Günther Anders – Besuch der Galerie R.

Besuch der Galerie R.
Komme soeben aus einer Galerie, in der Objekte ausgestellt waren, die sich kaum klassifizieren lassen. Sie „Skulpturen“ zu nennen oder „Möbel“, wäre schief. Aus der Gegenstandslosigkeit der vorgestrigen Kunstwerke ist heute deren Bewandtnislosigkeit geworden. Die Exponate sind „Odradeks“.
Und doch nicht ganz. Denn während es Kafkas „Odradek“ definierte, daß er und seine Bestimmung indefinibel blieben, verraten die Ausstellungsobjekte doch durchweg ein Minimum: nämlich daß ihre Hersteller sie als Maschinen gemeint hatten und daß wir sie als solche ansehen sollen.
Diese Maschinen freilich sind opak und sollen opak sein. Denn keiner von ihnen ist anzusehen, welche Bewandtnis sie hat und welche Leistung wir von ihr erwarten sollen; und keiner von ihnen soll das angesehen werden können. Sie sind – dieser dem Worte „nature morte“ nachgebildete Ausdruck ist heute fällig – „cultures mortes“. Und nicht nur von den komplizierten unter ihnen gilt das, sondern auch von den simplen und übersehbar konzipierten: und nicht nur von den, wie Plastiken, tot herumstehenden, sondern auch von denjenigen, die, elektrisch angeschlossen, uns pflichteifrig und klaglos etwas vorschnurren.

Und trotzdem reicht zu ihrer Charakterisierung diese Negation nicht aus. Denn eine Bewandtnis haben sie doch: nämlich die, zu zeigen, sogar damit zu prahlen, daß sie ihr Wofür nicht verraten oder daß sie keines haben.
Und diese Demonstration ist nicht rein negativ gemeint, sondern als positive Aussage über unsere heutige Welt. Was sie mitzuteilen wünschen, ist 1., daß auch die wirklichen, die „ernsten“ Geräte, aus denen unsere Welt besteht, fast durchweg unphysiognomisch bleiben, daß sie nicht zeigen und daß ihnen nicht anzusehen ist, wofür sie da sind. Und 2. – und das betrifft nicht nur ihr Aussehen, sondern ihr Sein –, daß Millionen unserer Maschinen und Geräte effektiv sinnlos sind, da sie Produkte erzeugen, nach denen eigentlich kein Bedarf besteht: z. B. „submarine Kugelschreiber“ (mit einem solchen schreibe ich gerade).
Die Exponate der Ausstellung sind also, da sie die Realität unserer heutigen Welt bilden, wie sonderbar das auch klingen mag, realistische und damit wahre Darstellungen. Wenn die abzubildende Realität blind und sinnlos ist, muß auch deren realistische Abbildung blind und sinnlos sein. Wie Realismus im letzten Viertel des Zwanzigsten Jahrhunderts einmal aussehen würde, das hatten wir uns vor fünfundfünfzig Jahren, als wir als Kunstgeschichtsstudenten in Courbet den Gipfel des Realismus sahen, nicht vorgestellt. Ob die Künstler, die diese Schein-Maschinen hergestellt haben, noch Künstler im traditionellen Sinne sind, das weiß ich nicht, das ist der Beliebigkeit der Definition von „Kunst“ überlassen. Aber da sie mit Hilfe ihrer sinnlosen Werke, oder besser: ihrer Werke, deren Sinn darin besteht, sinnlos zu sein, die Sinnlosigkeit unserer heutigen Maschinen demaskieren, sind sie gewiß Kritiker der Technik. Oft ist Kunst nicht so sehr eine „darstellende“, als eine „bloßstellende“ gewesen. Etwa die Hogarts, Goyas oder Grosz’s. Diese hatten zwar Menschen karikiert, während unsere Künstler, wohl zum ersten Male in der Kunstgeschichte, Dinge karikieren. Aber in die Geschichte der Karikatur gehören sie.

(Günther Anders, Ketzereien, München, Beck, 1996 [1982], S. 78-79.)