Günther Anders – Erinnerung an Döblin (1983)

Meine Deutung von Döblins Berlin Alexanderplatz hat innerhalb meiner Schreib-vita eine wichtige Rolle gespielt. Einen literarischen Text hatte ich nie zuvor zum Ausgangspunkt philosophischer Überlegungen gemacht, über Geschriebenes zu schreiben, hatte ich verachtet. – Ich erinnere mich noch, wie ich den Roman sehr bald nach seinem Erscheinen verschlungen habe. Was mich erregte, war nicht etwa nur seine Dos Passoshafte, in der damaligen deutschsprachigen Romanliteratur erstmalige film- und montagehafte Anlage, sondern und vor allem die Darstellung von Menschen, die, im Gegensatz zu Heideggers In-der-Welt-Sein, als Arbeitslose, Kriminelle und zur Aussteigerei Verdammte in keiner Welt waren. Deren Art von Dasein, namentlich deren zerfallende Sprache, die die zerfallene Weltbeziehung reflektierte, versuchte ich also – ich war zu meinem eigenen Erstaunen schon mitten im Notieren, ehe ich noch ausdrücklich begonnen hatte — ins Philosophische zu übersetzen. Nach der raschen Niederschrift rief ich den mir unbekannten Arzt Dr. Alfred Döblin an. Der bestellte mich, begann sofort, den Text zu lesen, anfangs kopfschüttelnd (denn als Mediziner war er nur an naturwissenschaftliche Philosophie gewöhnt), hörte langsam mit dem Schütteln auf, meinte dann zwischendurch auf berlinerisch, ich schiene ihm ein »janz Schlauer« zu sein, und als er nach mehr als einer Stunde durch war, fand er »die Chose drollig, aber joldrichtig«. »Drollig« bin ich nie wieder genannt worden. Unvergeßlich, wie er, als wir über irgendeine meiner Behauptungen nicht ganz einig waren, zu meinem nicht geringen Staunen (nein: Erschrecken) im Telefonbuch nach der Nummer von Franz Biberkopf zu suchen begann, der sollte den Streit schlichten, und daß er seine nervöse Sucherei – schon damals waren seine Brillengläser fingerdick – erst aufgab, als ich ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, daß Franz B. ja 1. durch seinen, Döblins, Machtspruch bereits tot sei (was ihn zusammenzucken ließ); daß Franz sich ja 2., selbst wenn er noch am Leben wäre, gewiß keinen Telephonanschluß leisten könnte; und daß er 3. doch leider nur eine von ihm, Döblin, erfundene Puppe sei – was der schließlich, kinnkraulend, »nicht janz bestreiten« konnte. So verspielt oder so verrückt war dieser geniale Schneiderssohn aus Stettin.
Was immer es auch mit dem Streitpunkt auf sich gehabt haben mag, nach dieser Telephonbuchszene griff er mich plötzlich an der Hand, riß mich mit sich treppab, wir gingen, nein: wir jagten durch die Tauentzienstraße, dann stürmten wir, er mein Manuskript wie eine Trophäe vor sich herschwenkend (vermutlich fürchtete er, vor verschlossene Türen zu kommen) hinauf in die Redaktion der »Neuen Rundschau«, wo er es dem Redakteur Rudolf Kayser sofort anzudrehen versuchte. Aber dieser – er war nicht gerade sehr helle – war unfähig gewesen, Döblins Meisterwerk als solches zu erkennen und fragte mich – dies kurz vor Hitler, in jeder Nacht fand man bereits Tote in den Hauseingängen —, ob ich ihm nicht statt dessen lieber einen Essay über das Ringen der deutschen Jugend schreiben wollte — ein Angebot, das für mich, den total Unbekannten, zwar märchenhaft war, das ich aber, die Pathos-Vokabel »Ringen« (zu Döblins Freude) verlachend, abwies — kurz: wir zwei erhielten von einem Niemand einen Korb. Was zur Folge hatte, daß meine Aufnahme in die elitäre »Neue Rundschau« erst im Jahre 1946 (im April) zelebriert und mein Döblin-Text erst mehr als dreißig Jahre nach dessen refus gedruckt werden konnte (in der Festschrift zum 80. Geburtstag von Georg Lukäcs, Luchterhand 1965).

Und dann war das Emigrationsjahr 1933 gekommen, und wir waren uns in Paris wiederbegegnet, im 6me Arrondissement, im Hinterraum irgendeines Bistros; zwar in gemeinsamem Entsetzen, in gemeinsamer Scham, in gemeinsamem Elend und in gemeinsamer Sorge um die Welt, aber doch ohne jede Verständigungsmöglichkeit. Denn er bezog nun, leicht desorientierbar, wie er nun einmal war, jeden Tag eine andere Weltanschauung und eine andere politische Position. Es geschah, daß er mich damals anbrüllte, weil ich seine, von irgendwem zufällig übernommene Eintagsfliegen-Idee, die tödlich gefährdeten europäischen Juden würden ausschließlich in Madagaskar gerettet werden können, als das bezeichnete, was sie war, und daß ich zurückbrüllte. Tatsächlich sahen wir uns in Paris nicht wieder. Auch einander haben wir Gehetzten es uns noch schwerer gemacht, als alles ohnehin war. Trauriger-, aber begreiflicherweise.
Dann hörte ich jahrelang nichts mehr von ihm oder über ihn. Bis ich wohl sieben Jahre später, in Kalifornien erfuhr, daß einer seiner Söhne, ein Mathematikgenie, an einem der letzten Kriegstage als französischer Soldat gegen Hitler gefallen sei. Und dann war auch er plötzlich, natürlich völlig mittellos, mit Frau und Sohn in Los Angeles aufgetaucht — und zwar (er, der in besseren Tagen ziemlich vulgär-naturalistisch philosophiert hatte), aus Dankbarkeit für sein Überleben, als frischgebackener Katholik, der nun, statt nach Madagaskar, zur Messe ging und der im berlinischsten Französisch einem weder Französisch noch Berlinerisch verstehenden katholischen Father confessor seine Beichte (welcher Sünden wohl?) abzulegen begann. Das erfuhr ich freilich von ihm erst, als ich ihm zu seinem 60. Geburtstag eine, alle sakralen Texte der Weltreligionen enthaltende Bible of the World schenkte, in die ich ihm einen Reim hineingeschrieben hatte, der besagte, daß, wer sich mit allen Religionen befasse, unverführbar bleibe – was er verschmitzt, nein: sogar glücklich lächelnd, mit den Worten quittierte: »Merci beaucoup, mon vieux, mais vous venez un peu trop tard.« Sein Glaube war so unglaubhaft wie sein Französisch. Sinnvolle politische Gespräche mit ihm waren schon damals sehr schwer — so weit hatte sich seine Beurteilung der Weltlage und der Zukunft von allen anderen in der Emigration vertretenen Positionen entfernt. Und trotzdem: schreiben konnte er noch oder vielleicht wieder, und zwar hemmungslos und großartig – womit ich zweierlei meine:
1. daß er überhaupt keine Produktionsschwierigkeiten kannte, sondern (genauso wie früher) unfähig war, den Wasserhahn der Produktion fest zuzuschrauben;
2. daß er (ebenfalls wie früher) als Schreibender sich selbst übertraf; daß er Figuren schuf, deren Erfahrungsfülle, Denkkraft, Skepsisschärfe unendlich viel größer waren als seine »eigenen«; philosophisch gesprochen: daß seine creata ihn, den creator, überragten. Psychologisch gesprochen: daß er in posthypnotischer Amnesie durch keine Zeichen seine eigentliche Tiefe verriet, von dieser gewissermaßen keine Ahnung hatte, diese wohl gar nicht verstanden hätte – eine Schizo-Kondition, die bei Musikern, die trivial reden, aber tiefsinnig komponieren, die Regel sein mag, die ich aber bei Schriftstellern sonst nie erlebt habe. — Und dass er – was eng mit dem soeben Gesagten zusammenhängt – über geschichtliche Zustände und Ereignisse schrieb, und zwar großartig und kompetent schreiben konnte, über die er – im Sinne historischer Forschung – nur ungenau Bescheid wußte, daß er also weitgehend – und dies ist das denkbar größte Lob – Empirie-unabhängig war und vistas entwarf, die die kleinen Archivschnupperer nun nachträglich bestätigen können.

Er schrieb also wieder. Wie in alten Zeiten. Tag für Tag füllten seine irrsinnig langen, wurzelfadenhaften Buchstaben die Seiten. Hemmungslos, ziellos überließ er sich seinen Assoziationen, die mit ihm, dem alten, in Hollywood sitzenden, neokatholischen »Franzosen« Döblin überhaupt nichts zu tun hatten: Denn er, oder es, schrieb politische Weisheiten über Karl und Rosa, d.h.: über Liebknecht und Luxemburg, die gar nicht mehr seine Angelegenheit waren, wenn sie es überhaupt je gewesen waren. So geschehen in einem engen, glühend heißen Südzimmer in der Citrus Avenue von Hollywood, in dem gleichzeitig sein, ihn um zwei Köpfe überragender Jüngster pausenlos auf der Flöte Telemann übte, was den sehr musikalischen Vater, dem nichts ferner lag als so Monodisches, zur Raserei hätte treiben müssen. Aber der blieb, vielleicht durch die Hilfe seiner Religion, sanft und geduldig.
Aus dem »chronischen Frechdachs« — als solchen hatte er sich in Berlin selbst bezeichnet -war also ein sehr geduldiger, sehr bescheidener, hilfsbereiter alter Mann geworden (der damals freilich 20 Jahre jünger war als heute ich bin). Als ich im Hochsommer mit einer Angina lag, ist er, so als verstünde sich das von selbst, durch die glühenden Straßen von Hollywood getippelt (natürlich gehörte er zu der winzigen negativen Elite der Nicht-car-Eigentümer), um meine Mandeln zu pinseln. Und als wir gleichzeitig Herbert Marcuses leerstehendes Haus in Santa Monica bewohnten, behandelte er seine durch den Verlust des Sohnes furchtbar gealterte Frau so, wie ein Jungvermählter eine gerade Aufgeblühte behandeln könnte: auf Zehenspitzen pflegte er, der einmal über »Berge, Meere und Giganten« verfügt hatte, in die Küche zu schleichen, um für sie heimlich das »Frühstück im Bett« zu bereiten – was nicht nur eine erinnerungswürdige Leistung seiner Augen war (denn obwohl kaum mehr sehfähig, zerbrach er kein Ei), sondern auch eine seines Herzens. Ehre seinem Andenken!

(Die Neue Rundschau, Bd. 94, no.3-4, 1983, S. 5-9.)