Hubert Lagardelle – Der Arbeitersozialismus (Le socialisme ouvrier, 1908)

Der französische Syndikalismus ist aus der Reaktion des Proletariats gegen die Demokratie entstanden. Damit soll nicht gesagt sein, daß die Arbeiterklasse die Rückkehr zu den früheren politischen Verfassungen erträumt oder die verhältnismäßige Überlegenheit des gegenwärtigen Systems verkennt. In der Demokratie erkennt sie nur die volkstümliche Gestalt der Herrschaft der Bourgeoisie. Dies scheint zunächst paradox. Wie kann die Arbeiterklasse sich gegen die ideale Regierung des Volkes durch das Volk auflehnen? Ist die Demokratie nicht stets das Endziel der volkstümlichen Forderungen gewesen? Tatsächlich erscheint diese Abneigung der französischen Arbeiter gegen den republikanisch gewordenen Staat mit das Charakteristikum der Geschichte der jüngsten Zeit zu sein.
Was ist die Ursache? Man muß sie in der demokratischen Erfahrung selbst suchen. Die französischen Arbeiter haben die Volksmacht am Werke gesehen und haben festgestellt, daß weder der Wechsel in der persönlichen Regierung noch die Umgestaltung der politischen Einrichtungen das Wesen des Staates verändert haben. Die Gestalt ist erneuert, die Grundlage ist geblieben, die Staatsmaschine bleibt immer dieselbe Zwangsgewalt im Dienste der politischen Macht, und das gerade ist die Enttäuschung, welche die französischen Arbeiter erfahren haben, indem sie unter der Verschiedenheit der Formen die Identität des Staates festgestellt haben, die ihnen die wahre Natur der Macht enthüllt hat. Von diesem Augenblick ab haben sie beschlossen, nicht die Regierung zu wechseln, sondern sie zu vernichten. Darin liegt es, daß, während die Erzeuger in den meisten andern Ländern als Ursache ihrer Leiden den nicht genügend volkstümlichen Mechanismus des Staates anklagen und während sie das Heil von neuen politischen Männern erwarten, die Proletarier Frankreichs, die alle Formen der Macht erschöpft haben, sich gegen die Macht selber empören.
Hieraus muß man die politischen Stimmungen der kämpfenden Arbeiter beurteilen. Ich verkenne nicht, wie schwierig es für die Proletarier der imperialistisch oder monarchistisch regierten Länder ist, die syndikalistische Aktion zu verstehen. Solange die Arbeiterklassen nicht die politische Gleichberechtigung erhalten haben, das allgemeine Stimmrecht, die parlamentarische Regierungsform, solange kämpfen sie unablässig um den Sieg der Volksregierung, und erst in dem Augenblick, wo sie sie besitzen, sagen sie sich davon los.

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Der Zweck des Sozialismus ist, die Fabrik von der Herrschaft des Unternehmers und die Gesellschaft von der Herrschaft des Staates zu befreien. Der Sozialismus will den frei vereinigten Erzeugern das Eigentum an den Produktionsmitteln geben und den sozialen Körper von der drückenden Vormundschaft des Staates befreien. Es handelt sich mit anderen Worten für den Sozialismus darum, gleichzeitig die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und die Regierung des Menschen durch de n Menschen aufzuheben.
Ich lege Wert darauf, von Anfang an nicht nur den unternehmerfeindlichen, sondern auch den staatsfeindlichen Charakter des sozialistischen Kampfes zu betonen. Nur zu oft läßt die Propaganda die Verneinung des Staates hinter der Verneinung des Unternehmertums zurücktreten. Und dennoch ist es die ununterbrochene Überlieferung des sozialistischen Gedankens von Marx bis Proudhon, diese beiden Endziele der sozialen Umwälzung aufzustellen. Wie konnte man sich auch ein Volk von freien Arbeitern vorstellen ohne ein anderes Gesetz als die Verpflichtung zu arbeiten und ohne einen anderen Zwang als die freiwillige Disziplin der Fabrik, wenn dieser ungeheuerliche Auswuchs, Staat genannt, nicht verschwände, um der Gesellschaft endlich ein freies Aufatmen zu ermöglichen.
Dieses doppelte Ziel — Befreiung der Fabrik, Befreiung der Gesellschaft, Abschaffung des Unternehmertums, Abschaffung des Staates — hat eine schwerwiegende Folge. Die arbeitende Klasse, die unter Ausschluß der anderen Klassen der Träger dieser Umwandlung ist, muß gewärtig werden, eines Tages in der Fabrik die Nachfolge des Kapitalismus zu übernehmen und gleichzeitig die Gesellschaft dem Parasiten Staat zu entreißen. Das dem Sozialismus hiermit gestellte Problem bedeutet also, zu wissen, wie sich allmählich der Aufstieg des Proletariats zu der politischen Kapazität vollziehen wird, d. h. wie die Arbeiterklasse die Fähigkeit erlangen wird, die Gesamtheit der sozialen Beziehungen von Grund auf umzugestalten.
Es liegen verschiedene Vorschläge vor, welche die großen, sich gegenseitig bekämpfenden Leitgedanken darstellen. Die Reformtendenz ist von dem Genossen Varenne und die revolutionäre Tendenz von dem Genossen Lafargue dargelegt worden. Varenne hat vorgeschlagen, die revolutionäre Phrase abzuschaffen und nur die reformierende Praxis zu behalten.

Lafargue hat der Praxis des Tages die Möglichkeit bestritten, eine Umwälzung herbeizuführen, und er hat dem demokratischen Reformismus den herkömmlichen Gesichtspunkt der totalen Revolution gegenübergestellt, die sofort realisierbar sei, ohne daß vorher die gegenwärtige Gesellschaft sozialistisch durchdrungen würde.
Diese beiden Anträge bringen nichts Neues. Seit langer Zeit fordert der Reformismus mit Bernstein, die sozialistische Theorie aufzugeben, um nur die Reform«Praxis beizubehalten, und seit längerer Zeit stellt die offizielle Orthodoxie mit Kautsky der demokratischen Praxis die alte Zusammenbruchs-Theorie im romantischen Sinne des Wortes gegenüber.
Es scheint also unnötig, sich bei diesen beiden Anträgen länger aufzuhalten. Aber es liegen drei weitere Resolutionen vor, darunter die des Genossen Jaurès. Alle drei erkennen an, daß die syndikalistische Bewegung einen genauen Anhalt gegeben hat, um eine praktische sozialistische Politik betreiben zu können. Aber nur die Entschließung des Genossen Jaurès ist ein Versuch, eine neue Lösung der sich bietenden Probleme zu bringen.
Jaurès billigt der syndikalistischen Erfahrung einen hervorragenden revolutionären Wert zu. Seine Entschließung übernimmt zu einem nicht unwesentlichen Teil die Gedanken des Syndikalismus, aber im weiteren Verlauf vergißt sie diese Voraussetzungen und gelangt zu der Forderung eines Zusammenarbeitens der verschiedenen Klassen, wie sie schlimmer kein Reformsozialist hätte ausdenken können. Wenn man den Teil der Jaurèsschen Resolution liest, der die Überschrift „Syndikalismus“ trägt, so wird man die Grundsätze des Syndikalismus wiederfinden. Das Syndikat wird als das natürliche Organ des Klassenkampfes betrachtet, die unmittelbare Aktion wird als die normale Form des Arbeiterkampfes bezeichnet, und der Generalstreik erscheint als das spezifische Mittel der sozialen Befreiung.
Im Syndikat also, dem wirtschaftlichen Boden der Arbeiterklasse, trennen sich die Arbeiter von den andern Klassen und fühlen sich als besondere Klasse. Im Syndikat diskutieren nur Arbeiter mit Arbeitern, und zwar ausschließlich über Arbeiterfragen. Das Syndikat erfaßt somit den Erzeuger nur in seiner Eigenschaft als Erzeuger und stellt ihn der Gesamtheit der Nichterzeuger gegenüber.
Es genügt, der syndikalistischen Gruppierung die anderen Gruppierungen gegenüberzustellen, z. B. die Gruppierung der Wähler oder die genossenschaftliche Gruppierung. Die beiden letzteren stellen einen Typ dar, der auf allen Abstufungen der sozialen Welt der gleiche ist. Jedermann ist Wähler, jedermann ist Verbraucher, und man kann nicht sagen, daß eine Klasse der Wähler sich einer Klasse der Nichtwähler oder einer Klasse der Verbraucher sich einer Klasse der Nichtverbraucher gegenüberstellt.
Aber nicht nur deshalb, weil das Syndikat den Arbeiter in seiner gesellschaftlichen Situation erfaßt und darin festhält, hat es für das Proletariat eine unvergleichlich größere Bedeutung als die anderen Organisationsformen, wie groß auch deren tatsächliche Macht sein möge. Das Syndikat erfaßt auch den Arbeiter in seiner ursprünglichen Funktion, in der Funktion der Erzeugung, die die wunderbarste Manifestation des menschlichen Könnens ist. Auch Jaurès wird den Unterschied erkennen, der das Werk der Erzeugung von der Geste des Wählers oder der Leistung des Verbrauchers unterscheidet. Was den Wert des Syndikats ausmacht, ist, daß es den Arbeiter in der edelsten Haltung seiner Natur ergreift, in seiner Schöpfertätigkeit, in seiner Anstrengung, die tote Materie umzugestalten und ihr beinahe lebendige Züge zu verleihen. Und bei diesem Anlaß wird man sich erinnern, daß aus den Werken eines Proudhon und eines Marx gleichsam ein ständiger Hymnus auf die Arbeit erklingt, auf das Mysterium der Erzeugung, auf die höchste Leistung, die der Mensch erfüllen kann, das eigentlich poetische Werk, das Werk der Schöpfung.
Die unmittelbare Aktion appelliert an die eigenen Kräfte, an die Empfindungen der Initiative und der Verantwortlichkeit, an die unermüdlichen Anstrengungen des kämpfenden Proletariats. Ihr Zweck ist, die Persönlichkeit des Arbeiters über sich selbst hinaus zu heben, ihr das Maximum an Spannung und Energie zu verleihen. Die unmittelbare Aktion steht der indirekten und legalen Aktion der Demokratie des Parlamentes und der Parteien gegenüber. Sie bedeutet, daß an Stelle der Entsendung anderer nach dem demokratischen Verfahren die Arbeiterklasse selbst und für sich selbst handeln will.
Deshalb bedeutet die unmittelbare Aktion das wirkungsvolle Auftreten beherzter Minderheiten: nicht die schwerfällige und zögernde Masse soll den Kampf aufnehmen, nicht mehr soll es die Zahl fein, die das Gesetz macht, nicht die Menge die Regel erzeugen. Sondern eine ausgewählte Mannschaft lenkt die Masse und führt sie auf den Weg des Kampfes. Es geht im Arbeiterkampf zu wie in allen Kämpfen: die Mutigsten, die Kühnsten, die Gewissenhaftesten, die Männer, die sich durch den Glauben an den Heroismus der Aufopferung hinreißen lassen, marschieren an der Spitze. Aber sie lenken die Masse, indem sie ihre tiefsten und eigentlichsten Empfindungen verstehen. Wenn ein Widerspruch zwischen den Betätigungen der revolutionären Elite und den dunklen Ideen der Masse bestünde, würde nur eine von der Gesamtheit der Arbeiterklasse losgelöste einflußlose Führer-Aristokratie bestehen, die bald wieder verschwände. Aber die unmittelbare Aktion muß sich im Einklang mit den unter der Oberfläche liegenden Masseninstinkten befinden. Die Aktion der eigentlichen Interessenten, d. h. der Massen selbst, soll nicht etwa bedeutungslos werden, die Sache ist vielmehr die, daß die Massen, wenn sie ihre Wünsche auch nicht selbst unmittelbar zum Ausdruck bringen können, sie doch instinktiv fühlen, wer ihre Wünscht vertritt und wer sie verrät. — Wiederum sieht man hier den großen Gegensatz zwischen der unmittelbaren Aktion und den friedlichen und versöhnlichen Praktiken des Parlamentarismus. Es läßt sich keinesfalls leugnen, daß der Parlamentarismus einen negativen und kritischen Wert hat. Marx hat mit Recht betont, daß der Parlamentarismus allen anderen politischen Systemen überlegen ist, insofern es für ihn nichts Heiliges gibt, er alles profaniert, alles zerstört, alles bezweifelt und keine lebende Autorität gelten läßt. Das aber ist nur eine Seite des Parlamentarismus, die andere Seite ist konservativ. Das liegt daran, daß das letzte Ende des Parlamentarismus der soziale Friede ist. Wenn man lange genug gestritten hat, wenn die verschiedensten Interessen zu Worte gekommen sind, dann erscheint der Kompromiß, der Kuhhandel, und es kommt in Form eines Gesetzes ein Vergleich zustande. Sobald das Gesetz erlassen ist, muß man schweigen, Parlamentarismus ist gleichbedeutend mit Legalität. Wie könnte ein solches System die edelsten Empfindungen der menschlichen Seele entwickeln? Es kann allerdings reale Vorteile erzeugen, aber der Sozialismus verlangt mehr: er will eine Erneuerung der Gewissen, er will der Gesellschaft den Grundsatz der Unabhängigkeit der Arbeit und der Freiheit des Arbeiters bringen. Und diejenigen, die glauben, daß der Sozialismus aus dem demokratischen Mechanismus hervorgehen wird, wollen nicht sehen, daß der Parlamentarismus alles leugnet, was wir behaupten, und alles zerstört, was wir aufbauen.
Die unmittelbare Aktion bedeutet auch, daß das Proletariat selbst die Umwelt schafft, in der es wohnen, wo es kämpfen, wo es seine eigene Zukunft schmieden will. Die rasche Blüte der Syndikate, der Syndikats-Verbände, der Arbeiterbörsen, die Gesamtheit der praktischen Probleme, welche die Arbeiterschaft täglich kühnen Mutes anfaßt, der Wille, sich selbst zu genügen, alles das beweist die aufbauende Wirksamkeit der unmittelbaren Aktion.
Der Begriff bedeutet aber auch und vor allen die ständige revolutionäre Aktion des Proletariats innerhalb der Fabrik. Wenn ich daran erinnert habe, daß das Ziel des Sozialismus ist, die Herrschaft des Unternehmers aus der Fabrik zu vertreiben, so dachte ich an diese tägliche und wesentliche Aufgabe der Syndikate, an die fortschreitende Zurückdrängung der Rechte der Fabrikherren bei der Bestimmung der Arbeits-Ordnung und an das Recht der Arbeiter, ihre Arbeit selbst zu regeln.
Hierin zeigt sich der Grad des Aufstiegs der Arbeiterklasse: das Proletariat schreitet voran, und der Sozialismus vollendet sich in dem Maße, wie das Arbeiterrecht stärker wird. Wie dieser Weg begangen werden soll? Durch den Kampf der Syndikate, durch den Streik, durch die verschiedenen Modalitäten der unmittelbaren Aktion, durch die ständig wachsende Organisierung des Proletariats.
Der Kampf zwischen den beiden feindlichen Mächten, den Unternehmern, die Herren im Hause bleiben wollen, und den Arbeitern, die die Herren im Hause werden wollen, dieser Kampf setzt sich jenseits der Fabrik fort. Auf allen Gebieten greift das Arbeiterrecht das Recht des Unternehmers an. Nachdem die moralische Macht des Unternehmers beschnitten ist, geht es an seine wirtschaftliche Macht. Der Satz des Profits sinkt im gleichen Maße, wie seine Autorität schwindet. Jener hat einen geistigen und einen materiellen Verlust, der Arbeiter einen doppelten Gewinn, mehr Freiheit und mehr Wohlstand. Ein Genosse hat behauptet, er kenne kein Arbeiterrecht. Aber das ist ja gerade das Arbeiterrecht: das Recht der Arbeit, sich selbst zu organisieren und selbst seine Lebensbedingungen zu bestimmen. Das Unternehmerrecht ist das entgegengesetzte Recht, es ist das Recht des Fabrikherrn, die Fabrik nach seinem Gefallen zu organisieren und den Arbeiter nach seinem Belieben auszubeuten. Und der Klassenkampf ist nur der Kampf zwischen diesen beiden Rechten, ein Kampf, in dem es nur einen Richter gibt: die Gewalt! Aber die Wirkung der unmittelbaren Aktion ist damit nicht erschöpft, sie wirkt auch auf den Kapitalismus selbst zurück. Sie stößt den Kapitalismus in eine Bahn fortwährenden Fortschreitens. Je anspruchsvoller die Arbeiter werden, um so mehr vervollkommnen die Kapitalisten ihre Technik, vermehren sie ihre Produktion, um in Gestalt reichlicherer Profite die kostspieligsten Zugeständnisse wettzumachen, welche die Arbeiter ihnen abgezwungen haben. Für die wirtschaftliche Entwicklung gibt es nichts Verhängnisvolleres als eine träge Arbeiterklasse, die den Kapitalismus auf seinen eigenen Lorbeeren schlummern läßt. Der Kapitalismus wird nicht immer von dem Rausch gigantischer Unternehmungen hingerissen, er ist gern bequem und selbstgenügsam, um nicht alle Augenblicke ein überlebtes Verfahren und veraltete Maschinen erneuern zu müssen. Aber ein kühnes Proletariat, das in seinen Ansprüchen unersättlich ist, treibt den Kapitalismus fast gegen seinen Willen zu neuen Triumphen der Technik und des Erfolges.
Der dritte Programmpunkt des Syndikalismus ist der Generalstreik. Auch dieser Gedanke hat sich nur ganz allmählich zu seiner vornehmste n Erscheinungsform entwickelt. Zunächst war er ein legitimer Begriff: die Revolution der gekreuzten Arme. Dann nahm er die Gestalt einer politischen Aktion an, man überließ es Ausschüssen und Unterausschüssen, den Generalstreik vorzubereiten, um ihn im geeigneten Moment zu dekretieren. Endlich löste sich der Gedanke allmählich von der Nachahmung politischer Methoden los und erschien in seiner symbolischen Reinheit: der große Gedanke einer äußersten und höchsten Handlung des Proletariats. Dieser Gedanke verleiht den kleinsten Vorkommnissen des täglichen Arbeiterkampfes einen höheren Sinn, er vereint alle mehr oder weniger heterogenen Arbeitergruppen, er rettet täglich den Syndikalismus, der jeden Augenblick in eine Genossenschaftsbewegung oder eine demokratische Reformbewegung zu fallen droht. Der Gedanke des Generalstreiks will sagen, daß die Arbeiter an dem Tage, wo fit nach langem Mühen genügend organisiert sind, die ganze Erzeugung lahm- zulegen und mit einem Schlag die kapitalistische Welt zu desorganisieren vermögen. Es handelt sich nicht darum, einen bestimmten Tag im voraus zu bestimmen, es genügt, daß das Proletariat den Augenblick in Gedanken erfaßt hat und daß seine gesamte Handlungsweise eine Vorbereitung auf diesen Moment ist. Wir sind weit entfernt von dem kindlichen Glauben, daß die Welt sich durch die magische Wirkung einer politischen Revolution umgestalten läßt. Die Syndikalisten wissen, dass der Generalstreik in weiter Ferne ist, daß er erst ausbrechen wird, wenn die in langer Schulung und geduldiger Arbeit erzogene Arbeiterschaft fähig sein wird, ihn auszusprechen. Dadurch verliert diese symbolische Idee jeden utopischen Charakter, um als das zu erscheinen, was sie ist: die am tiefsten realistische Idee, die das streitende Proletariat fassen kann.

(Werner Sombart, Grundlagen und Kritik des Sozialismus, Berlin, 1919, Bd. 2, S. 195-201)