werden brauchten – sie kommen von allein, sie sind vielfach nur die für die Massenseele und von ihr zurechtgekneteten Ideen. Fördern wir die Erkenntnisse, die klaren Ideen, und überlassen wir die Mythen sich selbst. Die Masse wird die Ideen, die sich nicht vollständig aufnehmen kann, schon zu vereinfachten Bildern machen.
Mag das Werk Sorels also auch für uns als Syndikalisten einige Angriffspunkt bieten, so ist der Mensch Sorel in vieler Beziehung vorbildlich. Sein Leben verlief sehr einfach. Er wurde geboren am 2. November 1847 in Cherbourg als Sproß einer bürgerlichen Familie. Nach dem Besuche der Schulen in Paris wurde er Ingenieur. Bis zum Alter von 45 Jahren war er beim staatlichen Wegbau tätig. Er stieg bis zum Chefingenieur auf und bekam den Orden der Ehrenlegion. 1892 legte er sein Amt nieder, ohne die Pension zu verlangen, er wollte ganz unabhängig sein und nur seinen Studien leben. In diesen Jahren bewältigte er eine ungeheure Arbeit, vertiefte sich in die Sozialwissenschaften und die Philosophie und schrieb eine große Reihe von Artikeln für sozialistische und volkswirtschaftliche Zeitungen in Frankreich, Italien, Deutschland. 1899 war er noch kein Sozialist gewesen, sondern empfahl die Bibel als weltliches Werk. 1894 veröffentlichte er in der ‚Ere Nouvelle’ eine Reihe von drei Aufsätzen, ‚Die alte und die neue Metaphysik’, in der er sich als Sozialist vorstellte, der die Einflüsse von Proudhon, Marx und Bergson erfahren hat. 1898 schrieb er ‚Die sozialistische Zukunft der Gewerkschaften’, worin er schon den orthodoxen Marxismus ablehnte und den syndikalistischen Standpunkt vertat. Den revolutionären Syndikalismus arbeitete er seit 1904, seit der großen Enttäuschung aller Ehrlichen über den Ausgang der Affäre Dreyfuß heraus. 1906 und 1907 erschienen die Artikel, die dann zu ‚Über die Gewalt’ vereinigt wurden, noch später folgte die ‚Auflösung des Marxismus’. Einige Werke Sorels erschienen nur italienisch, da in Italien mehr Interesse für derartige Gedankengänge vorhanden war. Der Weltkrieg ließ ihn resignieren, er hatte für die heuchlerischen Schlagwörter der Entente Demokratien, Selbstbestimmung der Völker’ usw. nichts übrig. Die russische Revolution begrüßte er und schrieb sogar eine ‚Verteidigung für Lenin’, ohne seine eigentlichen syndikalistischen Gedanken aufzugeben. Er starb am 28. August 1922 in der Zurückgezogenheit in Boulogne-sur-Seine. Sorels Charakter und Lebensführung werden von allen Zeitgenossen sehr gut beurteilt. Er besaß keinerlei Ehrgeiz und arbeitete, seit er Sozialist war, selbstlos und aufopfernd für das Proletariat. Seine Gegner verunglimpfte er nicht so gehässig wie Marx, er war ein Wunder an Fleiß und führte ein sehr sauberes, zurückgezogenes Familienleben. Er war vielleicht der erste sozialistische Denker, der aus eigener Anschauung einen Begriff von der modernen Technik besaß und daraus Folgerungen zog (bei Marx, Proudhon, Bakunin war das bekanntlich nicht der Fall).
Sorel wird mitunter (so von Margherita Hirschberg-Neumeyer in ‚Die italienischen Gewerkschaften’, Jena 1928, S. 32) als der Schöpfer des Syndikalismus bezeichnet. Das ist unrichtig. Der Syndikalismus ist in Frankreich wie auch in den anderen Ländern aus dem Schoße der Massen entstanden. Allenfalls könnte man Fernand Pelloutier eine besondere Rolle bei der Entstehung des französischen Syndikalismus zuschreiben, aber nicht Sorel, der nur Theoretiker war und gar nicht in der Bewegung stand. Wenn er also auch nicht der Schöpfer des Syndikalismus war, so hatte er doch auf die Arbeiterbewegung in den romanischen Ländern einen sehr großen Einfluß, der noch heute fortdauert. Auch Mussolini kann in seiner sozialistischen Zeit als Schüler Sorels betrachtet werden und hat die Lehre von der Gewalt dann auf den Faschismus mit Erfolg übertragen.
Hier kann gleich auf ein anderes Märchen über Sorel hingewiesen werden: er soll der intellektuelle Vater des Faschismus sein. So sagt der französische Faschist Georges Valois (Le fascisme, Paris 1927) und auch der deutsche Professor von Beckerath (Wesen und Werden des faschistischen Staates, Berlin 1927). Der letztere zeigt allerdings gleich die Grenzen der Übereinstimmung auf.
Zwar haben Sorel und andere linksstehende Intellektuelle um 1910 Beziehungen mit nationalistischen Kreisen angeknüpft, um eine Strecke Weges gemeinsam gegen die beiden verhaßte Demokratie zu gehen, aber deshalb ist Sorel noch nicht einen Schritt breit von seiner rein proletarischen Einstellung gewichen, was man von unseren Kommunisten bei ihrem Liebäugeln mit nationalbolschewistischen Ideen nicht behaupten kann. (Radek-Reventlow 1923, das „Programm zur nationalen und sozialen Befreiung’ usw.). Es handelte sich eben nur um eine vorübergehende Taktik.
Auch die Lehre von der Gewalt bedarf einer erheblichen Umänderung, ehe sie ein faschistisches Aussehen bekommt. Sorel spricht immer von proletarischer Gewalt und versteht darunter den Generalstreik. Selbstverständlich ist es jeder gewalttätigen Bewegung möglich, sich auf Sorel zu berufen, denn die Gewalt kann ebenso wenig wie eine andere Idee monopolisiert werden. Das Gewalt in der Gesellschaft eine realere Macht darstellt als parlamentarisches Geschwätz, ist auch schon allen früheren Revolutionären bekannt gewesen. Wenn also die Squadri Mussolinis ihren Sieg durch Gewalt errangen, dann beweist das nichts gegen Sorel, sondern nur etwas für Mussolini, er hat bei seinem Meister gut gelernt. Für uns folgt daraus nichts weiter, als die Sache noch besser zu lernen, selbstverständlich entsprechend den Gegebenheiten eines jeden Landes.
Eins ist natürlich sicher: der Faschismus stellt ein viel lebendigeres, aggressiveres, moderneres und deshalb gefährlicheres System des Kapitalismus dar. Er hat diese Eigenschaften durch gewisse Anleihen bei sozialistischen Denkern erreicht. Diesem Denken ist daraus kein Vorwurf zu machen. Sonst könnte man auch Marx anklagen, mit seiner Diktatur des Proletariats das Stichwort für die faschistische Diktatur geliefert zu haben. Das ist natürlich kein Argument. Eher schon die Tatsache, dass manche Einrichtungen des Faschismus aus Sowjetrussland entlehnt worden sind (Tscheka gleich Ovra, Gewerkschaftsmonopol, Pressemonopol usw.). Sorel hat also nicht mehr mit dem Faschismus zu tun als ein Streik mit einer Aussperrung.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass wir nicht mit allem einverstanden zu sein brauchen, was Sorel geschrieben hat, wie wir auch keine Bakunin- oder Kropotkin-Scholastiker sind, dass aber in Sorels Werken noch eine Fülle von Anregungen steckt, die von uns bisher noch nicht gehörig beachtet worden sind. Leider ist der hohe Preis der beiden Bücher der Verbreitung in unseren Kreisen nicht günstig, besonders für die 72 Seiten starke Broschüre ‚Die Auflösung des Marxismus’ erscheint der Preis von 4 Mark als viel zu hoch. Vielleicht ist es dem ASY-Verlag möglich, später einmal die Herausgabe der ‚Materiaux d’une theorie du proletariat’ in deutscher Übersetzung ins Auge zu fassen. Besonders der in diesem Sammelband von ‚Materialien einer Theorie des Proletariats’ enthaltene Aufsatz ‚Die sozialistische Zukunft der Gewerkschaften’ (Avenir socialiste des syndicats) dürfte in unserem Lande eines verknöcherten Staatskapitalismus und Reformismus interessieren, wo sich die Führer der großen Gewerkschaften noch nie mit den sozialistischen Aufgaben der Gewerkschaften beschäftigt haben, sondern sich mit einer unbestimmten ‚Wirtschaftsdemokratie’ begnügen.

H.W. Gerhard

Aus „Der Syndikalist“, Nr. 25/1931.

syndikalismus.tk – Kommentar von Bonaventura, 20. Dezember 2010 02:55


2 Antworten auf „H.W. Gerhard [Gerhard Wartenberg] – Georges Sorel, der Theoretiker des Syndikalismus (1931)“


  1. 1 Bonaventura 20. Dezember 2010 um 2:28 Uhr

    Schau nochmal bei syndikalismus.tk nach, dieser Text ist spätestens morgen komplett dort eingestellt.

  2. 2 Administrator 20. Dezember 2010 um 15:23 Uhr

    Vielen Dank!

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