Hubert Lagardelle – Der französische Syndikalismus (1908)

Der Syndikalismus (1) ist die Theorie, die den von revolutionärem Geist erfüllten Berufsorganisationen der Arbeiter den Wert sozialer Umwandlungen verleiht. Er ist der Arbeitersozialismus. Durch seine Auffassung des Klassenkampfes steht er der rein zünftlerischen Organisation, die in den englischen Trade Unions ausgebildet ist, entgegen. Durch die Vorherrschaft, die er den proletarischen Institutionen einräumt, trennt er sich vom parlamentarischen Sozialismus. Durch seine Bemühungen für positive Schöpfungen und seine Geringschätzung der Ideologie unterscheidet er sich vom traditionellen Anarchismus.
Der Syndikalismus ist so häufig mit einer oder der andern dieser drei Vorstellungen verwechselt worden, daß es, um seinen eigenen Charakter besser zu verstehen, nötig ist, die Unterscheidungsmerkmale genau festzustellen.

I. Das zünftlerische Gewerkschaftswesen und der Syndikalismus haben insofern eine gemeinsame Basis, als beide von Fachgruppen begründet wurden. Aber das Zunftwesen beabsichtigt nicht die Welt zu erneuern, es will lediglich das Los der Arbeiter, die es organisiert, verbessern und ihnen einen bequemeren Platz in der gegenwärtigen Gesellschaft einräumen. Es ist nicht mehr und nicht weniger als eine der zahlreichen Interessengemeinschaften, die rings um uns herum wuchern. So gut wie Kapitalisten sich zusammentun, um ihre Kapitalien zu fruktifizieren, so gut verbünden sich Arbeiter, um unmittelbare Vorteile zu erlangen.
Der Syndikalismus wirft dem Zunftwesen vor, daß es den gemeinsamen Egoismus großzieht. Indem die Gewerkschaften zu geschäftlichen Agenturen umgestaltet, mit rein materiellen Zielen auf den Weg lediglich finanzieller Unternehmungen gedrängt werden, entwickelt sich in ihnen die einzige Sorge ihrer partikularistischen Interessen auf Kosten der Interessen der Gesamtheit. So wird das Proletariat gegen sich selbst in zahlreiche kleine Gruppen zersplittert, deren jede für sich abgetrennt ihre besonderen Ziele verfolgt. Kein gemeinsamer Kampf verbindet sie, kein innerliches Band hält sie zusammen, keine große politische Idee begeistert sie.
Das Zunftwesen errichtet nicht nur diese chinesische Mauer zwischen den einzelnen Berufsgruppen, es schafft überdies einen Gegensatz zwischen den organisierten und der Masse der nicht organisierten Arbeiter. Es bildet eine streng denkende Arbeiteraristokratie. Diese Arbeiter mit ihren starken Organisationen, hohen Löhnen, kurzen Arbeitstagen, wohlgefüllten Berufskassen bilden eine Koterie von Emporkömmlingen, die eifersüchtig auf ihre Vorrechte, mit Geringschätzung auf alles, was nicht zu ihr gehört, herabblickt, gleichgültig gegen die Leiden anderer, einzig und allein um ihre Vorteile besorgt. Die Kämpfe, die sich unter ihr oder neben ihr vollziehen, die weniger glückliche Arbeiter ausfechten, bekümmern sie nicht: „Geschäft ist Geschäft.“ In den Augen der Syndikalisten verknüpft somit das Zunftwesen die höheren Schichten des Proletariats mit der Bourgeoisie. Ein gemeinsames, bourgeoismäßiges Ideal leitet sowohl die Arbeiter als die Kapitalisten: die Erzielung von Gewinn, und zwar durch dasselbe Vorgehen. Die nach dem Typus der Zünfte organisierten großen Vereinigungen unterscheiden sich in nichts von den großen Unternehmervereinigungen: dieselbe Zentralisation, dasselbe Kompromißsystem, dieselbe ausschließliche Sorge um finanzielle Macht. Dies ist natürlich. Die Autorität des Chefs, unerläßlich für den guten Geschäftsgang, ist für ein Arbeitsunternehmen nicht minder nötig wie für ein bürgerliches Unternehmen. Die Konflikte zwischen Angestellten und Kapitalisten können vom Augenblick an, da man sie als einfache Streitigkeiten zwischen Kaufleuten ansieht, nur zu Übereinkommen führen, die kommerziellen Transaktionen gleichstehen. Schließlich, da man vom Prinzip ausgeht, daß Geld die Welt regiert, werden diese Organisationen logischerweise die Banken und Versicherungsgesellschaften des Proletariats, die in Voraussicht von Schäden und mit der Absicht von Gewinn Kapitalien aufsammeln.
Eine solche Methode muß positiven Geistern, die sie auszunützen verstehen, zum Vorteile gereichen. Tatsächlich müssen wir über die materiellen Erfolge, die das Zunftsystem erzielte, mitunter staunen, so wie uns die Resultate einer gut geleiteten kaufmännischen Unternehmung zuweilen überraschen. Aber in diesen Vorgängen ist nichts Neues von Belang für das soziale Werden und von Wert für die Kultur. Ist nicht allen Menschen und allen in der Schule des Kapitalismus herangewachsenen Menschengruppen die Unterordnung alles andern unter den augenblicklichen Vorteil eigen? Und ist es nicht gerade dieses Abschätzen aller Dinge unter dem Gesichtspunkt des Marktwertes, das die sozialistische Gewerkschaftsbewegung bekämpft? Der parlamentarische Sozialismus und der Syndikalismus verfolgen theoretisch denselben Zweck, den gemeinsamen Besitz der Produktions- und Tauschmittel. Aber die Syndikalisten beschuldigen den parlamentarischen Sozialismus, daß er vom wirtschaftlichen Fatalismus ausgeht, um bei der Verstaatlichung und der demokratischen Korruption anzulangen.
Die Vertreter des parlamentarischen Sozialismus haben, indem sie die von Marx aufgestellten klassischen Beobachtungen über die Entwicklung des Kapitalismus bis zur Karikatur übertrieben, die ökonomische Entwicklung als die geheimnisvolle Triebfeder der sozialen Umwandlung betrachtet. Die Konzentrierung der Industrie, die Akkumulation des Kapitals, der Niedergang des Mittelstandes, das Anwachsen des Proletariats, all dies schien bis in die jüngste Zeit zu genügen, um mit eiserner Notwendigkeit den Sozialismus herbeizuführen. Automatisch sollte der Kapitalismus den Kollektivismus zeugen, und die soziale Frage wäre eine arithmetische Frage geworden. Niemand sprach von der historischen Reife des Proletariats, von seiner Fähigkeit, das Erbe der Bourgeoisie anzutreten, zur politischen Macht zu gelangen.
Der Wille der arbeitenden Klassen trat völlig zurück vor der wirtschaftlichen Unvermeidlichkeit.
Dieser wirtschaftliche Fatalismus wird noch durch einen ähnlichen politischen Fatalismus ergänzt. Die parlamentarischen Sozialisten glaubten, daß es genüge, sich des Staates zu bemächtigen, um das Aussehen der Welt zu verändern. Ein einfacher Erlaß der politischen Behörden, um das Werk der kapitalistischen Entwicklung zu vollenden, und schon ist hier auf mechanischem Wege die neue Gesellschaft geschaffen. Dieser Optimismus, der alles auf eine einfache Veränderung der politischen Regierung zurückführt, ist stets in gleichem Maße von den beiden Formen des parlamentarischen Sozialismus, von den Reformern, wie von den Revolutionären geteilt worden. Beide haben denselben Glauben an die Zauberkraft der Macht. Sie unterscheiden sich nur bezüglich des Weges, auf dem diese Macht zu erlangen ist. Die Reformer wollen sie nach und nach, Stück für Stück, unter Mitwirkung der andern Parteien erlangen, bis sie eines Tages, zur parlamentarischen Mehrheit geworden, sie ganz besitzen werden. Die Revolutionäre wollen sie im ganzen, durch einen Gewaltstreich, durch eine Diktatur an sich bringen. Aber weder die einen noch die andern scheinen sich klar zu sein, daß der Übergang der Regierungsgewalt an sozialistische Politiker die Frage als solche noch um keinen Deut weiterbringen würde. Die Gefühle und Fähigkeiten der Menschen verändern sich nicht auf Befehl der Regierung, und der gesetzgeberische Mechanismus kann tatsächlich bestehende Mängel nicht ersetzen. Der Staat als toter und rein äußerlicher Organismus der Gesellschaft schafft nichts, das Leben allein ist schöpferisch tätig. Dieser Irrtum des parlamentarischen Sozialismus rührt nach Ansicht der Syndikalisten von dem Glauben her, daß die Parteien ein politischer Ausdruck der Klassen seien. Wenn aber die Klassen die natürlichen Produkte von Wirtschaft und Geschichte sind, so sind die Parteien nur die künstlichen Erzeugnisse der politischen Gesellschaft. Ihre Wettkämpfe und Intrigen berühren den wirklichen Grund der sozialen Welt nicht, und es besteht kein Zusammenhang zwischen der Erlangung der politischen Macht seitens einiger sozialistischer Politiker und dem Fortschritt der Arbeiterklasse. Die Erfahrungen haben dies in Frankreich bestätigt. Die Teilnahme sozialistischer Abgeordneter, wie Millerand, Briand, Viviani, an der Regierung, hat weder das Wesen des Staates noch die Beziehungen der Klassen geändert, noch dem Proletariat die ihm mangelnden Fähigkeiten gegeben. Und was für die bruchstückweise Eroberung des Staates durch einige Sozialisten gilt, trifft ebenso zu für die Eroberung des Erdballs durch die ganze Sozialistenpartei. Mögen auch einige Sozialisten Minister sein oder alle Minister Sozialisten, die Arbeiter bleiben dennoch Arbeiter.
Die Gefahr einer solchen Praxis ist eine große. Indem alle Hoffnungen des Proletariats auf das wunderbare Herannahen der Macht konzentriert werden, indem man es seine Befreiung durch eine äußere Kraft erwarten hieß, hat der parlamentarische Sozialismus jedes persönliche Streben lahmgelegt und von positiven Taten abgelenkt. Mehr noch, durch die Forderung einer unbegrenzten Ausdehnung staatlicher Wirksamkeit hat er sich mit einer ganz gewöhnlichen Anerkennung der Staatsallmacht verschmolzen, mit einer der bedrückendsten sozialen Vorstellungen.
Die Ursache hiervon ist die Nachahmung der Vorgänge in der Demokratie durch den parlamentarischen Sozialismus. Die Anhänger des Trade Unionismus glauben nicht, daß die Demokratie fähig ist, neue Werte zu schaffen, ihr System ist eines der Demoralisation, nicht der Anfeuerung des Menschen. Gewiß, in einigem Maße ist die Demokratie den Systemen, die ihr vorangingen, überlegen; insoweit sie politische Freiheit schafft und die Ausübung freier Kritik gestattet, hat sie eine negative Seite, die unbedingt ein fortschrittliches Element darstellt. Aber durch ihre positive Seite, ihre Methode zu funktionieren, kann sie nichts Großes hervorbringen.
Welches sind die Grundlagen der Demokratie? Das Individuum und der Staat, wobei der Staat nichts anderes ist als das Produkt individuellen Willens. Rousseau hat erklärt, auf welcher Annahme sich ein solches Regime aufbaut. Die politische Gesellschaft berücksichtigt nicht wirkliche Menschen des praktischen Lebens, Arbeiter, Kapitalisten, Grundeigentümer usw., sondern einen abstrakten Menschentypus, aller tatsächlichen Eigenschaften entkleidet und derselbe auf allen Etappen der sozialen Stufenleiter: den Bürger. Durch dieses Kunststück kann man alle Menschen, gleichviel welches ihre soziale Stellung sein mag, als gleichberechtigt ansehen. Sie sind identische Werte, die man nur zusammenzuzählen braucht und deren Zahl das Gesetz ergibt.
Auf diesem Menschenstaub gründet der Staat seine Diktatur. Durch ein seltsames Paradox leitet er seine Berechtigung zu regieren von einer Organisation ab, die er selbst schafft. Es ist tatsächlich sicher, daß der Bürger, den er vollständig entblößt hat, nichts mehr ohne ihn kann. Er ist zweifellos König, aber ein schwacher König. Seine legitime Schwäche, die Macht, ist zur Isolierung verurteilt. Die Tätigkeit des Staates besteht gerade darin, Ordnung in das Chaos des Individuums zu tragen, es gibt oben nur deshalb Autorität, weil es unten Anarchie gibt. Aber zwischen Individuum und Staat klafft eine große Lücke, die sie verhindert, direkt zu verkehren. Man braucht Vermittler, und diese sind die Parteien. Ihre Aufgabe ist, den Willen des Volkes zu befreien und auszudrücken. Sie treten an die Stelle des Bürgers, sind seine Repräsentanten. Das Prinzip der Demokratie ist folgendes: der Bürger ist der Statist des Dramas, das andere für ihn spielen. Er kann seine Macht nur durch Mittelspersonen ausüben und muß zugunsten seiner Bevollmächtigten entsagen. Dieses Prinzip indirekter Tätigkeit der Demokratie betrachtet die Gewerkschaftsbewegung als verderblich für die menschliche Persönlichkeit. Der Mechanismus der Repräsentation stützt sich auf die Voraussetzung, daß der Bürger ohnmächtig ist. Er ist ohnmächtig, weil er inkompetent ist. Er ist inkompetent, weil er eine abstrakte Persönlichkeit ist, losgelöst von den tatsächlichen Bedingungen des Lebens, genötigt, nicht über die Probleme, die er tatsächlich wahrnimmt und die einen Teil seiner eigenen Existenz ausmachen, sich auszusprechen, sondern über eine Gesamtheit vager Fragen, denen er unwissend gegenübersteht und die man unter dem Namen „Allgemeine Interessen“ zusammenfaßt. Darum muß er sich durch einen kompetenten Bevollmächtigten vertreten lassen, und so paradox auch dies wieder ist, er — der Inkompetente — hat den Kompetenten zu wählen.
Wenn die Wahl vollzogen ist, bleibt er müßig. Er hat seine Macht übertragen und kann nichts mehr tun als warten, in erzwungener Tatenlosigkeit. Der schwache König ist aber zugleich ein untauglicher König. Kein Gefühl der Verantwortung, kein Streben, kein Anruf der lebendigen Kräfte des Individuums. Nichts oder so gut wie nichts. Die leichte Geste des Wählers einmal alle vier Jahre. Eine Teilnahmlosigkeit, die durch die Demoralisation verschlimmert wird. Was kann aus dem Feilschen, den Listen, den Doppelsinnigkeiten der gewöhnlichen Politik anderes hervorgehen als eine entsetzliche Erniedrigung des Charakters. Der Wettstreit der Parteien ist nur das wilde Wettrennen gieriger Jäger nach Pfründen und Sinekuren, die mit der Staatsmacht verknüpft sind.
Niedrigkeit und Mittelmäßigkeit sind das Los der Demokratie. Und man muß noch hinzufügen, zugleich Leichtgläubigkeit und Mißtrauen. Wie könnte es auch anders sein? Muß der Wähler nicht dem von ihm Gewählten Vertrauen entgegenbringen? Auf seine Versprechungen hin und in der Annahme, daß er diese verwirklichen könnte, hat er ihn gewählt. Es ist viel zu sagen über den Personenkultus, der durch dieses System großgezogen wird, und andererseits wird der Bürger so regelmäßig von den Vertrauenspersonen, die er sich auf höheres Gebot erkor, enttäuscht, daß die Furcht ihn argwöhnisch macht und er oftmals sein Vertrauen, kaum gegeben, wieder zurückzieht. So schwellen die Parteien an und nehmen wieder ab, je nach den Impulsen der Wähler. Der Wähler aber, durch Unstetheit und Laune von einem zum andern schwankend, vom Verrat der einen empört, verführt vom Blendwerk der andern, gleicht einem herrenlosen Trümmer und bleibt stets der Genarrte.
Der parlamentarische Sozialismus war kein Alchimist, der gemeines Blei in pures Gold verwandeln konnte. Seine demokratische Praxis hat seine revolutionären Versprechungen zerstört. Er wurde nichts anderes als eine Partei gleich den andern, nicht besser und nicht schlechter. Die syndikalistische Bewegung bestreitet keineswegs seine besondere Rolle, sie bestreitet nicht die Parteien, sondern nur ihre Fähigkeiten, die Welt umzugestalten.
Die Theoretiker des Anarchismus haben in jüngster Zeit die Syndikalisten heftig angegriffen. Ich spreche nicht von den individualistischen Anarchisten, deren Grundsätze im voraus den Voraussetzungen der syndikalistischen Bewegung entgegenstehen, sondern von den kommunistischen Anarchisten, deren Staatskritik häufig dem Staatsgegnertum der Arbeiter nahekam.
Der Anarchismus bekämpft bei den Syndikalisten ihre Geschäftsmäßigkeit und ihren Mangel an Vergeistigung. Der Syndikalismus ist aus der Erfahrung, nicht aus Theorien hervorgegangen. Darum verachtet er Dogmen und Formen. Seine Methode ist eine realistische, er geht von den bescheidensten wirtschaftlichen Voraussetzungen aus, um nach und nach zu den höchsten allgemeinen Anschauungen emporzusteigen. Er zieht zuerst die Arbeiter zur Verteidigung ihrer direkten Interessen heran, um sie hernach zu veranlassen, aus ihrer eigenen Tätigkeit eine Gesamtanschauung zu entwickeln. Jede seiner Vorstellungen senkt ihre Wurzeln in die tiefsten Tiefen des Lebens, seine Theorie baut sich auf der Praxis auf.
Beim Anarchismus im Gegenteil erzeugt die Idee die Tat. Er verweist das Wirtschaftliche an die zweite Stelle, die Ideologie an die erste. Er gibt nicht zu, daß der Syndikalismus sich allein genügt, dieser erscheint ihm vielmehr lediglich als ein Boden, besonders geeignet für die Propaganda seiner Ideen. Und nur unter diesem Gesichtspunkte, soweit Ideen von außen in die Bewegung hineingetragen werden, erkennt ihm der Anarchismus einen revolutionären Wert zu. Der Anarchismus will nichts Geringeres, als sich den Syndikalismus Untertan machen. Er verwirft ferner den Begriff der Klasse und des Klassenkampfes, Grundlagen, auf denen die Gewerkschaftsbewegung sich aufbaut. Er wendet sich nicht insbesondere an die Arbeiter, aber an alle Menschen. Er ist keine Arbeiterbewegung, sondern eine Menschheitsbewegung. Da die Ideen die Welt regieren, können sie auch ohne Unterschied alle Menschen berühren. Es gibt keine soziale Klasse, die ein besonderes revolutionäres Vorrecht besitzt. Hieraus erklärt man, daß die Anarchisten sich so stark der ideologischen Kultur und der geistigen Erziehung widmen. Der wissenschaftliche Aberglauben, die Anbetung des Bücherwissens, der Intellektualismus in allen seinen Formen haben niemals fanatischere Anhänger besessen.
Die vom Anarchismus so oft ausgesprochene abstrakte Verneinung des Staates hat mit dem Staatsgegnertum der Arbeiterschaft nur negative Ähnlichkeit. Dem Staat, dessen Schäden sie so unbarmherzig zergliederten, haben sie, Spencer zufolge, nur das Individuum entgegengesetzt. Gerade gegen dieses aber richtet der Syndikalismus seine positiven Schöpfungen.
Und eben weil er beabsichtigt, nach und nach seine Funktionen zu beschneiden, hofft er allmählich seine Macht zurückzudrängen.
In bezug auf den Parlamentarismus ergibt sich eine neue Verschiedenheit. Der Anarchismus ist antiparlamentarisch und wendet sich an die Bürger mit der Aufforderung, nicht zu wählen, kein Interesse für die Wahlvorgänge zu bekunden. Er will nichts vom Bürger wissen und kennt nur Produzenten. Wenn aber auch die Wege des Parlamentarismus nicht die von ihm zur Erreichung seines Zieles beschrittenen sind, so läßt er doch außerhalb der Gewerkschaften deren Mitgliedern die Freiheit, sich die politischen Parteien für andere Zwecke nutzbar zu machen. Er fesselt sie durch keinerlei Dogma. Es besteht somit keine Ähnlichkeit zwischen Anarchismus und Syndikalismus. Wohl gibt es eine neue Strömung, die unter dem Namen Arbeiteranarchismus mit dem Syndikalismus verschmilzt. Aber der offizielle Anarchismus betrachtet diese als eine Abirrung, die er bekämpft.

II. Worin aber besteht der Syndikalismus, wenn er weder Trade Unionismus noch parlamentarischer Sozialismus, noch Anarchismus ist? Ich habe ihn als Arbeitersozialismus bezeichnet. Es wäre aber noch richtiger, ihn einen Sozialismus der Institutionen zu nennen. Was verstehe ich hierunter? Der Syndikalismus geht von der Ansicht aus, daß die sozialen Klassen sich vor allem durch ihre Institutionen, ihre juridischen, politischen und moralischen Anschauungen unterscheiden. Jede Klasse schafft sich entsprechend ihrer ökonomischen Struktur ihre eigenen Kampfwaffen, in denen sich ihre besondere Rechtsauffassung kundgibt.
Und weil die Klassen derart im Gegensatz zueinander stehen, sowohl durch ihren Existenzmodus, wie auch insbesondere durch ihre Denkweise, scheinen sie dem sozialen Beobachter lauter Blocks, die füreinander undurchdringlich sind. Ihre Kämpfe bilden das Gewebe der Geschichte. Das Ziel einer jeden ist, der Gesellschaft ihre besonderen Ideen und die Institutionen, die sie tragen, aufzuprägen. Der Klassenkampf ist im letzten Grunde nur ein Kampf für ein Recht oder für ein Prinzip. Der ganze Klassenkampf ist somit auf eine doppelte Bewegung von Verneinung und Aufbau zurückzuführen. Die Verneinung erstreckt sich auf die traditionellen Ideen und Institutionen, der Aufbau auf die neuen Ideen und Institutionen. Es gibt in Wahrheit hier nur zwei Klassen, die sich bekämpfen : die Klasse, welche die herrschende Ordnung vertritt und die Klasse, die für eine neue Ordnung kämpft. Die anderen Klassen werden in den Hintergrund gedrängt. Mehr oder weniger werden sie vom allgemeinen Kampf miterfaßt, aber sie sind unfähig, der historischen Bewegung ihren Rhythmus aufzuprägen.
Das soziale Drama der Gegenwart spielt zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Heute ist die Arbeiterklasse die revolutionäre Klasse, sowie es einst unter dem alten Regime das Bürgertum gegen den Adel war. Sie ist die einzige revolutionäre Klasse, weil sie von allen ausgebeuteten Volks- schichten die einzige ist, deren Befreiung mit den Prinzipien des Kapitalismus, dem Eigentum und dem Staat, unvereinbar ist.
Die ganze syndikalistische Bewegung läuft darauf hinaus, die Arbeiter für den Sieg des neuen Ideals, das sie erfüllt, zu organisieren. Welches ist dieses neue Ideal? Es ist das Recht der Arbeiter auf freie Organisation. Die Produzenten wollen die Werkstatt von aller äußeren Bevormundung befreien und an Stelle der erzwungenen Disziplin des Herrn die freiwillige Disziplin der vereinigten Arbeiter setzen. Sie glauben, daß zumindest die Produktion, die die höchste Äußerung der menschlichen Persönlichkeit ist, weil sie seine schöpferische Macht bestätigt, nicht mehr von ihrer natürlichen Bestimmung, der Befreiung des Menschen abgelenkt werden darf, um allen Erniedrigungen, allem Schmarotzertum zu dienen. Sie fügen hinzu, daß die Gesellschaft nach dem Muster der Werkstatt geschaffen ist, und daß die Versklavung der modernen Gesellschaft von der Sklaverei der Arbeit herrührt. Dasselbe Prinzip der Autorität ist die Grundlage des Herrentums wie des Staates.
Wo vermöchte die neue Idee freier Arbeit in einer freien Gesellschaft Gestalt zu gewinnen, wenn nicht in der Gewerkschaftsbewegung? Die Gewerkschaft ist die Fortsetzung der Werkstatt. Sie gruppiert die Produzenten auf dem Boden der Produktion selbst, sie organisiert ihre Kämpfe und sorgt für die wichtigsten Anforderungen ihres Lebens. Wenn sie den engen Gesichtspunkt der persönlichen Forderungen verläßt und nicht gegen den einzelnen Herrn, sondern gegen das Herrentum als ganzes gerichtet, angesehen wird, erringen diese eine politische Bedeutung und werden sie eine revolutionäre Institution. So spielen die Gewerkschaften, von einem großen, sozialen Ideal erfüllt, nach dem Worte von Marx in der Emanzipation des Proletariats dieselbe Rolle wie die Gemeinden bei der Emanzipation des Bürgertums.
Die Gewerkschaftler, bei denen die Taten die Ideen zeugen, finden so im kleinsten Kampf der Arbeiter den Keim des ganzen Klassenkampfes. Oder vielmehr der Klassenkampf ist nur die Verallgemeinerung dieser kleinen täglichen Kämpfe, das Scharmützel eines großen Krieges. Verfolgen wir den Kampf der Arbeiter. Zunächst beginnt die Auflehnung der Produzenten durch plötzliche und ungeordnete Ausbrüche. Die ersten Streiks waren nichts als die ersten Blitze eines vagen Klasseninstinktes, aus der Verzweiflung geboren. Sie hatten die Wirkung, der Arbeiterschaft ihr Vorhandensein als eine Kollektivkraft zum Bewußtsein zu bringen. Noch wußten die Arbeiter gegenseitg nichts voneinander. Aber durch die äußere Disziplin, die ihnen auferlegt wurde, hielt man sie zusammen. Was die Autorität des Herrn für die Gruppen in der Werkstatt mit sich brachte, das taten wiederholte Streiks für die innere Einheit: Das Gefühl der Solidarität entwickelte sich. Die augenblickliche Auflehnung, die sich in die Form der Koalition kleidete, machte der dauernden Auflehnung Platz, deren Form die Gewerkschaft ist. Je mehr sich der wirtschaftliche Kampf verschärft, um so höher entwickelt er sich. Der Streik hört auf, eine isolierte Tat einer bestimmten Vereinigung zu sein, und wird eine Klassentat. Die Gewerkschaft erstrebt ebensosehr die Beseitigung der Macht des Herrn, in die Arbeit einzugreifen, wie die Erzielung materieller Vorteile. So wächst die Erkenntnis der freien Arbeit nach und nach, alle im Kampf stehenden Arbeiter mit sich reißend.
Dieselbe Erscheinung vollzieht sich in dem Widerstand gegen die staatliche Autorität. Die Opposition gegen den Staat beginnt mit dem Vorhandensein von Machtmitteln auf Seiten der Regierung bei Konflikten zwischen Arbeitern und Unternehmern. Zuerst beschränkt sie sich auf den Widerstand gegen jene Mächte, gegen welche die Arbeiter unmittelbar anstoßen. Aber allmählich dehnt er sich auf die Gesamtheit des Regierungsmechanismus aus, und der Staat erscheint dem Produzenten nicht als Fürsorger, sondern als Tyrann. Und ebenso wie die Gewerkschaft dem Unternehmer seine Tätigkeit innerhalb der Werkstatt nehmen will, ist es ihr Ziel, dem Staat seine Tätigkeit innerhalb der Gesellschaft zu entwinden. Sie will ihm alle jene Attribute nehmen, die er mißbräuchlich zu seinem Monopol gemacht hat, und die sich auf die Arbeit beziehen, um sie als rechtmäßige Inhaberin selbst zu verwalten.
Der letzte Akt diese Kampfes nimmt die Form des ungeheuren Generalstreiks an, den die Produzenten erklären, wenn sie einen solchen Grad von Organisation und Macht erreicht haben, daß der Betrieb der Werkstatt von ihnen abhängt. Es handelt sich hier nicht mehr um ein illusorisches Eingreifen des Staates, sondern um den letzten Termin einer schöpferischen Entwicklung. Die Möglichkeit sozialer Umwandlung erscheint auch nicht mehr als ein Sprung ins Leere, sondern als eine sorgsam aufgebaute, feste wirtschaftliche Brücke.
Die Betätigung all dieser praktischen, immerwährend erneuerten persönlichen Bestrebungen machen die direkte Tätigkeit aus. Hier gibt es keine Delegation, keine Vertretung mehr, sondern einen ununterbrochenen Appell an die Idee der Verantwortung, der Würde und der Tatkraft. Es gibt auch weder Kompromisse noch ein Feilschen und Markten, sondern den Kampf mit all seinen Gefahren, all seiner berauschenden Macht. Hier werden nicht die niedrigen Instinkte der Passivität angerufen, sondern die Menschen werden ununterbrochen für die höchsten Gefühle der menschlichen Persönlichkeit begeistert.
Mehr noch. Die syndikalistische Bewegung setzt nicht nur ihre direkte Tätigkeit der indirekten Tätigkeit der Demokratie entgegen, sondern auch ihre freie Organisation der autoritativen Organisation. Sie spiegelt nicht die hierarchischen Formen der politischen Gesellschaft wider, sondern ist begründet auf der Dezentralisierung, auf der Selbstregierung. Die freie Gewerkschaft in der freien Föderation, die freie Föderation in der Konföderation — dieses System gemahnt in nichts an zentralistische Regierungsmethode.
Es handelt sich darum, die Massen daran zu gewöhnen, ohne Herrn fertig zu werden, die Freiheit praktisch zu organisieren. Schließlich besteht zwischen der Masse der Arbeiter und der Gewerkschaft nicht jene Lösung des Zusammenhangs, die einen Abgrund zwischen der Masse der Wählerschaft und ihren Repräsentanten schafft. Gewerkschaftler und außerhalb der Gewerkschaften Stehende bleiben in der Werkstatt und im täglichen Leben vermengt. Sie unterscheiden sich nur durch den Grad ihrer Kampffähigkeit. Der Kampf schafft die Auslese. Die Mutigsten schreiten an der Spitze, den Schlägen ausgesetzt, nicht um ihre persönlichen Interessen zu verteidigen, sondern die der Gesamtheit. Die Macht dieser „revolutionären Gewerkschaften“ entspringt somit nur den moralischen Eigenschaften ihrer Mitglieder. Sie haben keine Zwangsmittel wie der Staat; sie können nicht, wie die politischen Parteien ihren Anhängern Stellungen und Sinekuren in der zu erobernden Regierung versprechen.
Aber die Masse, die sie an der Arbeit sah, folgt ihnen instinktiv. Und hier ist die Masse der Arbeiter im Gegensatz zur Masse der Wähler fähig, zu urteilen. Über die Fragen, welche die Gewerkschaften bewegen und die Fragen des Lebens selbst ist sie kompetent. Zweifellos ist die Masse schwer und unbeweglich, aber wenn die bewußte Minderheit, und das sind die Gewerkschaften, sich in einem kritischen Augenblick an sie wendet, ist sie bereit, ihrem Ruf zu folgen. Die Erfahrung zeigt, wie die Streiks z. B. Arbeiter jedes Bekenntnisses und jeder politischen Überzeugung zu einem einzigen Ganzen verschmelzen. Den konzentrischen Kreisen gleich, die ein ins Wasser geworfener Stein zieht, so wirkt jede Erschütterung der Arbeiterklasse durch eine molekulare Ausbreitung auf die proletarische Masse.
Alles ist somit neu im Syndikalismus, Ideen und Organisation. Es ist die kühne Bewegung einer jungen Erobererklasse, die alles aus sich selbst hervorbringt, sich durch neue Schöpfungen betätigt und der Welt das bringt, was Nietzsche mit dem Ausdruck bezeichnete: ,,Die Umwertung der Werte“.

(1) Gemeint ist die von Lagardelle geführte Richtung des französischen Gewerkschaftswesens, die er zu den „zünftlerisch beeinflussten“ Abirrungen (Trade Union) sowie zum parlamentarischen Sozialismus in Gegensatz bringt. Red.

(Dokumente des Fortschritts, Mai 1908, S. 534-542)


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