Theodor Lessing – Die Lärmschutzbewegung (1908)

Die Klage über den Lärm ist nie verstummt. Alle geistig schaffenden, produktiven Naturen, Männer und Frauen, haben aufs bitterste unter dem Übermaß von Geräusch zu leiden gehabt, das täglich auf uns einwirkt und dessen Schädlichkeit wir nur darum nicht richtig erkennen, weil wir uns an ihr Gift gewöhnten, wie sich der Uhrmacher an das Schlagen seiner Uhren, der Müller an das Geklapper seiner Mühle gewöhnt. Die wütenden Verzweiflungs-ausbrüche Carlyles, die groben Worte Schopenhauers und Friedrich Theodor Vischers, die schönen Klagen Ruskins und Multatulis über die Lärmplage sind allgemein bekannt. Aber alle diese Angriffe und Beschwerden sind bisher theoretisch geblieben. Erst in unseren Tagen hat durch das Emporwachsen ganz neuer Arten von Verkehrstechnik, von Eisenbahnen, Autobussen, Automobilen, der Lärm der Städte solche Macht gewonnen, daß notwendig eine praktische, soziale Bewegung einsetzen muß, wenn nicht die Hölle von Geräusch, in der wir leben und arbeiten müssen, schließlich langsame Degeneration des Menschengeschlechts, eine allgemeine reizbare Erschöpfung zur Folge haben soll. Und diese Gefahr ist um so dringender, als es gerade die schöpferischen, geistig fähigsten Menschen sind, die am ersten der Pein des überlaut gewordenen Lebenskampfes erliegen, während die gröberen, stumpferen Naturen in jedem Angriff auf das rücksichtlose Schreien und Sichauslärmen eine Beschränkung ihrer „individuellen Rechte“ sehen. Somit war es nur eine Lebensnotwendigkeit, daß sich die intellektuelle Schichte der Gesellschaft zu einer neuen sozialpädagogischen Bewegung zusammenfand, die in den letzten Jahren in Amerika große Ausdehnung gewann und von dort aus auch über die europäischen Länder sich verbreitet hat.

I. Seit dem Jahre 1906 besteht in der Stadt New York die Society for the suppression of unnecessary noise. Ihre Begründerin ist eine der merkwürdigsten und tätigsten Frauen der amerikanischen Gesellschaft. Mrs. Isaac L. Rice ist die Gattin eines großen deutsch-amerikanischen Industriellen. Mrs. Rice, die ursprünglich Musik, später Medizin studierte, widmete sich während der letzten Jahre ausschließlich einem großen Kampfe wider Lärm und Geräusch, der in kurzer Zeit so erfolgreich wurde, daß gegenwärtig dem amerikanischen Lärmschutz verein fast alles angehört, was in Amerika durch Namen, Rang, Reichtum, soziale Stellung, kulturelle oder politische Bedeutung irgendwie hervorragt; die Vorstände sämtlicher Schulen, die Rektoren der drei großen Universitäten, der Chef der Polizei und der Board of health, der Erzbiscbof, der Kanzler, die hohe katholische und protestantische Geistlichkeit, die bekannten Juristen, Mediziner, Industriellen, Bankiers.

II. Die erste Art von Geräuschen, die der amerikanische Antilärmbund bekämpfte, waren die Geräusche der New Yorker Häfen. Ein Professor der Physiologie stellte mit Hilfe seiner Studenten fest, daß in einer einzigen Nacht etwa 3000 differente Schiffssignale, die mit den riesigen Nebelhörnern und Sirenen abgegeben wurden, von den Anwohnern der sogenannten river-side ertragen werden mußten. Den Bestrebungen der Frau Rice kam ein Amendement zur Navigationsgesetzgebung der Vereinigten Staaten entgegen, das sogenannte Bennet-Law, vom Vater der Mrs. Rice eingebracht. Durch dieses Gesetz wird seit 1908 rechtskräftig verfügt, daß das überflüssige Pfeifen, Läuten, Dampfgeben auf Lootsenbooten, Vapeuren, das Signalgeben der Dampfer mit Nebelhörnern in allen amerikanischen Häfen bestraft wird, ja mit Entziehung der Konzession im Hafen zu liegen, geahndet werden kann. Die Genossenschaft der Masters, Maats und Pilots wacht über Durchführung dieses Gesetzes. Es gilt gleicherweis für Schiffe aller Nationalitäten. Weiterhin wurde eine neue Kategorie von Geräuschen zu beseitigen versucht. Der neue Feldzug galt dem Lärm in der Umgebung von Krankenhäusern und Schulen. Man beseitigte ihn durch Einführung der sogenannten Hospital oder Ruhezone. Ruhige Zonen sind solche städtische Distrikte, die in unmittelbarer Umgebung von Lehranstalten, Schulen, Kliniken, Sanatorien, Krankenhäusern zusammenlaufen. Man brachte in ihnen an den Straßenecken weithin lesbare schwarze Tafeln an, die den Stadtteil, der als „Hospitalzone“ bezeichnet ist, unter besondere Polizeiaufsicht stellen. Kutscher und Kondukteure, die in einer so gekennzeichneten Zone mit Peitschen knallen oder entbehrliche Signale abgeben, werden mit 10 Dollar Strafe oder mit 10 Tagen Haft gepönt. Eine weit wichtigere Maßnahme war die, daß man die 600 000 New Yorker Schulkinder zu verpflichten wußte, in solchen Ruhezonen keinerlei Sports oder lärmende Spiele zu veranstalten. Dies wurde dadurch erreicht, daß man die Kinder selbst einen „Jugendzweig des Antilärmbundes“ unter sich gründen ließ. Den Vorsitz dieses „Jugendbundes“ übernahm auf Bitten der Kinder der Dichter Mark Twain, der bei der Jugend populärste Mann Amerikas. Alle Kinder, die dem Bunde beitreten, erhalten eine kleine blaue Brosche mit der Inschrift „Humanity“. Die Abzeichen ihres Vereins tragen die Kinder mit großem Stolz. Mrs. Rice, die vor mehr als 20 000 Kindern über die Ziele des Bundes sprach, zeigte mir zahlreiche Kinderbriefe, in denen Knaben und Mädchen aus freien Stücken gelobten, sich der Kranken anzunehmen und in allen Hospitalzonen sich ruhig zu verhalten. Ja die Kinder bildeten, zu ihrer eigenen Freude, unter sich eine aktive Polizei, die für Ruhe im Revier von Krankenhäusern und Schulen Sorge trägt.

III. Es kommen, zu den genannten, weitere Maßnahmen, die sich auch auf die Städte anderer Länder leicht übertragen lassen. So haben sich z. B. in New York alle Trambahnen und Omnibusdirektionen dazu verpflichtet, Instruktionen für ihr Personal in den Depots wie in Waggons aufzuhängen, alles unnütze Abgeben von Signalen, alles unnötige Pfeifen und Rufen streng zu verbieten. Die Signale werden auch nicht wie z. B. auf der „Großen Elektrischen“ Berlin-Charlottenburg durch laute Glockenzüge gegeben, sondern allein durch ein leises elektrisches Läutewerk. Ebenso traf der Automobilklub Verfügungen, um den Mißbrauch von Huppe und Pfeife zu verhindern. Vielfach wird bereits der Automobilverkehr auf besondere Straßen beschränkt. Eine weitere Verbesserung der Technik zielt auf Beseitigung des Lärms in den heutigen Formen der Hauswirtschaft. Es liegt leider in Deutschland noch immer nicht ein Reichsgerichtsentscheid vor, der das Teppich-, Möbel- und Bettenklopfen auf bestimmte Stunden beschränkt. Überdies gibt es längst Techniken, die das lärmende Klopfen völlig entbehrlich machen.
Man könnte auch, wie ich wiederholt vorschlug, die Hausreinigung zentralisieren. Das Reinigen von Polstern und Möbeln würde dann ein eigener Berufszweig werden. Der Inhaber der Polsterreinigunganstalt läßt in frühen Morgenstunden Teppiche, Polstermöbel und Daunenbetten auf Karren abholen. Er läßt sie auf den dazu vorgesehenen benachbarten freien Klopfplätzen durch seine Leute reinigen und nach wenig Stunden zurückliefern. Nimmt er für jedes gereinigte Stück auch nur einen Pfennig, so ist das Unternehmen bereits rentabel. Man sollte ferner daran denken, unter den Füßen von Tischen und Stühlen kleine Filzplättchen anzubringen. Bei der Anlage von Mietshäusern sollten prinzipiell die lärmgebenden Räumlichkeiten, wie Küche, Treppenhaus, Sprechzimmer, Telephonzelle zusammengelegt und von Wohn- und Arbeitsräumen getrennt werden, gleich wie man bei Städteanlagen Wohnviertel und Geschäftsviertel voneinander scheidet. Und warum sollte dauernd notwendig bleiben, die Wohnfront der Häuser immer nach der Straßenseite anzulegen? Für die Kinderspiele sollte man Gemeinschaftsräume besitzen, jedenfalls gehören sie heute, wo jedes Stadtviertel große Parke und öffentliche Gärten mit Kinderspielplätzen zur Verfügung hat, nicht, mehr auf die Trottoire der Straßen.

IV. Eine besondere Abart von Geräusch veranlaßt die Haltung von Haustieren in städtischen Wohnräumen. Es ist wohl gewiß, daß die Anlage eines kleinen landwirtschaftlichen Betriebes inmitten engbewohnter Häuserblocks, etwa die Anlage eines Geflügelhofs mit krähenden Hähnen und gackernden Hennen oder gar eines Gestüts oder einer Schweinezucht ganz widersinnig ist. Aber auch die Haltung von Singvögeln und Papageien in engbewohnten Mietskasernen sollte nicht unbeschränkt gestattet sein. Exotische Vögel gehören in Voliören, vielleicht in Villen und Gartenhäuser, nicht in die Enge der bürgerlichen Stube. Insbesondere ist das Geplapper der Papageien unendlich widerwärtig. Ebenso ist ein Unfug, in engen Höfen Hunde an Ketten zu legen, die Hunde würden in den Städten weniger lärmen und heulen, wenn sie vernünftiger gepflegt und gehalten wären. Ein gut gezogener Hund kläfft nicht hinter jedem vorüberfahrenden Wagen oder Rade zwecklos drein.
Eine etwas schwierigere Frage bezieht sich auf das Schlagen der Turmuhren und Läuten von Kirchenglocken. Was die Uhren betrifft, so erscheint mir ganz unsinnig, daß in Tagen, wo jedermann und auch der Ärmste seine kleine Taschenuhr bei sich trägt, in hunderttausend Wohnräumen hunderttausend häßliche Stutz- und Wanduhren Tag und Nacht ganz zwecklos schlagen, und ebenso widersinnig, daß in jedem Stadtteil zahllose Turmuhren jede Viertelstunde mit eins, zwei, drei und bis zu sechzehn Glockenschlägen begleiten. Was die Kirchenglocken betrifft, so ging in einigen amerikanischen Städten von der Geistlichkeit selber die Anregung aus, Benutzung der Kirchenglocken auf wichtige, feierliche Anlässe zu beschränken. So geschah es z. B. in Philadelphia. Ein Eingriff in Rechte und Würden der Religion ist damit keineswegs verbunden. Heute läuten zumal im Süden Europas Hunderttausende von Glockenspielen bei den trivialsten Anlässen, beim Gewitter, zur Zeit der Vesperstunden, beim Vorüberkommen eines beliebigen Leichenzuges, bei jedweder Kindtaufe, ja, bei irgendwelchen rein häuslichen Anlässen jedes Klosters, Konviktes oder Stiftes. Man bedenke ferner, daß sich das Leben der Städte immer noch mit bestimmten längst sinnlos gewordenen Formen des Handels und Handelverkehrs verunstaltet. So z. B. mit dem „fliegenden Straßenhandel“. Ist es nicht ein Widersinn, daß in großen Städten Kohle, Torf, Obst, Gemüse, Kartoffeln, Felle, Früchte, Eis in Straßen ausgeschrien werden, in denen man alle diese Artikel oft fast Haus bei Haus ohnehin kaufen kann ? Ich habe auch wenig Sinn für die vermeintliche Poesie der „Musik der kleinen Leute“, der Ziehharmonika, des Drehorgelspiels. Wo gute Musik billig zu hören ist, da ist das Gelärme und Gedudel der Orgeln einfach Unfug, jedenfalls sollte es nicht unbeschränkt zu jeder Tagesstunde gestattet sein. Eine Reform der städtischen Polizeiordnungen könnte noch so manche andere vollkommen entbehrliche Geräusche aufs allereinfachste beseitigen. Welch eine Qual für geistige und geistig empfindliche Menschen verursacht das unaufhörliche Anein anderschlagen von Metallen und Hölzern auf Transportfuhren. In der Morgenfrühe kann das Klappern der Milchkannen auf Klingelwagen leicht verhindert werden. Das Aneinanderschlagen von Bauhölzern, Backsteinen, Eisenstangen wäre unmöglich, wenn die Polizeiordnung verfügte, daß solche Stücke vor dem Transport mit Stroh oder mit Säcken umwickelt werden müssen. Es ist auch nicht einzusehen, warum schwere Transportfuhren jeden Straßenteil zu jeder Stunde passieren dürfen. Die Wege in der dicht bevölkerten Innenstadt sollten für Transportfuhren nur zu bestimmten Stunden freigegeben sein. Daß das völlig entbehrliche widersinnige Peitschenknallen mit Polizeistrafe gepönt werden muß, ist wohl selbstverständlich. Endlich lassen sich zahlreiche Verbesserungen an Wagenradbau, an Automobiltechnik und Straßenpflasterung vornehmen.

V. Über die juristische und die neurologisch-medizinische Seite der Lärmfrage habe ich in dem Buche „Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“ ausführlich gehandelt (Wiesbaden, J. F. Bergmann 1908). Es handelt sich nach der juristischen Seite hin wesentlich um Kritik der §§ 906 und 907 des BGB., sowie um § 360, 11 des Strafgesetzes, und um die Negatorienklage nach § 1004 BGB. Die rechtsgeschichtliche Entwicklung der bei Immissionsklagen in Betracht kommenden Paragraphen beweist deutlich, daß im modernen Rechtsbewußtsein ein Schadenersatz für den durch Lärm und Geräusch erlittenen Schaden in immer wachsendem Maße garantiert wird. Dies wird neuerdings auch vom deutschen Reichsgericht ausdrücklich anerkannt, während einer der frühesten Entscheide des Reichsgerichts ursprünglich sogar konstatiert hatte, daß jedermann auf seinem eigenen Grund und Boden so viel Lärm und Geräusch vollführen könne, als er wolle, ohne daß irgendeine Klagestellung von Seiten der Nachbarschaft möglich war. Die Rechtslage ist im Laufe der Jahrzehnte ganz anders geworden. Heute stehen wir in einem Zeitpunkt, an dem eine ganz neue Fassung des sogen. Grobe-Unfug-Paragraphen, sowie ein weiterer Ausbau der gegen Ruhestörung gerichteten Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzes bevorsteht. Dies folgere ich nicht zum wenigsten auch daraus, daß in Deutschland hervorragende oder in verantwortlichen Stellungen tätige Juristen die ersten waren, die sich den Bestrebungen der Lärmschutzbewegung anschlossen. Vom Standpunkt der Medizin aus aber muß nachgerade der Kampf gegen bestimmte Arten hygienischer Delikte, die sich niemals ganz vollständig mit juristischen Waffen werden beseitigen lassen, kraftvoll aufgenommen werden. Tausend feinere Arten der Schädigung und Körperverletzung kann nur ein Bund von Ärzten und Hygienikern beseitigen, der sich für Nervenkultur und methodische Rassenaufzucht verantwortlich weiß. Wer durch Rücksichtlosigkeit, Unreinlichkeit, Mangel an Zucht, Gesundheit Leben und Werk seiner Mitmenschen zerstört, macht sich genau des gleichen Verbrechens schuldig, wie der Betrüger oder Dieb Es haben sich in allerletzten Wochen vielerlei Stimmen geltend gemacht, die energisches Vorgehen gegen die Unkultur des rücksichtlosen Gelärms verlangen. Vor allem nahm sich der Dürerbund der Lärmschutzbewegung an.
Professor Ferdinand Avennarius schrieb im „Kunstwart“ wiederholt zu ihren Gunsten. Schriftsteller wie Dr. Franz Blei stellten die Reize feiner Stilkunst bereitwillig in Dienst unseres praktischen Ziels. Hans Pfitzner, der Komponist, Paul Marsop, der Musikkritiker, legten öffentlich dar, daß es mit dem bisherigen Mißbrauch der Musik nicht weitergehe. Dr. Beutamüller in Baden-Baden behandelte in einer Doktordissertation die deutsche Legislatur zum Schutz des Gehörs in recht klarer, erschöpfender Weise. Ein Nervenarzt in Frankfurt a. M., Dr. Auerbach, forderte in einer medizinischen Zeitschrift ein Reichsschutzgesetz gegen Lärm. In Frankreich und England machte die Bewegung zu gleicher Zeit solche Fortschritte, dass fast täglich Dutzende ausländischer Zeitungen über neue Maßregeln eines methodischen Kampfes zugunsten von Hörnerven und Gehirn zu berichten wissen. Als ich in der Vorrede zum Heft 54 der „Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens“, in der oben genannten Schrift die Bildung eines internationalen Bundes mit der Devise „non clamor sed amor“ als Ziel meiner Agitation bezeichnete, glaubte ich nicht, daß schon wenige Wochen nach Erscheinen der Schrift sich fast ohne besonderes Zutun auf einige Artikel in großen Zeitungen hin ein Kreuzzug gegen Geräusch und Lärm organisieren werde. Gegenwärtig darf ich den geplanten „Lärmschutzbund“ wohl als gesicherte Tatsache bezeichnen. Es haben sich etwa 500 Männer und Frauen aller Gesellschaftklassen und Stände zu einem Verein wider den Mißbrauch des Gehörs bereits zusammengefunden und zu einem Jahresbeitrag von 3 Mark verpflichtet. Der Verein, den ich lieber als Lärmschutzbund oder Lärmtrutzverein bezeichnet sähe, scheint unter dem Namen „Antilärmverein“ einige Volkstümlichkeit zu erlangen. Es fragt sich, welche praktischen Ziele wir uns für die nächste Zeit stellen können und wie wir mit den gegebenen Mitteln am zweckmäßigsten arbeiten sollen?

VI. Ich mache mir keine Illusion darüber, daß direkter Einfluß auf Behörden, auf Gesetzgebung und Polizei schwer zu erlangen sein wird. Auch ist das Ideal der Lärmlosigkeit nicht eben volkstümliches Ideal. Es sind zunächst die intellektuellen, seelisch verfeinerten Schichten, denen die Strebungen des Lärmscbutzbundes notwendig willkommen erscheinen. Es ist auch kein Zufall, daß rechtsstehende, konservative Zeitungen unsere Ideen zuerst aufgriffen, während die Presse des arbeitenden Volkes sie bereits als Übertreibung oder als Eingriff in die freie Selbstbestimmung des einzelnen zu brandmarken suchte. Gleichwohl glaube ich, daß die Schöpfung eines Bundes zur Verfeinerung deutscher Verkehrs- und Wohnsitten der ganzen Nation zugute kommt. Zahllose Menschen leiden unbewußt unter den .Milliarden von Lärmreizen, die täglich unter der Schwelle der Gewußtheit perzipiert werden müssen. Ein gut Teil der reizbaren Schwäche und Nervenerschöpfung, die auf Volksschichten lastet, denen moderne Neurasthenie ursprünglich vollkommen fremd war, ist dem Geräusch des heutigen Erwerb- und Verkehrlebens zuzuschreiben. … Wenn nun aber zunächst auf entscheidende Instanzen kein direkter Einfluß gewonnen werden könnte, so darf man doch von der bloßen Existenz, der bloßen Tatsache eines deutschen Lärmschutzbundes sich eine gewisse kulturelle Wirkung versprechen. Ich denke dabei an das Vorbild jener Vereine, die zu dem geplanten Menschenschutzverein ein gewisses Pendant bilden, an die Geschichte des Tierschutzvereins. Es ist öffentliches Geheimnis, daß feinere Arten von Roheitsdelikten gar nicht abgestraft werden können. Sie entziehen sich zumeist der öffentlichen Kenntnis, und es sind auch keine Rechtsmittel vorhanden, keine Möglichkeiten, Roheiten und Gemeinheiten zarterer Natur paragraphieren zu können. Gleichwohl ist seit dem Entstehen der Tierschutzvereine das Roheitsdelikt gegen Tiere viel seltener geworden. Einfach darum, weil nunmehr im Bewußtsein der Menschen eine Instanz da ist, die geflissentlich alle Tierquälerei verächtlich macht und das öffentliche Gewissen wachhält.
Ganz ähnlich nun lassen sich feinere Arten von Eigentumsschädigung nicht unters Strafgesetz bringen. Die Immissionsklage gegen Lärm und Geräusch operiert mit Begriffen des Sachrechtes. Sie kann nur dann mit Erfolg anhängig gemacht werden, wenn eine nachweisbare Erwerbschädigung, ein Lucrum cessans vorliegt. Die psychologische Grobheit dieses Eigentumbegriffs kümmert nicht den Gesetzgeber. Er berücksichtigt nicht, dass der positive Kern eines Rechtes auf Eigentum ein bestimmtes seelisches Verhältnis zum Sachobjekt ist. Wer sich ein bedeutendes Kunstwerk des Museums innerlich zu eigen machte, „besitzt“ es in viel tieferem Sinne, als der Millionär, der, wenn es ihm beliebt, das Kunstwerk aufkaufen und verbrennen lassen kann. Wer mich um den Schlaf meiner Nächte, die Möglichkeit meines Wirkens und meiner Entwicklung bringt, nimmt mir weit mehr von meinem „Eigentum“, von meiner Eigentümlichkeit, als wer mir Geld raubt. Diesen verfeinerten Eigentumsdelikten gegenüber hilft aber kein Strafgesetzbuch, hilft nichts als die Macht des öffentlichen Meinens und öffentlicher Kontrolle. So wird eine Instanz, die Kulturdelikte wie das ungezügelte Lärmen öffentlich brandmarkt und verfolgt, wenn nicht eine juridische, so doch moralische Macht sein. Sodann ist nicht zu unterschätzen, daß ein großer Segen schon darin liegt, wenn Qualen und Schmerzen, die bisher im geheimen auf ohnmächtigen Existenzen lasteten oder gar den Spott und das Unverständnis der Roheit fürchten mußten, zur Aussprache erlöst und zur öffentlichen Kenntnis gebracht werden. Nach den Inhalten der zahlreichen Klage- und Leidensbriefe, die an mich gelangten, muß ich fast glauben, daß für viele Menschen schon die Möglichkeit der Aussprache, das bloße Bewußtsein, daß ein Leiden von vielen geteilt nnd gehört wird, einen großen Trost einschließt. Es ist zudem unbedingt notwendig, daß zunächst die allmächtige „öffentliche Meinung“ gegen das wüste Getobe und Gelärme, den überlauten superlativischen Gestus unserer Anfängerkultur aufgeregt wird. Die Einwirkung auf öffentliche Instanzen, der Einfluß auf die Gesetze wird dann von selber kommen. Ich habe daher die Absicht, die Mitgliederbeiträge zunächst zur Herausgabe eines regelmäßigen Flugblattes des deutschen Lärmschutzvereins zu verwenden. Die erste Nummer dieses neuen Organs wird bereits im November dieses Jahres im Verlage der ärztlichen Rundschau (Gmetinscher Verlag) in München erscheinen. Unser Blatt führt den Titel: „Der Antirüpel (Antirowdy), Monatsblätter zur Bekämpfung von Unkultur und Lärm im deutschen Verkehr-, Handel- und Wohnwesen.“ Wir werden versuchen in vornehmer Weise die Unvornehmheit und Würdelosigkeit unseres äußeren Lebens und seine innere Roheit zu bekämpfen. Es wird an guten und schlechten Witzeleien zu diesem Versuch nicht fehlen. Für das geplante Organ des Lärmschutzbundes wurden unter anderen schon folgende Namen in Vorschlag gebracht: „Die große Glocke“, „Cri-Cri“, „Der Schreihals“, „Das Nebelhorn“, „DerÜberbrüller“, „DerProzeßhansl“ usw. Die Organisation des Lärmschutzvereins sieht von vornherein selbständige voneinander unabhängige Ortsgruppen vor. Aus München, der Stadt der 15 000 Hunde, aus Berlin, der Hauptstadt der Frühschoppenkonzerte und Grammophone, liegen so viele Anmeldungen vor, daß jederzeit eine Ortsgruppe gebildet werden könnte. Ihr Vorstand dürfte nur aus autoritativen, im öffentlichen Leben stehenden und allgemein bekannten Persönlichkeiten zusammengesetzt sein.
Die Funktion der Ortsgruppen wäre, Material über die am Ort herrschenden Lärmverhältnisse zu sammeln, durch Petitionen, Proteste, Resolutionen auf die Lokalbehörden einzuwirken und etwa allmonatlich in einer Vorstandssitzung zu entscheiden, welche Klagefälle und Klagezuschriften dem Zentralvorstand zur Publikation im „Antirüpel“ zu übergeben sind. Wer über Lärm klagt, muß selbstverständlich mit Namen und Person für seine Klage eintreten. Nur in Fällen von weitestem vorbildlichen Interesse könnte der Lärmschutzbund durch Massenklage für sein einzelnes Mitglied eintreten. Soll das Blatt, das er herausgibt, wirksam werden, so muß es sich vorbehalten, außer positiven Vorschlägen zur Abstellung und Minderung von Lärm aus dem Kreise der Mitglieder auch Schandadreßtafeln von Instituten und Personen, die durch Geschrei und Gelärm öffentliches Ärgernis geben, zu enthalten. So müßten laute Hotels, die in keiner Weise für Ruhe ihrer Gäste sorgen, über laute mit Klavieren überfüllte Wohnhäuser, rücksichtslose Geflügelzüchter, Automobilisten, Papageienbesitzer, nächtliche Klavierspieler usw. direkt namhaft gemacht werden, sobald das Ärgernis durch mindestens drei verschiedene, einwandfreie Personen bestätigt wird, die mit vollem Namen für die Folgen ihrer Angaben eintreten wollen. Kommt es dann in solchen Fällen zu gerichtlichen Klagen, so kann das dem Bunde nur recht sein, da er ja darauf ausgehen muß, Präzedenzfälle für eine Reform der Lärmschutzgesetzgebung zu schaffen, denn sein letztes Ziel bleibt ein Reichsschutzgesetz gegen unnötigen Lärm. Es haben sich bereits einige Hausbesitzer bei uns gemeldet, die bereit sind nur solche Mieter bei sich aufzunehmen, die Mitglieder des deutschen Lärmschutzverbandes werden. Ich will nun das Schlimmste annehmen, daß alle unsere Agitationen wirkunglos verpuffen und daß sich überall deutsche Behörden zu der Überzeugung bekennen, die nach Erscheinen der oben erwähnten Schrift aus dem Berliner Polizeipräsidium geäußert wurde, daß „hygienische Fürsorge für die Hörnerven keine polizeiliche Funktion sei“. In diesem Falle bliebe uns für ein gutes Ziel, dem wir mit den lautersten Waffen dienen möchten, immer noch das schlimme homöopathische Rezept.
Wir wollen lieber Hammer als Amboß sein. Wir veranstalten alle die erlaubten, quälenden Geräusche selber. Wir musizieren selber bei offenen Fenstern, wir singen nächtliche Arien in Hotels, in denen während der Nacht doch nicht an Schlafen zu denken ist, wir reden und betätigen uns in Trambahnen und Eisenbahncoupes noch viel lauter als unsere rücksichtlosen Mitmenschen und geben so, ein- oder zweitausend zum Kampf um unser Recht auf Stille, entschlossene Männer und Frauen, einer Umwelt die uns und unsere feinsten seelischen Möglichkeiten zu erdrücken sucht, täglich eine grimmige Lektion.

VII.
„Was mich in dieser Welt am meisten gequält hat,
Das war ihre entsetzliche Fülle von Geräuschen,
Alle dieses gräßliche Geräusch, den lieben langen Tag lang,
Alle das Getöse, das Gott und seine Geschöpfe höhnt;
Es ist wahrhaft eine Erfindung des Teufels.“
Dieser ewige Stoßseufzer Carlyles muß endlich verstummen! Ich möchte auch mit diesen Zeilen werben, dringend werben. Alle, Männer wie Frauen, denen diese Zeilen zu Gesicht kommen und die irgendein Interesse am Zustandekommen des deutschen Lärmschutzbundes und seines „Antirüpels“ haben, sind dringend gebeten, ihren Namen und Adresse auf einer Postkarte mitzuteilen. Jeder, der von solchen Bestrebungen liest, denkt in der Regel: Was kommt auf mich an? Was kann ich als einzelner der guten Sache nützen? Jeder wartet auf andere, die ein wertvolles Ziel erreichen helfen, und begnügt sich für seine Person mit der üblichen wohlwollenden Neutralität. Die großen Namen, die großen Tiere, die jeweiligen Modeführer und Autoritäten insbesondere wenden sich der neuen Sache immer zu, wenn sie ihr Wohlwollen nicht mehr nötig hat, dann gestattet ein wohlwollender Piatonismus „auch von meinem Namen Gebrauch zu machen“. Aber nicht das Fertige, Gewordene, sondern das Werdende und noch Ringende hat Mithilfe und Begeisterung nötig. Darum sollte niemand versäumen moralisch zu helfen, wo jedes einzelnen Mithilfe nottut. Das provisorische Bureau des Lärmschutzbundes befindet sich in München, Franz-Joseph-Straße 13. Sein Vorstand ist der Nervenarzt Dr. med. Ludwig. Dorthin können Mitgliedanmeldungen geschickt werden. Der Jahresbeitrag ist als Mindestbeitrag 3 Mark, dafür sollen die monatlich erscheinenden Lärmschutzblätter den Mitgliedern geliefert werden. An Volksbibliotheken, Lesehallen, soziale Vereine werden sie umsonst geschickt. Im Spätherbst wird die konstituierende Versammlung stattfinden, an der hervorragende Juristen und Neurologen, vielleicht auch Mrs. J. L. Rice, die Führerin der amerikanischen Lärmschutzbewegung sich beteiligen werden. Wer irgend unter Lärmplage leidet, unter Singen, Klavierspielen, Bettenklopfen, Türenschlagen, Peitschenknallen, Wagengerassel, Trambahnlärm, Maschinenlärm, Automobillärm usw., der versäume nicht, sich sogleich zur Mitgliedschaft anzumelden.

(Dokumente des Fortschritts, Oktober 1908, S. 954-961)

Siehe auch: Theodor Lessing – Der Lärm. Eine Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens (1908)


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